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Zweisprachiges Abitur öffnete die Tür

Melani Barlai absolvierte den Nationalitäten-Klassenzug in ihrer Heimatstadt in Ungarn, seit 2001 studiert sie in Chemnitz Europa-Studien und Politikwissenschaft

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Melani Barlai erhielt im Sommersemester 2008 das erstmals verliehene "Wolfgang-Kenntemich-Stipendium für Studierende aus Mittel-/Osteuropa (MOE)". Foto: Heiko Kießling

"Pack dein Studium. Am besten in Sachsen." lautet der Slogan der aktuellen Werbekampagne des sächsischen Wissenschaftsministeriums und der Hochschulen des Freistaates. Ziel: Mehr Abiturienten aus anderen Bundesländern sollen ihre Koffer und Kisten packen und zum Studium nach Sachsen kommen. Die TU Chemnitz zieht schon jetzt über die Landesgrenze hinweg junge Menschen an. Was für ein Studium in der drittgrößten Stadt Sachsens spricht und wie man hier lebt, erzählen die Studierenden selbst - heute: Melani Barlai aus Ungarn

"Ich wollte zum Wintersemester 2001/2002 in Chemnitz anfangen zu studieren. Im September bin ich zur Studienberatung gegangen, da hatte ich noch überhaupt keinen Plan, welches Fach ich belegen wollte", erzählt Melani Barlai. "Der Berater war super nett und hat mir die Europa-Studien empfohlen, die in dem Semester gerade angelaufen sind. Er meinte, da könnte ich dann zum Beispiel auch Ungarisch lernen", ergänzt sie mit einem Schmunzeln. In den Bachelor-Studiengang Europa-Studien hat sie sich tatsächlich eingeschrieben, für den Sprachkurs nicht - denn Ungarisch ist ihre Muttersprache. Geboren ist Barlai in Pécs, ihre Mutter ist Deutsche. Doch die Eltern haben sich früh getrennt, die Mutter ging zurück nach Deutschland, während die beiden Kinder beim Vater in Südwestungarn blieben. Trotzdem lag der heute 26-Jährigen die Verbindung nach Deutschland offenbar in den Genen, schon in der Grundschule hat sie sehr erfolgreich Deutsch gelernt. Ihre Lehrerin hat sie gefördert und sie erreichte gute Platzierungen bei mehreren Sprachwettbewerben. "Wegen dieser Wettbewerbe wurde mir die strenge Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium erlassen, und so konnte ich nach der Grundschule den Nationalitäten-Klassenzug eines recht elitären Gymnasiums besuchen", erzählt Barlai. Rund 100 Schüler wurden dort jedes Jahr aufgenommen, die Bewerberzahl war hoch.

Barlai hatte nun in einigen Fächern - wie Geschichte und Literatur - Unterricht sowohl auf Deutsch als auch auf Ungarisch, Bio und Geographie besuchte sie ausschließlich auf Deutsch. "Der Nationalitäten-Klassenzug wurde durch die Europäische Union gefördert und wir haben gemerkt, dass das Geld auch ankam. Unsere Gebäude waren im Vergleich zum Rest der Schule besser saniert und wir hatten beispielsweise auch eine eigene deutschsprachige Bibliothek", erinnert sich die Studentin. Nach der zehnten Klasse legte sie ein Sprachdiplom ab und das Abitur war zweisprachig. "Ich wusste damals noch nicht, wie viel das wert war", sagt Barlai, die schon in der Grundschule den Gedanken fasste, für ihr Studium nach Deutschland zu gehen. 2001 zog sie dann gemeinsam mit ihrem Bruder nach Sachsen - nach Flöha, wo die Mutter wohnte. Ihr Abitur wurde in Deutschland sofort anerkannt, das Fachabi ihres Bruders, der keinen Nationalitäten-Klassenzug besucht hatte, nicht. Um bei der Mutter bleiben zu können, wollte sie ihr Studium an der TU Chemnitz beginnen. Hier gehörte sie zu den ersten hundert Europa-Studenten; sie wählte die sozialwissenschaftliche Ausrichtung. Allerdings empfand sie das Studium als zu interdisziplinär, es fehlte ihr die richtige Vertiefung - deshalb begann sie 2004 noch ein Zweitstudium im Hauptfach Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Psychologie und Soziologie.

Aus ihrer Abiturklasse war sie die einzige, die für ein Vollstudium nach Deutschland gegangen ist. "Das kann daran liegen, dass die ungarischen Studenten nicht so flexibel sind, wie die in Deutschland oder auch in anderen europäischen Ländern", überlegt Barlai. Vielleicht liege es auch an einer mangelnden Studienberatung an ungarischen Schulen. "Viele studieren in Ungarn Betriebswirtschaftslehre, Jura oder Medizin - einfach weil sie zu wenig über andere mögliche Fächer wissen", so Barlai. Auch deutsche Hochschulen würden in Ungarn zu wenig in Erscheinung treten, sie müssten hier viel mehr um Studierende werben. Denn die sprachlichen Kompetenzen seien da, auch wenn heute immer mehr Schüler Englisch und Französisch lernen statt Deutsch. Für Barlai selbst war das Studium in Deutschland auch deswegen ein Glücksfall, weil sie so ein weiteres Mal um eine schwierige Aufnahmeprüfung herumkam. Die müsse in Ungarn jeder Studienbewerber absolvieren. "Das ist alles sehr bürokratisch, meine Lehrer und Mitschüler wollten mir überhaupt nicht glauben, dass ich die ganzen Anmeldeformulare für die Prüfungen nicht ausfüllen musste, weil ich in Deutschland studieren wollte", berichtet sie.

Freunden in Ungarn würde sie Chemnitz jederzeit empfehlen. Ihr eigenes Bild über die Stadt hat sich innerhalb der sieben Jahre, die sie nun hier lebt und studiert, gewandelt: "Anfangs fand ich Chemnitz super toll. Nach ein paar Monaten gefiel es mir dann nicht mehr so gut. Ich hatte Schwierigkeiten, mich an die deutsche Mentalität zu gewöhnen, die etwas distanzierter ist als die ungarische. Auch der deutsche Humor ist anders. Bei einem Auslandssemester in Australien habe ich dann aber gemerkt, dass ich Deutschland und vor allem Chemnitz doch vermisse." Für Studenten sei Chemnitz "die ideale Stadt". In den vergangenen Jahren habe sie sich auch enorm entwickelt: "Die Stadt lässt sich etwas einfallen und schöpft ihre Ressourcen gut aus. Das Kulturangebot, gerade was Museen angeht, ist super. Es gibt viele Grünflächen und auch Sachsen ist eine wunderschöne Gegend."

Trotzdem zieht es Barlai nach ihrem Studienabschluss zurück in die Heimat nach Ungarn. Ihren Magisterabschluss wird sie im März 2009 machen, ihr Masterstudium Europäische Integration wahrscheinlich im Mai beenden. Einen Job in Budapest hat sie schon in Aussicht, hier könnte sie die Vorbereitung Ungarns auf die EU-Ratspräsidentenschaft im Jahr 2011 unterstützen.

Katharina Thehos
20.02.2009

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