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Interkulturelle Kommunikation
Forschungsprojekte

Projekte an der Professur


Dr. Felix Hoffmann: Zwischen Exklusion, Integration und Inklusion - Zu den praktischen Grenzen, Bedingungen und Möglichkeiten von Alteritätspolitik in Chemnitz

Nach der Flüchtlingsschutzkrise von 2015 in Deutschland ist die Frage hoch umstritten, wie die Integration von Geflüchteten und Migrant*innen erreicht werden kann oder ob dies überhaupt erwünscht ist. Widerstand gegen gesellschaftliche Pluralisierung führte kürzlich zu gewaltvollen Ausschreitungen in Chemnitz. Dennoch sind hier ebenfalls starke Netzwerke zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren, Politiker*innen und lokaler Administration zu beobachten, die sich um inklusive Alteritätspolitik bemühen. Diese Akteure sind bislang sowohl medial als auch wissenschaftlich ignoriert worden. Das Projekt schlägt eine Untersuchung der lokalen Konfliktdynamiken vor, in der nach den praxis-logischen Grenzen, Bedingungen und Möglichkeiten inklusiver Alteritätspolitik gefragt wird, die im relationalen Konfliktverhältnis mit verschiedenen Formen exklusiver Identitätspolitik stehen. Hierzu wird ein innovativer analytischer Ansatz in Bezug auf praktische Logiken im Konflikt zwischen Kampf, Konkurrenz und wechselseitig verantwortungsvollem Dialog zum Einsatz kommen. Die Arbeitshypothese fokussiert die praxis-logische Schwäche von Alteritätspolitik im relationalen Konfliktverhältnis zu Identitätspolitik: Aggressiv identitäre, offizielle Integrations- und auch defensive Identitätspolitik können einseitig praktiziert werden, indem andere in abgrenzende Kampf- und Konkurrenzverhältnisse gebracht werden. Alteritätspolitik hingegen ist auf ein freiwilliges und wechselseitiges Hinterfragen sozio-kultureller Identifikationen angewiesen, in entgrenzenden Praktiken wechselseitig verantwortungsvollen Dialogs. Mit dem Ziel, detaillierte Daten zu den verschiedenen Konfliktdynamiken zu generieren, wird eine multidimensionale Methodologie der Multi-Sited-Ethnography angewandt. Teilnehmende Beobachtungen werden in den verschiedenen privaten, öffentlichen, politischen und administrativen Netzwerken und in den alltäglichen Aktivitäten der organisierten Zivilgesellschaft beginnen, die Geflüchtete und Migrant*innen unterstützt. Hier werden vor allem Bedingungen und Möglichkeiten inklusiver Alteritätspolitik zu beobachten sein. Daran anschließend werde ich mich politischen Kontaktzonen annähern, wo Befürworter*innen und Gegner*innen von Integrationsthemen aufeinandertreffen. Hier werden vor allem Begrenzungen inklusiver Alteritätspolitik zu beobachten sein. 

Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)

Cindy Hader, M.A.: Transkulturelle Handlungsräume – Von Flüchtlingslagern, Solidarität und Widerstand - Eine qualitative Studie im Nordosten Deutschlands 
(Promotionsvorhaben, Betreuerin: Prof. Dr. Heidrun Friese)

Im Jahresbericht Global Trends vom 19. Juni 2019 hat das UN-Flüchtlingskommissariat die Ausmaße weltweiter Wanderbewegungen erneut in Zahlen gefasst: 70,8 Millionen Menschen entschlossen sich bis Ende des Jahres 2018 aufgrund von (Bürger-)Kriegen, Unterdrückung, ökologischen und wirtschaftlichen Krisen zur Flucht aus ihren Heimatländern.

In Deutschland stellten in genanntem Jahr 161.931 Menschen einen Asylerstantrag. Jede*r einzelne von ihnen ist dazu verpflichtet, bis zum Entscheid des Gesuches, welcher in einem Zeitraum von sechs Monaten bis hin zu vier Jahren ergeht, in einer Einrichtung zu leben. Die Unterbringung und Versorgung mobiler Menschen in peripher angesiedelten Massenunterkünften ist dabei als globales Phänomen zu verstehen, welches sich, mittlerweile als immanenter Bestandteil politischer und ökonomischer Strategien eines internationalen Migrationsregimes, zu einem Zustand dauerhafter Vorläufigkeit verfestigt hat. 

Vor diesem Hintergrund widmet sich das Forschungsprojekt der qualitativen Untersuchung von Flüchtlingslagern speziell im Nordosten Deutschlands, um sie nicht nur unter dem Aspekt der Isolation zu beleuchten, sondern vielmehr als historisch gewachsene Orte innerhalb der Dynamiken des gesamtgesellschaftlichen Raumes zu verstehen. Dabei stellt sich insbesondere die Frage, ob und inwiefern transkulturelle Solidarisierungsprozesse und Formen des Widerstands in und um Flüchtlingseinrichtungen politische Handlungsräume schaffen, innerhalb derer nicht nur Subjektivierungsprozesse stattfinden, sondern ebenfalls institutionelle Macht- und Hierarchieverhältnisse des Asylsystems aufgebrochen und neu verhandelt werden können. 

Durch eine praxisnahe qualitative Forschung im antirassistischen, migrantischen Umfeld wirft die Arbeit einen kritischen Blick auf jene Diskurse, die Lagerbewohner*innen kategorisch die (politischen) Handlungsoptionen vorenthalten und dadurch sowohl Entmündigung als auch die Objektifizierung von Menschen zu Hilfesuchenden perpetuieren. 

Die empirische Studie erweitert den interdisziplinären Diskurs um drei wesentliche Aspekte. Zum einen wird die Entstehung der aktuellen Lagerstrukturen in Mecklenburg-Vorpommern als Konsequenz aus dem Pogrom in Rostock/Lichtenhagen 1992 historisch rekonstruiert. Zum anderen erfolgt eine Revision klassischer Kasernierungstheorien: Mahnwachen, Proteste und Solidaritätsfeste vor der Einrichtung stellen Abschottungspolitiken infrage und verweisen damit auf die Durchlässigkeit/Brüchigkeit der Lagergrenzen; ein strukturelles Merkmal, das in der analytischen Auseinandersetzung bisher kaum Betrachtung fand. Zuletzt gilt es den subversiven Charakter dieser transkulturellen Handlungsräume zu beleuchten und nachzuverfolgen, inwiefern sich über den Moment der gemeinsamen (politischen) Aktion hinaus Perspektiven für emanzipatorische Praktiken und Bündnisse zwischen Aktivist*innen mit und ohne Fluchterfahrung entwickeln. 

Der theoretische Rahmen der Arbeit stützt sich auf die Kasernierungstheorien Erving Goffmans, Michel Foucaults und Giorgio Agambens, unterzieht sie einer zeitgemäßen Kritik und denkt sie an wesentlichen Stellen weiter. Die Auseinandersetzung mit dem ambivalenten Begriff der Solidarität wurzelt in den Theorien Richard Rortys, Hannah Arendts und vor dem Hintergrund internationaler Solidarisierungsprozesse insbesondere Pierre Bourdieus. Das innovative Zusammenführen dieser Überlegungen mit den Konzeptionen vom (politischen) Raum und Ort – beispielsweise bei Emmanuel Lévinas oder Henri Lefebvre – eröffnet spannende Perspektiven auf die Möglichkeiten transkultureller Handlungsräume. 

Die Erhebungsmodalitäten orientieren sich an den Ansätzen des multi-sited fieldwork. Zu den Kernmethoden zählen insbesondere das erkenntnisorientierte Gespräch, jedoch auch die (teilnehmende) Beobachtung und die Dokumentenanalyse. Letztere umfasst eine Vielzahl an Materialien, sodass unter Dokumenten ebenso Protokolle, Filme und Fotos wie auch Räume, Gebäude und Wege verstanden werden.

Gefördert durch die Rosa Luxemburg Stiftung (RLS)

Monique Ritter, M.A.: „Ich bin eigentlich aufgeschlossen, aber …“ Zur Rekonstruktion von Praktiken manifester Exklusion und Wegen zur Inklusion in der beruflichen Zusammenarbeit mit Menschen mit Migrationshintergrund in der ambulanten Pflege im ostsächsischen Raum
(Promotionsvorhaben, Betreuerin: Prof. Dr. Heidrun Friese)

Innerhalb des Promotionsprojekts beschäftigt sich Monique Ritter mit Praktiken der Exklusion und Wegen zur Inklusion in der beruflichen Zusammenarbeit mit Menschen mit Migrations- und Fluchthintergrund in der ambulanten Pflege in Ostsachsen. Die Brisanz der Thematik ergibt sich durch die verstärkte Zuwanderung nach Deutschland seit dem Jahr 2015, die maßgeblich von Menschen mit Fluchthintergrund geprägt ist und wodurch sich der Ausländer*innenanteil im Bundesland Sachsen verdoppelt hat. Gleichwohl wird die Zahl Geflüchteter, die in den hiesigen Arbeitsmarkt eintreten, steigen. Auch in sächsischen ambulanten Pflegediensten wird demzufolge die soziale Diversität zunehmen.

Die Arbeitsmarkt-Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit zeigt zeitgleich auf, dass die Anzahl der gemeldeten Stellenangebote, für die sich keine geeigneten Fachkräfte finden lassen, in Bezug auf die Anzahl der Altenpflegefachkräfte ohnegleichen ist. Sachsen ist im bundesweiten Durchschnitt das Bundesland mit der ältesten Bevölkerung und demografisch bedingter steigender Tendenz. Hinzu kommt eine besondere Herausforderung des Fachkräftemangels in der häuslichen Pflege, da bundesweit steigende Pflegekosten zu ambulanter vor stationärer Versorgung drängen (§13 SGB XII).

Wenn Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund im Arbeitsbereich der ambulanten Pflege beruflich tätig werden möchten, wird die Frage aufgeworfen, auf welche Bedingungen  die Menschen in der Zusammenarbeit im beruflichen Kontext der ambulanten Pflege im ostdeutschen Raum treffen. Mit Blick auf die Genealogie der Region, wie der staatlich verordneten sozialen Segregation von Migrant*innen in der DDR und dem Scheitern vieler Erwerbsbiografien in Ostdeutschland nach 1990, werden Zusammenhänge deutlich, die gegenwärtig den verstärkten Ausschluss des so empfundenen Fremden mit erklären.

Die vorgestellte Studie arbeitet nach der Grounded-Theory-Methodologie, wobei ein Augenmerk auf dem erkenntnistheoretischen Konstruktivismus und postmodernen Strömungen liegt. Letztere ermöglichen bei der Theorieentwicklung poststrukturalistische Ansätze Foucaults zu integrieren und in der Forschungssituation die (Re-)Produktion rassistischer Praktiken zu analysieren. Triangulierend werden die Sichtweisen und Praktiken der Pflegedienstleiter*innen, Pflege(fach)kräfte und Pflegebedürftigen durch problemzentrierte Interviews und teilnehmende Beobachtung erhoben. Ein Schwerpunkt liegt darauf, das Geworden-Sein diskursiver Praxen und Handlungen auch in ihrer Historizität zu verstehen.

Gefördert durch den Europäischen Sozialfonds für Deutschland (ESF)

Presseartikel