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Detektivarbeit im digitalen Lernraum

Marc Weiß und Benjamin Schaller sprechen im Interview darüber, wie der Lern|RAUM Informatik beim digitalen Studieren hilft

Informatik und Digitalisierung gehen hier Hand in Hand.Der Lern|RAUM für Informatik wurde, wie viele Vorlesungen und Angebote an der TU Chemnitz, Corona-bedingt digitalisiert. Was vor allem organisatorische Vorteile für den Einzelnen mit sich bringt, kann aber auch gerade beim gemeinsamen Lernen Studierende und Dozierende vor neue Herausforderungen stellen. So machten auch Marc Weiß und Benjamin Schaller, Masterstudierende der Informatik für Geistes- und Sozialwissenschaftler, ihre ersten Erfahrungen in der digitalen Lehre mit dem Schwerpunkt Informatik. Als ein Professor auf der Suche nach Tutoren für Informatik war, kamen die beiden Masterstudenten zum Lern|RAUM Informatik, der vom Projekt TU4U initiiert wurde. Seit knapp einem Jahr stehen sie Studierenden beim Programmieren und den Grundlagen der Informatik helfend zur Seite. Was an der Fehlersuche beim Programmieren Spaß machen kann und warum auch ein Vogel im Lern|RAUM Informatik eine Rolle spielte, erzählen die beiden im Interview.

Was ist ein Lern|RAUM Informatik?

Marc Weiß: Es ist ein offener Computerraum, in dem gelernt werden kann. Die Studierenden können also an ihren Projekten und Aufgaben arbeiten und wir, Benjamin und ich, geben Input und Hilfestellungen. Und die Studierenden können sich auch untereinander austauschen.

Benjamin Schaller: Man könnte es unter dem Begriff „betreutes Programmieren“ zusammenfassen.

Was kann ein Studierender im Lern|RAUM machen? Was kann er nicht erwarten?

Marc Weiß: Wir nehmen den Studis nicht die Arbeit ab, aber wir helfen dabei, Lösungsansätze zu entwickeln. Manchmal reicht es auch einfach, mit einem Kommilitonen über das Problem zu sprechen, und dadurch bekommt man neue Denkanstöße und findet selbst die Lösung. Hilfe zur Selbsthilfe eben.

Benjamin Schaller: Oftmals machen Studis beim Programmieren den Fehler, dass sie am liebsten das komplette Programm auf einmal runterschreiben wollen. Dann merken sie, dass es nicht funktioniert. In dem großen Wust an Befehlen die Fehler zu finden, ist aber meist ziemlich deprimierend. Da können wir auch weiterhelfen und vermitteln den Studierenden, wie man effizienter programmieren kann. Und vor allem auf welche Art und Weise man Programme schreibt, sodass der Spaßlevel höher ist als der Frust. Wenn man weiß, wie man die Fehlersuche im Code richtig angeht, dann kann selbst das Spaß machen. Es ist dann wie eine Art Detektivarbeit.

Nun könnt ihr euch ja mit den Studierenden wegen den Corona-bedingten Beschränkungen nicht mehr treffen. Wie habt ihr den Lern|RAUM weiterentwickelt?

Benjamin Schaller: Das klassische Zusammenkommen in einem Raum, jeder sitzt an seinem Rechner und wir gehen rum und helfen, ist zurzeit nicht möglich. Daher haben wir das Angebot digitalisiert und können uns nun in einem virtuellen Raum über BigBlueButton treffen. Der Raum ist für alle offen. Jeder kann seine Fragen stellen.

Darüber hinaus haben wir auch ein Forum eingerichtet, in dem man Fragen stellen kann, die einem gerade aufgekommen sind. Marc und ich sind auch immer per Mail erreichbar und können bei Bedarf individuelle Termine zu BigBlueButton-Konferenzen anbieten.

Neu ist auch, dass es einen Auffrischungstest zur Vorbereitung auf das neue Semester gibt. Kenntnisse zur Programmiersprache C++, zu Grundlagen der Informatik I und zu Algorithmen im Allgemeinen werden abgefragt. Studierende können sich so besser vorstellen, welche Lücken sie noch haben, aber auch worin sie fit sind.

Marc Weiß: Den Test wollen wir perspektivisch auch noch auf Java und Python erweitern. Unsere Kollegen vom Lern|RAUM Mathematik haben ebenfalls auf eine digitale Variante umgesattelt und wir haben festgestellt, dass durch die digitale Lehre zurzeit die meisten Module, anstatt einer Übung, eine Konsultation mit dem Tutor/Übungsleiter anbieten. Daher wollen wir unser Angebot im Lern|Raum Informatik noch weiter anpassen und zum Beispiel Knobelaufgaben zur Verfügung stellen, die die Studierenden zum zusätzlichen Üben animieren sollen.

Ist die digitale Variante im Bereich Informatik ausschließlich vorteilhaft? Programmieren muss jeder Studi ja eh selbst an seinem Rechner. Oder gibt es auch Nachteile beim digitalen Lern|RAUM?

Benjamin Schaller: Der Vorteil liegt auf jeden Fall darin, dass man über das Tool BigBlueButton die Bildschirme teilen kann. Das ist vor allem beim Programmieren hilfreich. Ich kann direkt auf meinem eigenen Rechner den gesamten Code sehen und Befehle zur Fehlerbehebung ausprobieren. Als Plattform zum Austauschen von Code ist es sehr gut geeignet.

Die Atmosphäre ist natürlich eine andere. Das Lernen vor Ort war auch oft dadurch geprägt, dass Studierende zusammengekommen sind und nicht unbedingt eine Problemstellung mitgebracht hatten, sondern einfach zusammensaßen und programmiert haben. Wenn dann Probleme auftraten, konnten sie uns fragen. Viele Studierende lernen auch lieber in der Uni als zu Hause, weil einfach eine andere Lernstimmung in der Luft liegt.

Marc Weiß: Die Schwierigkeit im Online Lern|RAUM liegt darin, dass man nicht in einen Frontalunterricht abdriften will. Das ist nicht unsere Intention. Es geht wirklich um die Hilfe zur Selbsthilfe und das bieten wir auch digital weiterhin so an.

Das Forum ist sogar noch eine neue Chance, einfach Probleme, die gerade auftreten, sofort zu äußern. Man muss quasi nicht auf einen bestimmten Termin warten, sondern kann direkt sagen, wo der Schuh drückt. Wir versuchen dann natürlich schnellstmöglich darauf zu reagieren. Das Forum bietet auch den Vorteil, dass man sehen kann, womit andere Studierende ein Problem haben. Das gibt einem dann manchmal ein besseres Gefühl, wenn man weiß, man ist nicht alleine mit dem Problem.

Und natürlich hat man manchmal ungewöhnliche Mithörer. Bei einem Studierenden zwitscherte sein Vogel lauthals aus dem Hintergrund. Das gehört eben lustigerweise auch zum digitalen Lern|RAUM dazu.

Aus eurer Erfahrung heraus: Wo liegen die größten Probleme bei den Studis im Bereich Informatik?

Benjamin Schaller: Vor allem bei den Programmieranfängern treten oftmals ähnliche Schwierigkeiten auf, zum Beispiel beim Konzept der Rekursion. (Anmerk. der Red.: Die Rekursion bezeichnet in der Softwareentwicklung, dass eine Methode bzw. Funktion sich selbst wieder aufruft.) Die Syntax der Programmiersprachen bereitet auch vielen Studierenden Bauchschmerzen.

Marc Weiß: Auch die grundlegende Bedienung von Linux ist oft ein Problem, mit dem Studierende in den Lern|RAUM kommen.

Wie könnte man diesen Schwierigkeiten zuvor kommen?

Benjamin Schaller: Diese Schwierigkeiten lassen sich nur beheben, indem man selbst viel ausprobiert. Da kann man gar nicht so viel über veränderte Lehrpläne regulieren, sondern wirklich nur durchs Üben. Deshalb ist der Lern|RAUM auch ein gutes Angebot, weil wir genau das hier machen: üben, programmieren, ausprobieren und vor allem Fehler finden und beheben.

Marc Weiß: Das große Problem bei Informatik ist, dass die Studierenden mit sehr unterschiedlichen Erfahrungslevels reinkommen. Es gibt Informatikstudenten, die noch nie mit Linux gearbeitet haben. Dem könnte man nur durch einen freiwilligen Vorkurs zuvorkommen. Die fehlenden Erfahrungswerte bremsen ansonsten die Studierenden aus, um im Studium weiterzukommen.

Benjamin Schaller: Was ein gutes Angebot sein könnte, wären zusätzliche Programmieraufgaben. Vielen fällt es schwer, einfach so drauf los zu programmieren. Man könnte also Aufgaben mitgeben, bei denen die Studierenden programmiertechnische Probleme üben müssen. Am Ende kommt es auf die Leute selbst drauf an, ob sie sich weiterbilden wollen oder nicht.

Was schätzt ihr am meisten an eurem Studiengang Informatik für Geistes- und Sozialwissenschaftler an der TU Chemnitz? Wo seht ihr aber noch Verbesserungsbedarf?

Marc Weiß: Die Fakultät für Informatik ist sehr familiär, das gefällt mir sehr gut. Man kennt sich untereinander und die Kurse sind nie überfüllt. In den Grundlagenfächern sind die Dozenten sehr cool und die Organisation funktioniert gut. Die Prüfungszeiträume sind sehr gut abgestimmt. Was mir allerdings nicht gefällt, ist die räumliche Abgrenzung. Viele unserer Lehrveranstaltungen finden in der Straße der Nationen statt. Da fehlt mir persönlich das Campus-Feeling.

Benjamin Schaller: Die Studienordnung ist noch ziemlich veraltet, das ist ein großes Manko, an dem aber gerade gearbeitet wird. Aber besonders schön finde ich, dass man vielen Dozierenden anmerkt, dass sie ihre Übungen zu Herzensangelegenheiten machen. Auch der große Wahlpflichtbereich gefällt mir sehr gut. Was den Standort an der Straße der Nationen angeht: Das Angebot der Mensa dort gefällt mir nicht so sehr.

Wie stellt ihr euch die Lehre in Bezug auf die Digitalisierung in den nächsten fünf Jahren vor?

Marc Weiß: Ich habe tatsächlich, bevor die ganze Digitalisierungsfrage in Bezug auf Corona aufkam, mit einem Professor an einer digitalen Vorlesungsaufzeichnung gearbeitet. Ich kannte es von meiner alten Uni, dass Vorlesungen zum Teil aufgezeichnet wurden. Das würde ich mir für die TU Chemnitz auch als Standard wünschen. Ich sitze trotzdem gerne in einer Vorlesung, gar keine Frage. Aber man hat so die Möglichkeit, Inhalte auch noch mal zu wiederholen.

Benjamin Schaller: Ich bin auch ein Fan davon, Vorlesungen aufzuzeichnen und dann digital zur Verfügung zu stellen. Man kann auf diese Weise auch online zusätzliche Aufgaben anbieten, die man jederzeit aufrufen und bearbeiten kann. Für die Studierenden ist das besser, als wenn man sich irgendwas aus dem Internet zusammen sucht, was vielleicht gar nicht relevant ist.

Marc Weiß: Vorlesungsskripte sollten auch immer digital abrufbar sein. Analoge Skriptbücher bei der Professor für fünf Euro zu kaufen, ist eigentlich unvorstellbar, aber bei einigen Studiengängen noch gang und gäbe. Vor allem im Master gibt es oft Studierende, die nebenbei arbeiten oder auch schon Kinder haben. Man kann sich so viel besser zeitlich organisieren und ist unabhängig von den starren Vorlesungsterminen.

Ist die Coronakrise Fluch oder Segen für die Digitalisierung der TU Chemnitz?

Marc Weiß: Meiner Meinung nach ist die Corona-bedingte Situation in dieser Hinsicht ein Brandbeschleuniger, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Die Situation beschleunigt natürlich den Digitalisierungsprozess ungemein. Vorher wurde immer viel darüber geredet, aber in die Praxis umgesetzt, wurde dann von den ganzen Vorschlägen doch sehr wenig. Die Situation zeigt jetzt auch, man kann es einfach mal ausprobieren. Es sollte alltäglicher werden. Natürlich kommt es durch die Corona-bedingte Umstellung auch zu Problemen, denen man, wenn man das ganze geplanter aufgezogen hätte, zuvorgekommen wäre. Daher kann man meiner Meinung nach, das Semester auch nicht als vollwertiges anrechnen.

Benjamin Schaller: Für mich ist es ein klassisches Sowohl-als-auch. Ich finde es gut, dass man sich nun mit digitalen Angeboten beschäftigt und da versucht, neue Formate und Tools zu nutzen. Andererseits ist es natürlich auch traurig, dass man erst so ein Ereignis dafür braucht, um die Uni digitaler zu machen. Man sammelt jetzt Erfahrungen und unterm Strich kann man daraus lernen und in die weitere Entscheidungsfindung, was die Digitalisierung der Lehre angeht, miteinbeziehen.

Der Lern|RAUM Informatik und der Lern|RAUM Mathematik sind Angebote der Projektes TU4U, um Studierenden bei Aufgaben, Prüfungsvorbereitungen und Lerngruppen mit Hilfe von Tutoren/-innen zu unterstützen. Das BMBF-geförderte Projekt TU4U endet im Dezember dieses Jahres. Deshalb können die Lern|RAUM-Angebote auch nur noch in diesem Semester von Studierenden genutzt werden. Weitere Informationen: www.mytuc.org/tbxy

Weitere Informationen erteilt Susann Kappler, E-Mail: susann.kappler@hrz.tu-chemnitz.de, Telefon: 0371/531-37160

(Das Gespräch führte Lisa Eichhorst.)

Matthias Fejes
13.05.2020

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