Spurensuche in der Stadt
Wie Migration Stadtbilder und Lebensgeschichten prägt, zeigt das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven bis zum 1. März 2026 – Ausstellung „Aufbrüche – Umbrüche“ verknüpft Bremerhaven und Chemnitz in einem Dialog über Wandel, Erinnerung und Identität – Professur Humangeographie mit Schwerpunkt Europäische Migrationsforschung der TU Chemnitz wirkte an der Konzeptentwicklung mit
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Die Ausstellung „Aufbrüche – Umbrüche: Ein Dialog zwischen Bremerhaven und Chemnitz“ ist im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven zu sehen. Foto: DAH Bremerhaven -
Die Ausstellung beleuchtet anschaulich und informativ die Migrationsgeschichte von Chemnitz und Bremerhaven. Foto: Tino Riedel -
Mit Hilfe des Kalliope-Preises für praxisnahe Migrationsforschung 2023 konnten vier Forschende der Professur Humangeographie mit dem Schwerpunkt Europäische Migrationsforschung der TU Chemnitz das Projekt umsetzen (v. l.): Prof. Dr. Birgit Glorius, Dr. Friederike Enßle-Reinhardt, Stephan Schurig und Hanne Schneider. Fotomontage: Jacob Müller, Fotos: Jacob Müller, privat (3)
Stadtgeschichte mit neuen Augen sehen: Dazu lädt bis zum 1. März 2026 die Ausstellung „Aufbrüche – Umbrüche: Ein Dialog zwischen Bremerhaven und Chemnitz“ im Deutschen Auswandererhaus ein. Sie zeigt Bremerhaven und Chemnitz als Städte, deren Geschichte und Gegenwart von Zu- und Abwanderung geprägt sind, und macht deutlich: Migration ist kein Randthema, sondern ein zentrales Element urbaner Entwicklung. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Professur Humangeographie mit Schwerpunkt Europäische Migrationsforschung der Technischen Universität Chemnitz. Sie verbindet Stadtgeographie und Migrationsgeschichte von Bremerhaven und Chemnitz und gibt Interessierten Strategien an die Hand, in der eigenen Kommune auch selbst zur lokalen Migrationsgeschichte zu forschen.
Aufbrüche - Umbrüche: Worum es geht
Was, wenn Migration nicht als Randphänomen, sondern als Kernmoment von Stadtgeschichte wahrgenommen wird? Und welche Effekte hat es für die Stadtgesellschaft, wenn Menschen diese Geschichte selbst erforschen und erzählen? Die Ausstellung basiert auf partizipativ entwickelten Stadtrundgängen in Bremerhaven und Chemnitz. Sie machen Migrationsgeschichte dort erlebbar, wo sie stattgefunden hat: im konkreten, gewachsenen Stadtraum. Die Ausstellung zeigt anhand ausgewählter Stationen – darunter Straßenzüge, die durch Ab- und Zuwanderung im Laufe der Jahrzehnte unterschiedliche Communities beherbergten, Unternehmen, die durch Verdienstmöglichkeiten Zuzug, aber auch Wegzug bedingten, sowie Behörden, Parks und Sehenswürdigkeiten – wie eng persönliche Erfahrungen, kollektive Erinnerungen sowie historische und geographische Fakten miteinander verwoben sind.
Zwei Städte im Wandel
Die Ausstellung vergleicht die Entwicklung beider Städte, beginnend mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, anhand von erzählten und gefundenen Spuren und Zeiten des Umbruchs. Sie beleuchtet die Rolle von Zugewanderten für die Wirtschaft und das lokale Leben ebenso wie die Gründe für Abwanderung, etwa durch politische oder ökonomische Einschnitte. Konkret treffen ost- und westdeutsche Geschichte, die Hafenstadt Bremerhaven und die Industriestadt Chemnitz aufeinander, beispielsweise bei den markanten Bevölkerungsverlusten am Ende des Kalten Krieges. Während Chemnitz in den 1990er Jahren vor allem durch die Transformationsjahre nach der politischen Wende Bevölkerung verlor, prägte in Bremerhaven der Abzug der U.S.-Truppen die demographische Entwicklung.
Citizen Science und konkrete Anwendung
Die Ausstellung geht zurück auf ein preisgekrönten Forschungs- und Transferprojekt des Teams der TU Chemnitz, das Bürgerinnen und Bürger aktiv in die Erforschung lokaler Migrationsgeschichte einbezieht. Prof. Dr. Birgit Glorius erläutert: „Auf der lokalen Ebene erleben wir Migration sehr konkret und entwickeln zugleich ein Verständnis der Pluralität von Migrationsgeschichte. Der Vergleich lokaler Migrationsereignisse bietet vielseitige Denkanstöße, über die neue Ideen für aktuelles Handeln und zukünftige Entwicklungen abgeleitet werden können.“ Um das Konzept weiterzugeben, entstand zudem ein „Werkzeugkoffer“ der als methodischer Leitfaden Interessierten hilft, selbst migrationsbezogene Stadtrundgänge in ihrer Kommune zu entwickeln.
Kalliope-Preis für praxisnahe Migrationsforschung und Kooperation
Für ihre Idee wurden Prof. Dr. Birgit Glorius, Dr. Friederike Enßle-Reinhardt, Stephan Schurig und Dr. Hanne Schneider von der Professur Humangeographie mit dem Schwerpunkt Europäische Migrationsforschung der TU Chemnitz im Dezember 2023 mit dem „Kalliope-Preis für praxisnahe Migrationsforschung” der Stiftung Deutsches Auswandererhaus ausgezeichnet. Der mit 20.000 Euro dotierte Preis wird alle drei Jahre für Forschungsprojekte vergeben, die wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Vermittlungsarbeit verbinden. Auf die Kooperation blickt Museumspädagogin Astrid Birth zurück: „Der Ideenaustausch zwischen der TU Chemnitz und dem Deutschen Auswandererhaus zeigt, wie wertvoll die Zusammenarbeit von Museen und Universitäten sein kann – ein wichtiges Ziel des Kalliope-Preises für angewandte Migrationsforschung.“ Die Ausstellung wurde im Oktober 2025 erstmals in Chemnitz, der Europäischen Kulturhauptstadt 2025, vorgestellt und ist bis zum 1. März 2026 im Museum am Neuen Hafen in Bremerhaven zu sehen.
(Quelle: Deutsches Auswandererhaus)
Mario Steinebach
30.01.2026