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Fakultät für Naturwissenschaften
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Nachruf für Prof. Dr. Klaus Banert,
Professor für Organische Chemie an der TU Chemnitz


Prof. Dr. Klaus Banert

* 22.09.1955 19.09.2020

Prof. Dr. Klaus Banert

In tiefer Trauer müssen wir Abschied nehmen von unserem geliebten Kollegen Prof. Dr. Klaus Banert, geb. am 22.09.1955 in Wattenscheid, verstorben am 19.09.2020 in Chemnitz, kurz vor der Vollendung seines 65. Lebensjahres.

Es fällt schwer Worte zu finden, um die Gefühle auszudrücken für einen lieben Kollegen, der plötzlich aus einem erfüllten Leben gerissen wurde. Er war die Inkarnation eines begnadeten Naturwissenschaftlers. Er war unermüdlich in seiner Arbeit und begeisterte mit seinen Ideen viele Studierende, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und Kollegen. Ein kurzer Blick auf seinen wissenschaftlichen Lebensweg möge die Kariere dieses feinen Mannes umreißen. Das Studium der Chemie absolvierte er an der Ruhr-Universität Bochum von 1974-79. Im Jahr 1982 erlangte er die Promotion über ein Thema zu Umlagerungsreaktionen von Carbeniumionen bei Prof. Wolfgang Kirmse, dessen penibler Arbeitsstil den damals jungen Doktoranden Klaus Banert formte und später in seiner gesamten wissenschaftlichen Tätigkeit, auch als gereiften Wissenschaftler, noch signifikant prägte. Darauf angesprochen sagte Klaus einmal zu mir, dass allerdings der Schreibtisch seines geschätzten Lehrers immer besser aufgeräumt wäre als der seinige. So war er, auch selbstkritisch im scheinbar nebensächlichen Detail.

Die Habilitation über Umlagerungen organischer Azide fertigte er im Umfeld des Arbeitskreises von Prof. Harald Günther, einem bekannten Spezialisten für NMR Spektroskopie, 1990 an der Universität Siegen an. Sein tiefes Basisverständnis zur NMR Spektroskopie beruht auf diesen Wurzeln, mit dessen Wissen er uns immer wieder beeindruckte.

Im Jahr 1993 erfolgte der Ruf auf die C4 Professur für Organische Chemie an die TU Chemnitz. Am 1. September 1993 nahm er seine Tätigkeit an der hiesigen Universität auf; er war damit der Dienstälteste der derzeit ansässigen Professoren, denn einige andere Kollegen begannen ihren Dienst erst einen Monat später am 01.10.1993. Er hat gern scherzhaft auf diesen Umstand verwiesen. Die damalige Gründung des Institutes für Chemie mit den neuen Kollegen war eine wunderbare Zeit des Gestaltens und ist mir in sehr dankbarer Erinnerung geblieben, vor allem die gemeinsame Weihnachtsfeier im Jahr 1993.

Viele Studierende, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kennen Prof. Klaus Banert als eine zurückhaltende, ruhige, höfliche und bedachtsame Person. Seine Vorlesungen im Grundstudium und seine Seminare sind Glanzstücke im Chemiestudium in Chemnitz, sagten viele unserer ehemaligen Diplomanden und Diplomandinnen, Doktoranden und Doktorandinnen. Von den hervorragend ausgebildeten Studierenden haben alle Arbeitskreise, die mit Molekülchemie ihr Brot verdienten, über 27 Jahre lang profitiert, dies als selbstverständlich angesehen und dankbar angenommen.

Prof. Klaus Banert war ein intensiv lebender, leidenschaftlicher Mensch, tief ergriffen von seiner wissenschaftlichen Arbeit. Er hat sich nicht nach vorn gedrängelt, er war aber auch kein Untertan. Der Großteil seines Lebens wurde von der Liebe zur Chemie bestimmt. Schon in der Grundschulzeit experimentierte er im elterlichen Hause, betrieb Schwarzpulverhandel und beschäftige sich bereits als Schüler mit quantitativen Analysen. Explosive Chemie hat ihn nie mehr losgelassen. Aber es wäre viel zu einfach, sein wissenschaftliches Lebenswerk darauf zu reduzieren. Seine vielseitigen Arbeitsgebiete (Auswahl) reichten über kleine organische Ringe, kurzlebige Zwischenverbindungen, und funktionalisierte Allene. Die organischen Azide möchte ich besonders hervorheben, mit denen er weltberühmt wurde. Seinen Visionen von reinen Stickstoffanaloga organischer Verbindungen ist er mit der Zeit auch in der Realität immer nähergekommen; die Krönung ist eine seiner letzten Arbeiten über offenkettige Stickstoffverbindungen, welche im Juli dieses Jahres in der Angew Chem. erschienen ist. Wenn das Hexaazabenzol auch Utopie bleibt, hat er es doch geschafft, sechs Stickstoffatome direkt hintereinander in einer Kette zu verbinden. Der verdiente Ruhm, die Ernte dieser Arbeit umfassend entgegenzunehmen, bleibt ihm leider verwehrt. Wir haben oft über hypothetische Moleküle und ähnliche Herausforderungen diskutiert; es waren wunderbare Gespräche getragen von phantasievollen Ideen und anspruchsvollen Überlegungen, die zukünftig fehlen werden. Wenn man mit einem chemischen Problem zu ihm kam, hat er sich auch die Zeit genommen, dieses zu klären und zu helfen. So kam es oft vor, dass auch Wochen nach dem Gespräch noch Post von ihm mit ausgewählten Literaturhinweisen oder anderen klugen Ratschlägen kam.

Der Gedanke „am besten einfach Klaus fragen“, ist nicht mehr umsetzbar. Das schmerzt sehr, denn er war ein wunderbarer Gesprächspartner mit dem man über nahezu alles tiefgreifend reden konnte. Egal ob über Rockmusik- nur wenige wissen, dass er ein großer Fan von Deep Purple und Led Zeppelin (und anderen Gruppen) war- oder über moderne Varianten der Sizilianischen Verteidigung beim Schachspiel, er kannte sich stets bestens aus. Seine Liebe zur Modelleisenbahn ist mir besonders in Erinnerung geblieben, auf dem Dachboden des Banert`schen Hauses steht eine große Gleisanlage und wir spielten mit Kollegen nach einem GDCh Vortrag dort bis in die Nacht. Dies bleiben unvergessene Momente.

Er war eine der tragenden Säulen im Institut. Die Institutsvorstandssitzungen sah er nicht als lästige Zusammenkunft, sondern als eine wichtige Aufgabe, den Lehrbetrieb und technisch-organisatorische Sicherstellung der Forschung durch kollegiale Zusammenarbeit zu stärken. Im Verlauf der 27 Jahre unserer gemeinsamen Arbeit kann man an den Fingern einer Hand abzählen, wann er nicht zu einer Sitzung gekommen ist. Er hat diese Aufgabe gern wahrgenommen und die Mittwochnachmittage in seinem Kalender stets freigehalten, um diese wichtige Pflicht vorbildlich zu erfüllen. Loyalität war für ihn immer eine Selbstverständlichkeit, auch wenn manches nicht nach seinen konkreten Vorstellungen ablief. Er diente unverbrüchlich dem Institut, auch bei für Ihn schwierigen Situationen.

Seine langjährigen Mitgliedschaften im Senat der Universität, im Fakultätsrat, als Geschäftsführender Direktor im Institut für Chemie, Studienkommission und weiteren Gremien der Selbstverwaltung sollen an dieser Stelle genannt werden. Er setzte seine ganze Kraft, viel Zeit und seine Persönlichkeit ein, um jede dieser Aufgaben möglichst perfekt zu erfüllen.

Seine Ehrlichkeit im Auftreten machte keinen Halt vor der Obrigkeit, manchen Kollegen, gewissen Studierenden oder gegenüber Schlamperei im technischen organisatorischen Bereich. Aber er war auch humorvoll und mit viel Sinn für ein gutes Essen. Oft haben wir so zusammengesessen und über schwierige politische Probleme oder schöne Dinge fabuliert.

Obwohl Klaus Banert über ein ausgezeichnetes Gedächtnis verfügte, er war nicht wirklich nachtragend oder gar neidisch auf andere. Diese feinen Charaktereigenschaften an Ihm habe ich immer sehr geschätzt.

Es heißt, jeder Mensch ist ersetzbar. Ich sehe aber im Moment nicht, wie Klaus Banert weder im Institut, seiner Arbeitsgruppe oder im Lehrbetrieb wirklich ersetzt werden könnte, von seiner Familie, der unser tiefes Mitgefühl gehört, ganz zu schweigen.

Lieber Klaus, wir werden dich sehr vermissen.

Prof. Dr. Stefan Spange, langjähriger Weggefährte des Verstorbenen und Professor für Polymerchemie von 1993-2017 am Institut für Chemie der TU Chemnitz.