Phoxonische Kunst: Wie 187 Metallstelen in der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz Kunst und Physik miteinander verbinden
Vorhaben der TUCculture2025-Initiative der Fakultäten für Naturwissenschaften sowie Elektrotechnik- und Informationstechnik und des Forschungszentrums MAIN finden Eingang in wichtigstes deutschsprachiges physikalisches Fachmedium
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Das Kunstwerk „Denk- und Wahrnehmungsmodell zum Phänomen der Farbe“ vor dem Zentralen Hörsaal- und Seminargebäude diente als Inspirationsquelle für wissenschaftliche Untersuchungen. Foto: David Röhlig
Das Physik Journal, die Mitgliederzeitschrift der Deutschen Physikalischen Gesellschaft e. V., wichtigstes Fachmedium und zentrales Informationsforum für über 50.000 Physikerinnen und Physiker aller Fachrichtungen im deutschsprachigen Raum, greift in seiner Januarausgabe 2026 in einem Überblicksartikel mehrere Vorhaben der TUCculture2025-Initiative der Technischen Universität Chemnitz der letzten Jahre auf, die Kunst und Physik auf besondere Weise verbanden. So ließ sich am Beispiel des 1998 im Zuge der Errichtung des Zentralen Hörsaal- und Seminargebäudes der TU Chemnitz errichteten Stelenkunstwerks „Denk- und Wahrnehmungsmodell für das Phänomen der Farbe“ des Dresdner Künstlers Stefan Nestler erleben, wie abstrakte Konzepte moderner Physik durch ästhetische Erfahrung erschlossen werden können. Im Beitrag rückt zum Abschluss des Jahres 2025 der Europäischen Kulturhauptstadt die Stadt Chemnitz in den Fokus.
Hinter einer weitgehend regelmäßigen Anordnung von 187 Metallstelen, die seit 1998 als Kunstwerk den Vorplatz des Zentralen Hörsaal- und Seminargebäudes ziert, verbirgt sich mehr als ein ästhetisches Objekt: es ist vielmehr selbst eine Farbe, also eine Spielart dessen, was es als Hauptaussage in sich trägt. Was wie eine etwas verquast formulierte, aber doch triviale Feststellung klingt, hat mehr als drei Jahre intensive und interdisziplinäre wissenschaftliche Betrachtung hinter sich, anteilig gefördert durch die Projekte „Chemnitz: Holz, Licht, Schall“ und „Wellenspiele“ im Rahmen der TUCculture2025-Initiative. Die Arbeiten erbrachten die Erkenntnis, dass das Kunstwerk „Denk- und Wahrnehmungsmodell für das Phänomen der Farbe“ die weltweit größte wissenschaftlich beschriebene Realisierung eines photonischen Kristalls für elektromagnetische Wellen ist, und zugleich einen phononischer Kristall darstellt, mit dem sich Schallwellen manipulieren lassen. Es stellt damit verbotene Bereiche, d. h. Barrieren für Wellen in mehreren spektralen Bereichen dar: die Bandlücken treten sowohl für Schall- als auch für Radiowellen auf, so dass das Kunstwerk in diesen beiden Domänen jeweils eine eigene „Farbe“ besitzt.
Diese besondere Verbindung von Physik, Kunst und den Welten menschlichen Empfindens bzw. messtechnischer Erfassung steht im Mittelpunkt des Überblicksartikels „Phoxonische Kunst“. Hier erläutern Prof. Dr. Angela Thränhardt, Professorin für Theoretische Physik an der TU Chemnitz und Dekanin der Fakultät für Naturwissenschaften, sowie Dr. Thomas Blaudeck, Geschäftsführer des Forschungszentrums für Materialien, Architekturen und Integration von Nanomembranen (MAIN) der TU Chemnitz weiter, wie sich anhand der Stelenanordnung von Stefan Nestler grundlegende Wellengleichungen anschaulich untersuchen ließen und wie numerische Simulationen, theoretische Modelle und messtechnische Experimente mit der Expertise der Fakultäten Naturwissenschaften sowie Elektrotechnik und Informationstechnik ineinander griffen. Das Adjektiv „phoxonisch“ im durchaus pejorativ gewählten Titel „Phoxonische Kunst“ steht dabei für den Tatbestand, dass in ein und demselben Objekt mehrere für die Ausbreitung von Wellen „verbotene Bereiche“, eben Bandlücken, auftreten. Dies gilt sowohl für den photonischen Fall, also dem auf Licht und elektromagnetische Wellen im Bereich der etablierten Kommunikationstechnologien bezogenen, als auch für den phononischen Fall, also dem auf Schall bezogenen, akustischen. Eine Wechselwirkung dieser Domänen ist zudem zumindest prinzipiell denkbar. Damit zeigt sich eine bemerkenswerte Visionarität des Künstlers Stefan Nestler, in seinem Kunstwerk dem Phänomen der Farbe ein einzigartiges, phoxonisches Wahrnehmungsmodell messbar und mithin nachweislich innewohnen zu lassen.
Der Überblicksartikel arbeitet zudem heraus, dass physikalische Forschung nicht nur neue Erkenntnisse über abstrakte oder komplexe Phänomene der Natur erschließt, sondern über die Verbindung mit Kunst auch innovative Wege der Wissenschaftskommunikation eröffnet: im Rahmen der TUCculture2025-Projekte wurden Kunstwerk und Umfeld in eine Laborumgebung überführt, in der die komplexen Wellenphänomene der Photonik und Phononik wie Streuung, Interferenz und Beugung auf überraschende Weise hör- und erlebbar wurden. So geriet das Kunstwerk zum Ausgangspunkt für den Dialog zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Kunstinteressentinnen und Kunstinteressenten und der Öffentlichkeit, etwa bei den Tagen der offenen Tür der TU Chemnitz seit 2022 oder auf dem TUC-Weihnachtsmarkt. Dies ist ein Beispiel, Physik aus dem „Elfenbeinturm“ in den urbanen und kulturellen Raum zu tragen.
Über die konkrete Thematik hinaus gibt der Überblicksartikel einen Abriss über weitere Vorhaben mit „physikalischem Beigeschmack“ der TUCculture2025-Initiative der TU Chemnitz, die seit 2022 viele Aktivitäten der TU Chemnitz an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft gebündelt hatte und auf das Jahr 2025, in dem Chemnitz den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ trug, ausgerichtet war. Der Artikel blickt auch auf kulturelle Projekte und Veranstaltungen in Chemnitz im Jahr der Europäischen Kulturhauptstadt zurück, die einen besonderen Bezug zur Physik hatten und somit als naturwissenschaftliche Einsprengsel Teil des breiten kulturellen Programms in Chemnitz wurden.
Der Beitrag ist seit 5. Januar 2026 im Internetauftritt des Physik Journals (Ausgabe 01/2026) als Zusammenfassung abrufbar (Zugriff auf das PDF erfordert Login).
Weitere Informationen erteilen Dr. Thomas Blaudeck, Telefon +49 (0)371 531-35610, E-Mail thomas.blaudeck@main.tu-chemnitz.de, und Prof. Dr. Angela Thränhardt, Telefon +49 (0)371 531-37636, E-Mail angela.thraenhardt@physik.tu-chemnitz.de.
(Autor: Dr. Thomas Blaudeck)
Mario Steinebach
06.01.2026