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Von „Critical Walks“ über Seminare bis zu kooperativen Lehrforschungsprojekten

Philosophische Fakultät der TU Chemnitz kooperiert mit der Offener Prozess gGmbH – dem Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex in Sachsen

Die Philosophische Fakultät der Technischen Universität Chemnitz und die Offener Prozess gGmbH – ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex in Sachsen – arbeiten künftig eng zusammen, um Forschung, Lehre und dokumentarische Praxis eng zu verbinden. Ziel ist es, Räume für kritische Auseinandersetzung zu schaffen, die Sichtbarkeit marginalisierter Perspektiven zu stärken und dazu beizutragen, Wissen über rechte Gewalt öffentlich zugänglich zu machen. 

Am 19. Mai 2026 fand der Auftakt dieser Kooperation in Form eines „Critical Walks“ im ehemaligen Chemnitzer Fritz-Heckert-Gebiet statt. Der „Critical Walk“ ist ein von Offener Prozess konzipierter Stadtteilspaziergang, der sich mit der architektonischen, sozialen und politischen Geschichte des Viertels auseinandersetzt – mit einem Schwerpunkt auf dem Stadtteil als Wohnort, Vernetzungsraum und Tatort des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU).

Alle Studierenden wie auch Dozentinnen und Dozenten zeigten sich sowohl sehr offen und interessiert, aber auch sehr betroffen: einerseits angesichts des tiefgreifenden Statuswandels, den das Fritz-Heckert-Gebiet (jetzt u. a. Hutholz) aufgrund der Wiedervereinigung und der Abwanderung durchlaufen musste, zum anderen aber auch angesichts der damaligen offenen rechtsradikalen Dominanz im Viertel, die es den NSU-Angehörigen erst möglich machte, unentdeckt ihre Taten weiter zu begehen. 

Der Walk endet mit einer Gedenkrunde zu allen Opfern des NSU-Terrors am Wandgemälde der Freiraumgalerie Halle „In Unserer Mitte“ an der Neukirchner Straße / Ecke Friedrich-Viertel-Straße. Die an der Hauswand dargestellten Gegenstände erinnern symbolisch an die Ermordeten und eine Gedenktafel nennt ihre Namen: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.

„Baseballschlägerjahre“ im Fokus von Seminaren

Der für Dokumentation, Forschung und Archiv zuständige Bereich „Sammeln & Teilen“ von Offener Prozess legt in diesem Jahr einen besonderen Fokus auf die Aufarbeitung rechter Gewalt in Ostdeutschland und sammelt u. a. Interviews mit Betroffenen rechter Gewalt in den 1990er Jahren in Chemnitz und Südwestsachsen. Ziel ist der Aufbau eines Oral-History-Archivs, das öffentlich zugänglich gemacht wird.

Die TU Chemnitz beleuchtet im Sommersemester 2026 ebenfalls in einschlägigen Seminaren die sogenannten „Baseballschlägerjahre“ aus verschiedenen Perspektiven. Dazu besuchen die Chemnitzer Studierende die Dauerausstellung von Offener Prozess am Johannisplatz, recherchieren und arbeiten mit den Materialien des Archivs und des Forschungsbereichs und kommen mit den Mitarbeitenden des Dokumentationszentrums ins Gespräch. Zudem analysieren die Studierenden die Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen unter verschiedenen Gesichtspunkten und stellen die Ergebnisse dem entstehenden Archiv zur Verfügung.

Prof. Dr. Ulrike Deppe, Inhaberin der Professur Allgemeine Erziehungswissenschaft an der TU Chemnitz, widmet sich im kooperativen Lehrforschungsprojekt „(Rechte) Jugendgewalt und pädagogische Professionalität“ u. a. dem Konzept der „akzeptierenden Jugendarbeit“ — einem Ansatz, durch den sich rechte Jugendliche unkonfrontiert in Jugendzentren aufhalten und mutmaßlich gegenseitig radikalisieren konnten. Anders als in den 90er Jahren, sollen auch die Perspektiven der Opfer von (rechter) Jugendgewalt berücksichtigt werden.

Im Seminar „Aufwachsen in den „Baseballschlägerjahren“ von Dr. Theo Döppers, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur Allgemeine Erziehungswissenschaft, untersuchen Masterstudierende verschiedene Personengruppen, die Anfang der 1990er-Jahre in Chemnitz Opfer von rechter Gewalt geworden sind, mit einem Schwerpunkt auf Themen wie Migration und Jugendkulturen. 

Wem gehört Erinnerung in einer Gesellschaft? Woran wird erinnert? Welche Rollen spielen Rassismus und Identität dabei? Diese Fragen ergründet Dr. Manuel Peters, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur Interkulturelle Kommunikation, gemeinsam mit Studierenden im Seminar „Wessen Erinnerung? Erinnerung, Rassismus, Zugehörigkeit in (Ost-)Deutschland“. Dabei suchen sie gezielt nach Lücken in vorherrschenden Erinnerungsdiskursen und fragen weiter nach den Folgen dieser Auslassungen.

Weitere Informationen erteilt Prof. Dr. Ulrike Deppe, E-Mail ulrike.deppe@phil.tu-chemnitz.de.

(Autorin/Autor: Prof. Dr. Ulrike Deppe, Dean Ruddock)

Veranstaltungshinweis: Im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche „Wissenschaft gegen Faschismus“, an der sich auch die TU Chemnitz beteiligt, findet am 4. Juni 2026 um 17 Uhr eine Öffentliche Führung durch die Ausstellung “Offener Prozess” im Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex, Johannisplatz 8, statt. Die Teilnehmenden erfahren, wie die Ausstellung aufgebaut ist und erhalten so einen Überblick darüber, was wo in der Ausstellung thematisiert wird. Nach der  45-minütigen Führung durch die Ausstellung können noch Fragen gestellt und diskutiert werden.  

Mario Steinebach
29.05.2026

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