Der Löwenritter im Ausleihbereich
In der Universitätsbibliothek sind bis zum 16. Februar 2026 maßstabsgetreue Nachbildungen mittelalterlicher Iwein-Fresken aus Südtirol zu sehen, denen sich Germanistik-Studierende der TU Chemnitz auch im Seminar nähern
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Studierende des Bachelorstudiengangs Germanistik betrachten an den Wänden des Ausleihbereiches der Universitätsbibliothek einen Teil der Nachbildungen der mittelalterlichen Iwein-Fresken. Foto: Dr. Luca Kirchberger
Seit Anfang Januar 2026 laufen Besucherinnen und Besucher der Universitätsbibliothek der Technischen Universität Chemnitz, die den Ausleihbereich im ersten Obergeschoss betreten, an farbigen Wandbehängen vorbei. Was viele nicht wissen: hier ist eine echte Rarität zu sehen. Die Iwein-Fresken, die in maßstabsgetreuen Reproduktionen präsentiert werden, befinden sich im Original auf der um 1140 errichteten Burg Rodenegg in Südtirol – und damit in einer Anlage, die noch heute bewohnt und daher selbst für Touristen nur eingeschränkt zugänglich ist. Der Freskenzyklus gilt als die älteste profane Wandmalerei im deutschsprachigen Raum.
„Die Bilderfolge ist deswegen so spektakulär, weil sie einen der bekanntesten Romane des Hochmittelalters zu illustrieren scheint: den um 1200 verfassten Roman vom Löwenritter Iwein“, sagt Prof. Dr. Christoph Fasbender, Inhaber der Professur Deutsche Literatur- und Sprachgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der TU Chemnitz. Der Iwein-Roman Hartmanns von Aue sei seinerzeit auch andernorts ins Bild gesetzt worden, etwa im „Hessenhof“ in Schmalkalden. „Die Rodenegger Fresken sind aber nicht nur wegen ihres hohen Alters von Interesse. Setzen wir sie in Beziehung zu Hartmanns Roman, scheint der gesamte zweite Teil zu fehlen. Das ist insofern bemerkenswert, als Iwein nach dem ersten Teil, in dem alles ziemlich gut für ihn läuft, durch eigenes Verschulden in eine tiefe Krise fällt, aus der er sich im zweiten Teil schrittweise herausarbeiten muss, indem er das lernt, was wir heute ‚Sozialverhalten‘ nennen“, so Fasbender.
Der Roman wollte damit ein Muster für die Sozialisation junger Menschen aufzeigen, was aber vielleicht nicht jedem gefiel. Wollten die Rodenegger Auftraggeber einen erfolgreichen Ritter ohne Krise? Oder gab es eine Fortsetzung in einem anderen Raum der Burg, von der wir heute nichts mehr wissen? Was viele Fachleute beschäftigt hat, bot sich für die Lehre im Bachelorstudiengang Germanistik an der TU Chemnitz an. Dr. Sylvia Jurchen, Trägerin des Sächsischen Lehrpreises des Jahres 2023, konnte in Kooperation mit der Universität Bayreuth die behutsam ergänzten Reproduktionen für Chemnitz gewinnen. Die Studierenden können so nicht nur den Roman Hartmanns besser kennenlernen, sondern auch ihr Textverständnis auch an den bildnerischen Umsetzungen der erst 1972 entdeckten und freigelegten Fresken messen. Dazu haben sie den Roman nicht nur in Episoden aufgeteilt und für ein breiteres Publikum nacherzählt und eingesprochen, sondern auch die mutmaßlich in Rodenegg „fehlenden“ Bilder kreativ ergänzt.
„Das wirkt nur auf den ersten Blick etwas unkonventionell“, sagt Jurchen, „Archäologen machen das bei der Rekonstruktion ihrer Gegenstände auch.“ Sie ergänzt: „Wir sind der Universitätsbibliothek und insbesondere deren Direktorin Angela Malz für die Großzügigkeit, mit der sie dem Vorhaben den Weg geebnet hat, überaus dankbar.“ Lilliana Fenger, die als Studentin mitgewirkt und Text eingesprochen hat, ist begeistert: „Solche Projekte im Studium sind ein absolutes Privileg. Mein bester Freund studiert an einer anderen sächsischen Uni, aber von so etwas kann er nur träumen.“
Die Reproduktionen sind noch bis zum 16. Februar 2026 im Ausleihbereich der Universitätsbibliothek, Straße der Nationen 33, zu bewundern. Einen Höhepunkt des didaktischen Projektes ist der Gastauftritt des Bayreuther Wissenschaftlers PD Dr. Silvan Wagner am 30. Januar 2026 um 18:00 Uhr im Ideenreich der Universitätsbibliothek Chemnitz. Im Rahmen seines Vortrags wird er eine Einführung in das Bildprogramm des Iwein-Zimmers geben und Modelle mittelalterlicher Literaturaufführung praktisch vorstellen. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.
Weitere Informationen erteilt Prof. Dr. Christoph Fasbender, Telefon +49 (0)371 531-37866, E-Mail christoph.fasbender@phil.tu-chemnitz.de.
Mario Steinebach
26.01.2026