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In Südafrika auf der Suche nach Herausforderungen

Dr. Ralph Hensel wagte als ehemaliger Mitarbeiter der Professur Arbeitswissenschaft den Schritt in die Selbstständigkeit - als Geschäftsleiter einer Bäckerei in Kapstadt

Einzigartige Landschaften, traumhafte Strände und faszinierende Kulturen - längst ist Südafrika nicht mehr nur ein beliebtes Urlaubsland der Deutschen. Vielmehr wollen immer mehr Menschen in dem vielfältigen Land an der Südspitze des afrikanischen Kontinents dauerhaft leben und arbeiten. Seit einem Jahr gehören auch Dr. Ralph Hensel und seine Familie zu den mutigen Auswanderern, die ihre gesicherte Existenz in der deutschen Heimat aufgaben und in Südafrika einen beruflichen Neustart wagten. In Deutschland arbeitete Hensel jahrelang an der Professur Arbeitswissenschaft der TU Chemnitz. Heute leitet er die Bäckerei "German Breadhouse SchwarzBrotGold" in Kapstadt. Unterstützung erhält er von seinem Bruder, Carsten Hensel, der an der TU Chemnitz Politikwissenschaften studierte.

Sehr schnell wurden den Auswanderern die enormen Unterschiede zum gewohnten Arbeitsalltag bewusst. "Es beginnt mit zeitigem Aufstehen und dementsprechend langen Arbeitstagen. Auch am Wochenende ist alles sehr arbeitsintensiv. Das Aufgabenspektrum und die zu übernehmende Verantwortung unterscheiden sich ebenfalls gänzlich. Gegenüber Deutschland sind zum Beispiel die kulturellen Unterschiede zu nennen, wie ein niedriger Ausbildungsstand des Personals, geringes Lohnniveau und die mangelnde Zuverlässigkeit bei den Beschäftigten wie auch bei den Zulieferern. Aber auch die hohe Bürokratie, die starke staatliche Regulation des Arbeitsmarktes und die oberflächliche Arbeitsweise sind wohl die wichtigsten Herausforderungen, vor denen man tagtäglich steht", erklärt Hensel und schätzt daher sein Vorwissen aus der Arbeitswissenschaft umso mehr: "Da uns die Geschäftsführung obliegt, kommen uns unsere betriebswirtschaftlichen Kenntnisse zu Gute. Man ist insbesondere als Arbeitswissenschaftler breit aufgestellt und kann für all die Aufgaben aus dem Vollen schöpfen." Hensels Tätigkeitsschwerpunkte während seiner Beschäftigung an der Uni waren die Prozessplanung und -optimierung sowie Arbeitsorganisation und personelle Aspekte. Doch auch Kenntnisse über klassische Themen wie Arbeitsschutz kommen dem Wirtschaftsingenieur bei seiner neuen beruflichen Tätigkeit zugute. "Im Rahmen meiner Forschungen habe ich mich außerdem stark mit interkulturellen Unterschieden beschäftigt, die in der alltäglichen Arbeit hier auch unglaublich präsent sind und einen immer wieder vor neue Herausforderungen im Umgang mit Kunden, Personal und Lieferanten stellen", so Hensel, der jedoch nicht als einziges Familienmitglied optimale Voraussetzungen für einen Neustart in Südafrika mitbringt. Schließlich hat sich ebenso Carsten Hensel Zeit seines Politikstudiums auf den afrikanischen Kontinent spezialisiert - sowohl im Praktikum bei einer Unternehmensberatung in Kapstadt, als auch bei seiner Bachelorarbeit zum Thema "Indische Investitionen in Äthiopien".

Trotz der guten Voraussetzungen was das berufliche Vorwissen und die Liebe zum Land betrifft, dauerte es ungefähr ein halbes Jahr, um die ersten Ideen in einen konkreten Businessplan mit Marktanalyse, Investitionsplanungsplanung und verschiedenen weiteren Überlegungen zu verwandeln. Nicht zuletzt mussten auch noch die restlichen Familienmitglieder vom Umzug überzeugt werden. Doch die Familie kannte das Land dank mehrfacher Aufenthalte bereits vor der Auswanderung und konnte so auch die Situation auf dem Brotmarkt sehr gut einschätzen. "Wir hätten auch nie eine neue Bäckerei gegründet, sondern haben eine existierende und zudem sehr gute übernommen, konnten also auf einem Grundstock aufbauen - dadurch war das Risiko kalkulierbar", sagt Hensel, der durch familiäre Beziehungen von der zum Verkauf stehenden Bäckerei erfahren hatte. "Ich glaube nicht, dass wir das in einer anderen südafrikanischen Stadt als Kapstadt oder gar einem anderen Land gemacht hätten. Es war wirklich diese Gelegenheit an diesem Ort, den wir eben auch schon kannten. Insofern würden wir dies sicher auch heute wieder so machen", resümiert Hensel ein Jahr nach der Übernahme der Bäckerei.

Es hat sich viel verändert, seit die Hensels die Leitung der Firma übernommen haben: "Während die Bäckerei früher ausschließlich für den Verkauf über die Theke gebacken hat, haben wir das Liefergeschäft als großen Absatzmarkt erkannt und das läuft gut." So werden als Kunden vermehrt Touristen avisiert sowie die etwa 30.000 deutschen Einwohner Kapstadts. Es ist ein Nischenmarkt - mit einer hohen Qualität der Produkte und einem entsprechenden Preis - den die Bäckerei der Hensels bedient. Längst sind auch viele Fünf-Sterne-Hotels, deren Manager oftmals Deutsche sind, sowie verschiedene Gästehäuser, deutsche Delikatessläden und diverse Restaurants sowie andere Bäckereien auf das German Breadhouse aufmerksam geworden. Grund für die hohe Nachfrage ist neben der Qualität sicher auch das breite Angebot der Bäckerei. Neben 15 Brotsorten und verschiedenen Brötchen können die anspruchsvollen Kunden der Bäckerei auch in den Genuss von unterschiedlichen Kuchen, Plunderspezialitäten und sonstigen süßen Sachen kommen. "Die Produktionsmenge ist saisonal sehr stark schwankend. Pauschal kann man vielleicht sagen, dass sie ungefähr einer deutschen Bäckerei mit circa fünf Filialen entspricht", schätzt Hensel. Um diese Menge bewältigen zu können, beschäftigen die Hensels bisher sieben Mitarbeiter. Seit Anfang Juli unterstützen die Bäckerei nun noch zwei weitere Mitarbeiter, die in der ersten Filiale des Unternehmens tätig sind.

Das Bäckereigeschäft läuft gut. Ob die Familie jemals wieder nach Deutschland zurückkehren wird, ist unsicher. "Wir haben den Businessplan erst einmal für fünf Jahre entwickelt, müssen den Weg des Unternehmens natürlich auch darüber hinaus weiter planen und werden von dessen Entwicklung und unserer Lebenssituation abhängig machen, ob wir zurückkehren", sagt Hensel und fügt hinzu: "Wir wollen uns alles offen halten. Das heißt, wir sind dabei, uns parallel in Südafrika noch andere Sachen aufzubauen, da das Land viele Möglichkeiten bietet. So will ich beispielsweise meiner Profession als Arbeitswissenschaftler beziehungsweise als Industrial Engineer auch hier weiter treu bleiben, sowohl im Beratungssektor als auch in der Lehre - zumal es mit den Universitäten in Kapstadt und Stellenbosch die beiden besten Unis ganz Afrikas vor der
Haustür gibt."

(Autorin: Ina Huke)

Mario Steinebach
10.09.2012

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