Wo „Fäden der Erinnerung“ zusammengefügt werden
Universitätsbibliothek der TU Chemnitz lässt am 30. März 2026 die facettenreiche Geschichte der „Alten Aktienspinnerei“ und deren Nachnutzungen lebendig werden
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Das Gebäude der „Alten Aktienspinnerei“, in der sich heute die Universitätsbibliothek der TU Chemnitz befindet, hat eine bewegte Geschichte. Foto: Jacob Müller
Am 30. März 2026 lädt die Universitätsbibliothek der Technischen Universität Chemnitz, Straße der Nationen 33, zu einer ganz besonderen Zeitreise in die Historie eines der geschichtsträchtigsten Gebäude der Stadt ein. Unter dem Motto „Fäden der Erinnerung“ werden ab 16 Uhr im IdeenReich viele Geschichten aus der Historie der „Alten Aktienspinnerei“ von 1858 bis heute erzählt – teilweise auch aus erster Hand.
„Puppentheater, Stadtbibliothek, Theaterwerkstatt, Wismut-Kaufhaus, Kunstgalerie – das sind nur einige der Nutzungen, die in den letzten Jahrzehnten in dem Gebäude stattfanden, in dem sich heute unsere Universitätsbibliothek befindet“, sagt deren Direktorin Angela Malz. Nicht nur sie hat sich in den letzten Jahren oft gefragt, welche Geheimnisse und Geschichten die Wände wohl erzählen würden, wenn sie sprechen könnten. Deshalb wurde im Chemnitzer Kulturhauptstadtjahr das Projekt „Fäden der Erinnerung“ initiiert, das im Rahmen von „TUCculture 2025“ an der Universität gefördert wurde. Ziel war es, möglichst viele Informationen zur Geschichte des Hauses im Universitätsarchiv zusammenzutragen.
„So vielfältig die Gebäudenutzung war, so zahlreich sind die Erinnerungen, die wir wie Fäden zusammenführen wollten. Gemeinsam mit der Chemnitzer Filmwerkstatt haben wir Menschen interviewt, die mit diesem Haus eine ganz besondere Geschichte verbindet“, berichtet Malz. „Wir erfuhren von einem Transport von 250.000 DDR-Mark in einem Dederon-Beutel quer durchs Erzgebirge, von aufregenden Situationen in der Buswerkstatt des Kraftverkehrs, von der Rettung eines Buches aus der Stadtbibliothek und sogar von nackten Tatsachen in der Puppenbühne“, verrät sie. Einige Videoausschnitte werden am 30. März zu sehen und zu hören sein, mehrere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen werden auch anwesend sein.
An diesem Tag werden außerdem kleine Holzmodelle des Gebäudes der „Alten Aktienspinnerei“ auf mehreren Etagen der Universitätsbibliothek genau an den Orten aufgestellt, die in den Interviews thematisiert werden. Über einen QR-Code am Modell kann das jeweilige Video auch in den folgenden Wochen aufgerufen werden. Zudem bereitet die Universitätsbibliothek eine spezielle Webseite vor.
Hintergrund: Geschichte der „Alten Aktienspinnerei“
Die im Baustil des historischen Eklektizismus errichtete Aktienspinnerei entstand um 1858 infolge der Gründung einer Aktiengesellschaft als damals größte Spinnerei Sachsens mit 60.000 Spindeln. Abweichend von früheren Spinnereien hatte der Architekt Friedrich Theodor Roschig das Gebäude vor allem wegen der Brandgefahr vollständig aus Eisen und Stein projektiert und dabei weitgehend auf Holz als Baumaterial verzichtet. Damit galt das Gebäude als eines der brandsichersten in der Stadt und zudem als eines der modernsten und innovativsten Industriebauten. Der Betrieb verfügte von Beginn an über einen eigenen Bahnanschluss, über den die Spinnerei mit den notwendigen Rohstoffen, wie Baumwolle und den Brennstoffen für Heizung und Dampfantrieb, versorgt wurde. Ende des 19. Jahrhunderts, Chemnitz war mittlerweile zur Großstadt geworden und hatte sich über den Schillerplatz hinaus räumlich ausgedehnt, verlagerte die Geschäftsführung der Aktienspinnerei den Betrieb aus Platzgründen nach Altchemnitz und verkaufte das Gebäude 1899 an die Stadt Chemnitz. Bis 1904 blieb man noch als Mieter im Gebäude am Schillerplatz, um schließlich den vollständigen Betrieb an der Schulstraße in Altchemnitz, dem heutigen Europark, aufzunehmen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude der „Alten Aktienspinnerei“ schwer beschädigt und verlor sein Dach und das oberste Geschoss. In der Folge wurde das Gebäude auch als Essenausgabe, Provisorium für das zerstörte Opernhaus, Wismut-Kaufhaus, Buswerkstatt, Stadtbibliothek, Bürohaus und Puppentheater und zuletzt als Galerie genutzt. Seit 2011 ist das Gebäude Eigentum des Freistaates Sachsen. Mitte 2015 begann der Umbau zur Universitätsbibliothek der TU Chemnitz, ab Juni 2020 konnten die bisherigen drei Bibliotheksstandorte und deren Magazine im Gebäude der „Alten Aktienspinnerei“ zusammengelegt werden.
Weitere Informationen erteilen die Direktorin der Universitätsbibliothek, Angela Malz, Telefon 0371 531-31781 E-Mail angela.malz@bibliothek.tu-chemnitz.de, sowie der Leiter des Universitätsarchivs, Stephan Luther, Telefon 0371 531-32694, E-Mail stephan.luther@bibliothek.tu-chemnitz.de.
Mario Steinebach
13.03.2026