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Von Formeln zu Formen

Krys Robertson machte ihre ersten akademischen Schritte an der TU Chemnitz, heute arbeitet sie als freischaffende Künstlerin – eine Geschichte über das Erreichen der Berufung auf Umwegen

Dass die Entscheidung, als freie Künstlerin zu arbeiten, die richtige war, merkte Krys Robertson nach der Geburt ihres Sohnes: „Als ich ein Kind bekam, wurde mir bewusst, dass ich jetzt eigentlich von der Natur her meinen Zweck getan hatte. Dass ich also abtreten könnte. Ich fragte mich, ob ich so weitermachen wollte wie bisher und dachte dann irgendwann ‚jetzt oder nie‘.“ Was sie dann antrieb: „Ich wollte nicht auf meinem Grabstein stehen haben: ‚Sie hatte Potenzial‘.“ Die heute 40-Jährige malt mit Erfolg Landschaften, Stadtansichten, Porträts, Akte, Stillleben und Familienszenen im Stil des frühen 20 Jahrhunderts. Doch bis hin zu ihrer eigentlichen Berufung war es ein langer Weg – und der führte sie einmal quer über den Globus.

Einmal um die Welt zur TU Chemnitz

Robertson wächst im beschaulichen Pachum auf, einem Stadtteil in Schwerin. Nach der Schule geht sie für ein halbes Jahr nach Orlando/Florida und arbeitet bei Disney World als Cultural Representative - im Dirndl. 1996 beginnt Robertson dann, an der Technischen Universität Chemnitz Betriebswirtschaft zu studieren. Rückblickend eine Vernunftentscheidung: „Ich habe BWL studiert, weil mir außer Kunst, und die war aus der Perspektive meiner Eltern ein no go, wirklich nichts einfiel, was ich gern gemacht hätte.“

Trotz des ungeliebten Studiums lernt sie, das Studentenleben an der TU zu schätzen: „Die TU war für mich ein geschützter Ort. Die Uni war klein genug, um nicht unterzugehen. Das war doch für eine öffentliche Uni eher kuschelig.“ Sie erinnert sich gerne an die Zeit in Chemnitz zurück, eine sorgenlose Zeit, frei von jeder Verantwortung. Eine Zeit, in der sie schnell Freunde fand. Doch bald holte sie der Studienalltag ein: „Ich bin studientechnisch erstmal gehörig auf die Nase gefallen, denn ich musste zu Schulzeiten nicht hart für gute Noten arbeiten. Die fielen mir zu“ An der Universität sei das dann anders gewesen. Sie erinnert sich auch an lustige Begegnungen: „Schön war es, als mich meine nette sächsische Sitznachbarin fragte ob Skonto mit einem harten oder weichen D geschrieben werde.“

Die Künstlerin habe die „Sprödigkeit von Chemnitz“ gemocht: „Höchst amüsant fand ich damals, dass der ‚Nischel‘ vor dem Haus stand, an dem ‚Proletarier aller Länder vereinigt Euch‘ in mehreren Sprachen als Relief eingelassen war - und dieses Haus wurde dann zum Arbeitsamt. Das hatte nach der Wende doch einen gewissen Witz“, bemerkt sie augenzwinkernd.

Auf Findungssuche in Sachen Studium

Nach dem Grundstudium der Betriebswirtschaft, entschied sich Robertson für den Wechsel an die Universität Witten/Herdecke, für das Hauptstudium im Fach Ökonomie. „Es kamen mir schon in der Chemnitzer Zeit Zweifel an meiner Studienfachwahl. Also habe ich im Rückblick eine kosmetische Ersatzhandlung vorgenommen, um dieses Gefühl zu bereinigen. Statt einem radikalen Schnitt, für den ich aber noch nicht bereit war, wählte ich eine Uni für das Hauptstudium, die Kunst-, Philosophie-, Technologie-Kurse zwingend für jeden Studiengang vorschrieb. So betrachtete ich Steinmetzen und Aktzeichnen trotz des Ökonomiestudiums als meine wichtigsten Fächer. Da hätte ich die Glöckchen eigentlich schon läuten hören müssen.“

Trotz ihrer Zweifel schloss Robertson ihr Studium als Diplom-Ökonomin ab. Bei einem Auslandsaufenthalt innerhalb ihrer Studienzeit in Edinburgh lernt sie ihren späteren Mann kennen.  Gemeinsam gingen sie 2004 nach Singapur, wo Krys Robertson viereinhalb Jahre als Unternehmensberaterin arbeitete. „Berichte über den chinesischen Ventilmarkt verschwanden einfach in der Schublade. Dann fragte ich mich oft, wofür meine Arbeit gut war? Außer dass ich ein festes Gehalt am Ende des Monats auf dem Konto hatte.“ Nach dem Umzug nach Hongkong 2008 wurde ein Dozent der Universität Hong Kong auf sie aufmerksam. Er empfahl ihr, sich direkt für den Masterstudiengang Visual Arts an der Hong Kong Baptist University zu bewerben. Robertson rückblickend: „Ich wäre nie allein auf die Idee gekommen, dass das, was ich hatte, gut genug wäre für ein Master-Studium – ohne vorher den Bachelor gemacht zu haben. In Hong Kong war das nicht üblich, aber möglich - was für ein Geschenk!“

Als einzige Ausländerin habe sie sich das Handwerkzeugs der Malerei selbst erarbeiten müssen. Denn es wurde vorausgesetzt, dass jeder bereits seine spezielle Kunst auf ausreichendem Niveau praktizieren konnte. Durch die vielen Kontakte zu Künstlern und den Zuspruch, den sie erhielt, entschied sich Robertson nach der Geburt ihres Sohnes endgültig für ein Leben als freischaffende Künstlerin.

Innere Verbundenheit zur eigenen Arbeit

Und hier schließt sich der Kreis: Endlich spürte die Malerin die Verbundenheit zur ihrer Arbeit, die sie früher als Unternehmensberaterin vermisst hatte: „Ein gutes Bild ist einfach eine Freude. Ein Trost. Ein Genuss. Eine Saite wird dann innerlich zum Klingen gebracht. Vielleicht ist die Kunst auch einer dieser unbewussten und vergeblichen Versuche, den Tod zu überlisten und so etwas wie eine kleine Ewigkeit zu schaffen.“

Die Künstlerin arbeitet dabei klassisch Pleinair, ohne Skizzen und am besten unter Druck: „Draußen, wenn das Wetter gleich umschlägt, man gekocht oder tiefgefroren wird und deshalb Eile geboten ist.“ Begegnungen mit Menschen sind ein wichtiger Teil ihrer Arbeit: „Das Leid und Glück, das ich durch Menschen erlebe, spiegeln sich in meinen Bildern wieder. Ich brauche den unmittelbaren Kontakt zu Menschen, ich könnte nicht im gefühlten Vakuum vor mich hinarbeiten.“

Als ihr Mann 2014 bei einem Verkehrsunfall in Hong Kong starb, ging Robertson mit ihrem Sohn zurück nach Schwerin. Um sich ihren weiten Horizont weiterhin zu erhalten, pflegt sie den intensiven Austausch mit internationalen Künstlern: „Wir eröffnen einander die Tür zur anderen Welt. In diesem Jahr habe ich eine Objektkünstlerin aus Hong Kong in eine Gruppenausstellung nach Mecklenburg geholt. Das erscheint mir fast wie ein Ufo auf dem platten Land“, sagt Robertson und lacht.

Das Studium habe ihr in Bezug auf die Malerei eher wenig weitergeholfen. Jedoch vermittelte es ihr den Kontakt zu Menschen und Fähigkeiten, die ihr helfen, um in ihrem herausfordernden Beruf zu überleben: „Man muss als Künstler nicht Kunst an einer Uni studiert haben, um gut zu werden. Das liegt an jedem einzelnen. Aber viele Menschen und Behörden legen Wert darauf, dass jemand anderes einen Gütestempel auf die Arbeit gedrückt hat. Oftmals ist das Studium also eine Art Einlasskriterium für Ausstellungen, Organisationen und sogar für die Krankenkasse.“

Auch wenn der Weg zur Berufung einige Umwege für die Schwerinerin bedeutet hat, Robertson bereut rückblickend nichts. „Hätte ich die schwierigen Seiten vorher gewusst, hätte ich vielleicht noch länger für die Entscheidung gebraucht. Von daher: Gut, dass ich es nicht wirklich gewusst habe. Ich lerne nur in der unmittelbaren Erfahrung am eigenen Leib.“ Und die Erfahrung bleibt ihr und bereichert sie in ihrer Arbeit, das Studium an der TU Chemnitz gehört dazu.

Hinweis: Zweifel an der Studienwahl?

Die Zentrale Studienberatung berät Studierende individuell rund um Studienangebote und Möglichkeiten des Studiengangwechsels an der TU Chemnitz. Eine Terminvereinbarung wird empfohlen. Kontakt unter 0371/531-55555 oder per Mail unter studienberatung@tu-chemnitz.de.

(Autorin: Nina Schreyer)

Matthias Fejes
19.02.2018

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