Die Glaubhaftigkeit von Forschungsergebnissen im Fokus
Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen e. V. beteiligte sich an internationaler Replikationsstudie im Bereich der Sozial- und Verhaltenswissenschaften
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Dr. Deliah Wagner vom Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen e. V. brachte ihre Expertise in eine internationale Replikationsstudie ein. Fotografik: Jacob Müller
Wie verlässlich sind Ergebnisse aus den Sozial- und Verhaltenswissenschaften? Eine große internationale Replikationsstudie, in deren Rahmen wissenschaftliche Untersuchungen erneut durchgeführt wurden, um deren Ergebnisse zu überprüfen, zeigt: Die Hälfte der untersuchten Studien lässt sich bestätigen. An dieser Untersuchung beteiligte sich auch Dr. Deliah Wagner vom Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen e. V., einem An-Institut der Technischen Universität Chemnitz.
Warum bedarf es einer solchen Überprüfung? „Die Sozial- und Verhaltenswissenschaften beschäftigt seit mehr als einem Jahrzehnt eine sogenannte Replikationskrise. Sie beschreibt das Problem, dass viele wissenschaftliche Ergebnisse bei einer Wiederholung von Studien nicht reproduziert werden können. Als Ursachen gelten unter anderem fragwürdige Forschungspraktiken, wie das selektive Berichten nur signifikanter Ergebnisse, das nachträgliche Anpassen von Hypothesen an die Daten oder das wiederholte Testen von Analysen, bis ein signifikantes Ergebnis entsteht“, berichtet Wagner. Dies habe in den vergangenen Jahren zu einem verstärkten Fokus auf transparente und nachvollziehbare Forschungsmethoden geführt, die unter dem Begriff „Open Science“ zusammengefasst werden.
Neue Erkenntnisse zur Reproduzierbarkeit, Robustheit und Replizierbarkeit von Forschungsergebnissen in den Sozial- und Verhaltenswissenschaften liefert das internationale Forschungsprojekt „Systematizing Confidence in Open Research and Evidence“ (SCORE) des Center for Open Science. In einer kürzlich in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlichten Studie untersuchte ein Team aus 292 Forschenden – darunter Dr. Deliah Wagner – die Ergebnisse von insgesamt 164 quantitativen Studien aus verschiedenen wissenschaftlichen Fachbereichen, die zwischen 2009 und 2018 in 54 Fachzeitschriften veröffentlicht wurden.
Das Ergebnis dieser Untersuchung, die zu den bislang umfassendsten Initiativen in diesem Bereich zählt, ist: Rund die Hälfte der untersuchten Studienergebnisse konnte von den Mitgliedern des Forschungsteam repliziert werden. Dies bedeutet jedoch weder, dass 50 Prozent der ursprünglichen Ergebnisse falsch sind, noch, dass die übrigen 50 Prozent korrekt sind. Die Forschenden betonen, dass auch Replikationen fehlerhaft sein können. Dies zeigt sich auch darin, dass die vom Forschungsteam berechnete Replikationsquote je nach Definition zwischen 29 und 75 Prozent lag. Im Vergleich zu den Originalstudien fielen die Effekte in den Replikationen in 70 Prozent der Fälle schwächer aus, das heißt, die beobachteten Zusammenhänge waren weniger stark ausgeprägt „Aufgrund dessen sprechen die Ergebnisse viel mehr für die Unsicherheiten, die normaler Bestandteil der sozialwissenschaftlichen Forschung sind. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Forschungsergebnisse bei Wiederholungen häufig abschwächen oder verändern. Das bedeutet nicht, dass sie falsch sind, sondern dass einzelne Studien immer mit Unsicherheiten verbunden sind. Diese Unsicherheiten sind ein normaler Bestandteil sozialwissenschaftlicher Forschung und sollten offen kommuniziert werden“, so Wagner.
Bereits in einer früheren Untersuchung im Rahmen des SCORE-Projekts hatte Wagner gemeinsam mit zwei Forschenden die Replizierbarkeit einer Studie zum Einfluss von Stereotypen auf den sogenannten „Political Knowledge Gender Gap“ analysiert. Dabei konnte sich der Effekt der Studie wiederholt nicht finden lassen.
Zusammengefasst zeigen diese Befunde einmal mehr, dass Replikationen einen wichtigen Beitrag für die wissenschaftliche Praxis leisten, um die Glaubhaftigkeit von Forschungsergebnissen zu erhöhen und ein akkurates Bild innerhalb und außerhalb der Wissenschaft zu zeichnen. Das Aufzeigen von Problemen bei der Replizierbarkeit ist auch ein Zeichen dafür, dass die Wissenschaft ihrer zentralen Stärke – der Selbstkritik – nachgeht. „Es ist deshalb wichtig, die Bedingungen, welche die Replizierbarkeit wissenschaftlicher Studien fördern oder hemmen, weiter zu untersuchen“, so Wagner und fügt hinzu: „Um die Glaubhaftigkeit von Forschungsergebnissen den Sozial- und Verhaltenswissenschaften zu erhöhen, sollten Forschende alles dafür tun, dass ihre Studienergebnisse auch im Nachhinein überprüft werden können. Konkret bedeutet dies unter anderem, Forschungsdaten und Auswertungen transparent zugänglich zu machen, Studien vorab klar zu planen und zu dokumentieren sowie Ergebnisse unabhängig von ihrer Signifikanz zu veröffentlichen.“
Weitere Informationen erteilt Dr. Deliah Wagner, E-Mail deliah.wagner@zkfs.de, Telefon +49 (0)371 335638-32.
Mario Steinebach
02.04.2026