Bewegung, Fortschritt und der Preis der Moderne
Wandel von Arbeit und Alltag hat unseren Körper schneller verändert, als er sich anpassen konnte – Verschiedene Erkrankungen sind häufig die Folge – Angewandte Bewegungswissenschaften der TU Chemnitz begegnen dem, auch mit entsprechenden Studienangeboten
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Wandel vom „sächsischen Manchester“ zur Sitzgesellschaft. Was auf Städte wie Chemnitz zutrifft, lässt sich auch auf andere Städte übertragen. Grafik: mit KI generiert von Dr. Freddy Sichting
„Wer verstehen will, warum heute so viele Menschen unter Rückenschmerzen, Arthrose oder Osteoporose leiden, muss weit in die Vergangenheit zurückblicken. Denn über den größten Teil der Menschheitsgeschichte hinweg war Bewegung keine Freizeitbeschäftigung, sondern Voraussetzung zum Überleben“, sagt der Bewegungswissenschaftler Dr. Freddy Sichting von der Technischen Universität Chemnitz. Vor mehreren Millionen Jahren bestand der Alltag der frühen Menschen, angefangen bei Homo habilis (der „geschickte Mensch“), aus Gehen, Laufen, Klettern, Tragen, Werfen und Balancieren. Bewegung war permanent, vielseitig und notwendig. Aus Sicht der Bewegungswissenschaften hat sich der menschliche Körper genau unter diesen Bedingungen bis zum „modernen Menschen“ (Homo sapiens) entwickelt.
Technischer Fortschritt veränderte Bewegungsverhalten der Menschen in kürzester Zeit
Dann begann sich die Umwelt des Menschen immer schneller zu verändern. Über rund 2,4 Millionen Jahre war der Mensch überwiegend Jäger und Sammler – ein Zeitraum, in dem sich auch der Bewegungsapparat entwickelte und sich Knochen, Muskeln, Sehnen und Gelenke an ein bewegungsreiches Leben anpassten. Die Landwirtschaft entstand dagegen erst vor etwa 10.000 Jahren, die Industrialisierung erst vor rund 250 Jahren. „Gemessen an evolutionsbiologischen Zeiträumen wirken diese Veränderungen daher wie ein plötzliches Blitzlicht: Über sehr lange Zeit blieb die Lebensweise stabil, bevor sich Alltag, Arbeit und Bewegung innerhalb kürzester Zeit grundlegend wandelten“, sagt Sichting.
Mit der Landwirtschaft wurden Menschen sesshaft. Körperliche Arbeit blieb zwar weiterhin anstrengend, doch sie wurde oft einseitiger. Noch drastischer veränderte schließlich die Industrialisierung den Alltag – gerade in Städten wie Chemnitz. Doch der Fortschritt veränderte nicht nur die Stadt, sondern auch das Bewegungsverhalten der Menschen. „Bewegung insgesamt nahm ab“, sagt Sichting. Gleichzeitig entstanden neue Formen sitzender Tätigkeiten. Geregelte Arbeitszeiten, Maschinenarbeit und später Büroarbeit führten dazu, dass körperliche Aktivität zunehmend aus dem Alltag verschwand. Heute verbringen viele Menschen einen Großteil ihres Tages sitzend – im Büro, im Auto oder zu Hause vor Bildschirmen. Gleichzeitig nehmen chronische Nichtinfektionserkrankungen weltweit zu. Dazu gehören unter anderem Rückenschmerzen, Arthrose oder Osteoporose. „Derartige Erkrankungen treten in nahezu allen Familien auf – mit Folgen für Lebensqualität, Mobilität und Gesundheitskosten“, fügt der Chemnitzer Bewegungswissenschaftler Dr. Claudio Zippenfennig hinzu.
Prävention und Gesundheitsförderung gewinnen an Bedeutung
Hinzu kommt der demografische Wandel. Die Gesellschaft wird älter, gleichzeitig bleiben viele Menschen länger berufstätig. Dadurch gewinnen Prävention und Gesundheitsförderung zunehmend an Bedeutung. Für die Bewegungswissenschaften stellt sich somit eine zentrale Frage: Wie lassen sich moderne Lebenswelten so gestalten, dass die Gesundheit erhalten bleibt? Zippenfennig betont, dass die Antwort darauf komplexer sei als einfache Fitnessratschläge: „Bewegung muss wissenschaftlich verstanden werden – biologisch, medizinisch, psychologisch und gesellschaftlich zugleich.“
Praxisnahes Studienangebot vermittelt Wissen nicht nur im Gesundheitssport
Genau mit diesen Fragen beschäftigt sich der Bachelorstudiengang „Präventions-, Rehabilitations- und Fitnesssport“ an der TU Chemnitz. Die Studierenden lernen unter anderem, wie Bewegungsprogramme für verschiedene Zielgruppen entwickelt, gesundheitliche Belastungen analysiert und Menschen in den Bereichen Prävention und Rehabilitation begleitet werden können. Dabei geht es nicht nur um Theorie, sondern ausdrücklich auch um praktische Anwendung. „Wir sind keine reinen Theoretiker“, sagt Zippenfennig. „Es geht darum, Bewegung praktisch zu verstehen und später Menschen konkret unterstützen und beraten zu können.“
Das Studium umfasst deshalb sowohl sportpraktische Inhalte als auch medizinische, biomechanische und sozialwissenschaftliche Themenfelder sowie verschiedene Bereiche des Gesundheitssports. Die Studierenden beschäftigen sich mit Anatomie, Physiologie, Trainings- und Bewegungswissenschaft sowie Sportmedizin, aber auch mit gesundheits- und bildungspolitischen Fragestellungen des Sports, der Gesundheitsförderung und Prävention. „Dabei spielen auch moderne Technologien eine wichtige Rolle. Digitale Gesundheitsanwendungen, Bewegungsanalysen und biomechanische Messverfahren gewinnen in Forschung und Praxis zunehmend an Bedeutung“, so Sichting. Das Chemnitzer Studienangebot wird durch weiterführende Masterprogramme ergänzt. In diesen werden ergonomische, trainingswissenschaftliche, betriebswirtschaftliche sowie sport- und sozialwissenschaftliche Inhalte anhand klinischer Fallbeispiele und aktueller Fragestellungen des Gesundheits- und Fitnesssports vertieft.
Entwicklungsgeschichte des Menschen verkürzt auf einen einzigen Tag
Die Entwicklungen im Gesundheitswesen lassen kaum Zweifel daran, dass solche Kompetenzen künftig wichtiger werden. „Moderne Gesellschaften stehen heute vor einem grundlegenden Spannungsfeld. Einerseits erleichtert technischer Fortschritt das Leben enorm. Andererseits reduziert er häufig genau jene Bewegung, an die sich der menschliche Körper im Laufe von Jahrmillionen angepasst hat“, meint Zippenfennig. Um diesen Widerspruch anschaulich zu erklären, nutzten die beiden Chemnitzer Bewegungswissenschaftler ein Bild: Würde man die gesamte Entwicklungsgeschichte des Menschen auf einen einzigen Tag verkürzen, hätte der Körper fast 24 Stunden Zeit gehabt, um sich an das bewegungsreiche Leben der frühen Menschen als Jäger und Sammler anzupassen. Für die Landwirtschaft blieben nur noch wenige Minuten. Für die Industrialisierung und die heutigen modernen Lebenswelten blieben dagegen gerade einmal Sekunden. „Und genau so fühlt es sich für unseren Körper vermutlich auch an“, sagt Sichting.
Nun geht es um eine neue Herausforderung: die Frage, wie Menschen in einer hoch technisierten Welt gesund bleiben können. Die Antworten darauf entstehen heute nicht mehr nur in Fabrikhallen oder Maschinenbauunternehmen, sondern auch in Hörsälen, Laboren und Forschungsprojekten der Bewegungswissenschaften – auch an der TU Chemnitz
Weiterführende Informationen zum Institut für Angewandte Bewegungswissenschaften und seinen Studiengängen: https://www.tu-chemnitz.de/hsw/ab/
Mario Steinebach
01.06.2026