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Tabakentwöhnung zwischen Gesundheitsgewinn und Kostenangst

Mit Blick auf den Weltnichtrauchertag am 31. Mai 2013 hinterfragt "Uni aktuell" bei Prof. Dr. Stephan Mühlig, Inhaber der Professur Klinische Psychologie, ein langwieriges Dilemma im Gesundheitswesen

Dass Rauchen schädlich ist, weiß fast jeder. Doch die Kosten für eine Therapie, um von dieser Sucht loszukommen, werden von den Krankenkassen nicht übernommen - noch nicht. Darüber sprach Mario Steinebach mit Prof. Dr. Stephan Mühlig, Inhaber der Professur Klinische Psychologie der Technischen Universität Chemnitz und Leiter der Raucherambulanz Chemnitz.

Warum fällt es vielen so schwer, mit dem Rauchen aufzuhören?

Zigarettenrauchen kann in eine ausgeprägte Tabaksucht münden. Was viele nicht wissen: Nikotin zählt zu den suchtpotentesten Substanzen überhaupt, es hat ein ähnlich hohes Abhängigkeitspotenzial wie Heroin. Studien belegen, dass etwa 50 bis 60 Prozent aller regelmäßigen starken Raucher eine körperliche Abhängigkeit im Sinne einer psychischen Störung entwickeln. Und eine solche Suchterkrankung ist nur schwer zu überwinden. Wer zur Zigarette greift, weiß zwar meist um die gesundheitlichen Risiken des Tabakrauchens, und deshalb wollen die meisten Raucher "eigentlich" aufhören. Aber dies ist eben nicht einfach nur eine Willensfrage. Neben abhängigkeitsbezogenen Problemen wie Entzugserscheinungen und Suchtverlangen ist die Zigarette im Alltag mit vielerlei Auslösereizen, Ritualen und Gewohnheiten verbunden, die nach einem Rauchstopp noch lange Zeit automatisch ein heftiges Suchtverlangen und schließlich Rückfälle auslösen können. Ohne professionelle Unterstützung liegt die Rückfallquote von Abstinenzversuchen nach einem Jahr bei 93 bis 96 Prozent. Vielen Rauchern gelingt die Tabakentwöhnung zwar irgendwann auch ohne professionelle Unterstützung - allerdings oft erst nach mehreren Anläufen und nach vielen Jahren, und das bedeutet: Nicht selten erst, wenn bereits ernsthafte Gesundheitsschäden und Rauchererkrankungen eingetreten sind.

Stimmt es, dass in Deutschland die Tabakentwöhnung vom Gesetzgeber und den Krankenkassen nach wie vor als "Wellness" behandelt wird, für die der Einzelne selbst aufkommen muss?

Leider ist das noch so. Alle Ansätze zur Kassenfinanzierung wurden bislang abgeblockt - aus der unbegründeten Befürchtung vor einer Kostenlawine im Gesundheitswesen. Wissenschaftliche Studien zeigen demgegenüber, dass die Tabakentwöhnung langfristig sehr viel mehr Geld einspart als sie kostet. Die durch das Rauchen verursachten Gesamtkosten summieren sich allein in Deutschland auf über 33 Milliarden Euro pro Jahr. Demgegenüber bringt jeder entwöhnte Raucher langfristig Einsparungen von über 15.000 Euro bei chronisch Erkrankten sind die Beträge sicher noch weitaus höher. Keine andere Maßnahme erreicht mit so wenig Kosten ein so großes Plus an Gesundheit und gewonnenen Lebensjahren wie die Tabakentwöhnung und damit einen vergleichbar großen materiellen und immateriellen Gewinn für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Es ist also geradezu absurd, dass ausgerechnet diese Behandlungsmaßnahme nicht finanziert und viel breiter genutzt wird.

Lässt sich an diesem Zustand etwas ändern?

Ja, das hoffe ich sehr. Derzeit bereiten wir im Wissenschaftlichen Aktionskreis Tabakentwöhnung in Kooperation mit mehreren medizinischen und psychologischen Fachgesellschaften die Unterstützung von Musterklagen zu diesem Thema vor. In diesen Verfahren soll letztlich verfassungsgerichtlich geklärt werden, ob die derzeitige Gesetzeslage in Widerspruch zu grundgesetzlichen Normen wie dem Gleichbehandlungsgebot und dem Recht auf gesundheitliche Unversehrtheit und Behandlung steht. Denn hier wird ganz offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen: Während die Alkoholabhängigkeit bereits seit 45 Jahren als Suchtkrankheit anerkannt ist und - wie die Behandlung der Drogenabhängigkeit - vom Gesundheitssystem voll finanziert wird, behandelt das Sozialgesetzbuch die Tabakentwöhnung als "Wellness". Im Erfolgsfall des Klageweges könnte die Bundesregierung vom Bundesverfassungsgericht gezwungen werden, die Takakentwöhnungstherapie als Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen anzuerkennen. Zu diesem Zweck wurde ein Unterstützungsfond zur Finanzierung von Gutachten und der Gerichtsverfahren eingerichtet, der ausschließlich von wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Berufsverbänden finanziert wird. Um eine völlige Unabhängigkeit von kommerziellen Interessen zu gewährleisten, wird dabei ausdrücklich auf Spenden durch Industriesponsoren wie Pharmaunternehmen verzichtet.

Was passiert, wenn die Klage Erfolg hat?

Es wird nach meiner festen Überzeugung nicht zu der befürchteten Kostenexplosion kommen, dies zeigen auch Erfahrungen aus anderen Ländern. Erstens werden nicht von heute auf morgen alle Raucher gleichzeitig mit dem Rauchen aufhören wollen und können. Die meisten Raucher schieben den Rauchstopp lange vor sich her und müssen eher zum Jagen getragen werden. Außerdem würde die Kassenleistung nicht von allen 20 Millionen Rauchern in Anspruch genommen, sondern insbesondere von den etwa 25 Prozent der schweren und nikotinabhängigen Raucher, die es allein nicht schaffen, und von Hochrisikogruppen, die abstinent werden müssen. Schließlich ist den Behandlungskosten ja das enorme Einsparpotenzial gegenüberzustellen, das sich mittel- und langfristig auch für die einzelne Krankenkasse wirtschaftlich rentieren wird.

Gibt es denn auch Gefahren, wenn man mit dem Rauchen aufhören möchte?

Nein, gefährlich ist nur das Rauchen, nicht das Aufhören. Aber es gibt Nebenwirkungen, z.B. häufig eine vorübergehende Gewichtszunahme: Nach dem Rauchstopp nehmen Frauen durchschnittlich drei Kilo zu, die Männer etwa fünf Kilo. Dies liegt sowohl am veränderten Stoffwechsel als auch an der Appetitregulation. Durch Training und Ernährungsumstellung kann man dem jedoch sehr gut gegensteuern. Viel wichtiger ist, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt, schwere Lungenschäden oder sogar Lungenkrebs zu bekommen, rapide abnimmt. Bei Rauchern mit einer chronischen körperlichen Krankheit oder einer Depression, oder auch bei rauchenden Schwangeren sollte die Entwöhnung vorsichtshalber durch einen Arzt, Psychotherapeuten oder psychologischen Entwöhnungsspezialisten begleitet werden, um unerwünschte Nebenwirkungen des Nikotinentzuges zu kontrollieren.

Könnten Raucher als ersten guten Vorsatz auf dem Weg zum Nichtraucher zur Light-Zigarette greifen?

Nein, das hat sich als nicht hilfreich heraus gestellt. Im Gegenteil: Wenn jemand leichtere Zigaretten raucht, dann raucht er mehr, inhaliert tiefer und er inhaliert pro Zigarette häufiger. In aller Regel - also, was wir heute aus wissenschaftlichen Studien wissen - wird durch das beschriebene veränderte Rauchverhalten der geringere Nikotingehalt sofort wieder kompensiert und unterm Strich nichts gewonnen. Wenn jemand tiefer inhaliert, dann werden in der Lunge feinere Bronchien eher involviert, als bei jemandem, der nur flach inhaliert oder pafft. Leichtere Zigaretten können deshalb letztlich die Gesundheit sogar stärker schädigen. Doch leider ist die Illusion, dass weniger giftige Zigaretten weniger schädlich sind, sehr verbreitet.

Was würden Sie allen Rauchern zum Weltnichtrauchertag mit auf den Weg geben?

Wer rechtzeitig mit dem Rauchen aufhört, hat die Chance, wieder vollkommen gesund zu werden und auf dem gleichen Niveau weiter zu altern, wie ein Nichtraucher. Und selbst bei bereits eingetretenen Gesundheitsschäden führt der Rauchstopp zu einer enormen Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustandes und der Lebensqualität, auch noch im höheren Alter.

Vielen Dank für das Gespräch.

https://www.tu-chemnitz.de/hsw/psychologie/professuren/klinpsy/RAC/index.php

Mario Steinebach
30.05.2013

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