Springe zum Hauptinhalt
Pressestelle und Crossmedia-Redaktion
TUCaktuell
Pressestelle und Crossmedia-Redaktion 
TUCaktuell Studium

Ehrendes Gedenken, Schatten der Vergangenheit

Europa-Studenten der TU Chemnitz erforschten portugiesische Erinnerungskulturen

*

Die Exkursion führte die Chemnitzer Studenten unter Leitung von Juniorprofessorin Dr. Teresa Pinheiro (r.) auch nach Lissabon. Foto: privat

In Porto, einer Hafenstadt im Nordwesten Portugals, da wo der Fluss Douro in den Atlantik fließt, lag der Start einer Exkursion von Chemnitzer Studenten der Europawissenschaften. Über sechs Etappen reisten sie im Spätsommer 2006 quer durch das Land und begaben sich auf die Suche nach den Spuren portugiesischer Erinnerungskultur. "Wir hielten Ausschau nach Denkmälern und Gebäuden. Bis hin zu Straßennamen haben wir alles gesucht, das irgendwie an portugiesische Geschichte erinnert", berichtet Judith Sucher, Studentin der Europawissenschaften und Exkursionsteilnehmerin. Zusammen mit 15 weiteren Studenten und Dr. Teresa Pinheiro, Leiterin der Juniorprofessur Kultureller und Sozialer Wandel, trug sie bei der Exkursion in insgesamt sechs Tagen jede Menge Rohmaterial zusammen. Darunter über 1.000 Fotos, Informationen aus Führungen und Interviews mit Portugiesen, wie einem alten General oder einer Bürgerinitiative gegen das Vergessen.

Auf Basis des Rohmaterials entstand ein Projektseminar, nicht zuletzt auf Anfrage der Exkursionsteilnehmer, die hier noch nicht aufhören wollten. Nun galt es, das Gesehene zu ordnen, zu entwirren. Denn besonders präsent ist das Thema in Forschung und Bibliotheken bislang nicht. "Wenn dazu schon geforscht wurde, dann ist das Material in Deutschland kaum oder gar nicht verfügbar", so Judith Sucher. Den Europawissenschaftlern blieb also nur, die umfangreichen theoretischen Grundlagen selbst zu bündeln und auf die Geschichte Portugals und das gesammelte Exkursionswissen anzuwenden. "Dabei mussten wir, da wir ja kaum portugiesisch sprechen, auch manche Texte Wort für Wort übersetzen und auswerten", erinnert sich Ulrike Nehls. Im Seminar kamen die Ergebnisse dann gruppenweise zusammen. Nicht durch stures Abarbeiten vorgefertigter Bereiche, sondern durch aktive Mitbestimmung und Redefinition der Themen und deren Diskussion. "Ich habe in einem Seminar noch nie so selbstständig und demokratisch gearbeitet wie in diesem", erzählt Stefanie Kaluza. "Daher war es nicht nur eine theoretische Bereicherung, sondern auch das Entdecken einer fantastischen Arbeitsweise."

Das Ergebnis der Bemühungen ist eine umfangreiche Projektseite im Internet. Hier stellen wissenschaftliche Essays in zwei Themenblöcken zum einen das Vergessen, zum anderen das Gedenken dar. "Man redet in Portugal oft über die glorreiche Vergangenheit", erinnert sich Judith Sucher. "Auch an die Nelkenrevolution denkt man gern. Doch noch ist es schwierig, da das Land jetzt 30 Jahre nach Diktator Salazar in einer Art doppelter Erinnerungskultur steckt. So findet man beispielsweise in einem Freilichtmuseum, erbaut von Salazar, neben der ursprünglichen Wissensvermittlung der Diktatur eine neue, politisch korrekte." Die Studenten wollen mit ihrem Projekt keinen Schlussstrich liefern, sondern einen Ansatz, eine Interpretationsmöglichkeit von vielen, aus ihrer Perspektive. Nicht vergleichend ist ihr Blick (in Deutschland schießen die Mahnmale schließlich wie Pilze aus dem Boden), sondern betrachtend. Letztlich gibt es nicht die portugiesische Kultur und der Prozess der Aufarbeitung fängt im Land gerade erst an.

Die Aufbereitung des Stoffes brachte für die Studenten jedoch durchaus auch Ergebnisse über das Seminar hinaus. So waren sie nicht nur vom Thema und der Arbeitsweise begeistert, sondern fanden am Ende auch ihren Sinn für Erinnerungskulturen geschärft. "Ich betrachte ein Denkmal, das ich vorher vielleicht jeden Tag gesehen habe, nun mit ganz anderen Augen", sagt Stefanie Kaluza. Urs Dresen ergänzt: "Es ist wirklich interessant, wenn man in ein Land geht und einen Blick dafür hat, was für die Gesellschaft wichtig ist und wie sie sich öffentlich darstellt."

Wer die Prioritäten portugiesischer Geschichtsdarstellung nun selbst kennen lernen möchte, sollte mit der Projektseite "Ehrendes Gedenken, Schatten der Vergangenheit: Portugiesische Erinnerungskulturen" beginnen. Neben den Essays der Seminarteilnehmer und weiterführenden Links enthält sie auch weitere Informationen zum Projekt und dessen Mitarbeitern selbst:
http://www.tu-chemnitz.de/phil/europastudien/swandel/erinnerung/

(Autor: Michael Chlebusch)

Katharina Thehos
29.11.2007

Mehr Artikel zu:

Alle „TUCaktuell“-Meldungen
Hinweis: Die TU Chemnitz ist in vielen Medien präsent. Einen Eindruck, wie diese über die Universität berichten, gibt der Medienspiegel.

  • Ein alter Mann sitzt in einem Sessel.

    Jüdische Kultur und Erinnerung im transnationalen Kontext

    Philosophische Fakultät der TU Chemnitz lädt im Sommersemester 2026 gemeinsam mit dem Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz zu einer Ringvorlesung ein …

  • Porträt eines Mannes

    Schichtungen im Moment des Hörens

    Konzertsymposium „Schichtungen: Chemnitz, Berlin, Wien. In memoriam Peter Ablinger“ bringt vom 21. bis zum 22. Mai 2026 internationale Komponisten und Interpreten, Installationen, Konzeptkunst und wissenschaftliche Perspektiven an die TU Chemnitz und in die Kunstsammlungen Chemnitz …

  • Eine Europa-Tischflagge steht vor einem Globus.

    Diskutieren über Europa

    Professur Europäische Integration mit dem Schwerpunkt Europäische Verwaltung der TU Chemnitz unterstützt am 11. Mai 2026 öffentliche Podiumsdiskussion – Interessierte können sich für die Veranstaltung bis zum 4. Mai anmelden …

  • Fünf Bücher liegen auf einem grünen Sofa.

    Literatur ins Gespräch bringen

    27. Literarisches Quintett verspricht am 5. Mai 2026 wieder bereichernde Analysen, Bücher-Tipps und gute Unterhaltung – langjährige Bibliotheksdirektorin Angela Malz agiert letztmalig auf der Bühne …