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Späteinsteiger China: Störenfried oder Partner?

Antje Nötzold beschäftigte sich in ihrer Promotion an der TU Chemnitz mit dem Einfluss der chinesischen Energiepolitik auf Europa und empfiehlt eine bessere Zusammenarbeit beider Seiten

  • Kartenstudium: Antje Nötzold verfolgte für ihre Dissertation die Wege der Energie. Foto: Christian Schenk

"Die steigende Energienachfrage Chinas sollte nicht dämonisiert, sondern als normales Phänomen der Wirtschaftsentwicklung des Landes betrachtet werden", sagt Dr. Antje Nötzold von der Professur Internationale Politik der TU Chemnitz und ergänzt: "Ebenso sollten die immer höheren Erdölimporte der Volksrepublik nicht als globales Problem hingestellt, sondern vielmehr als wachsende Verbindung Pekings mit dem Rest der Welt genutzt werden." Nötzold wurde an der TU Chemnitz promoviert zum Thema "Die Europäische Energieversorgungssicherheit und die Herausforderung durch die Energiepolitik der Volksrepublik China. Europa in den Fängen des Drachen?". Die mit summa cum laude bewertete Dissertation wurde betreut von Prof. Dr. Beate Neuss, Inhaberin der Professur Internationale Politik, und ist im VS Verlag erschienen.

China ist weltweit betrachtet schon heute ein wichtiger Energiekonsument - Tendenz rasant steigend: "Während die Volksrepublik bis 1993 Bruttoexporteur aller fossilen Energieträger war, hat sich das Land in weniger als einer Generation zum weltweit zweitgrößten Energiekonsumenten mit dem am stärksten wachsenden Bedarfsanstieg entwickelt", berichtet Nötzold. Energiesicherheit sei der chinesischen Regierung zu wichtig, um sie allein den Märkten zu überlassen - daher sehe sie es als ihre Aufgabe an, die Versorgungssicherheit staatlich zu kontrollieren und die Durchsetzung der chinesischen Interessen auch im Ausland staatlich zu lenken. "Auf andere importabhängige Energiekonsumenten wirkt der Späteinsteiger China auf den ersten Blick als Störenfried, da er die gängige Spielregel missachtet und sich darum bemüht, Konkurrenten aus dem enger werdenden Markt zu verdrängen", sagt Nötzold und fasst die Beschwerden zusammen: "Das chinesische Streben nach Energieressourcen wird als aggressiv, als gefährlich für die regionale und internationale Sicherheit und sogar als Ursache von Konflikten bewertet. Darüber hinaus wird das rapide chinesische Bedarfswachstum als ein wesentlicher Faktor für die gestiegenen Erdölpreise seit 2000 angesehen."

Während europäische Investoren Forderungen hinsichtlich wirtschaftlicher Reformen, guter Regierungsführung und Menschenrechten stellen, blendet China diese Themen aus - und beruft sich auf das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten. "Aus Sicht der Regierung verfolgt China die Suche nach risikoreicheren oder politisch fragwürdigen Nischen gezwungenermaßen, da die großen Erdöl und Erdgas produzierenden Länder bereits von westlichen Unternehmen unter sich aufgeteilt sind", so Nötzold, die auch auf positive Aspekte des chinesischen Vorgehens verweist: "China investiert auch in risikoreichen Gebieten sowie in weniger gewinnträchtige Förderprojekte. Somit fördert China Erdöl, das sonst höchstwahrscheinlich nicht exploriert worden wäre." Außerdem trage die Erschließung kleinerer Vorkommen dazu bei, die Abhängigkeit von den dominierenden Reserveregionen zu verringern und so die globale Versorgungssicherheit zu verbessern.

Alte Fehler vermeiden

"Obwohl die Bewertung der chinesischen Energiepolitik und ihrer Auswirkungen auf Europa unterschiedlich ausfallen, ist eine Politik des Abwartens und Aussitzens nicht ausreichend", schätzt Nötzold ein. "Anstatt die chinesische Regierung beständig für steigende Energiepreise und für Schwierigkeiten der eigenen Versorgungssicherheit an den Pranger zu stellen, sollte Europa versuchen, das Potenzial des chinesischen Energiemarktes für sich zu nutzen", sagt die Politikwissenschaftlerin und urteilt: "Europa sollte bestrebt sein, die Volksrepublik in die Weltrohstoffmärkte zu integrieren." Dazu müsse China allerdings stärker die Möglichkeit bekommen, über deren Ausgestaltung und Regeln mitzubestimmen. "Um Peking freiwillig zur Zusammenarbeit zu motivieren, sollte die Kooperation in den Bereichen ansetzen, die für China von Interesse sind: ausgereifte Technologien und europäische Erfahrungen in der Entwicklung und Verwendung fossiler wie erneuerbarer Energien, Energieeinsparungen und Umweltschutz", so die TU-Absolventin. Denn so habe die Volksrepublik die Chance, alte Fehler zu vermeiden und ein modernes Energiesystem aufzubauen.

Essenziell für die europäische Seite sei jedoch, darauf zu achten, dass in der Zusammenarbeit auch ihre wirtschaftlichen wie politischen Interessen ernst genommen und durchgesetzt werden. So eröffne die Zusammenarbeit nicht nur einen Know-how-Transfer für China, sondern auch Geschäftsmöglichkeiten für europäische Unternehmen. "Der gigantische Markt der Volksrepublik bietet die Möglichkeit, die Investitionskosten für technologische Entwicklungen schneller zu amortisieren und somit die technologische Führerschaft halten zu können", sagt Nötzold und fügt hinzu: "Während Europa zwar eine Quelle für alternative und effizientere Energietechnologien darstellt, entstehen erst zusammen mit China die kritische Masse und die Größenvorteile in Produktion und Anwendung, um neue Technologien zügig weiterzuentwickeln und zu verbreiten."

Europa muss sich der möglichen Risiken für die künftige Sicherheit der Energieversorgung bewusst sein, die unter anderem durch neue Konsumenten mit divergierenden energiepolitischen Strategien wie China und die Politisierung der Ressourcenmärkte entstehen, und diese aktiv addressieren. "Dazu ist ein integrierter und kohärenter Ansatz für die europäische Energieversorgung notwendig. Die Sicherung der Energieversorgung sollte entsprechend der Sicherung anderer lebensnotwendiger Gütern als eine öffentliche Aufgabe des Staates angenommen und deren sicherheitspolitische Relevanz wahrgenommen werden", sagt Nötzold und empfiehlt der EU, den Mut zu haben, klare Prioritäten auf bestimmte Regionen und Initiativen zu setzen und sich auf kooperationswillige Partner zu konzentrieren. Dringenden Handlungsbedarf identiziert Nötzold bei der Transportinfrastruktur: Die vornehmlich gewinnorientierten Interessen der Unternehmen und die strategischen Bewertungen der EU zur Diversifizierung fallen häufig auseinander: "Um in diesem Bereich handlungsfähig zu sein, muss die Kommission daher in die Lage versetzt werden, strategische Entscheidungen im europäischen Interesse nicht nur zu treffen, sondern die Projekte dann auch umsetzen zu können", so Nötzold. Sie stellt dazu ihre Idee eines eigenen Fonds zur Finanzierung strategischer Infrastrukturprojekte vor, der sich am Vorbild der Regionalförderung orientieren könnte. Die vorgeschlagenen Handlungsempfehlungen unterstützen eine gemeinsame europäische Energiepolitik, die sich den Herausforderungen stellt, "damit die europäische Wirtschaft nicht schon vor dem Ende des Erdölzeitalters ihren ‚Lebenssaft‘ verliert."

Bibliographische Angaben: Nötzold, Antje: Die Energiepolitik der EU und der VR China - Handlungsempfehlungen zur europäischen Versorgungssicherheit, Wiesbaden 2011. 395 Seiten, VS Verlag, ISBN 978-3-531-17791-5, Preis: 49,95 Euro

Weitere Informationen erteilt Dr. Antje Nötzold, Telefon 0371 531-35570, E-Mail antje.noetzold@phil.tu-chemnitz.de.

Katharina Thehos
22.11.2010

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