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Faszien, die faszinieren

Ob auch das Bindegewebe einen bedeutenden Beitrag für die körperliche Fitness und Gesundheit leistet, will eine neue Forschungsgruppe an der Professur Bewegungswissenschaft herausfinden

Wenn es darum geht, sich körperlich fit zu halten, ist häufig nur vom Muskeltraining die Rede. Dass auch das Bindegewebe, auch als Faszien bekannt, für die körperliche Fitness und die Gesundheit eine große Rolle spielen könnte, wurde erst in jüngeren medizinischen Studien entdeckt. Auch eine neue Forschungsgruppe an der Professur Bewegungswissenschaft an der Technischen Universität Chemnitz beschäftigt sich mit Faszien/Bindegewebe, um herauszufinden, wie groß der Einfluss der Faszien nun tatsächlich ist und welche Vorteile es haben kann, das Bindegewebe aktiv zu trainieren.

„Durch Experimente kommt die Medizin immer mehr zu dem Schluss, dass das Bindegewebe Auslöser für ein verspanntes Gefühl oder Unwohlsein im eigenen Körper sein kann“, so Freddy Sichting, Mitarbeiter der Professur für Bewegungswissenschaft, der die Forschungsgruppe rund um die Faszien gemeinsam mit den „Präventions-, Rehabilitations- und Fitnesssport“-Masterstudenten René Schrader und Nicolai Kram ins Leben gerufen hat. Der 26-jährige René Schrader ergänzt: „Weiterhin wurden vor kurzem Schmerzrezeptoren im Bindegewebe entdeckt. Wenn die Rezeptoren aus dem Gleichgewicht geraten, könnte das durchaus eine Ursache für chronische Rückenschmerzen sein. Ebenso sind auch andere Wahrnehmungsrezeptoren, die Dehnungen und Vibrationen wahrnehmen, im Bindegewebe gefunden worden.“ Es wird vermutet, dass das Gewebe bei einer Fehlhaltung oder stundenlangem Sitzen verkleben kann, wodurch es zu einer Störung der Sensoren und damit zu einer Gleichgewichtsstörung des Körpers kommen kann. „Wichtig festzustellen ist jedoch, dass es sich hierbei lediglich um Annahmen handelt“, so der 26-jährige Nicolai Kram, der seit Mai am Institut für Angewandte Bewegungswissenschaften angestellt ist. „Eben aus dem Grund, dass im Bereich Faszien kaum Forschungsergebnisse vorliegen, haben wir die Forschungsgruppe an unserer Universität gegründet.“

In dieser Gruppe wird nun das Bindegewebe mit speziellen Geräten unter die Lupe genommen. „Aktuell arbeiten wir hauptsächlich mit dem Myoton“, so Kram. „Das ist ein Messgerät mit einem Stößel, den man auf die Haut aufsetzen kann und welcher einen definierten Impuls in das Gewebe aussendet. Daraufhin können wir die Gewebewiderstände und Schwingungsparameter, sowie verschiedene Gewebeparameter, wie zum Beispiel die Elastizität und die Steifigkeit des Gewebes an entsprechender Position erfassen. Allerdings eignet sich das Myoton fast ausschließlich nur für die Messung oberflächennaher Bindegewebe.“ Der 28-Jährige Sichting, welcher zurzeit an seiner Promotion zum Thema „Biomechanische Charakterisierung faseriger Bindegewebe“ arbeitet, fügt hinzu: „Aktuell entwickeln wir gemeinsam mit den Kollegen der Universität Ulm ein Gerät, welches mit einem ähnlichen Prinzip auch tiefere Gewebe messen kann. Ab Juni kommt dieses zum ersten Mal in einer Studie zum Einsatz.“

Auch zu der Frage, wie das Bindegewebe fit gehalten werden kann, gibt es noch kaum wissenschaftliche Belege. „Deshalb haben wir in unserer Masterarbeit untersucht, ob Selbstmassagevarianten mit sogenannten Faszienrollen - das sind spezielle Rollen aus Hartschaum - einen Unterschied machen“, so Kram und Schrader. „Dafür haben wir das Selbstmassageprogramm acht Wochen lang zweimal 20 Minuten pro Woche mit vierzig Probanden absolviert. Untersucht haben wir, ob sich durch das Training die Gewebesteifigkeit, Körperwahrnehmung, Beweglichkeit und Sprungfähigkeit verändern. Aus den Ergebnissen deutet sich an, dass insbesondere Personen mit sehr steifem Bindegewebe von der Massage mit den Faszienrollen profitierten: die Steifigkeit des Gewebes verringerte sich und die eigene Körperwahrnehmung wurde tendenziell besser. Der Grund dafür könnte entweder auf die Senkung der Muskelspannung oder das Lösen von Verklebungen zurückzuführen sein.“

Um die tatsächliche Ursache zu finden, forscht die Gruppe fleißig weiter. Dabei wächst das allgemeine Interesse rund um die Faszie kontinuierlich. „Seit ich 2013 meine Bachelorarbeit über die Plantarfaszie, welche das Längsgewölbe am Fuß aufrecht hält, verfasst habe, hat sich einiges getan“, so Kram. „Letztes Jahr im September nahmen wir sogar am IV. Internationalen Faszienkongress in Washington D.C. teil, wo es zum regen Austausch mit Medizinern, Physiotherapeuten und Wissenschaftlern über die neusten Erkenntnisse zur Faszienforschung kam. Für die Reise bekamen wir Zuschüsse von der Professur Bewegungswissenschaft und dem Förderprogramm InProTUC der Universität, sodass wir die Konferenzreise leichter finanzieren konnten.“ Und auch in Deutschland fasziniert das Thema Faszien: weil die drei Studenten und TU-Mitarbeiter anfangs weder Finanzierungsmöglichkeiten noch Fördermöglichkeiten für die Forschungsgruppe sahen, hat sich diese ausschließlich aus Eigenengagement heraus entwickelt. „Mittlerweile umfasst die Gruppe fünf bis acht Personen“, so Freddy Sichting, der seinen Bachelor und Master an der TU im Studiengang „Sports Engineering“ absolvierte. „Jeden Mittwochnachmittag treffen wir uns in einer Diskussionsrunde, in der jedes Mitglied eine Kleinigkeit vorstellt, damit wir uns Schritt für Schritt dem Thema nähern und neue Erkenntnisse sammeln. Die mitwirkenden Studenten sind keine studentischen Hilfskräfte an der Professur, bekommen also kein Geld für ihre Teilnahme – die Arbeit geschieht komplett aus Eigeninitiative.“

Mittlerweile hat die kleine Forschungsgruppe bereits einige wichtige Kontakte im Bereich der Faszienforschung knüpfen können. So steht diese zum Beispiel im regelmäßigen Austausch mit Robert Schleip, einem der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Faszienforschung und Direktor der Fascia Research Group, Division of Neurophysiology, an der Universität Ulm. „Langsam knüpft sich ein Netzwerk“, freut sich Sichting. „Erste Erkenntnisse der Masterarbeit von Kram und Schrader konnten direkt in Workshops am Olympiastützpunkt Chemnitz und dem Bildungszentrum der Thüringer Polizei praktisch einfließen. Im nächsten Jahr dürfen wir zudem unseren ersten Workshop auf einem internationalen Kongress halten, der auf die Frage eingeht, wie man die Biomechanik der Faszien in den Bewegungswissenschaften testen kann. Das gibt uns das Feedback, dass das Thema allgemein auf Interesse stößt – darüber freuen wir uns natürlich. In der nächsten Zeit bewerben wir uns dann fleißig für Fördermöglichkeiten, um weiter in einem wissenschaftlichen Umfeld zum Thema Faszien forschen zu können.“

Weitere Informationen erteilt Freddy Sichting, Telefon 0371 531-38823, E-Mail freddy.sichting@hsw.tu-chemnitz.de

(Autorin: Sabrina Schäfer)

Mario Steinebach
23.05.2016

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