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Vier Szenarien für das Jahr 2040

Chemnitzer Studierende entwickelten bei einer Herbstschule gemeinsam mit polnischen und ukrainischen Studierenden Szenarien für einen europäischen Minderheitenschutz

  • Im Rahmenprogramm blieb den Studierenden während der Herbstschule auch Zeit, um die Stadt Lemberg im Westen der Ukraine kennen zu lernen. Foto: Samira Jerke

Vom 12. bis 18. Oktober 2014 fand im ukrainischen Lemberg eine Herbstschule statt, die die Technische Universität Chemnitz gemeinsam mit der Universität Oppeln und der Nationalen Iwan-Franko-Universität Lemberg ins Leben gerufen hat. Thema war der Vergleich des europäischen Kontextes sowie der Zukunftsvisionen der Minderheitenpolitik in Deutschland, Polen sowie der Ukraine. Dank der Förderung durch die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit konnten sich insgesamt 24 Studierende intensiv mit den historischen Determinanten, den rechtlichen Rahmen sowie der aktuellen Lebenssituation minorisierter Gruppen in Europa auseinandersetzen, bevor sie gemeinsam Entwicklungsszenarios für die Zukunft erarbeiteten. Aus Chemnitz sind acht Studierende der Europa-Studien in die Ukraine gereist. Vorbereitet und begleitet wurden sie von Dr. Piotr Kocyba von der Professur Kultur- und Länderstudien Ostmitteleuropas. „Im Fokus der Veranstaltung standen die deutsche Minderheit in Polen, die polnische in der Ukraine und die ukrainische in Polen. Darüber hinaus haben wir aber über viele weitere europäische Minderheiten gesprochen“, berichtet Kocyba.

Ursprünglich war die Veranstaltung für das Frühjahr geplant, musste aber aufgrund der politischen Lage in der Ukraine verschoben werden. „Die Ukrainekrise ist auch in Lemberg zu spüren: Auf der einen Seite wirkt alles sehr friedlich, geradezu normal. In den Nachrichten, in den Restaurants und Cafés gibt es aber hauptsächlich nur dieses Thema. Überall gibt es auch Spendensammlungen für die ukrainischen Kämpfer“, erzählt Kocyba und fügt hinzu: „Während des Seminars war dadurch natürlich nicht nur der Minderheitenschutz im Blickpunkt, sondern auch der Schutz solcher Staaten wie der Ukraine, die vielen Minderheiten weitergehende Rechte zusprechen und dennoch von Nachbarn angegriffen werden; obschon etwa in Russland die ukrainische Minderheit kaum Rechte hat.“ Zu den Höhepunkten des Programms zählten zudem ein Besuch des polnischen Konsuls Marian Orlikowski sowie des polnischen Parlamentsabgeordneten der deutschen Minderheit Ryszard Galla.

Die Studierenden haben vier Szenarien für das Jahr 2040 entwickelt. „Die Grundkonstanten waren der Grad der Homogenität beziehungsweise Heterogenität der Gesellschaften sowie die Form der Staatswesen: unitarisch vs. regionalisiert“, fasst Kocyba zusammen und berichtet: „Als ein besonders produktiver Einflussfaktor hat sich die Konfrontation der europäischen Minderheitenpolitik mit der aktuellen Krise in der Ostukraine erwiesen – immerhin handelt es sich hierbei um einen offenen aggressiven Akt, der von Seiten Russlands mit der angeblichen Unterdrückung russischsprachiger Ukrainer begründet wurde. Der Austausch junger Europäer über den Status und Fördermöglichkeiten von Minderheiten stellt damit eines der Fundamente für eine friedliche Koexistenz auch in der Zukunft dar.“ In der trinationalen Zusammenarbeit seien kaum Unterschiede zwischen den Studierenden zu bemerken gewesen: „Es ist offenbar tatsächlich eine europäische Jugend“, so Kocyba.

Detaillierte Ergebnisse stellen die Teilnehmer bis Ende des Jahres in einer kleinen Ausstellung zusammen, die dann in den drei beteiligten Universitätsstandorten zu sehen ist: Im Januar 2015 wird sie in Oppeln präsentiert, im Februar in Chemnitz und im März in Lemberg. „Weitere Veranstaltungen wie diese Herbstschule sollen in einer jährlichen Abfolge an unterschiedlichen Standorten in Ostmitteleuropa durchgeführt werden“, blickt Kocyba in die Zukunft.

Stimmen der teilnehmenden Studierenden:

Martin Glück, Student der Universität Oppeln und Mitglied der deutschen Minderheit in Polen: „Das Projekt in Lemberg hat mir vergegenwärtigt, wie wichtig die Achtung und der Respekt der Rechte nationaler Minderheiten ist. Die Treffen und Gespräche mit Vertretern von Minderheiten zeigten einen interessanten Einblick in ihre Lebenssituation und die bikulturelle Verankerung.“

Natalia Roslik, Universität Oppeln: „Es war super! Ich habe meine Horizonte erweitert, wir haben über die Situation vieler Minderheiten Näheres erfahren und einen Einblick in die geopolitischen Konstellationen erhalten. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt. Und Lemberg ist die schönste Stadt, die ich je besucht habe.“

Anett Daniel, TU Chemnitz: „Die Herbstschule in Lemberg hat mir nicht nur geholfen, die Minderheitenproblematik in anderen Ländern und in Deutschland besser zu verstehen, sie hat auch meine persönliche Sichtweise auf verschiedene Dinge des interkulturellen Zusammenlebens verändert. Die Zeit, die ich in der schönen Stadt Lemberg verbringen durfte, war sehr intensiv. Die Erfahrungen und Erinnerungen, die ich in dieser Zeit sammeln konnte, werden mich den Rest meines Lebens begleiten und prägen.“

Katrin Heinze, TU Chemnitz: „Die Herbstschule in Lemberg brachte uns nicht nur neue Erfahrungen, sondern auch neue Freunde und Eindrücke einer eher unbekannten europäischen Kultur. Neben einem vollen Programm an Veranstaltungen gab es auch genug Zeit, um Stadt und Leute kennen zu lernen. Dabei hat auch der politische Kontext der aktuellen Ukrainekrise einen spannenden Mehrwert für unsere Verortung der geopolitischen Konflikte, denen Minderheiten zum Opfer fallen können, geliefert.“

Samira Jerke, TU Chemnitz: „Die Herbstschule in Lemberg gab uns nicht nur die Möglichkeit, einen Einblick in eine fremde Kultur zu bekommen, sondern half uns auch dabei, die Minderheiten-Problematik und den unterschiedlichen Umgang mit Minderheiten besser zu verstehen. Neben vielen neuen Bekanntschaften hatten wir auch die Möglichkeit, mit Politikern über die Situation zu reden und uns einen Einblick in die Ukrainekrise zu verschaffen. Die Herbstschule brachte mir persönlich sehr viel und gab mir einige neue Denkanstöße.“

Aleksandra Pawlenko, Ukrainerin, die an der Universität in Oppeln studiert: „Dieses internationale Projekt hat uns die Möglichkeit eröffnet, zu verstehen, wie verschieden die Situationen der Minderheiten in Deutschland, Polen und der Ukraine sind. Ich bin eine Ukrainerin und eine Studentin einer polnischen Universität. Deshalb war ich sehr interessiert daran, die Situation der polnischen Minderheit in der Ukraine näher kennenzulernen, zu erfahren, wie die ukrainischen Polen ihre Kultur verorten, wie ihre Sprachkenntnisse des Polnischen ausgeprägt sind, wie sie mit ihrer Zweisprachigkeit umgehen und wie gut sie integriert sind mit ihren ukrainischen Nachbarn. Spannend fand ich den Vergleich zwischen den Deutschen in Polen und der Ukraine. So war ich überrascht, dass die ukrainischen Deutschen kaum mehr des Deutschen mächtig sind.“

Nazarii Zhuchkovskiy, Nationale Iwan-Franko-Universität Lemberg: “Die Herbstschule gab uns viele positive Eindrücke. Wir hatten eine tolle Gelegenheit, mit den anderen Studenten zu kommunizieren und eine Menge neue Dinge über ihre Länder zu erfahren. Es war sehr interessant, die Merkmale der ethnischen Minderheiten in Polen und Deutschland kennenzulernen. Weiterhin war es interessant, mehr über ihre Kultur, Sprache und andere Dinge durch direkte Kommunikation mit ihnen zu lernen, und nicht nur aus Büchern. Ich hoffe, dass diese Schule dazu beitragen wird, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Ukraine, Polen und Deutschland zu stärken.”

Yura Bihan, Nationale Iwan-Franko-Universität Lemberg: “Die Herbstschule war voll von interessanten Diskussionen, Vorträgen und Praktiken in Bezug auf die Probleme der nationalen Minderheiten sowie von Bekanntschaften mit vielen interessanten Menschen. Sie gab uns eine gute Gelegenheit, tiefere Kenntnisse über das Thema zu gewinnen, was sehr wichtig ist, jedoch häufig nicht erwähnt wird.”

Die Chemnitzer Studierenden berichten in einem Blog von ihren Erlebnissen: http://oneweekinlwiw.blogspot.de

Weitere Informationen erteilt Dr. Piotr Kocyba, Telefon 0371 531-38521, E-Mail piotr.kocyba@phil.tu-chemnitz.de.

Katharina Thehos
24.10.2014

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