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Stippvisite in der künftigen Universitätsbibliothek der TU Chemnitz

Sachsens Finanzminister Hartmut Vorjohann informierte sich am 30. Juni 2020 über die beendeten Baumaßnahmen in der „Alten Aktienspinnerei“

Es war in den vergangenen Jahren die größte und teuerste Baustelle in Chemnitz: Das denkmalgeschützte Industriegebäude der „Alte Aktienspinnerei“ an der Straße der Nationen wurde seit April 2014 mit viel Liebe zum Detail zur neuen Universitätsbibliothek (UB) für die TU Chemnitz saniert und umgebaut. Die Kosten von rund 53 Millionen Euro trägt der Freistaat Sachsen, 13,5 Millionen Euro steuert die Europäische Union als EFRE-Fördermittel bei. Sachsens Finanzminister Hartmut Vorjohann informierte sich am 30. Juni 2020 gemeinsam mit dem Leiter der Niederlassung Chemnitz des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB), Peter Voit, in Anwesenheit von Vertretern der Universität und der Stadt Chemnitz über die inzwischen abgeschlossenen Baumaßnahmen.

Der Finanzminister freue sich als oberster Bauherr, dass der Freistaat Sachsen eines der bedeutendsten industriegeschichtlichen Bauwerke der Stadt Chemnitz einer neuen Nutzung zuführen kann. Für ihn sei eine zentrale Universitätsbibliothek der elementare Bestandteil des Studierens und des Lernens. Auch Prof. Dr. Maximilian Eibl, Prorektor für Lehre und Internationales der TU Chemnitz, hob die Bedeutung der UB hervor: „Die Bibliothek ist das Herz der Universität, wo das Wissen gespeichert ist, und ein wichtiger Ort der Begegnung.“ „Ziel ist es, die bisher auf drei Standorte verteilte Universitätsbibliothek sowie das Universitätsarchiv an einem Ort unterzubringen, der zudem verkehrstechnisch über das 'Chemnitzer Modell' sehr gut erreichbar sein wird“, fügte Angela Malz, Direktorin der Universitätsbibliothek, hinzu.

Die Universität erhält im sanierten Gebäude ein Lern- und Kommunikationszentrum mit über 700 Arbeitsplätzen für alle Lerngewohnheiten: von stillen Einzelarbeitsplätzen in Lesesaal und Carrels bis zu Plätzen im Lern- und Kommunikationsbereich für Gruppenarbeit. Daneben wird es einen Lesegarten geben. Im Erdgeschoss entsteht ein attraktiver Ort für Veranstaltungen. Am 1. Oktober 2020 soll die neue Universitätsbibliothek öffnen.

Ein Bauprojekt mit beachtlichen Dimensionen

„Das historische Gebäude der Alten Aktienspinnerei bestand ursprünglich aus einem zentralen fünfgeschossigen Mittelbau mit Zierbekrönung sowie zwei langgestreckten viergeschossigen Seitenflügeln mit Satteldach und markanten Ecktürmen“, berichtete Voit. Aufgrund der Umnutzung des historischen Industriegebäudes zur Bibliothek seien umfangreiche Anpassungen des Bestandes erforderlich gewesen. Die beiden Seitenflügel wurden weitgehend erhalten. Die Kubatur sowie die Fassadengestaltung der historischen Aktienspinnerei wurden in ihrer ursprünglichen Form wieder hergestellt. Der Mittelbau sowie die äußeren Giebelfelder der Seitenflügel wurden entkernt und mit einer geänderten inneren Struktur, die der neuen Nutzung durch die Bibliothek Rechnung trägt, wieder aufgebaut. Ein Anbau nördlich des Mittelbaus schafft nun Raum für das Magazin.

Unter der Projektleitung des SIB, Niederlassung Chemnitz, ist im Gebäude eine Nutzfläche von insgesamt 12.354 Quadratmeter entstanden. Dem Typus der bestehenden Gebäudestruktur folgend wurden in den seitlichen Gebäudeflügeln die Freihandbereiche der Bibliothek angeordnet. Der Mittelteil wurde mit zentralen Funktionen wie Eingangshalle, Haupterschließung und Lesesaal besetzt. Die Verwaltung wird an den Giebelseiten im Osten und Westen und im Mittelbau untergebracht.

Die Bauarbeiten begannen bereits im April 2014 mit dem Rückbau leerstehender Gebäude rund um das Hauptgebäude. Ab Oktober 2014 wurden die Seitenflügel beräumt, von allen Einbauten befreit und in den Rohbauzustand versetzt. Dabei wurden etwa 6.500 Tonnen Bauschutt zum großen Teil in Handarbeit aus dem Gebäude gebracht. Das wertvolle gusseiserne Tragwerk mit gemauerten Kappengewölben wurde wieder sichtbar gemacht. Im Juli 2015 begann die Komplettentkernung des Mittelbaus. Die Außenwände wurden parallel dazu statisch gesichert und im Anschluss die Baugrube für den Mittelbau und den Magazinanbau hergestellt. Insgesamt wurden 20.000 Tonnen Abbruchmaterialien beseitigt. Auch mit Überraschungen mussten die Bauleute umgehen. Der extrem schlechte Baugrund musste verstärkt und die Deckenkonstruktionen mussten stellenweise umfangreich saniert werden. Insgesamt wurden 330 Stahlfenster eingebaut und etwa 185 Kilometer Kabel verlegt.

38 Kilometer Bibliotheks- und Archivgut zieht derzeit um

Bevor die neue Universitätsbibliothek öffnen kann, müssen mehr als 1,2 Millionen Bücher und ein Großteil des umfangreichen Archivgutes umziehen. „Würde man alle Medien hintereinander aufstellen, ergäbe das eine Strecke, die mit 38 Kilometern länger ist als die Entfernung zwischen Chemnitz und Freiberg“, so Malz. Anfang Juni begann der Umzug der ersten Magazinbestände der beiden Campusbibliotheken und der Zentralbibliothek in die Räume der Alten Aktienspinnerei. „Voraussichtlich dauert diese Phase bis Anfang August, Ende September sollen auch alle Freihandbestände der beiden Campusbibliotheken und der Zentralbibliothek übertragen sein, sodass diese Standorte nach und nach schließen werden“, berichtet die Direktorin der UB.

Derzeit werden in der Alten Aktienspinnerei die letzten Teile der insgesamt 22.000 Regalmeter aufgebaut und Büros sowie die Lern- und Kommunikationsbereiche, der Auskunfts- und Ausleihbereich, die Schulungs- und Beratungsräume sowie die Büros der Beschäftigten weiter mit Möbeln und Technik ausgestattet.

Die Öffnungszeiten der künftigen Universitätsbibliothek werden für mehrere Monate so aussehen: Montag bis Freitag, 09:00 Uhr bis 24:00 Uhr, und Samstag, 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr. „Ab April 2021 wollen wir unsere Öffnungszeiten erweitern und 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche öffnen. Damit sind wir die einzige Bibliothek in Sachsen, deren Gesamtbestand rund um die Uhr zugänglich ist“, so Malz.

Stichwort: Aktienspinnerei in Chemnitz

Die Aktienspinnerei entstand von 1857 bis 1859 infolge der Gründung einer Aktiengesellschaft als damals größte Spinnerei Sachsens mit 60.000 Spindeln. Abweichend von früheren Spinnereien hatte der Architekt Friedrich Theodor Roschig das Gebäude vor allem wegen der Brandgefahr ganz aus Eisen und Stein projektiert, also weitgehend auf Holz als Baumaterial verzichtet. Damit galt das Gebäude als eines der brandsichersten in der Stadt. Der Spinnereibetrieb endete 1914. Bereits 1905 ging das Areal in das Eigentum der Stadt Chemnitz über. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude schwer beschädigt und verlor sein Dach und das oberste Geschoss. In der Folge wurde das Gebäude auch als Essenausgabe, Provisorium für das zerstörte Opernhaus, Wismut-Kaufhaus, Stadtbücherei, Bürohaus und Puppenbühne und zuletzt als Galerie genutzt. Seit 2011 ist das Gebäude Eigentum des Freistaates Sachsen. 2014 begann der Umbau zur Universitätsbibliothek der TU Chemnitz.

Mario Steinebach
30.06.2020

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