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Islamischem Dschihad in Deutschland auf der Spur

Dr. Michail Logvinov, Politikwissenschaftler und Promovend an der TU Chemnitz, zeichnet die Wege der deutschen Dschihadisten gen Zentralasien und zurück nach und zeigt Gefahren für Deutschland auf

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Die Verurteilung der "Sauerland-Gruppe" sorgte für Schlagzeilen. Foto: Katharina Thehos

Am 4. September 2007 wurden nach monatelangen nachrichtendienstlichen Ermittlungen drei mutmaßliche Mitglieder der Islamischen Dschihad-Union (IJU) im sauerländischen Oberschledorn festgenommen. Die Mitglieder der so genannten "Sauerland-Gruppe" wollten im Herbst 2007 - laut Anklage der Bundesanwaltschaft - im Auftrag der IJU amerikanische Kasernen, Pubs oder Diskotheken in deutschen Großstädten in die Luft sprengen. Die Terroristen, Fritz Gelowicz, Adem Yilmaz und Daniel Schneider, standen wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung, Vorbereitung eines Sprengstoffanschlages und Verabredung zum Mord vor Gericht. Laut Urteil des Düsseldorfer Oberlandesgerichts vom 4. März 2010 müssen sie bis zu zwölf Jahre hinter Gitter. "Die Bemühungen der in Deutschland aufgewachsenen Täter, mehrere Anschläge mit möglichst hohen Personen- und Sachschäden zu verüben, brachten eine in der Bundesrepublik bis dahin nicht gekannte Tätertypologie des ‚home-grown‘-Terrorismus zum Vorschein", berichtet Dr. Michail Logvinov, Politikwissenschaftler und Promovend an der TU Chemnitz. Logvinov studierte und promovierte bereits in Russland; an der TU Chemnitz strebt er eine Zweitpromotion an zum Thema "Russlands Kampf gegen den Internationalen Terrorismus: Symmetrien und Asymmetrien des Bekämpfungseinsatzes" bei Prof. Dr. Eckhard Jesse, Inhaber der Professur Politische Systeme, politische Institutionen an der TU Chemnitz.

Auf einer türkischsprachigen Dschihadisten-Webseite bekannte sich die IJU zu den vereitelten Anschlagsplänen der Sauerland-Gruppe. "Terrorismusexperten gelangten auf der Grundlage dieser und weiterer Indizien zur Erkenntnis, dass die Islamische Dschihad-Union die angestrebte Internationalisierung des Dschihad durch Kontakte mit Al-Qaida, den Taliban und türkischen Terroristen erfolgreich umzusetzen wusste", sagt Logvinov. "Die 2002 unter dem Namen Islamische Dschihad-Union gegründete Organisation wird von den US-Behörden unter dutzend Namen als Terrororganisation geführt. Auch die Vereinten Nationen verzeichnen diese seit 2005 auf der Liste terroristischer Vereinigungen. Dennoch waren weder die Urheberschaft der früheren Attentate in Usbekistan, die der Gruppierung zugeschrieben wurden, noch die Existenz dieser Organisation nach den vereitelten Anschlägen in der Bundesrepublik unumstritten. Viele Kritiker sagen, die IJU sei ein Phantom und in britischen Islamistenkreisen oder usbekischen Exilkreisen weltweit nicht bekannt. Der baden-württembergische Verfassungsschutz, aber auch der britische Botschafter in Usbekistan haben voreilig argumentiert. Denn spätestens seit den Selbstmordanschlägen des deutschen Islamkonvertiten Cüney Ciftci gilt als zweifelsfrei erwiesen, dass die usbekische Terrororganisation keine Unbekannte in der internationalen Dschihadisten-Szene und mitnichten ein Mythos oder ein Phantom ist. Auch Geständnisse der Sauerland-Gruppe ermöglichen tiefere Einblicke in den Gotteskriegeralltag im afghanisch-pakistanischen Raum", so der Politikwissenschaftler weiter.

Aber auch für Deutschland berge die IJU Gefahr. "Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sie ihren Einfluss auch dort geltend machen, wo es mit Islamisten sympathisierende türkische Milieus gibt. Eine türkische ‚Al-Qaida‘ ist daher ein potentielles Risiko für die westlichen Gesellschaften mit unterprivilegierten und von der Leitkultur abgeschotteten Bevölkerungsschichten in der türkischen Diaspora", weiß Logvinov und fügt hinzu: "Deutsch ist in pakistanischen und afghanischen Terrorcamps inzwischen Umgangssprache. Auch die Mitglieder des ‚Ulm-Sauerländer-Netzwerkes‘, der deutschen Zelle des Dschihadismus, haben sich über Jahre hinweg radikalisiert, bevor die Sauerland-Gruppe sich auf den Weg nach Pakistan machte. Auch wenn ihre Mitglieder nur durch einen Zufall in einem dortigen Terrorcamp gelandet sind, ist davon auszugehen, dass eine um die Nachfolgerschaft buhlende und auf Belange einer Subkultur beziehungsweise der deutschstämmigen Islamisten abgestimmte terroristische Vereinigung die Radikalisierung fördern und kanalisieren würde." Im Moment gehe es der Organisation denkbar schlecht; im September 2009 musste sie herbe Rückschläge hinnehmen. Meldungen der Sicherheitsdienste bestätigten, dass die IJU ihren führenden Kopf, Nadschmiddin Dschalolov, verloren hätte. Auch die finanzielle Situation sei prekär, was sich auch auf das Ausbildungsniveau der Terroristen auswirke. Das monatliche Einkommen eines Gotteskriegers schwanke zwischen 15 und 40 Euro. "Alle Kapazitäten der Islamischen Dschihad-Union sind unter den momentanen Bedingungen mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschöpft", vermutet Logvinov. "Trotzdem ist die Gefahr eines erneuten Anschlagsversuchs nicht ganz von der Hand zu weisen. Zunehmend sind auch deutsche Konvertiten willig, ihr Leben dem Dschihad im afghanisch-pakistanischen Raum zu widmen. Diese werden von Mudschaheddin geschätzt und dazu genutzt, massive Propaganda gegen Deutschland und den deutschen Afghanistan-Einsatz zu fördern", so Logvinov weiter.

Der Chemnitzer Politikwissenschaftler stellt nun seine Forschungsergebnisse rund um die Islamische Dschihad-Union in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Die Kriminalpolizei" vor. Sein Artikel "Islamische Dschihad-Union - ein greifbares Phantom" ist auch online abrufbar.

Weitere Informationen erteilt Dr. Michail Logvinov, E-Mail Mikhail.Logvinov@s2004.tu-chemnitz.de.

(Autorin: Anett Stromer)

Katharina Thehos
10.03.2010

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