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Historiker untersuchen Frühgeschichte der Sozialdemokratie in Südwestsachsen (1834 – 1905)

Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert dreijähriges Forschungsprojekt an der Professur Wirtschafts- und Sozialgeschichte - Wissenschaftler stützen sich auf Quellen in mehreren Archiven

Es gehört gewissermaßen zur Folklore der deutschen Sozialdemokratie, dass ihre Wiege in Mitteldeutschland stand. Den Ruhm als Orte bedeutsamer Gründungsversammlungen teilen sich Leipzig, Eisenach und Gotha. Doch war es nicht so sehr die sächsische Messemetropole oder gar die beiden thüringischen Städte, in denen die frühe Sozialdemokratie zu einer Massenbewegung wuchs. Vielmehr konzentrierte sich ihre Anhänger-, Mitglieder- und Wählerbasis vor allem im südwestsächsischen Gewerbe- und Industriegürtel. In diesem kleinen Gebiet errang die Sozialdemokratie vor 1878 die überwiegende Mehrzahl ihrer Reichstagsmandate. Hier besaß sie frühzeitig ein flächendeckendes und dichtes Organisationsnetz. Trotz der Schlüsselrolle, die der organisierten Arbeiterschaft im Industrierevier um Chemnitz, Zwickau, Glauchau und Crimmitschau bei der Genese der frühen deutschen Sozialdemokratie zukam, ist eine monographische Studie bis heute ein geschichtswissenschaftliches Desiderat geblieben.

So soll das mit 270.000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Forschungsprojekt an der Professur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Technischen Universität Chemnitz genaueren Aufschluss darüber geben, inwieweit die relativ lange Fortdauer der für die Region typischen exportorientierten Heimgewerbe die gesellschaftspolitischen Zielvisionen, die Handlungsstrategien und Organisationsformen der südwestsächsischen Arbeiterbewegung wie die Selbstdefinition ihrer Trägergruppen beeinflussten und prägten. Dabei interessiert vor allem der Stellenwert „zivilgesellschaftlicher“ Denkweisen und Praxisformen. Orientierten sich die Praktiken, Organisationsformen und gesellschaftspolitischen Diskurse dieser Bewegung am Idealbild eines von der Assoziation gleichberechtigter Bürger/Citoyens getragenen Gemeinwesens? Lassen sich bei der Genese der südwestsächsischen Arbeiterbewegung programmatische, habituelle und personelle Kontinuitätslinien zur bürgerlich-demokratischen Bewegung des Vormärz und der Revolutionszeit erkennen? Verschob sich im Zuge des fabrikindustriellen Wandels und in Phasen staatlicher Repression im späteren 19. Jahrhundert die organisatorische und programmatische Ausrichtung der Bewegung an der Basis?

Das auf drei Jahre ausgelegte Projekt greift methodisch auf akteursorientierte Ansätze sozialer Gruppenbildung zurück, die das „Nachzeichnen von Assoziationen“ (Bruno Latour) und deren diskursive Konstruktion durch die Akteure selbst in den Mittelpunkt der Analyse stellen. Institutioneller Anker der Studie sind die Organisationen der Arbeiterbewegung – Vereine mit allgemeiner oder spezifischer Zwecksetzung, Parteiorganisationen, Gewerkschaften, Genossenschaften u. ä. m. – bzw. die Personen, die sich in diesen Organisationen zusammengeschlossen hatten. Einen inneren Kreis bilden dabei die Führer und „Sprecher“ der Bewegung. Die „Sprecher“, die die Existenz der Gruppe postulieren, muss man nicht allein oder primär unter den großen Theoretikern und Programmatikern der Arbeiterbewegung suchen. Eine räumlich überschaubare Regionalstudie erscheint besonders geeignet, die Konstruktionsleistungen örtlicher „Meinungsführer“ und, wo dies quellenmäßig fassbar ist, auch die der einfachen Anhänger und Angehörigen der Bewegung in den Blick zu nehmen.

Das Hauptaugenmerk liegt hier einerseits auf Prozessen der Assoziierung, andererseits auf der Interaktion der Arbeiterbewegung, ihrer „Sprecher“ und Aktivisten, mit anderen Personengruppen bzw. „Kräften“ in der lokalen Öffentlichkeit und im Bereich der kommunalen Selbstverwaltung. Ein weiteres Handlungsfeld wird durch die Markt- und Arbeitsbeziehungen konstituiert. Schwerpunkte der Untersuchung bilden hier die Assoziationen der Verlagshandwerker und Lohnarbeiter zur kollektiven Interessenvertretung wie zur wirtschaftlichen Selbsthilfe, ebenso die Arbeitskämpfe und das Verhältnis zwischen politischer und gewerkschaftlicher Arbeiterbewegung.

Das Forschungsprojekt kann sich auf eine breite und durchaus gut erschlossene Quellenbasis stützen, so im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden und im Sächsischen Staatsarchiv Chemnitz. Ein wichtiges Standbein der Studie wird die Auswertung der kommunalen Archive der Untersuchungsregion sein. In den einschlägigen archivalischen Sammlungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung finden sich ebenfalls Unterlagen, die über die frühe Sozialdemokratie in Südwestsachsen Auskunft geben, etwa im Internationalen Institut für Sozialgeschichte, Amsterdam sowie im Bundesarchiv Berlin. Neben den Archivquellen wird sich die Untersuchung auf einen Fundus gedruckter Quellen stützen. Eine der Bewegung nahe stehende Lokal- und Regionalpresse formierte sich seit den frühen 1870er Jahren.

Prof. Dr. Rudolf Boch hat sich bereits in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren intensiv mit der Geschichte der Arbeiterschaft und der Arbeiterbewegung auseinandergesetzt. Der Schwerpunkt lag dabei auf dem Bergischen Land – als traditionsreiche Gewerbelandschaft im nördlichen Rheinland und „Hochburg“ der frühen Arbeiterbewegung in Vielem der Region Südwestsachsen ähnlich. Seine Forschungen haben mit dazu beigetragen, die handwerklichen Wurzeln der deutschen Arbeiterbewegung in das Bewusstsein des damaligen „Mainstreams“ der bundesdeutschen Arbeiterhistoriographie zu rücken und neue Perspektiven einer Arbeitergeschichte „von unten“ zu entwerfen. Der Projektmitarbeiter, PD Dr. Michael Schäfer, hat sich in seinem wissenschaftlichen Werdegang ebenfalls mit Themen der Arbeiterbewegungsgeschichte als auch mit der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Sachsens intensiv beschäftigt. 2016  hat er eine umfangreiche Studie zur sächsischen Textilindustrie im 19. Jahrhundert vorgelegt.

(Autor: Prof. Dr. Rudolf Boch, Inhaber der Professur Wirtschafts- und Sozialgeschichte)

Mario Steinebach
16.05.2017

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