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Psychische Belastungen in der Sozialwirtschaft nehmen zu, Ressourcen dagegen ab

Mitarbeiter des Instituts für Psychologie der TU Chemnitz befragten knapp 500 Fach- und Führungskräfte zur derzeitigen Arbeitssituation in der sächsischen Sozialwirtschaft

  • Foto: Ina Huke

Die Auswirkungen des demografischen Wandels in Deutschland sind in vielen Teilbereichen der Gesellschaft spürbar. Die Sozialwirtschaft ist von dieser Herausforderung gleich zweifach betroffen. Zum einen führt die gewandelte Altersstruktur in Deutschland zu einem wachsenden Bedarf an sozialwirtschaftlichen Dienstleistungen, der mit einem weitgehend stagnierenden, teils sogar reduziertem Budget bewältigt werden muss. Zum anderen trägt der demographische Wandel dazu bei, dass weniger junge Menschen für eine Beschäftigung in der Sozialwirtschaft zur Verfügung stehen. Dies führt zum einen zu einem Fachkräftemangel und zum anderen zu einer veränderten Altersstruktur in der Belegschaft. Das mit Mitteln der Europäischen Union geförderte Projekt "Respekt! - Erfahrung als Ressource" wurde von der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten (AGJF) Sachsen e.V. ins Leben gerufen, um politische Entscheidungsträger und die Führungskräfte der betreffenden sozialen Einrichtungen bei diesem Spagat zwischen zunehmender Arbeitsverdichtung und veränderter Altersstruktur in der Belegschaft zu unterstützen. Die nun vorliegende Studie "Befragung von Fachkräften in der sächsischen Sozialwirtschaft" diente in diesem Rahmen dazu, auf Basis der Einschätzungen von Fach- und Führungskräften ein wissenschaftlich abgesichertes Bild der Arbeitssituation in der sächsischen Sozialwirtschaft zu gewinnen und einen Eindruck davon zu erhalten, wie sich die Arbeitssituation und aktuelle Entwicklungen in diesem Tätigkeitsbereich auf die Beschäftigten auswirken. Die Studie wurde von der AGJF in Zusammenarbeit mit dem Forscherteam rund um Dr. Michael Knoll, damals Mitarbeiter der Professur Wirtschafts-, Organisations- und Sozialpsychologie der TU Chemnitz, heute Durham University Business School, im Zeitraum von September bis November 2012 durchgeführt.

"Wesentliche Inhalte der Studie waren die Belastungen und Ressourcen in der Arbeitstätigkeit und im Arbeitsumfeld und wahrgenommene Veränderungen im Zeitraum der letzten fünf Jahre. Zudem wurden die Teilnehmer gebeten, sich zu ihrem Gesundheitszustand, ihren Einstellungen zu ihrer Arbeit und ihrer Organisation und zu ihrem Umgang mit kritischen Situationen zu äußern", berichtet Markus Burkhardt, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Forschungsmethodik und Evaluation in der Psychologie an der TU Chemnitz und als Mitglied der Forschergruppe verantwortlich für die statistische Analyse der Antworten der insgesamt 493 Befragungsteilnehmer. Die Ergebnisse der Studie ließen das Chemnitzer Forscherteam schlussfolgern, dass eine Tätigkeit in der sächsischen Sozialwirtschaft durchaus Potenziale für ein ansprechendes Niveau an Arbeitszufriedenheit bietet. So äußerten sich die Befragten zufrieden mit den Möglichkeiten, sich persönlich in der Arbeit weiterzuentwickeln und einbringen zu können und sie äußerten sich zufrieden mit der Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit und mit den Kollegen, mit denen sie zusammenarbeiten. Außerdem schätzten die Beschäftigten ihre derzeitige Arbeitsfähigkeit im Durchschnitt als relativ hoch ein. Diesen positiven Befunden steht jedoch gegenüber, dass ebenfalls ein beträchtlicher Anteil der befragten Beschäftigten das Auftreten von Burnout-Symptomen berichtet. Darüber hinaus kann es sich ein großer Teil der Beschäftigten nicht vorstellen, unter derzeitigen Anforderungen bis zur Rente weiterzuarbeiten. Ebenfalls beklagten die Befragten die Zunahme psychischer Belastungen und eine Zunahme des ökonomischen Drucks. Gerade diesen Trend schätzen die Chemnitzer Psychologen als durchaus bedenklich ein, da sich die Entwicklungen hinderlich auf die von den Beschäftigten geschätzten Charakteristika ihrer Arbeitstätigkeit - nämlich die Möglichkeit, sich bei der Arbeit weiterzuentwickeln und einen Sinn in der Arbeitstätigkeit zu sehen - auswirken. "Diese Bedrohung der ökonomischen, aber auch persönlichen Ressourcen könnte die Arbeitssituation in der sächsischen Sozialwirtschaft in Zukunft verschlechtern und die Aussichten der Branche gefährden, qualifizierte Arbeitskräfte anzuziehen und diesen eine Perspektive zu bieten", weist Knoll auf potenzielle Entwicklungen in der sächsischen Sozialwirtschaft hin.

Das Ziel dieser ersten Studie bestand darin, Belastungen und Ressourcen der Arbeitstätigkeit und des Arbeitsumfeldes zu identifizieren und zu erfahren, wie diese Faktoren sich auf die Gesundheit, die Zufriedenheit und das Verhalten der Beschäftigten auswirken. Der nächste Schritt, so sind sich die Chemnitzer Wissenschaftler einig, besteht nun darin, die Ergebnisse zu nutzen um die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingen, in denen die Mitarbeiter der Sozialwirtschaft ihre Dienste anbieten, zukünftig möglichst positiv mitzugestalten. Um Verantwortliche in den Organisationen und politische Entscheidungsträger auf die Ergebnisse aufmerksam zu machen und mit ihnen in Dialog zu treten, wurden die Ergebnisse am 26. Juni 2013 im Rahmen der Fachtagung "Respekt! Erfahrung als Ressource - Die Arbeit gesundheitsförderlich und alter(n)sgerecht gestalten" im Projekthaus METEOR der Professur für Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement der TU Chemnitz präsentiert. Bei den Diskussionen wurde deutlich, dass den zum Teil recht differenzierten Befunden der Studie nicht mit einfachen Lösungen zu begegnen sein wird. So zeigte sich in der Studie beispielsweise, dass eine hohe Arbeitsintensität einerseits mit Burnout einhergeht, die Arbeitszufriedenheit der Befragten andererseits aber nicht stark beeinträchtigt. Zumindest zum Teil kann diese negative Wirkung der Arbeitsintensität auf Rollenkonflikte zurückgeführt werden. Sahen sich die Beschäftigten mit widersprüchlichen Anforderungen oder Zwiespälten in der Ausführung ihrer Arbeitsfähigkeit konfrontiert, so berichteten sie auch über häufigere Burnout-Symptome und geringere Arbeitszufriedenheit. An dieser Stelle appelliert das Team um Dr. Michael Knoll vor allem an die Verantwortung der Führungskräfte, die häufig für die Gestaltung der Rahmenbedingungen am Arbeitsort eine wichtige Rolle spielen: "Während mit einem guten Verhältnis zu den Führungskräften häufig eine höhere Arbeitszufriedenheit, weniger Burnout-Symptome und ein konstruktiverer Umgang mit kritischen Situationen einherging, sind für das Auftreten von Rollenkonflikten allerdings auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie finanzielle Einschnitte in der Ausstattung und eine Zunahme psychischer Belastungen und des ökonomischen Drucks relevant", so Knoll.

Das Chemnitzer Forscherteam hofft, mit der durchgeführten Studie eine Hilfestellung für zukünftige Entscheidungen zu liefern, weist aber auch auf die Notwendigkeit von Folgestudien für eine noch bessere Erforschung der sächsischen Sozialwirtschaft. "Wir wollen weiter mit Carsten Kuniß und den Leuten von der AGJF zusammenarbeiten und freuen uns, dass wir für einen Antrag auf ein Anschlussprojekt auch Prof. Dr. Udo Rudolph von der Professur für Allgemeine und Biopsychologie gewinnen konnten, der mit seinen Initiativen `Huckepack´ und `Get Started´ intensiv mit Beschäftigten in der Sozialwirtschaft, vor allem in Institutionen der Kinder-, Jugend- und Elternarbeit, kooperiert", blickt Dr. Knoll in die Zukunft.

Weitere Informationen erteilen Dr. Michael Knoll, Research Fellow an der Durham University Business School, E-Mail michael.knoll@durham.ac.uk, sowie Markus Burkhardt, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Forschungsmethodik und Evaluation in der Psychologie an der TU Chemnitz, E-Mail markus.burkhardt@psychologie.tu-chemnitz.de.

Eine ausführlichere Darstellung der Ergebnisse findet sich in einer Sonderbeilage der Ausgabe 3/2013 des Magazins "Corax. Magazin für Kinder- und Jugendarbeit in Sachsen" und in einem Artikel in der Ausgabe 3 der Zeitschrift "Sozialwirtschaft - Zeitschrift für Führungskräfte in sozialen Unternehmungen". Der komplette Projektbericht kann über Carsten Kuniß, Leiter des Projekts "Respekt! - Erfahrung als Ressource", bezogen werden (E-Mail kuniss@agjf-sachsen.de).

(Autorin: Ina Huke unter Mitarbeit der Beteiligten)

Katharina Thehos
28.10.2013

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