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Ein wahrer Schatz der Uni-Geschichte

Universitätsarchiv der TU Chemnitz erstellte digitales Findbuch der Matrikel 1836 bis 1928 - 20.000 Datensätze sind nicht nur für Historiker eine wichtige Quelle

  • Der Leiter des Chemnitzer Universitätsarchivs Stephan Luther zeigt das älteste Matrikelbuch, dessen Einträge nun auch digitalisiert vorliegen. Foto: Wolfgang Thieme

Sie sind eine Fundgrube der Geschichte einer Hochschule - die Matrikelbücher. In ihnen sind die Studierenden in der Reihenfolge ihrer Immatrikulation chronologisch erfasst und zählen deshalb zu den wertvollsten Überlieferungen, die eine Hochschule besitzt. Auch im Universitätsarchiv der Technischen Universität Chemnitz ist der Nachweis der Studierenden seit der Gründung der Königlichen Gewerbschule im Jahr 1836 bis zum heutigen Tag nahezu lückenlos möglich. "Die ersten Zöglinge oder Schüler, wie man sie damals nannte, wurden in sogenannten Hauptbüchern handschriftlich erfasst", berichtet Archivleiter Stephan Luther. Da jedoch deren Einbände in einem bedauernswerten Zustand waren, wurden zu deren Schutz alle Matrikelbücher erschlossen und digitalisiert. 20.000 Studierende, die in der Zeit von 1836 bis 1928 in Chemnitz ihr Studium aufnahmen, können nun im Internet recherchiert werden. Die Datenbank umfasst die Einschreibungen in die Matrikel wesentlicher Vorläufereinrichtungen der heutigen Universität - angefangen von der Königlichen Gewerbschule, der Königlichen Bauschule und der Königlichen Werkmeisterschule und endet mit dem Zeitpunkt der Umbenennung der Staatlichen Gewerbeakademie in Staatliche Akademie für Technik. Die PDF-Dateien mit den Matrikeldaten dieser Chemnitzer Schulen kann online unter http://www.tu-chemnitz.de/uni-archiv/bestaende/100/101 aufgerufen und durchsucht werden.

Insbesondere für Historiker sind diese Datensätze ein Schatz. Hier entdeckt man beispielsweise, dass Karl Wilhelm Canoy aus Venloo (Holland) der erste ausländische Student in Chemnitz war, der hier ab 1836 an der Königlichen Gewerbschule studierte. Mit der Matrikelnummer 9 gehört er zugleich zu den ersten 14 Schülern, die im Mai vor fast 176 Jahren immatrikuliert wurden. An den digitalisierten Aufzeichnungen erkennt man aber auch, dass Prof. Dr. Ambrosius Hülße, der 1841 als erster hauptamtlicher Direktor der Gewerbschule die Erfassung der Studierenden einführte, einige Ungereimtheiten beim Nachtragen von 94 bis dahin ausgeschiedenen Schülern übersah. "Bei den ersten 14 Schülern findet sich als Immatrikulationsdatum der 1. Mai 1836, obwohl die Königliche Gewerbschule erst am Folgetag - also am 2. Mai - eröffnet wurde", berichtet Luther. Zudem wurden bei einigen Schülern nicht alle Daten erfasst. "Danach wurden jedoch die Schüler äußerst penibel durch einen Registrator in insgesamt 38 gewichtigen Folianten festgehalten, bevor diese dann Ende der 1920er-Jahre durch eine Kartei abgelöst wurden", sagt der Leiter des Universitätsarchivs.

Auf die Daten dieser Hauptbücher wurde und wird sehr häufig zugegriffen. "Beispielsweise werden die Daten durch Historiker abgefragt, die zu berühmten Persönlichkeiten arbeiten, von denen die Chemnitzer Einrichtungen einige hervorgebracht hat", ergänzt Luther. Er erwähnt Carl von Bach, eine der herausragenden Persönlichkeiten auf dem Gebiet des Maschinenbaus, der zunächst an der Königlichen Gewerbschule und anschließend an der Königlichen Werkmeisterschule Chemnitz sein Rüstzeug für die spätere Wissenschaftlerlaufbahn erwarb. Auch der Mitbegründer der Thermodynamik, Anton Zeuner, und der Entdecker des Germaniums, Clemens Winkler, begannen in Chemnitz ihre Studien an einer höheren Bildungseinrichtung.

"Zunehmend fragen Bürger, welche ihre Familiengeschichte erforschen, im Uniarchiv an", sagt Luther. In den Matrikelbüchern könne man neben den formalen Angaben zur Person und zum Studium einiges zur Vorbildung des Schülers erfahren. Aber auch, ob er Auszeichnungen oder Ermäßigungen beim Schulgeld erhielt. "Es gibt regelmäßig Anfragen von Heimatforschern, die wissen wollen, wie viele Bürger ihres Ortes an den Chemnitzer Einrichtungen studierten", berichtet der Archivar. Schon fast normal seien Fragen nach der landsmannschaftlichen Herkunft. "Ein größeres wissenschaftliches Projekt, das wir diesbezüglich im letzten Jahr unterstützten, war das von Kollegen aus Budapest, die zu ungarischen Studenten an den deutschen und österreichischen Hochschulen und ausgewählten Fachschulen forschten", berichtet Luther.

Die Erhaltung der Matrikelbücher und deren Digitalisierung ist schon seit vielen Jahren ein wichtiges Thema im Chemnitzer Universitätsarchiv. "Bereits 2002 haben wir begonnen, Mittel einzuwerben, um die Einbände restaurieren zu lassen und im Jahre 2006 konnten über ein Förderprogramm der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden sämtliche Haupt- und Zensurenbücher sicherungsverfilmt und digitalisiert werden", blickt Luther zurück und ergänzt: "Damit war dieser wahre Schatz der Geschichte unserer Universität und seiner Vorläufereinrichtungen zwar zunächst gesichert, aber der Zugang war noch nicht wesentlich verbessert." Deshalb wurde 2007 mit Mitteln der Arbeitsagentur und Dank der Unterstützung durch das Schloßbergmuseum Chemnitz ein Erschließungsprojekt der Matrikel in Angriff genommen. Dazu wurde händisch eine Reihe von vorher genau definierten Angaben aus den Hauptbüchern in eine Datenbank übertragen, wobei die schlechte Lesbarkeit der alten Schrift und die Zuordnung der Herkunft der einzelnen Schüler oft Probleme aufwarfen.

Aus Sicht des Universitätsarchivs ist das Projekt noch nicht abgeschlossen, da die Bereitstellung der Daten in einer online durchsuchbaren Datenbank den Komfort unter anderem für Historiker sowie für Familienforscher noch einmal wesentlich steigern könnte. Die historischen Hauptbücher, die teilweise mit Spendenmitteln restauriert wurden, können nun aber sicher verwahrt im Magazin bleiben.

Stichwort: Matrikelbücher

Im Universitätsarchiv der Technischen Universität Chemnitz lagern rund 2.600 laufende Meter Archivgut. Seit 56 Jahren wird hier die Geschichte bewahrt - von der Königlichen Gewerbschule bis zur Technischen Universität. Zum Bestand zählen auch die großformatigen Matrikelbücher sowie Studentenkarteikarten und Studentenakten, in denen alle, die seit 1836 in Chemnitz bzw. Karl-Marx-Stadt studiert haben, verzeichnet sind - inzwischen rund 100.000 Personen. 1927/28 wurden die Matrikelbücher durch die Studentenkartei abgelöst - als Vorstufe der heutigen Studentenakten, die seit 1953 geführt werden.

Weitere Informationen erteilt Stephan Luther, Telefon 0371 531-32694, E-Mail stephan.luther@hrz.tu-chemnitz.de. Weitere Schätze aus dem Universitätsarchiv und berühmte Absolventen finden Interessenten auch in "175 - Das etwas andere Jubiläumsbuch". Das Buch ist für 17,50 Euro unter anderem im Uni-Shop erhältlich.

Mario Steinebach
22.02.2012

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