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"Das ist Wissenschaftsfälschung im großen Stil"

Im Gespräch: Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Winfried Thielmann über Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft

  • "In Deutschland geht es ganz wesentlich um das Begründen, also das Herstellen von Verstehen. In Italien um das Überzeugen - ähnlich wie im angelsächsischen Sprachraum", sagt Prof. Dr. Winfried Thielmann. Diese und weitere Einsichten hat er - zusammen mit Angelika Redder und Dorothee Heller - in dem kürzlich erschienenen Band "Eristische Strukturen in Vorlesungen und Seminaren deutscher und italienischer Universitäten" veröffentlicht. Foto: Steve Conrad

Wissenschaft auf Englisch - für manche eine Konsequenz der Globalisierung, für andere eine hochproblematische Forderung. Katharina Thehos sprach mit dem Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Winfried Thielmann, Inhaber der Professur Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der TU Chemnitz.

Sie fordern die wissenschaftliche Mehrsprachigkeit in Europa. Ist das im Zeitalter der Globalisierung nicht provinziell?

Der Biomediziner Ralph Mocikat, Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache, berichtet davon, dass auch Wissenschaftsgremien, die ausschließlich aus deutschen, vom deutschen Steuerzahler finanzierten Professoren bestehen, aus dem Bemühen um Internationalität auf Englisch tagen. Ich kann mir nichts Provinzielleres vorstellen.

Woran liegt es, dass - vor allem in den Naturwissenschaften - weitgehend auf Englisch publiziert wird?

Die Qualität naturwissenschaftlicher Forschungsleistung bemisst sich nach dem Impact Factor. Das ist eine Zahl, die angibt, wie häufig die Zeitschrift, in der ein Aufsatz veröffentlicht wurde, in anderen Publikationen zitiert wird. Dies zwingt die Wissenschaftler dazu, in sogenannten International Refereed Journals, also Zeitschriften, die in Zitatenbanken indexiert sind, zu publizieren. Und die sind alle fest in angelsächsischer, um nicht zu sagen: US-amerikanischer, Hand. Diese Zeitschriften akzeptieren keine nicht-englischsprachigen Zitationen. Sollte beispielsweise ein Deutscher vor einem Amerikaner eine Entdeckung gemacht und auf Deutsch publiziert haben, kann seine Arbeit nicht zitiert werden, sondern es muss eine englischsprachige Arbeit zitiert werden, die über diese Entdeckung nach dem Deutschen - ergänze Italiener, Polen, Franzosen und so weiter - berichtet hat. Da wird gerade - im Rahmen der Internationalisierung und Ent-Provinzialisierung - die Wissenschaftsgeschichte umgeschrieben. Das ist Wissenschaftsfälschung im großen Stil.

Aber dieses Problem ist doch gelöst, wenn alle Wissenschaftler auf Englisch publizieren, oder?

Man sollte sich klar machen: Die Fortentwicklung von Theorien geht wesentlich mit der Prägung neuer Fachtermini einher. Dort haben die englischen Muttersprachler den Heimvorteil - so könnten ganze Disziplinen in Europa hinsichtlich theoretischer Innovation den Löffel abgeben, da sie sich an die US-amerikanische Theorie-Entwicklung gekoppelt haben. In meiner Wissenschaft, der Sprachwissenschaft, hätte das bedeutet, dass ich in der US-amerikanischen Chomsky-Sprachwissenschaft sozialisiert worden wäre, also einer Sprachauffassung, die in Sprache nicht unbedingt ein Kommunikationsmittel sieht. Dann würden wir wahrscheinlich dieses Gespräch nicht führen.

Um den von Ihnen benannten Heimvorteil der englischen Muttersprachler auszugleichen, könnte man doch fordern, schon in der frühkindlichen Erziehung mit dem Englischen zu beginnen.

Diese Forderung wird erhoben und schon längst von den Eliten umgesetzt, die meinen, damit ihren Kindern etwas Gutes zu tun. Diese Leute verstehen nichts von Sprache in ihren vielfältigen Dimensionen. Sie glauben, Wissenschaft sei Wissenschaft, egal, in welcher Sprache man sie betreibe. Das ist aber schlichtweg falsch. Extrem wichtig ist zum Beispiel die Frage, wie in einer Einzelsprache wissenschaftstypische Ausdrucksbedürfnisse bedient werden. Wir sagen "inzwischen hat sich unter Wissenschaftlern die Erkenntnis durchgesetzt, dass...". Auf Englisch: "it is now widely held". Sie sehen: Das ist etwas völlig anderes. Das sind diejenigen sprachlichen Mittel, mit denen wir fächerübergreifend das wissenschaftliche Geschäft verhandeln. Diese Mittel sind völlig unscheinbar, da sie aus der Gemeinsprache geschöpft sind, ohne jedoch wirklich gemeinsprachlich zu sein. Zugleich dürfen wir nicht vergessen, dass Wissenschaft ganz wesentlich von der Auseinandersetzung lebt - neue Erkenntnisse müssen sich durchsetzen, das heißt von der Gemeinschaft der Wissenschaftler ratifiziert werden. Wie aber der wissenschaftliche Streit sprachlich ausgetragen wird, ist höchst einzelsprachen- und wissenschaftskulturspezifisch.

Das bedeutet also, dass die Weise, auf die eine wissenschaftliche Erkenntnis im angelsächsischen Raum diskutiert werden muss, eine andere ist, als beispielsweise im deutschsprachigen?

Ja, genau. Gerade ist euroWiss, ein von der Volkswagen-Stiftung finanziertes Verbundprojekt zu Ende gegangen, an dem meine Professur beteiligt war: Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Hamburg, Bergamo und Modena haben wir deutsche und italienische Vorlesungen, Seminare und Übungen aufgezeichnet und untersucht. Eins der Ergebnisse war, dass die wissenschaftlichen Streitkulturen höchst unterschiedlich sind: In Deutschland geht es ganz wesentlich um das Begründen, also das Herstellen von Verstehen. In Italien um das Überzeugen - ähnlich wie im angelsächsischen Sprachraum. Übrigens: Der deutsche Ausdruck "Begründung" ist in beide Sprachen praktisch nicht zu übersetzen.

Ist denn ein solcher Pluralismus nicht problematisch für die Wissenschaftsentwicklung? Wäre es nicht besser, alle würden mit einer Sprache sprechen und nach einem Standard argumentieren?

Kurz: Der Wissenschaft könnte nichts Schlimmeres passieren. Zur Begründung: Es leuchtet ein, dass viele Sichtweisen auf die Gegenstände für die Innovation besser sind als Monokultur. Aber es gibt auch ganz handfeste sprachwissenschaftliche Argumente: Wissenschaftssprachen liegen nicht einfach in der Gegend herum. Sie sind das Resultat der Bemühungen von Wissenschaftlern um wissenschaftliche Ausdrucksmittel. Dieser Sprachausbau setzt an den Möglichkeiten an, die eine spezifische Einzelsprache vorhält. Ein Beispiel: Sie müssen Ihren Erkenntnisgegenstand, also dasjenige, worüber Sie etwas herausfinden möchten, benennen können. Wie machen Sie das? Natürlich mit einem Substantiv. Hier zeigen sich aber massive Unterschiede zwischen dem Englischen und dem Deutschen, da das Englische keine Substantive hat. Nehmen Sie einen Ausdruck wie "Struktur" - der ist im Deutschen ein Substantiv, weil er Genus besitzt, das sich am Artikel offenbart: "die Struktur". Im Englischen, das in sprachtypologischer Hinsicht dem Chinesischen viel näher ist als dem Deutschen, gibt es keine solche Kennzeichnung von Substantiven. "Structure" kann daher auch Prädikat sein, zum Beispiel in der Frage "How shall we structure this?".

Was hat das für Auswirkungen?

Ich habe in einer größeren Untersuchung zu zeigen versucht, dass solche Differenzen auch für Unterschiede in den wissenschaftlichen Erkenntniswegen verantwortlich sein können. Europa würde deshalb, wenn es seine ausgebauten Wissenschaftssprachen aufgäbe, nicht nur einen Wettbewerbsvorteil verlieren, sondern einen über Jahrhunderte erarbeiteten Schatz an wissenschaftlichen Erkenntnisressourcen und -möglichkeiten einfach wegschmeißen. Im euroWiss-Projekt haben wir gesehen, wie wichtig es für die wissenschaftliche Lehre ist, Wissen auch auf gemeinsprachliche Formulierungen rückführen zu können. Dies gelingt in der englischsprachigen Lehre in Deutschland eher nicht. Der Irrwitz, die Internationalität von Universitäten an der Anzahl internationaler, sprich: englischsprachiger Studiengänge zu messen, muss aufhören. Wahre Internationalität ist differenziert mehrsprachig. Darüber hinaus: Die Wissenschaftssprache ist das Komplexeste an Sprachlichkeit, was eine Gesellschaft entwickeln kann. Bricht sie weg, brechen auch die anderen Varietäten, wie die höhere Verwaltungssprache, Rechtssprache und so weiter weg. Wollen Sie in einer Gesellschaft leben, in der Sie den Brötchenkauf noch auf Deutsch erledigen können, den Antrag auf einen Reisepass aber auf Englisch stellen müssen? Das ist die Praxis postkolonialer Gesellschaften. Die werden von kleinen Eliten regiert. Demokratisch ist das nicht.

Wie beurteilen Sie als Sprachwissenschaftler das Niveau der öffentlichen Diskussion zum Thema Wissenschaftssprache?

Es ist dem unermüdlichen Einsatz von Leuten wie etwa Konrad Ehlich, Ralph Mocikat und Hans-Joachim Meyer zu verdanken, dass diese Fragen überhaupt öffentlich diskutiert werden. So gibt es - auch wenn die Deutsche Forschungsgemeinschaft sich hier noch taub stellt - zumindest das Papier "Sprachenpolitik an deutschen Hochschulen" der Hochschulrektorenkonferenz. Außerdem veranstalten das Goethe-Institut und der Deutsche Akademische Austauschdienst Tagungen. Natürlich spricht dort immer wieder der deutsche Naturwissenschaftler, der immer denselben Amerikaner zitiert: "The language of good science is bad English." Was da übersehen wird, vielleicht auch aus Selbstüberschätzung der englischen Sprachfähigkeiten, ist, dass die guten angelsächsischen Wissenschaftler ganz ausgezeichnet schreiben. Kein Wunder, dass da Wissenschaftler, die das Englische nicht als Muttersprache beherrschen, Schwierigkeiten haben, in die International Refereed Journals zu kommen. Das ganze Gequatsche von Englisch als "lingua franca" der Wissenschaft, also sozusagen Wissenschaftspidgin, ist ahnungslosigkeitsbasierter Unsinn. In einer lingua franca ist keine Wissenschaft möglich.

Welche Reaktionen erleben Sie, wenn Sie sich für Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft einsetzen?

Auf einer vom Goethe-Institut organisierten Tagung in Amsterdam wurde ich kürzlich von einem der deutschen Teilnehmer einer Podiumsdiskussion der Provinzialität beschuldigt. Da habe ich mit dem Finger auf jeden einzelnen Diskutanten gezeigt und gesagt: "Sie, Sie und Sie hatten das Privileg, auf Deutsch zu studieren, und wollen nun allen anderen ausschließlich das Englische verordnen." Wirklich ärgerlich ist aber etwas anderes: Ich habe, zusammen mit Ralph Mocikat, in Foren wie dem Unterausschuss Auswärtige Kulturpolitik des Deutschen Bundestages oder der Arbeitsgruppe `Sprachenpolitik an deutschen Hochschulen´ der Hochschulrektorenkonferenz meine Arbeit gemacht. In beiden Foren war auch Karl-Heinz Göttert, ein pensionierter außerplanmäßiger Kölner Professor und akademischer Oberrat. Der hat kürzlich ein Buch geschrieben, in dem er nun aus beiden Foren plaudert - eine grobe Verletzung wissenschaftlichen Anstands. In diesem Buch schiebt er Ralph Mocikat und mir Sachen unter, die wir nie gesagt haben, verdreht unsere Argumentationen ins Sinnlose oder meint, von naturwissenschaftlicher Publikationspraxis mehr zu wissen als ein Biomediziner. Das ist ganz besonders ärgerlich, da Göttert als mediävistischer Literaturwissenschaftler weder von Wissenschaftssprache noch von der Publikationspraxis in den Naturwissenschaften etwas versteht, während er sich seinem ahnungslosen Publikum als Experte präsentiert.

Hand auf`s Herz: Wie steht`s bei Ihnen mit dem Englischen?

Ich habe zu Beginn meines neunjährigen Australienaufenthalts von 1994 bis 2003 ein IELTS-Testergebnis von 8,5 von neun möglichen Niveaustufen erzielt und mich seither sehr um das Englische und seine wissenschaftliche Varietät bemüht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen und Kontakt: http://www.tu-chemnitz.de/phil/ifgk/germanistik/daf/thiel.php

Katharina Thehos
21.05.2014

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