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Praxisworkshop zu Datenerhebung unter rechten Demonstranten

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Akteurinnen und Akteure aus der politischen Bildung diskutierten gemeinsam Schwierigkeiten und Grenzen bei der Erforschung rechter Bewegungen

Die Professur Kultur- und Länderstudien Ostmitteleuropas der Technischen Universität Chemnitz hat im Januar 2015 gemeinsam mit dem Berliner Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) eine der ersten und meistzitiertesten Studien zu Pegida durchgeführt (https://protestinstitut.eu/wp-content/uploads/2015/03/protestforschung-am-limit_ipb-working-paper_web.pdf). Dabei sind die Forscherinnen und Forscher – trotz der teilweise jahrzehntelangen Erfahrung der Kolleginnen und Kollegen vom Berliner ipb – gleich auf mehrere Probleme gestoßen: Unter immensem Zeitdruck musste ein Forschungsdesign für eine dem Establishment (und damit auch der Wissenschaft) gegenüber abweisend eingestellte Protestbewegung entwickelt werden. Es musste eine Strategie gefunden werden, Fragen etwa zum Rassismus an ein Untersuchungsobjekt zu stellen, das unter dem Verdacht des Rechtsradikalismus stand und diesen vehement abstritt. Das alles blieb nicht ohne Konsequenzen. Zum einen konnten keine repräsentativen Ergebnisse generiert werden; zum anderen begegneten die Pegida-Demonstrantinnen und Demonstranten einem nicht unerheblichen Teil des Erhebungsteams feindselig – häufiger verbal und seltener physisch. Ähnliche Erfahrungen haben alle anderen Teams gemacht, die Anfang 2015 Daten unter den Dresdner Demonstrantinnen und Demonstranten erhoben haben.

Seit den ersten Präsentationen von Ergebnissen zur Dresdner Pegida haben ausgewählte Forscherinnen und Forscher nicht nur weitere Daten auf den Demonstrationen erhoben (so etwa Werner J. Patzelt oder Karl-Heinz Reuband), sondern auch allgemeinere Erklärungsansätze für das Protestgeschehen in der sächsischen Landeshauptstadt angeboten (bspw. Karl-Siegbert Rehberg, Tino Heim oder Oliver Nachtwey). Gleichzeit hat sich am Berliner ipb der Initiativkreis „Rechte Protestmobilisierungen“ konstituiert, der nicht nur auf die Schaffung eines Netzwerks von Expertinnen und Experten für rechte Demonstrationserforschung, sondern auch auf Reflexion und Weiterentwicklung des hierzu notwendigen Methodeninstrumentariums abzielte.

Dieser Aufgabe verpflichtet hat der ipb-Initiativkreis am 13. Februar 2017 an der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung den Praxisworkshop „Sozialwissenschaftliche Datenerhebung im Rahmen rechter Protestmobilisierungen“ organisiert. 22 Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft, der politischen Bildung, aber auch aus dem Bereich der zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus haben gemeinsam Einblick in die wissenschaftlichen Erhebungsmethoden von Daten unter rechten Demonstrationen genommen. Den Praxisworkshop eröffneten Vertreterinnen und Vertreter des ipb (Piotr Kocyba, Dieter Rucht und Simon Teune) und der beiden Teams um Hans Vorländer (Steve Schäller) und Werner J. Patzelt (Christian Eichardt, Clemens Pleul sowie Stefan Scharf). Alle anwesenden Pegida-Forscherinnen und -Forscher legten ihre Vorüberlegungen zu den jeweiligen Befragungen sowie ihre Erfahrungen im Forschungsfeld dar und stellten diese zur Diskussion. Im Mittelpunkt dieser konstruktiven (und oftmals selbstkritischen) Inputs standen die beiden Fragen nach einer Maximierung der Rücklaufquote (also des Anteils derjenigen Protestierenden, die bereit sind, an einer Befragung teilzunehmen) sowie der Minimierung der Reibungspunkte zwischen Forscherinnen und Forschern sowie Pegida-Demonstrantinnen und -Demsonstranten. Betont wurde auch der Bedarf an Vernetzung, damit in Zukunft methodische Absprachen (etwa zu der Gestaltung der Fragebögen) sowie eine stärkere Koordinierung einzelner Erhebungswellen gewährleistet werden kann.

Nach der Reflexion der quantitativen Zugänge lag am Nachmittag der Fokus auf qualitativen Methoden und ihren Grenzen bei der Erforschung rechter Bewegungen. Vorgestellt wurden laufende Arbeiten, die mit (biographischen) Interviews arbeiteten oder die aus der theaterwissenschaftlichen Perspektive der "performance analysis" argumentieren. Dabei wurden ähnliche Schwierigkeiten wie bei der Befragung von Demonstrantinnen und Demonstranten offensichtlich: Probleme beim Zugang zum Feld bzw. zu Interviewpartnerinnen und -partner, aggressive Reaktionen auf Forschende, teilweise rassistische Aussagen der Gesprächspartnerinnen und -partner. Dies alles hat dabei nicht nur methodische Konsequenzen, sondern führt auch zu emotionellen Belastungen und Bedenken, inwiefern die Sicherheit der Forschenden garantiert werden kann.

Abgeschlossen wurde die Veranstaltung durch Kommentare von Akteurinnenund Akteuren aus der politischen Bildung (Frank Richter), der zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus (der Amadeu Antonio Stiftung und des antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrums Berlin) und der beiden Protestforscher Dieter Rucht und Simon Teune. Der gemeinsame Tag zeigte nicht nur die Vielfalt an Zugängen zur rechten Protestmobilisierung, sondern auch die weiterhin bestehenden Desiderata methodischer, organisatorischer wie auch ethischer Art. Deshalb hat sich infolge des Praxisworkshops aus der Initiativgruppe ein Arbeitskreis gegründet, der unter dem Dach des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung eine Plattform für Forscherinnen und Forscher rechter Demonstrationen bieten will.

Weitere Informationen erteilt Dr. Piotr Kocyba, Telefon 0371 531-38521, E-Mail piotr.kocyba@phil.tu-chemnitz.de.

(Autor: Dr. Piotr Kocyba)

Mario Steinebach
02.03.2017

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