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„Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter“

Wissenschaftstheoretiker und Leibniz-Preisträger Prof. Dr. Jürgen Mittelstraß bereicherte Diskussion der Forschungsverbundinitiative „Epistemizität“ der Philosophischen Fakultät

Zu ihrer Klausurtagung vom 3. bis 4. November 2022 hatte die Forschungsverbundinitiative „Epistemizität“ der Philosophischen Fakultät der Technischen Universität Chemnitz den Wissenschaftstheoretiker Prof. Dr. Jürgen Mittelstraß zu Gast. Jürgen Mittelstraß war von 1970 bis 2005 Ordinarius für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Konstanz, von 1985 bis 1990 Mitglied des Wissenschaftsrates und von 2005 bis 2015 Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates. Er ist Mitglied zahlreicher Akademien, u. a. der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Academia Europaea, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften und der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Er ist u. a. Träger des Leibniz-Preises und der Werner Heisenberg-Medaille der Alexander von Humboldt-Stiftung sowie Inhaber zahlreicher Ehrendoktorwürden. „Für uns war es ein riesiger Gewinn, einen so eminenten Wissenschaftstheoretiker bei uns zu Gast zu haben“, sagt Prof. Dr. Bernadette Malinowski, Inhaberin der Professur für Neuere Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft der TU Chemnitz.

Wenn aus Wissen belastbares Wissen wird

„Unsere Forschungsverbundinitiative Epistemizität befasst sich mit einem wichtigen Teil dessen, was in der Wissenschaft unausgesprochen bleibt, nämlich mit der Frage, was einem Wissen innerhalb einer Disziplin den Status eines belastbaren Wissens gibt“, sagt Prof. Dr. Winfried Thielmann, Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache der TU und Sprecher der Initiative, der sich in seinen Publikationen vielfach mit dem Verhältnis von Sprache und Wissenschaft auseinandergesetzt hat. „Herr Mittelstraß hat uns wesentliche Impulse geben können“, fährt Thielmann fort, „insbesondere weil ihm eine transdisziplinär einheitliche Bestimmung der Wissenschaft und die historische Genese ihres Wissens so wichtig sind.“ Prof. Dr. Michael R. Müller, Inhaber der Professur für Visuelle Kommunikation und Mediensoziologie der TU, hebt die Intensität der gemeinsamen Arbeit hervor: „Jürgen Mittelstraß hat mit uns zusammen über zwei Tage hinweg am Begriff der Epistemizität gearbeitet und uns die vielfältigen Begründungsansprüche verdeutlicht, die von diesem, für unseren Verbund zentralen Begriff ausgehen.“

Nützliches Nachdenken über Spannungsverhältnisse in der Wissenschaft

Dr. Matthias Meiler, Mitarbeiter der Professur Germanistische Sprachwissenschaft, Semiotik und Multimodale Kommunikation der TU, versucht sich an einer Übersetzung: „An einem Bespiel von Mittelstraß lässt sich vielleicht zeigen, dass es keineswegs immer klar und rational fundiert ist, welchen Status wir einem Wissen über einen bestimmten Gegenstand zuschreiben: So ist zwar jedem bekannt, dass sich die Sonne keineswegs um die Erde bewegt und deswegen am Horizont nicht etwa auf- oder untergeht, sondern sich dies aus unserer Perspektive nur scheinbar so verhält. Dennoch sprechen wir wie selbstverständlich so von diesem Sachverhalt. Über dieses Spannungsverhältnis denken wir im Alltag natürlich nie nach – und brauchen das auch nicht. Innerhalb der Wissenschaft können solche Reflexionen schon allein für die Selbstverständigung nicht schaden. In unseren Einzelprojekten suchen wir deswegen genau die wissenschaftlichen Kontexte auf, in denen vergleichbare Spannungsverhältnisse herrschen und über den aktuellen Status eines Wissens viel ungesagt bleibt.“

Fachübergreifender Diskurs zur Epistemizität

Diese Forschungsverbundinitiative der Philosophischen Fakultät widmet sich interdisziplinär der Erforschung der Epistemizität wissenschaftlichen Wissens, wobei in ineinander verzahnten Einzelprojekten Spezifika des wissenschaftlichen Fragens sowie dessen kognitiver Bindung an Wissenschaftskulturen, wissenschaftliche Sozialisierungsweisen, Wissenschaftssprachen sowie Denk- und Lernstile im Reflex des sogenannten wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts nachgegangen wird. Ihr gehören auch die Professoren Günter Daniel Rey (Psychologie digitaler Lernmedien), Peter Ohler (Medienpsychologie) und die Professorin Heidrun Friese (Interkulturelle Kommunikation) an. Wie Jürgen Mittelstraß resümierte, könnte der Epistemizitätsbegriff in der Lage sein, das Verhältnis von Wissenschaft als universellem Verfahren der Wissensgewinnung einerseits und als je kulturell bestimmte Umsetzung dieses Verfahrens andererseits neu zu denken.

Mario Steinebach
15.11.2022

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