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Zwischen Blaulicht, Brandherd und Bereitschaftszeit

Soziologie-Masterarbeit an der TU Chemnitz untersucht die Lebensführung von Feuerwehrmännern im 24-Stunden-Wachalltag - Gemeinschaft ist ein entscheidendes Merkmal des Berufs

  • Zwei Soziologinnen mit starken Typen: Sissy Morgenroth (4.v.l.) und Stephanie Schindler führten für ihre Masterarbeit Interviews mit 21 Berufsfeuerwehrmännern. Diese unterteilten sie aufgrund ihrer Lebensführung im 24-Stunden-Wachalltag in vier verschiedene Typen. Foto: privat

Brände, Unfälle, Sturmschäden, ausgelaufene Gefahrstoffe - um rund um die Uhr schnellstmögliche Hilfe zu gewährleisten, arbeiten Feuerwehrleute im 24-Stunden-Wachalltag. Zwei Absolventinnen des Masterstudienganges Soziologie an der Technischen Universität Chemnitz untersuchten in ihrer Abschlussarbeit, welche Arten der Lebensführung Feuerwehrmänner in diesem Wachalltag entwickeln. Die Masterarbeit von Sissy Morgenroth und Stephanie Schindler wurde betreut von Prof. Dr. G. Günter Voß, Inhaber der Professur Industrie- und Techniksoziologie. Sie ist im Hampp-Verlag erschienen.

"Die Ausbildung eines Feuerwehrmannes ist überwiegend auf den Umgang mit der Technik und das Funktionieren in Einsatzsituationen ausgerichtet. Wie er jedoch im Wachalltag mit der teilweise ereignisarmen Routine und dem langen und engen Zusammenleben auf der Wache umgeht, ist nicht Bestandteil der Ausbildung", berichtet Sissy Morgenroth. Ihre Kommilitonin Stephanie Schindler fasst als Fazit der Masterarbeit zusammen: "Um noch besser auf die Einsätze vorbereitet zu sein und im Wachalltag ausgeglichen zu arbeiten und zu leben, könnten spezielle Übungen in die Ausbildung integriert werden. Diese sollten zum einen das soziale Miteinander thematisieren und zum anderen aufzeigen, wie man eine Balance zwischen extremen Einsatzsituationen und ruhigen Routinearbeiten herstellen kann." Die Arbeit der Feuerwehrleute werde sonst auf lange Sicht nicht mehr problemlos ausführbar sein, resümieren die beiden Soziologinnen.

Die aktive Arbeitszeit der Feuerwehrleute beginnt um 6.45 Uhr und endet um 18 Uhr. In dieser Zeit erledigen sie hauswirtschaftliche Arbeiten, warten die Einsatztechnik oder absolvieren Schulungen und Ausbildungen. Anschließend folgt eine ebenso lange Bereitschaftszeit, in der die Feuerwehrleute ihren eigenen Interessen nachgehen können, das Wachgelände jedoch nicht verlassen dürfen. "Der reguläre Ablauf eines Wachalltags ist darauf ausgerichtet, jederzeit einsatzbereit zu sein. Daher gehört die ständige Unterbrechung des Tagesablaufes durch die Einsatzzeit zur Normalität", sagt Morgenroth. Schindler ergänzt: "Jeder Feuerwehrmann entwickelt dabei individuelle Strategien und Muster, um seinen Alltag im Feuerwehrberuf zu organisieren und alle an ihn gestellten Anforderungen in Einklang miteinander zu bringen." Zwischen April und September 2010 führten die beiden Studentinnen leitfadengestützte Intensivinterviews mit 21 Berufsfeuerwehrmännern unterschiedlichen Dienstgrades. Außerdem flossen Expertengespräche und teilnehmende Beobachtungen in ihre Studie ein.

Am meisten Einfluss auf die Alltagsorganisation der Feuerwehrleute haben laut der Untersuchung drei Faktoren: erstens das Gemeinschaftsleben, bei dem nicht nur die Arbeit, sondern auch das Private geteilt werden. Zweitens die Gegensätzlichkeit von Wachalltag und Einsatzgeschehen, bei der die Feuerwehrleute ständig zwischen selbstständiger Beschäftigung sowie Routinearbeiten und schnellem Agieren in Extremsituationen pendeln müssen. Und drittens die Identifikation mit dem Beruf, die bei Feuerwehrleuten in der Regel sehr stark ausgeprägt ist. "Vom Zugführer bis zum normalen Brandmeister müssen sich alle im Wachalltag mit diesen drei Faktoren arrangieren. Dabei konnten wir vier verschiedene Typen der Lebensführung unterscheiden", so Morgenroth.

Typ 1 ist die "gemeinschaftskoordinierende, selbstbestimmte Lebensführung". "Dieser Typ ist sozusagen der Koordinator der Wachschicht. Er empfindet die Feuerwehrarbeit als Berufung", so Morgenroth. Typ 2 - die "gemeinschaftsorientierte, fremdbestimmte Lebensführung" - kann als "Cliquentyp" bezeichnet werden. "Er passt sich dem Lebensrhythmus seiner Wachschicht an und hat dort viele Freunde. Eine stabile Gemeinschaft ist für ihn das Wichtigste, die fremdbestimmte Alltagsorganisation stört ihn nicht", so Morgenroth. Als kompetent auszuführender Job wird der Beruf bei Typ 3, der "selbstbezogenen, fremdbestimmten Lebensführung", angesehen. Hierunter fallen die "Privaten", die sich so oft es geht vom Gemeinschaftsleben zurückziehen. Und Typ 4 ist die "individualistische, selbstbestimmte Lebensführung". "Das sind die Individualisten, die versuchen, akzeptiertes Mitglied der Gemeinschaft zu sein und dennoch genügend Freiraum für sich zu haben", sagt Morgenroth. Typ 4 sei der einzige, der sich durch und durch mit seinem Beruf identifiziert. "Knapp die Hälfte der interviewten Feuerwehrleute sind Vertreter der gemeinschaftsorientierten, fremdbestimmten Lebensführung. Die andere Hälfte verteilt sich in etwa gleich auf die drei weiteren Typen", berichtet Schindler und erklärt: "Der Großteil der Feuerwehrleute lebt also bereitwillig in oder mit dem Kollektiv. Die Gemeinschaft ist ein entscheidendes Merkmal des Berufs."

Bibliographische Angaben: Morgenroth, Sissy / Schindler, Stephanie: Feuerwehralltag: Eine soziologische Untersuchung zur Lebensführung von Feuerwehrmännern im 24-Stunden-Wachalltag, München und Mehring 2012. Rainer Hampp Verlag, 198 Seiten, ISBN 978-3-86618-689-7, Preis: 24,80 Euro

Weitere Informationen erteilen Sissy Morgenroth, E-Mail sissy.morgenroth@s2005.tu-chemnitz.de, und Stephanie Schindler, E-Mail stephanie.schindler@s2005.tu-chemnitz.de.

Katharina Thehos
18.04.2012

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