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„Die Studienzeit ist die schönste Zeit des Lebens“

TU-Absolventin Simone Ross wagte den beruflichen Sprung in die USA – Aus ihrer Sicht helfen einem Logik, Flexibilität und Freundlichkeit in fast jeder Lebenslage weiter

Simone Ross (geb. Rudow) studierte von 1985 bis 1990 Textiltechnologie mit vertiefter Informationsverarbeitung an der Technischen Universität Karl-Marx-Stadt. Nach mehreren Stationen in der Textilbranche arbeitet sie heute für die US Tochtergesellschaft einer Bochumer IT Firma. Seit 2010 ist New York ihr Lebensmittelpunkt. Für „Uni aktuell“ berichtet sie über ihre Umwege zum Studium und zum Traumberuf, über das Studentenleben vor 30 Jahren und über einen Nebenjob beim Fernsehen der DDR.

War das Textiltechnik-Studium Ihre erste Wahl oder hatten Sie andere Vorstellungen von dem, was Sie einmal werden wollten?

Mein Weg verlief nicht geradlinig. Wir mussten uns alle zu Beginn der 11. Klasse um einen Studienplatz bewerben. Ich wusste damals nicht, was ich werden wollte. Ich absolvierte zuerst zwei Eignungsprüfungen – als Landschaftsarchitektin und als Dolmetscherin. Beide habe ich nicht bestanden. Danach hatte ich mich für ein Architekturstudium beworben. Auch dafür schaffte ich den Zugang nicht. Es war ganz schrecklich. Ich war eigentlich sehr gut in der Schule und vielseitig interessiert. Aber ich hatte keine Chance, gegen alle Kandidaten, die schon sehr früh wussten, was sie werden wollten und dafür kämpften. Als ich spürte, dass ich leer ausgehen würde, habe mich das allererste Mal gefragt: “Was macht mir richtig Spaß?” Die Antwort war plötzlich da: Mode. Ich hatte mich dann für eine Eignungsprüfung an der Modefachschule in Berlin angemeldet und diese auch bestanden. Ich hatte dann aber noch die Chance, in der sogenannten zweiten Bewerbungsrunde den Studienplatz in Karl-Marx-Stadt zu ergattern. So wurde dann doch noch alles gut.

Sie haben in einer sehr bewegten Zeit studiert. Was hat Ihnen das Studium und die Erfahrungen, die Sie an der TU machen durften, für Ihren bisherigen Lebensweg gebracht?

Mein letztes Studienjahr begann kurz vor der Wende. Keiner hat im September 1989 geahnt, was sich politisch tun würde. Rückblickend waren es bewegte und sehr spannende Zeiten, aber auch sehr unsichere. Wir hatten in der DDR ja alle Ausblick und Anspruch auf einen festen Arbeitsplatz. Im September 1989 wussten meine Mitkommilitonen und ich noch, wo jeder von uns am 1. September 1990 anfangen würde zu arbeiten. Vier Monate später hatte sich das alles geändert. Vom Studium mitgenommen habe ich, dass man nicht alles wissen kann, aber wissen muss, wo man es nachlesen kann. Die Google-Suchmaschine kam ja erst später. Und: Naturgesetze scheren sich nicht um politische Systeme. Wir hatten ein dreijähriges Grundstudium und sind in Mathe, Physik, Chemie und diversen Grundlagenfächern sehr gut ausgebildet worden. Das hatte auch nach der politischen Wende Bestand. Besonders begeistert haben mich damals alle Fächer, die mit der Bekleidungsherstellung zu tun hatten. Aber auch die Programmiersprachen. Das waren damals Basic und Pascal. 

Wie haben Sie den Einstieg ins Berufsleben nach Ihrem Studium erlebt?

Wie gesagt, es war die Wendezeit. Ich hatte einen mündlichen Arbeitsvertrag mit den Bekleidungswerken Erfurt. Als ich meinen Vertrag im März 1990 abholen wollte, gab es plötzlich einen Einstellungsstopp. Da damals der mündliche Arbeitsvertrag noch galt, habe ich geklagt und bekam Recht. Mir wurde dann ein Arbeitsvertrag, wie vom Gericht angeordnet, zugeschickt. Im selben Briefumschlag lag aber auch die Kündigung dieses Vertrages. Ich zog dann wieder vor Gericht und habe gegen die vorfristige Kündigung geklagt und erneut Recht bekommen. So hatte ich den Betrieb, für den ich noch nicht einen Tag gearbeitet hatte, schon zweimal erfolgreich verklagt. Mir war klar: die schmeißen dich ganz sicher am ersten Arbeitstag raus. Ich bin daraufhin zeitnah mit meinem Wartburg quer durch Westdeutschland gefahren. Ich hatte Betriebe rausgesucht, für die ich mir vorstellen konnte zu arbeiten. Ich wollte dort vor Ort klingeln und mich vorstellen, habe dann aber sehr schnell gemerkt: so funktioniert das nicht. Erstaunlicherweise haben mich dann die Bekleidungswerke Erfurt doch eingestellt und nicht am ersten Arbeitstag entlassen. Mir sagte damals jemand: Wer so tapfer für seine Sache kämpft, den schauen wir uns genauer an. Ich möchte deshalb allen Mut machen, sich auch in derartigen Situationen nicht kleinkriegen zu lassen. Man muss dranbleiben.

Wie ging es beruflich weiter?

Meine damalige Chefin bei den Bekleidungswerken Erfurt prophezeite, dass es den Betrieb nicht mehr lange geben würde. Deshalb schaute ich mich in der Branche weiter um und stand eines Tages im Betriebsverkauf von Hugo Boss in Metzingen. Als ich dort die Produktpalette sah, dachte ich: die machen das hier auch nicht anders als im Osten, aber die Stoffe sind klasse. Ich bewarb mich und kurz darauf war ich die erste Ostdeutsche, die Hugo Boss eingestellt hat. Ich bin zehn Jahre geblieben und hatte dort eine großartige Zeit. Danach war ich für Hugo Boss in der Schweiz tätig, wechselte dann zu Gerry Weber und bin danach wieder zurück zu Hugo Boss nach Deutschland. 2008 wollte ich dann noch mal etwas völlig Neues probieren, doch mein Timing war schlecht. Es war Weltwirtschaftskrise. Jobs gab es keine. Ich habe dann mit dem Rucksack in drei Monaten die Welt umrundet und während der Reise auf Hawaii meinen heutigen Ehemann kennengelernt. Er ist Amerikaner. 2010 habe ich dann den ganz großen Schritt gewagt und bin in die USA gezogen. Ich lebe und arbeite heute in New York.

Haben Sie diesen Schritt jemals bereut?

Nein, denn ich habe hier in den USA meine Erfahrung in der Bekleidungs- und in der IT-Welt in idealer Weise vereinen können. Rückblickend habe ich genau das Richtige studiert. Oder anders gesagt: Ich habe mir immer Jobs gesucht, die zu meiner Ausbildung passten. Heute arbeite ich als Chief Operations Officer für die Setlog Corporation. Das ist die US-Tochtergesellschaft einer Bochumer IT Firma.

Und wofür sind Sie dort zuständig?

Unser Produkt ist eine Supply Chain Management und Vendor Compliance Software. Wir unterstützen damit die Digitalisierung in der Industrie. Viele unserer Kunden stellen Möbel, Bekleidung, Schuhe und alle möglichen Produkte der Fast Moving Consumer Goods Industrie her. Wir schaffen bei ihnen mit unserer Technologie die leidigen E-Mails und Excel-Listen ab. Unsere Kunden wissen immer aus einer Quelle, wo ihre Güter gerade sind und wer im Prozess den nächsten Schritt tun muss. Das große Thema ist derzeit die Digitalisierung der kompletten Lieferkette. Das ist Setlogs Kerngeschäft. Wir sind in Nordrhein-Westfalen bereits sehr gut vernetzt. Ich möchte nun unser Netzwerk auch nach Sachsen und in den USA erweitern. Ich baue derzeit Kontakt auf zu Interessierten aus Forschung und Industrie, die sich mit diesem Thema theoretisch und praktisch auseinandersetzen.

Blicken wir noch einmal auf Ihre Studienzeit. An was erinnern Sie sich besonders gern?

Ich habe damals im Studentenwohnheim in der Vettersstraße 52 gewohnt. Es war toll, dort und auf dem Campus viel mit seinen Kommilitonen unternehmen zu können. Wir waren oft in Studentenclubs und bei Veranstaltungen in der Mensa anzutreffen. Es war immer was los. Wir sind deshalb auch am Wochenende in Chemnitz geblieben. Ich erinnere mich beispielsweise an eine außergewöhnliche Faschingsveranstaltung in der Mensa im November 1989. Es war nicht einfach, Karten dafür zu bekommen. Meine Freunde und ich hatten welche, aber die Veranstaltung war an diesem Abend leer. Es stellte sich schnell heraus, dass die innerdeutsche Grenze aufgegangen war und sich viele spontan auf den Weg gemacht hatten.

Haben Sie neben dem Studium auch arbeiten müssen?

Ich habe nebenbei für das Fernsehen der DDR gearbeitet, unter anderem als Kabelhalter. Ich weiß nicht mehr, wie die Sendungen alle hießen, aber wir haben im TV-Studio oft auch Rätselfragen und Spiele ausprobiert, bevor die wirklichen Kandidaten damit konfrontiert wurden. Wir waren auch bei Fernsehaufzeichnungen und Livesendungen in der Stadthalle dabei. Dort haben wir die Stars aus dem In- und Ausland hautnah erlebt.

Was würden Sie Studierenden auf ihrem Weg ins Berufsleben und vor allem für eine erfolgreiche Studienzeit empfehlen? 

Als erstes: die Studienzeit ist die schönste Zeit des Lebens. Genießt sie und nehmt alles mit! Zweitens: ich habe mich während der Studienzeit, besonders im Grundstudium immer gefragt: warum muss ich das lernen? Das werde ich nie brauchen! Ich lag immer falsch. Drittens: Logik, Flexibilität und Freundlichkeit helfen einem in fast jeder Lebenslage weiter.

Suchen Sie heute noch den Kontakt zu Ihrer Uni?

Ja, ich bin mit meiner Seminargruppe TMT 85 weiter in Kontakt. Wir haben uns das erste Mal zehn Jahre nach dem Studienabschluss getroffen. 2007 nahm ich am Alumni-Treffen in Chemnitz teil. Das war toll, weil man ja mit viel mehr Leuten Verbindungen hatte als nur mit seiner Studiengruppe. Solche Veranstaltungen zu besuchen, kann ich jedem Absolventen empfehlen.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Das Interview führte Mario Steinebach.)

Mario Steinebach
14.03.2018

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