
Wenn man die gegenwärtige Medienlandschaft betrachtet, kann man es kaum übersehen: Überall geht es um Identität. Dabei ist es egal, ob diese sich gerade in einer Krise befindet, politisch verhandelt oder gewollt verschleiert wird. Ein Autor, welcher das mannigfaltige Spektrum rund um Persönlichkeit und Individualität wie beinahe kein zweiter aufzeigt, ist Walter Moers, sowohl in seinem Werk als auch in der außerliterarischen Wirklichkeit.
Ein Blaubär, der in einer Nussschale auf dem Ozean seine Existenz beginnt, Buchlinge, deren einziger Lebenssinn es ist, das Werk eines Dichters zu memorieren, ein Zwölfjähriger auf einer scheinbar ziellosen Reise durch die Nacht, ein äußerst gewalttätiger Pinguin und ein Fönig, der statt zu regieren lieber auf den Klohmarft möchte: All diese charakteristischen Figuren aus der Feder Moers’ sind auf der Suche nach ihrer eigenen Identität und oszillieren dabei zwischen Erwartungshaltungen und deren Bruch. Auch in einem seiner neuesten Werke, „Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte“, findet sich mit dem Werwolf Werner, der lieber ein Wiewolf wäre, eine Figur, welche die eigene Persönlichkeit in Zweifel zieht. Das Werk von Walter Moers ist somit maßgeblich geprägt durch das Wechselspiel aus Transformation und Devianz, wobei die Identität als bindendes Kernelement fungiert.
Es ist erstaunlich, dass sich trotz des kommerziellen Erfolgs nur wenige Wissenschaftler:innen bisher mit dem Moersschen Gesamtwerk auseinandergesetzt haben. Diese Tagung soll zu einer Änderung dieses Umstandes beitragen und sowohl einen globaleren als auch einen differenzierteren Blick mit dem expliziten Fokus auf den Aspekt der Identität in politischen, kulturellen, religiösen und sozialen Kontexten richten. Die einzelnen Beiträge der Tagung bilden dafür eine reichhaltige Palette an Themen, wobei klassische wie auch neuartige Forschungsgegenstände in den Fokus rücken. Inwiefern lässt sich eine Identitätsinszenierung anhand karikaturartiger Selbstporträts seitens Moers als real-empirischem Autor einordnen? Welche Funktionen übernehmen literarische Adaptionen mittelalterlicher Stereotype und antik-philosophischer Vorstellungen im postmodernen Zeitalter? Und inwiefern unterscheidet sich Moers’ Ritter- und Kriegerbild von populären Mittelalterrezeptionen? Wir fungieren literarische Marionetten als Reflexionen über Identität(sverarbeitung)? In welcher Relation stehen Zeichenkonzepte der Sprachwissenschaft zu anthropomorphisierten Darstellungen im Comic? Und wie lassen sich palimpsestische Identitätskonstruktionen aus bspw. Moers’ Roman „Der Schrecksenmeister“ mit generativer KI als Variationstechnologie vergleichen? Es werden sowohl Beiträge auf Deutsch als auch Englisch vorgestellt.
Die von der Fritz-Thyssen-Stiftung finanzierte Tagung findet vom 09. bis 10.10.2026 in Chemnitz (Garagen-Campus) statt. Zur Eröffnung ist der Tagung eine Podiumsdiskussion mit Wolfgang Ferchl, Lektor von Walter Moers, und Christine Vogt, Direktorin der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen, am 08.10.2026, 19.00 Uhr im Veranstaltungssaal der Stadtbibliothek Chemnitz vorangestellt (weitere Informationen zur Veranstaltung und Anmeldung:
Podiumsdiskussion).