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Eine Gesellschaft aus Menschen und Maschinen

Über die Zukunft von Verkehr, Produktion und Pflege diskutierten im Rahmen der TU-unterstützten Ausstellung „Gesten – gestern, heute, übermorgen“ u. a. Chemnitzer Forscher in Berlin - Video zur Ausstellung verfügbar

In der Zukunft werden Maschinen und Roboter nicht länger so wie bisher für uns arbeiten, in dem sie uns automatisierte Prozesse abnehmen. Vielmehr werden wir mit ihnen zusammenleben – in sogenannten „hybriden Gesellschaften“. Wie dieses Zusammenleben aussieht, wie es gestaltet werden kann und in welcher Gesten darin eine Rolle spielen? Darüber diskutierten am 9. Juli 2019 Prof. Dr. Georg Jahn, Inhaber der Professur Angewandte Gerontopsychologie und Kognition an der Technischen Universität Chemnitz, Prof. Dr. Ulrike Thomas, Inhaberin der Professur Robotik und Mensch-Technik-Interaktion an der TU Chemnitz, Christopher Lindinger vom Ars Electronica Futurelab in Linz und Prof. Dr. Irene Mittelberg von der RWTH Aachen. Die Podiumsdiskussion moderierte Prof. Dr. Ellen Fricke, Gesamtleitung der Ausstellung und Dekanin der Philosophischen Fakultät an der TU Chemnitz und Professorin für Germanistische Sprachwissenschaft, Semiotik und Multimodale Kommunikation.

 Die Podiumsdiskussion mit dem Titel „Verkörperung von Technik und Technisierung von Körpern: Menschen, Maschinen und Gesten in hybriden Gesellschaften“ fand im Rahmen der derzeit in den Räumlichkeiten des Museums für Kommunikation Berlin gastierenden Sonderausstellung „Gesten – gestern, heute, übermorgen“ statt. Ellen Fricke von der TU Chemnitz hat diese Ausstellung maßgeblich mitkonzipiert.

Dass auf dem Berliner Podium Forscherinnen und Forscher der TU Chemnitz aus den Bereichen Psychologie, Robotik/Mensch-Technik-Interaktion, Linguistik und Semiotik so stark beteiligt waren, war natürlich kein Zufall. Der geplante Sonderforschungsbereich „Hybrid Societies: Humans Interacting with Embodied Technologies“ will sich maßgeblich mit diesem Thema befassen – in der Grundlagenforschung wie ebenso auch in der Umsetzung und Anwendung.

Cobots in der Fabrik und im Badezimmer

Neben Grundlagenfragen, die Gesellschaften aus Mensch und Maschine aufwerfen, sprachen die Expertinnen und Experten auch über konkrete Anwendungsbereiche. In stark vorstrukturierten Szenarien, in denen Menschen etwa in der Fabrik mit sogenannten Cobots zusammenarbeiten, funktionierten die kollaborativen Produktionsprozesse zwischen Mensch und Roboter bereits reibungslos. Das stellte Georg Jahn von der TU Chemnitz fest.

In Bereichen wie der Pflege hingegen sei der Einsatz von Robotern weniger einfach umzusetzen. Christopher Lindinger, der am Futurelab der Ars Electronica als Director of Research & Innovation tätig ist, betonte, dass für solche Anwendungsfelder zunächst einmal darüber nachgedacht werden müsse, welche Aufgaben an autonome Roboter delegiert werden sollten und welche vielleicht besser nicht. Die Würde der Patientinnen und Patienten sei davon, wenn es beispielsweise um die Unterstützung bei der Körperhygiene gehe, genauso betroffen wie auch die Arbeitsbelastung im täglichen Aufgabenspektrum des Pflegepersonals.

Interdisziplinärer Dialog über Fragen der Grundlagenforschung

Die Frage, die hybride Mensch-Maschine-Gesellschaften sehr zentral beschäftigen wird, sei die nach der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. „In allen Situationen, alltäglich oder im Beruf, die wir zukünftig zusammen mit autonomen Robotern bewältigen werden, wird es ganz zentral darauf ankommen, dass wir uns verständigen können“, führte Ellen Fricke  aus. „Und dabei geht es nicht nur um Verbalsprache und deren Verarbeitung, sondern noch basaler darum, Intentionen auszudrücken und möglichst präzise zu adressieren. Praktisch gesprochen: Erkennt das selbstfahrende Auto, welche Fußgängerin oder welcher Fußgänger die Absicht hat, über die Straße zu gehen und welcher nicht? Und wie gebe ich diesem Auto in geeigneter Weise zu verstehen, dass ich queren will, sodass dieses Auto auch weiß, dass es gemeint ist und nicht zum Beispiel die Person, mit der ich unterwegs bin.“

Ulrike Thomas, Professorin für Robotik und Mensch-Technik-Interaktion an der TU Chemnitz, hielt es durchaus für wahrscheinlich, dass sich das übliche Zeicheninventar für die Kommunikation mit Autos über Blinker, Brems- und Rücklicht hinaus künftig erweitern könne, sodass ein hybrider Straßenverkehr aus Fußgängern, menschengesteuerten und autonomen Fahrzeugen effektiv koordiniert werden könne. „Es sei auch vorstellbar, dass Roboterhände nicht nur manipulative Tätigkeiten ausführen, sondern künftig auch in der Kommunikation mit Menschen gestikulieren.“

Eine Gestensteuerung in offeneren Szenarien sehe sich insbesondere der Herausforderung gegenüber, dass ein großer Teil der Gesten der zwischenmenschlichen Kommunikation sehr vieldeutig sein könne. „Die Vieldeutigkeit redebegleitender Gesten erschwert es ungemein, sie für die Mensch-Maschine-Kommunikation zu modellieren“, hob Irene Mittelberg, Professorin für Linguistik und kognitive Semiotik an der RWTH Aachen, mit Blick auf Forschungsergebnisse aus dem dort angesiedelten Natural Media Lab hervor.

Wenn es darum geht, Lösungen für diese ganz grundlegenden Herausforderungen zu finden, erweist sich, wie die Podiumsdiskussion sehr deutlich zeigte, der Dialog zwischen den geistes- und technikwissenschaftlichen Disziplinen als ausgesprochen fruchtbar. Wie Lindinger aus eigener Erfahrung berichtete: „Die Entwicklung und Gestaltung von Zukunftstechnologien denken wir am Futurelab immer mit Einbezug von Künstlerinnen und Künstlern. Es ist insbesondere der Perspektivwechsel des künstlerisch-forschenden Experimentierens, aus dem wir immer wieder neue Impulse erhalten.“ Solche Perspektivenwechsel verwandelten Fragen nach der technischen Entwicklung und Realisierbarkeit nämlich maßgeblich in gesellschaftliche Diskurse darüber, wie wir in Zukunft leben wollen.

Hintergrund: Gesten-Ausstellung

Die Ausstellung „Gesten – gestern, heute, übermorgen“ wurde vom 17. November 2017 bis zum 4. März 2018 im kooperierenden Sächsischen Industriemuseum Chemnitz gezeigt und wissenschaftlich maßgeblich von Prof. Dr. Ellen Fricke (TU Chemnitz) in Verbindung mit dem Team des BMBF-Projekts MANUACT und in Kooperation mit dem Ars Electronica Futurelab (Linz) als Forschungs- und Ausstellungspartner konzipiert und realisiert.

Bis zum 1. September 2019 ist die Ausstellung im Berliner Museum für Kommunikation zu sehen und wird im Anschluss ab dem 25. September 2019 im Museum für Kommunikation Frankfurt am Main gastieren.

Multimedia: Ein Video-Trailer mit Eindrücken von der Gesten-Ausstellung ist im YouTube-Kanal der TU Chemnitz verfügbar.

Publikation: Der Begleitband zur Ausstellung ist im Universitätsverlag der TU Chemnitz erschienen und aktuell im Museum für Kommunikation Berlin erhältlich. Titel: Gesten – gestern, heute, übermorgen. Vom Forschungsprojekt zur Ausstellung / Herausgegeben von Ellen Fricke, Jana Bressem . - Chemnitz : Universitätsverlag Chemnitz . - 2019 . - 255 Seiten : Illustrationen. - ISBN 978-3-96100-092-0

Weitere Informationen zur Ausstellung und dem Rahmenprogramm sind online verfügbar.

(Autor: Matthias Meiler)

Matthias Fejes
18.07.2019

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