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Im Fokus: Kinderarbeit in Sachsen

PD Dr. Manuel Schramm beleuchtet in seiner publizierten Studie die Kinderarbeit in der Zeit von der Frühindustrialisierung bis zum Zweiten Weltkrieg

Im 19. Jahrhundert war Kinderarbeit in Sachsen weiter verbreitet als in anderen deutschen Regionen. Dennoch lag hierzu bisher keine systematische Untersuchung vor. PD Dr. Manuel Schramm vom Institut für Europäische Studien und Geschichts­wissen­schaften der Technischen Universität Chemnitz zeichnet mit seiner nun im transcript Verlag erschienen Studie ein facettenreiches Bild der Kinderarbeit in Sachsen von der frühen Industrialisierung bis zum Zweiten Weltkrieg und bereichert damit die historische Forschung.

Kinder arbeiteten nicht nur in der Textilindustrie, sondern auch in der Landwirtschaft oder im Handel. Kinder, die Zeitungen verkauften oder Brötchen austrugen, waren noch um 1900 ein alltäglicher Anblick auf den Straßen von Großstädten wie Leipzig und Chemnitz. Nicht nur Kinder aus den unteren Schichten gingen arbeiten, auch in der Mittelschicht war Kinderarbeit lange Zeit verbreitet und akzeptiert, da sich Kinder möglichst frühzeitig an regelmäßige Arbeit gewöhnen sollten, und da Erwerbsarbeit als Ersatz für die meist fehlende Kinderbetreuung gesehen wurde. Nicht nur Jungen, auch Mädchen mussten häufig arbeiten. Sie waren vor allem mit Kinderbetreuung und Arbeiten im Haushalt beschäftigt, und hatten dort meist längere Arbeitszeiten als Jungen. Die Löhne waren zwar gering und mussten meist den Eltern abgetreten werden, aber vielen Kindern und Jugendlichen gelang es dennoch, einen Teil für eigene Zwecke auszugeben, z. B. für Süßigkeiten, Kinobesuche oder anderes.

Erst nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich langsam die Erkenntnis durch, dass Erwerbsarbeit für Kinder ungesund ist. In der Folge ging die Kinderarbeit vor allem in den Städten zurück, während auf dem Land die Mitarbeit von Kindern in der Heimarbeit noch lange üblich blieb. Hinzu kam, dass mit der Ausweitung alternativer Freizeitangebote etwa von Sportvereinen es nicht mehr nötig war, Kinder aus Furcht vor mangelnder Aufsicht zur Arbeit zu schicken. Letztlich, so die These von Schramm, wandelte sich das Bild von Kindern und Kindheit allgemein: Kinder wurden nicht mehr als Teil der Produktionseinheit Familie wahrgenommen, in der jede und jeder nach seinen oder ihren Möglichkeiten zum Lebensunterhalt beitragen musste. Es setzte sich das Bild des schutzbedürftigen Kindes durch, das durch zu frühe und zu starke Belastung in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung behindert wird. Insbesondere im Nationalsozialismus verband sich dieses Ziel der vorübergehenden Schonung des Kindes allerdings mit dem Streben nach umso rücksichtsloserer Ausbeutung des Erwachsenen.

Bibliographische Angaben: Manuel Schramm. Kinderarbeit in Sachsen. Von der Frühindustrialisierung bis zum Zweiten Weltkrieg, transcript Verlag, Bielefeld 2026. 258 Seiten. ISBN: 978-3-8376-7917-5

Mario Steinebach
06.02.2026

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