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Pressemitteilung vom 01.12.1998

Wer geschlagen wird, wird selbst zum Schläger

Wer geschlagen wird, wird selbst zum Schläger
Chemnitzer Soziologen untersuchen, warum Jugendliche zur Gewalt neigen

Die Gewaltbereitschaft Jugendlicher nimmt immer mehr zu. Häufig äußert sie sich in sinnloser, von außen kaum nachvollziehbarer Zerstörungswut. Nicht selten sind aber auch Schwächere oder Ausländer die Opfer. Doch warum neigen Jugendliche zu Gewalt und Ausländerfeindlichkeit und warum fühlen sich immer mehr von ihnen zu den Rechtsradikalen hingezogen? Dieser Frage ist ein Team um den Chemnitzer Soziologen Prof. Klaus Boehnke nachgegangen.

Die Wissenschaftler befragten 789 Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren aus dem Chemnitzer Raum nach ihren Ansichten und nach ihrem Elternhaus. Zuvor hatten die Forscher ähnliche Umfragen schon in Berlin und im nordrhein-westfälischen Siegen durchgeführt. Nahezu jeder zweite Chemnitzer Jugendliche gab an, unter Umständen auch Gewalt anzuwenden und Vorbehalte gegen Ausländer zu haben. Dabei spielt das Elternhaus eine große Rolle. Typisch für diese Jugendlichen ist auch, daß sie sich allgemein sehr unsicher fühlen. Dies Unsicherheit wird oft durch ein rücksichtsloses Verhalten gegenüber anderen verdeckt.

Bei weiteren Fragen stellte sich heraus, daß etwa jeder zwölfte Jugendliche stark ausländerfeindlich eingestellt war. Solche Jugendliche waren auch besonders häufig in Streitereien oder Kämpfe mit anderen verwickelt oder neigten dazu, fremdes Eigentum zu zerstören. In ihren Einstellungen besonders zu Ausländern unterschieden sich diese Jugendlichen kaum von ihren Eltern und werden darin sogar bestärkt. Gleichzeitig, so fanden die Forscher heraus, sind diese Eltern besonders streng zu ihren Kindern und bestrafen sie bei Verfehlungen hart. Andererseits kümmern sie sich jedoch kaum um ihre Sprößlinge und interessieren sich zum Beispiel nicht dafür, was diese in ihrer Freizeit treiben - die wird nicht selten mit ziellosem Herumhängen verbracht. Nicht selten wird Gewalt "einfach nur so" aus Langeweile ausgeübt. Das ist besonders häufig der Fall, wenn geeignete jugendgemäße Freizeitangebote fehlen. Eine große Rolle spielt bei den Jugendlichen auch die "richtige" Kleidung: daran nämlich erkennen sich die unterschiedlich eingestellten Gruppen. Auch die Schule spielt eine Rolle bei den Einstellungen der Jugendlichen eine große Rolle: An Gymnasien findet man wesentlich weniger Ausländerfeinde und Rechtsradikale als an Mittelschulen.

Gleichzeitig räumen die Forscher mit einigen liebgewordenen Vorurteilen auf. "Rechtsextremismus unter Jugendlichen ist keine typisch ostdeutsche Erscheinung, das zeigen unsere Untersuchungen ganz deutlich", so Prof. Boehnke. "Und rechtes Verhalten hat auch nicht unmittelbar etwas mit Arbeitslosigkeit zu tun: Die älteren Jugendlichen haben fast alle eine Arbeit oder eine Lehrstelle. Auch bei ihren Eltern sieht es nicht viel anders aus."

(Autor: Hubert J. Gieß)

Weitere Informationen: Technische Universität Chemnitz, Philosophische Fakultät, Reichenhainer Str. 41, 09107 Chemnitz, Sozialisations- und empirische Sozialforschung, Prof. Klaus Boehnke, Tel. 0371/531-3925, Fax 0371/531-4450, E-mail: klaus.boehnke@phil.tu-chemnitz.de


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