Wie sollten automatisierte Fahrzeuge mit Fußgängerinnen und Fußgängern interagieren?
Gemeinsame Studien der TU Chemnitz und der TU Berlin untersuchen, wie Fahrzeugmodus, Geschwindigkeit und Bremsverhalten die Interaktion mit einem automatisierten Shuttle beeinflussen
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Testszenarien für die Wissenschaft: Im Juli und August 2026 fanden auf dem Universitätsteil Erfenschlager Straße 73 mehrere Studien statt, bei denen Interaktionen mit einem automatisierten Shuttle im Fokus standen. Foto: Dr. Josephine Halama
Wie reagieren Fußgängerinnen und Fußgänger auf ein automatisiertes Fahrzeug, wenn es ihnen auf der Straße begegnet? Fühlt sich die Interaktion sicher und entspannt an und macht es einen Unterschied, ob das Fahrzeug automatisiert, von einer Person gesteuert oder aus der Ferne teleoperiert wird? Wie sollte das Fahrzeug bremsen, wenn es der Fußgängerin bzw. dem Fußgänger Vorrang gewährt? Diesen Fragen sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Technischen Universität Chemnitz und der TU Berlin mit einem automatisierten Shuttle im Juli und August 2026 auf dem Universitätsteil Erfenschlager Straße 73 nachgegangen.
Die Untersuchungen führte ein Team der Professuren Allgemeine Psychologie und Human Factors (Leitung: Prof. Dr. Stefan Brandenburg) sowie Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement (Leitung: Prof. Dr. Angelika Bullinger-Hoffmann) der TU Chemnitz als Teil des Chemnitz Center for Mobility (CCM) durch. Kooperationspartner war die Abteilung Kraftfahrzeuge der TU Berlin (Leitung: Prof. Dr. Steffen Müller).
Wie erleben Fußgängerinnen unterschiedliche Fahrzeugmodi?
Es wurde untersucht, welchen Einfluss der Fahrzeugmodus und die Geschwindigkeit eines Fahrzeugs auf die Wahrnehmung und das intendierte Querungsverhalten von Fußgängerinnen und Fußgängern während einer Interaktion haben. Dabei wurden drei unterschiedlichen Betriebsarten simuliert: automatisiert, manuell und teleoperiert. Das Shuttle näherte sich den Probandeninnen und Probanden mit verschiedenen Geschwindigkeiten, die im Anschluss die Situation bewerteten.
Erste Ergebnisse zeigen, dass die Interaktion mit dem Shuttle insgesamt als sicher, entspannt, selbstbestimmt und effizient wahrgenommen wurde. Mit steigender Geschwindigkeit sank jedoch die wahrgenommene Sicherheit und Entspanntheit leicht, während die Effizienz zunahm. Der Fahrzeugmodus hatte keinen Einfluss auf die Wahrnehmung der Interaktion. Die Ergebnisse legen nahe, dass sowohl automatisierte als auch teleoperierte Fahrzeuge aus Sicht der Fußgängerinnen und Fußgängereine positiv bewertete Interaktionen ermöglichen.
Wie soll ein automatisiertes Fahrzeug bremsen?
Eine weitere Studie untersuchte das Bremsverhalten des automatisierten Shuttles in der Interaktion mit Fußgängerinnen und Fußgängern. Den Probandinnen und Probanden wurden unterschiedliche Bremsmanöver des Shuttles präsentiert. Dabei wurden sowohl der Abstand, in dem das Fahrzeug zum Stillstand kam, als auch die Art der Bremsung variiert. Untersucht wurden unterschiedliche Bremsstrategien.
Die ersten Auswertungen zeigen, dass sowohl die Art des Bremsmanövers als auch der Abstand zum endgültigen Haltepunkt einen wesentlichen Einfluss darauf haben, wie die Interaktion mit dem automatisierten Fahrzeug wahrgenommen wird. Damit deutet sich an, dass nicht allein die Tatsache, dass ein automatisiertes Fahrzeug anhält, für die Wahrnehmung der Situation entscheidend ist. Auch die konkrete Ausgestaltung des Bremsvorgangs und die Position, an der das Fahrzeug zum Stillstand kommt, spielen eine wichtige Rolle.
Nutzerperspektive als Grundlage für die Gestaltung automatisierter Fahrzeuge
Die beiden Studien liefern Erkenntnisse, wie das Verhalten automatisierter Fahrzeuge in Interaktionen mit anderen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmern gestaltet werden kann. Ziel ist es, Fahrzeugverhalten nicht ausschließlich aus technischer Perspektive zu definieren, sondern auch menschzentriert zu gestalten. Die Ergebnisse der Studien werden derzeit ausgewertet und anschließend in wissenschaftlichen Fachpublikationen veröffentlicht. Die gewonnenen Erkenntnisse tragen zur menschzentrierten Gestaltung automatisierter Mobilität bei.
Die Studien wurden aus Haushaltsmitteln der TU Chemnitz und der TU Berlin finanziert. Darüber hinaus wurde die Forschung durch ein Doktorandenstipendium der Sächsischen Aufbaubank (SAB) in Kooperation mit der Europäischen Union unterstützt.
Weitere Informationen werden auf der Projekt-Homepage (www.mytuc.org/jywc) bereitgestellt.
Veranstaltungshinweis: Das Forschungsprojekt und das automatisierte Shuttle werden am 6. Oktober 2026 bei einer Fachtagung der Chemnitzer Verkehrs-AG dem Fachpublikum und am Abend im Rahmen einer öffentlichen und kostenfreien Veranstaltung auch interessierten Bürgerinnen und Bürgern vorgestellt.
Kontakt: Prof. Dr. Stefan Brandenburg, Professur Allgemeine Psychologie und Human Factors, E-Mail stefan.brandenburg@psychologie@tu-chemnitz.de, und Prof. Dr. Angelika Bullinger-Hoffmann, Professur Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement, E-Mail angelika.bullinger-hoffmann@mb.tu-chemnitz.de
Mario Steinebach
29.09.2026