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Vom Labor in die Praxis: Technische Hilfe für Demenzkranke

Elektrotechniker der TU Chemnitz wollen ein im Labor entwickeltes Smart-Sensor-Netzwerk, das die Pflege von Menschen mit Demenz unterstützen soll, in praxistaugliche Assistenzsysteme überführen

Mit zunehmendem Alter wird jeder Mensch vergesslicher. Das ist jedoch nicht gleichzusetzen mit dem Krankheitsbild der Demenz, das durch einen langsam fortschreitenden Verlust der geistigen Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Alzheimer´s Disease International sind weltweit derzeit mehr als 44 Millionen Menschen von einer demenziellen Erkrankung betroffen. Tendenz steigend. Auch in Deutschland lässt die demografische Entwicklung eine Erhöhung der Betroffenenzahlen erwarten, da die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, mit zunehmendem Lebensalter steigt. Laut dem "BARMER GEK Pflegereport 2010" muss jede zweite Frau und jeder dritte Mann in Deutschland damit rechnen, dement zu werden. Bereits jetzt sind in Deutschland bis zu 1,6 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, so das Bundesministerium für Gesundheit. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft geht davon aus, dass sich die Zahl der Menschen mit Demenz bis zum Jahr 2050 auf etwa drei Millionen erhöhen wird, was einem Anstieg der Erkrankten um etwa 40.000 pro Jahr entspricht. Dieser Prognose gegenüber steht ein zunehmender Personalmangel in der Pflege.

Damit ein dementer Mensch möglichst zu Hause gepflegt werden kann, müssen gewisse Voraussetzungen geschaffen werden, damit er weder sich selbst noch andere gefährdet. Eine dauerhafte ambulante Überwachung durch Betreuungspersonen ist nicht finanzierbar. Bisher hat dies zumeist die Einweisung von pflegebedürftigen Demenzerkrankten in eine stationäre Pflegeeinrichtung zur Folge, da es keine Möglichkeit gibt, diesen in kritischen Situationen möglichst schnell zu helfen. Vor diesem Hintergrund startet an der Technischen Universität Chemnitz das Forschungsprojekt „AUXILIA - Nutzerzentriertes Assistenz- und Sicherheitssystem zur Unterstützung von Menschen mit Demenz auf Basis intelligenter Verhaltensanalyse“, das vom Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und Landesmitteln in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro gefördert wird. Staatssekretärin Andrea Fischer übergab am 26. Juli 2016 an der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik der TU Chemnitz den Förderbescheid. An der Professur Digital- und Schaltungstechnik der TU werden nun unter Leitung von Prof. Dr. Gangolf Hirtz Lösungen entwickelt, um demenzkranken Menschen ein längeres, selbstbestimmtes Leben im eigenen Zuhause zu ermöglichen.

Ziel des Projekts ist es, die bisher meist nur unter Laborbedingungen entwickelten technischen Ansätze zur Unterstützung demenzkranker Menschen in die Anwendung als robustes praxistaugliches Assistenzsystem zu überführen. Diese Unterstützung soll unter anderem durch folgende Funktionen gewährleistet werden: interaktiver Erinnerungs- und Mobilitätsassistent; Integration einer zuverlässigen Erkennung von Notsituationen und die direkte Alarmierung im Gefahrenfall; bedarfsgerechte Informationsbereitstellung für pflegende Angehörige - zum Beispiel über Internet und Smartphone; Bereitstellung von Informationen in Risikosituationen und zum allgemeinen Zustand des Gepflegten; Bereitstellung von Informationen für professionell Pflegende und automatische Datenerfassung für das Pflegeprotokoll. „Zentrales Element des geplanten Systems ist ein intelligenter kontaktloser Sensor zur automatisierten Verhaltensanalyse von Personen“, sagt Hirtz. Die Chemnitzer Forscher profitieren bei ihrer Arbeit von den Ergebnissen des vorangegangenen Projektes „OPDEMIVA“. Zudem stehen ihnen kompetente Partner zu Seite. Dazu zählen das Klinikum Chemnitz, die Heim gGmbH in Chemnitz sowie die Professur Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement der TU.

„Der Freistaat Sachsen setzt auf innovative Ideen, um älteren Menschen das Leben zu erleichtern“, sagte Staatssekretärin Fischer. „Zukünftig werden uns intelligente Systeme im Alltag noch mehr unterstützen. Zu Hause bis ins hohe Alter – das ist der Wunsch vieler älter werdender Menschen. So wie heute das Navigationsgerät für Autofahrer nahezu eine Selbstverständlichkeit ist, können in einigen Jahren interaktive technische Assistenten und kontaktlose Sensoren ältere Menschen sicher in ihrem Alltag begleiten. Assistenzsysteme, wie sie die TU Chemnitz entwickelt, schaffen die nötigen Voraussetzungen dazu und werden in einigen Jahren Erleichterung bieten für professionell Pflegende und pflegende Angehörige.“ Die Förderung sei Ausdruck der Schwerpunktsetzung des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz im Bereich eHealth und Telemedizin.

Prof. Dr. Andreas Schubert, Kommissarischer Rektor der TU Chemnitz, hob hervor, dass das Projekt AUXILIA zwei der drei Kernkompetenzen der Universität durchdringt – nämlich die Kernkompetenzen "Materialien und Intelligente Systeme" sowie "Mensch und Technik", in denen wichtige Fragestellungen der Zukunft bearbeitet werden. „Für eine sinnvolle Interaktion von Mensch und Technik sind deratige Systeme wichtig“, sagte Schubert und erinnerte daran, dass Technik nicht zum Selbstzweck entwickelt werden dürfe. Dies ist auch Prof. Hirtz wichtig: "Der demente Mensch soll nicht allein mit der Technik leben, sondern die Technik soll ihn unterstützen, noch möglichst lang ein Leben in seinem gewohnten häuslichen Umfeld und unter Einbeziehung des sozialen Umfeldes zu führen. Das künftige Assistenz- und Sicherheitssystem soll nach einem hoffentlich erfolgreichen Test im Pflege- und Wohnumfeld zu einem potenziellen Helfer für möglichst viele Betroffene werden. "

Projekt-Homepage: https://europa.eu/investeu/projects/help-dementia-patients_de

Weitere Informationen zum Projekt "AUXILIA - Nutzerzentriertes Assistenz- und Sicherheitssystem zur Unterstützung von Menschen mit Demenz auf Basis intelligenter Verhaltensanalyse " erteilen Prof. Dr. Gangolf Hirtz, Telefon 0371 531-24330, E-Mail g.hirtz@etit.tu-chemnitz.de, sowie Dr. Michel Findeisen, Telefon 0371 531-37919, E-Mail michel.findeisen@etit.tu-chemnitz.de.

Mario Steinebach
26.07.2016

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