„Die Zeit an der TU Chemnitz war eine Zeit des persönlichen Wachsens“
Drei indische Doktorandinnen vom Liberal Arts Department des Indian Institute of Technology in Bhilai berichten von ihrem dreimonatigen Aufenthalt an der Professur Anglistische Literaturwissenschft der TU Chemnitz
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Prof. Dr. Cecile Sandten (v. l.) im Gespräch mit den Doktorandinnen Chandrani Sanyal, Deepanwita Dey und Barsha Santra. Foto: Dr. Patrick McCafferty
Barsha Santra, Chandrani Sanyal und Deepanwita Dey absolvieren derzeit einen dreimonatigen Aufenthalt an der Technischen Universität Chemnitz, um an ihren Promotionsprojekten intensiv zu arbeiten. Die drei Doktorandinnen vom Indian Institute of Technology in Bhilai haben über das Programm „Saxon Student Mobility Programme“ die Möglichkeit erhalten, sich mit der TU Chemnitz, dem Lehrbetrieb sowie der Chemnitzer Kultur vertraut zu machen.
Wie sind Sie auf das „Saxon Student Mobility Programme“ aufmerksam geworden und was hat Sie zur Bewerbung motiviert?
Chandrani Sanyal: Wir haben während eines Workshops für Doktorandinnen und Doktoranden unseres Departments am IIT Bhilai im Februar 2025 Frau Professor Sandten kennengelernt. Sie war Keynote Speaker und hatte gemeinsam mit unseren Betreuern vor Ort die Workshopleitung inne. Sie war zwar bereits 2024 zu einer Konferenz zu ‚Experiencing Home: Domestic Spaces in Urban Literature‘ am Liberal Arts Department vom IIT Bhilai Hauptrednerin, aber aufgrund ihres längeren Aufenthaltes im Februar und März 2025 konnten wir mit ihr viele intensive Gespräche zu Möglichkeiten für Gastaufenthalten führen. Sie hat uns von dem Programm berichtet und uns den Anstoß zum Bewerben gegeben.
Haben Sie Unterstützung während des Bewerbungsprozesses erhalten?
Deepanwita Dey: Ja, wir haben enorme Unterstützung von der Chemnitzer Professorin und unserem Betreuer am Heimatinstitut erhalten. Beide waren während des gesamten Prozesses dabei. Wir haben gebrainstormt und viel zusammengearbeitet. Ebenso hatte ich die Möglichkeit in dem Workshop mitzuarbeiten.
Rückblickend betrachtet, wie schätzen Sie Ihre drei Monate an der TU Chemnitz ein? Werden Sie weiterhin Forschungskooperationen betreiben?
Deepanwita Dey: Ich habe die vergangenen Monate genossen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts für Anglistik/Amerikanistik waren sehr freundlich und hilfsbereit. Sie standen uns immer bei Fragen und Problemen zur Seite. Zum Beispiel haben sie uns durch die Stadt geführt und geholfen, uns mit der Umgebung vertraut zu machen. Ich hoffe sehr, dass ich die Kollabertionen aufrecht erhalten kann. Ich habe hier mehrere Menschen getroffen, zum Beispiel auf Konferenzen, die am selben Thema wie ich forschen. Das ist in Indien eher selten.
Barsha Santra: Wir wurden sehr herzlich empfangen. Ich möchte ebenfalls in Kontakt mit anderen Forschenden bleiben. Ich fand die Zeit sehr interessant, besonders durch die Konferenzen, die wir hier besucht haben. Für mich war der Aufenthalt eine Zeit und ein Ort zum Wachsen, mich weiterzuentwickeln und zu reflektieren. Ich konnte erleben, wie Seminare hier gehalten werden und habe festgestellt, dass diese hier viel interaktiver sind als bei uns. Ich hatte auch viele interessante Begegnungen mit Professorinnen und Professoren und habe sogar einige bekannte Gesichter auf Konferenzen gesehen.
Chandrani Sanyal: Für mich war es eine sehr Augen-öffnende Erfahrung. Ich bin mit einer sehr anderen Kultur in Kontakt gekommen. Ich empfinde Indien im Vergleich als eine sehr verschlossene Welt, was das Forschen angeht. Hier bin ich mit vielen verschiedenen Master-Studenten, Professoren und Fachleuten interaktiv in Berührung gekommen, während ich zu Hause fast nur mit meinen Mentoren zusammenarbeite. Diese intellektuellen Diskussionen werden mir auf jeden Fall im Gedächtnis bleiben. Ebenso habe ich die Wichtigkeit einer Work-Life-Balance kennen- und schätzen gelernt. Das werde ich auf jeden Fall mitnehmen. In dieser freien Zeit als Ausgleich habe ich die Kultur von Chemnitz näher kennengelernt – ich habe das Hut-Festival besucht, war im Theater und noch vieles mehr. Das hat mir geholfen als Individuum zu wachsen und zu erkennen, dass Arbeit nicht Alles im Leben ist. Ebenso haben die Konferenzen und das wöchentliche Forschungskolloquium von Frau Professor Sandten dazu beigetragen, das eigene Arbeitsfeld zu überdenken und neu für sich zu definieren.
Um nochmal auf das Programm zurück zu kommen, welche Unterstützung beinhaltet es und welche Möglichkeiten stellt es bereit?
Barsha Santra: Das Programm unterstützt uns finanziell. Das beinhaltet Reisekosten, Unterkunftskosten, tägliche Kosten, zudem auch Bücher und das Deutschlandsticket. Es wurde uns als Pauschalbetrag ausgezahlt und deckt somit den ganzen Aufenthalt ab. Es bereitet die Möglichkeit, internationale Kollabertionen, Kontakt zu Fachleuten und Professoren sowie gleichgesinnten Forschenden herzustellen. Ebenso öffnet es uns die Tore zu Bibliotheken, zu Vorlesungen und generell zu vielen Ressourcen, die wir zum Austausch und zum Diskutieren von Ideen nutzen können.
Hatten Sie die Möglichkeit sich mit anderen Doktorandinnen und Doktoranden an der TU Chemnitz oder anderen Universitäten zu vernetzen?
Deepanwita Dey: Ja, dass konnten wir, vor allem bei Konferenzen oder in unserem wöchentlichen Kolloquium. Aber ebenso konnten wir das in der Uni-Bibliothek und während einer Eye-Tracking Studie. Solche Vernetzungen sind aber eher immer an Orten geschehen, wo Gleichgesinnte zusammen treffen und weniger spontan unterwegs sind.
Haben Sie sich sicher und wohl in Chemnitz gefühlt? Wie würden Sie Ihren Alltag beschreiben?
Chandrani Sanyal: Allgemein waren die Menschen sehr freundlich und hilfsbereit. Wir sind auch immer recht gut mit Englisch weitergekommen. Zu unserem Alltag, am Anfang war es schwer sich an die Routen zu erinnern, da haben Google Maps und Google Lens für Übersetzungen sehr geholfen. Der öffentliche Nahverkehr war sehr gut, wir sind immer gut von Ort zu Ort gekommen.
Was sind Ihre Lieblingsplätze in Chemnitz?
Barsha Santra: Wir sind begeistert von den vielen Grünflächen. Das hätten wir so gar nicht erwartet. Wir haben uns Chemnitz als große Industriestadt vorgestellt, bei der man sehr weit raus fahren muss, um grüne Flächen zu finden. Aber dass hier in der Stadt so viel Grün ist, finden wir sehr schön, vor allem hat es uns der Schlossteich angetan.
Eine letzte Frage: Wie würden Sie ihre PhD-Projekte in einem Satz zusammenfassen?
Chandrani Sanyal: Ich befasse mich mit der Darstellung von Erinnerungen an die Teilung Indiens von 1947 in literarischen Texten, die nach 2010 entstanden sind, um nachzuvollziehen, wie sich diese Erinnerungen im Laufe der Zeit gewandelt haben und welche Modalitäten des Erinnerns dabei in der Litratur eine Rolle spielen.
Barsha Santra: In meiner Promotion untersuche ich, wie die Umweltkrise anhand von Zyklonen und Sintfluten in ausgewählter zeitgenössischer Küstenliteratur dargestellt wird und wie Küstengemeinschaften – jene, die aus der Region um den Golf von Bengalen stammen und dort angesiedelt sind – mit diesen Krisen umgehen.
Deepanwita Dey: Meine Dissertation trägt den Titel ‚Mad Mothers and (Un)Inhabitable Homes in Contemporary Indian Literature‘ und untersucht insbesondere, wie zeitgenössische Existenzbedingungen den gesellschaftlichen Diskurs über Wahnsinn hervorbringen und wie Wahnsinn so die normative Ordnung des Alltags durchbricht.
Vielen Dank für das Gespräch und die vielen Einblicke in Ihre Zeit an unserer Universität und in Chemnitz. Alles Gute für die Zukunft und auf ein Wiedersehen in Chemnitz!
(Das Gespräch führte Janice Schmelzer, BA English Studies)
Mario Steinebach
26.06.2026