„Die Sprachbarriere verschwindet schneller, als man denkt“
Piotr Marszałek aus Katowice hat über die „Betreuungsinitiative Deutsche Auslands- und Partnerschulen“ des Deutschen Akademischen Austauschdienstes den Weg an die TU Chemnitz gefunden
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Piotr Marszałek aus Polen studiert heute Angewandte Informatik an der TU Chemnitz und freut sich über seinen erfolgreichen Start ins Studium. Foto: Marta May
Kannst du dich kurz vorstellen?
Ja, gern. Ich heiße Piotr Marszałek und stamme aus Polen, genauer aus Katowice. Seit einem Jahr studiere ich Angewandte Informatik an der TU Chemnitz.
Wie bist du auf die TU Chemnitz aufmerksam geworden und was hat dich überzeugt, dich hier zu bewerben?
Auf die TU Chemnitz aufmerksam gemacht hat mich ursprünglich meine Deutschlehrerin. Letztlich war es jedoch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die mich überzeugt haben: Zum einen liegt Chemnitz mit rund fünf Stunden Autofahrt noch in einer angenehmen Nähe zu meinem Zuhause, zum anderen bekomme ich für das erste Studienjahr ein Stipendium und das bedeutet eine enorme finanzielle Entlastung. Hinzu kam, dass ich 2024 an einer Schnupperwoche an der TU Chemnitz teilnehmen und dadurch einen ersten echten Eindruck vom Studienalltag gewinnen konnte. Bereits einige Jahre davor war außerdem Katharina Wohlgemuth vom Internationalen Universitätszentrum der TU Chemnitz persönlich an unserer Schule in Katowice und hatte uns die Universität vorgestellt.
Wie erlebst du heute den Alltag als polnischer Student in Chemnitz?
Mein Alltag besteht zunächst aus Vorlesungen und Übungen. Im Anschluss daran suche ich jedoch bewusst das Gespräch mit anderen, einfach um nach der Uni noch in Kontakt zu kommen. Danach arbeite ich häufig mit Kommilitonen an gemeinsamen Projekten, mal remote, mal trifft man sich auch persönlich. Sportlich halte ich mich größtenteils allein fit, etwa beim Laufen, während ich Basketball lieber gemeinsam mit Freunden spiele. Gearbeitet habe ich bislang nicht, da mir gerade das Stipendium den Rücken freihält. Die Finanzierung durch das Stipendium erlaubt es, sich besonders im ersten Jahr, wenn man sich erst in alles hineinfinden muss, stärker auf das Lernen zu konzentrieren.
Was hat dich im Studium überrascht, was ist herausfordernd?
Besonders lebhaft in Erinnerung ist mir ein Projekt aus den Grundlagen der Technischen Informatik geblieben. Zu zweit oder zu dritt haben wir einen Mini-Prozessor gebaut – ein kleines System, das im Grunde nur addieren kann. Sobald es Strom bekommt, zählt es etwas, Andernfalls bleibt es inaktiv und genau dieses einfache Prinzip steckt letztlich auch in echten Prozessoren. Zwar haben wir nur ein einziges Gerät gebaut, doch gerade dadurch versteht man wirklich, was eigentlich dahintersteckt. Mit Blick auf die Stadt, hat mich positiv überrascht, wie grün und günstig Chemnitz ist und dass Polen von hier aus eben nicht weit entfernt liegt. Nach wie vor die größte Herausforderung bleibt allerdings das Studieren in einer Fremdsprache. Während man in der Schule vor allem Vokabeln und Regeln lernt, muss ich hier tatsächlich verstehen, was im Hörsaal gesagt wird. Eine Prüfung auf Deutsch zu schreiben, ist dann noch einmal eine ganz andere Dimension. Allerdings bestehen bei mir die meisten Prüfungsleistungen aus Projekten, was sich sogar als Vorteil erweist. So lerne ich nämlich nicht allein für eine einzelne Prüfung, sondern vor allem durch die praktische Arbeit selbst. Hinzu kommt, dass die Prüfungsphase ohnehin nur einmal pro Semester stattfindet, was einem wirklich mehr Luft zum Atmen verschafft.
Gibt es einen Moment aus deinem Studienalltag, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist – einen, den du so nicht erwartet hättest?
Ja, definitiv. Das erste Semester war nämlich wirklich anstrengend, und ich war oft allein, weil mir wegen des vielen Lernens kaum Zeit für anderes blieb. Umso größer war dann aber die Freude, als mit der ersten Prüfungsphase auch gute Noten kamen. Das war für mich so etwas wie mein erster Eureka-Moment – das Gefühl, dass es tatsächlich funktioniert und ich das schaffen kann. Gerade nach den schweren ersten Monaten hat mir das viel Sicherheit gegeben.
Wie hast du Anschluss zu deutschen Kommilitoninnen und Kommilitonen gefunden, aber auch zu anderen internationalen Studierenden?
Meine Freunde hier stammen aus Syrien, Deutschland und Tschechien. Kennengelernt habe ich sie alle über meinen Studiengang, der vollständig auf Deutsch läuft. Mittlerweile lese und höre ich entsprechend auch viel auf Deutsch. Bei Gruppenarbeiten sprechen wir dennoch meistens Englisch, weil das für alle einfacher ist, und gerade über diese gemeinsamen Projekte sind die meisten meiner Kontakte entstanden.
Welche Rolle hat die Gemeinschaft der BIDS-Studierenden für dich gespielt?
Eine sehr große, denn sie hat mir den Start spürbar erleichtert. Schon im ersten Semester, als ich noch niemanden kannte, wurden mir über das Internationale Universitätszentrum Kontakte zu anderen polnischen BIDS-Studierenden vermittelt, die bereits länger hier waren. Sie erklärten mir, was wo zu finden ist und wie man bestimmte Dinge erledigt. Ohne ihre Hilfe wäre es sicher schwieriger gewesen, zumal ich die Orientierungswoche im Oktober verpasst hatte. Inzwischen bin ich selbst in diese Rolle hineingewachsen. Im nächsten Semester kommt nämlich ein Student aus Polen, zu dem ich über das BIDS-Projekt Kontakt habe, und ich werde ihm helfen, sich in Chemnitz zurechtzufinden, da das System hier doch anders funktioniert als in Polen.
Was nimmst du aus deinem Studium hier mit, das über das Fachliche hinausgeht?
Mit 21 Jahren allein im Ausland zu leben, und das noch in einer Sprache, die nicht meine Muttersprache ist, ist sicher kein kleiner Schritt. Dadurch habe ich mich aber auch persönlich weiterentwickelt und bin offener auf Menschen zugegangen, weil ich hier selbst den ersten Schritt machen muss. Ebenso bin ich selbstständiger geworden, da ich Alltagsprobleme eigenständig lösen muss. Und nicht zuletzt konnte ich auf diese Weise auch meine Sprachkenntnisse deutlich verbessern.
Was könnte die TU Chemnitz bzw. das BIDS-Programm aus deiner Erfahrung lernen – was könnte noch besser werden?
Im Großen und Ganzen funktioniert das Programm bereits gut. Am wichtigsten ist dabei sicherlich die finanzielle Unterstützung, denn ohne das Stipendium wäre ich gar nicht erst zum Studieren ins Ausland gegangen. Ebenso gut funktioniert das informelle Netzwerk, über das ältere Studierende ihr Wissen an die Erstis weitergeben. Verbesserungspotenzial sehe ich dagegen vor allem bei der Orientierung im Hinblick auf die Behördengänge: Eine einfache Schritt-für-Schritt-Anleitung für die wichtigsten Behördengänge wäre hier sehr hilfreich.
Stell dir vor, du könntest Studierende oder Schülerinnen und Schüler persönlich ansprechen, die überlegen, ob sie nach Chemnitz zum Studieren kommen – was würdest du ihnen sagen?
Die Sprachbarriere verschwindet schneller, als man denkt. Versucht es einfach, denn die Welt gehört den Mutigen und man bereut im Leben meistens nicht das, was man gewagt hat, sondern das, was man sich nicht zu tun getraut hat.
(Das Interview führte Marta May, studentische Mitarbeiterin im BIDS-Projekt an der TU Chemnitz)
Hintergrund: Betreuungsinitiative Deutsche Auslands- und Partnerschulen (BIDS)
Im Rahmen des Programms „Betreuungsinitiative Deutsche Auslands- und Partnerschulen“ (BIDS) des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) werden unter anderem Veranstaltungen wie Schnupperwochen und -tage für Schülerinnen und Schüler aus Polen und Tschechien organisiert. Das Angebot richtet sich dabei an Schulen, die das Deutsche Sprachdiplom verleihen. Dieses Sprachzertifikat ist eine Voraussetzung für ein Studium an einer deutschen Hochschule. Darüber hinaus werden Stipendien an Absolventinnen und Absolventen dieser Schulen, die beispielsweise ein Studium an der TU Chemnitz aufnehmen, vergeben. Das BIDS-Projekt wird an der TU Chemnitz vom Internationalen Universitätszentrum koordiniert. Gefördert werden die Aktivitäten vom DAAD aus Mitteln des Auswärtigen Amts.
Weitere Informationen zum BIDS-Programm erteilt Katharina Wohlgemuth, Telefon 0371 531-39856, E-Mail katharina.wohlgemuth@iuz.tuchemnitz.de
Mario Steinebach
18.06.2026