Forscherinnenkarriere zwischen Flucht, Sicherheit und Professur
Prof. Dr. Kateryna Pozharska kam aus der Ukraine an die TU Chemnitz, forschte hier sehr erfolgreich und wechselte nun an die Universität Bonn – Voller Dankbarkeit blickt sie auf ihre Zeit in Chemnitz zurück
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Ein wahrer Höhepunkt: Im Juli 2026 nahm Prof. Dr. Kateryna Pozharska am Internationalen Mathematikerkongress in Philadelphia (International Congress of Mathematicians, ICM) teil – der wichtigsten Mathematikveranstaltung der Welt. Foto: privat
Die Fakultät für Mathematik der Technischen Universität Chemnitz gilt schon seit Längerem als „Nachwuchsschmiede“ in Wissenschaft und Wirtschaft. Zahlreiche Absolventinnen und Absolventen sind weltweit in angesehenen Einrichtungen und hohen Positionen anzutreffen. Ein Beispiel ist Prof. Dr. Kateryna Pozharska, die an der TU Chemnitz nach ihrer Flucht aus der Ukraine ein neue Forschungsheimat fand, sich hier weiter profilierte und nun an der Universität Bonn eine Professur leitet.
Nach vier Jahren an der TU Chemnitz und herausragenden Momenten wie einem Vortrag beim Internationalen Mathematikerkongress (International Congress of Mathematicians, ICM) ging Prof. Pozharska vor wenigen Tagen den nächsten Schritt in ihrer akademischen Karriere. Anfang September 2026 ist sie nach Bonn gezogen, um als Junior Fellow am Institut für Numerische Simulation an der Universität Bonn eine fünfjährige W2-Professur zu übernehmen. Dankbar blickt sie auf ihre Zeit in Chemnitz als eine Lebensphase zurück, die durch wissenschaftliche Leistungen, persönliche Herausforderungen und enge Verbindungen gekennzeichnet ist. „Chemnitz zu verlassen fühlt sich an, wie mein zweites Zuhause zu verlassen“, sagt die Mathematikerin. „Hier habe ich wunderbare Menschen kennengelernt, die ich liebe und sehr vermissen werde. Hier bin ich sowohl als Mensch als auch als Wissenschaftlerin gewachsen.“
Wechsel und Erfolge in schwierigen Zeiten
Ihre Verbindung zur TU Chemnitz begann lange vor ihrer aktuellen Position. 2019, kurz nach der Verteidigung ihrer Doktorarbeit in der Ukraine, trat sie für fünf Monate der Forschungsgruppe von Prof. Dr. Tino Ullrich (Professur Angewandte Analysis der TU Chemnitz) als Postdoktorandin bei. Später kehrte sie nach Kyiv zurück, führte die Zusammenarbeit aber online während der COVID-19 Pandemie fort. Dann, im Februar 2022, begann Russland seine Invasion der Ukraine. Zu diesem Zeitpunkt war Pozharska im siebten Monat schwanger. „Anfangs dachten alle, es wäre eine kurzfristige Horrorgeschichte“, erinnert sie sich. “Ich ging nach Polen für zwei Wochen und erwartete, dass diese politische Katastrophe bald vorbei sein würde.” Die zwei Wochen verwandelten sich jedoch in eine viel längere Trennung von zu Hause.
Während Prof. Pozharska im Nachbarland war, kontaktierte Prof. Ullrich sie mit einem Vorschlag, der den Verlauf ihres beruflichen und persönlichen Lebens verändern sollte: Er ermutigte sie zur Beantragung eines Stipendiums im Rahmen der Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung für gefährdete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, um ihre Forschung in Chemnitz fortzusetzen. „In diesem Stadium erschien mir das Beantragen eines wissenschaftlichen Projekts in Deutschland wie eine sehr seltsame Idee“, sagt sie rückblickend. „Ich war überzeugt, dass alles bald wieder in Ordnung wäre und dass ich wieder zu meiner Familie zurückkehren würde. Aber Professor Ullrich ermutigte mich, es zu versuchen, und am Ende haben wir den Antrag eingereicht. Er war ein Erfolg, und die Entscheidung stellte sich als eine der härtesten und zugleich wichtigsten Entscheidungen meines Lebens heraus.“
Ihr Mann musste wegen des Kriegsrechts in der Ukraine bleiben, während Pozharska mit ihrer neugeborenen Tochter nach Deutschland zog. „Die Arbeitsgruppen von Professor Ullrich und Professor Potts unterstützten mich enorm“, sagt sie. „Sie halfen mir, den Umzug zu organisieren, und unterstützten mich während dieser vier Jahre in jeder möglichen Hinsicht. Sie sind fantastische Menschen – sowohl als Personen als auch als Mathematiker.“
Trotz der außergewöhnlichen Umstände setzte die Professorin ihre Forschung fort. Ihre wissenschaftliche Arbeit erhielt bald internationale Anerkennung, darunter 2023 den „J. Traub Young Researcher Award“ und weitere Auszeichnungen in der Ukraine. Sie wurde zu Plenarvorträgen auf großen internationalen mathematischen Konferenzen eingeladen, einschließlich der „Foundations of Computational Mathematics“ (FoCM2026) in Wien und der 17. „International Conference on Monte Carlo and Quasi-Monte Carlo Methods in Scientific Computing“ (MCQMC2026) in Edinburgh.
Eines ihrer persönlichen Highlights fand im Juli 2026 statt, als sie am Internationalen Mathematikerkongress in Philadelphia (International Congress of Mathematicians, ICM) teilnahm – der wichtigsten Mathematikveranstaltung der Welt, auf der alle vier Jahre die Fields-Medaillen – quasi die Nobelpreise der Mathematik – verliehen werden. „Es war eine unglaubliche Erfahrung, daran teilzunehmen, und die Vorträge von Mathematikerinnen und Mathematikern zu hören, deren Arbeit ich bisher nur aus Büchern kannte – und sogar selbst einen Vortrag zu halten“, sagt sie.
Brücken bauen zwischen Deutschland und der Ukraine
Für Prof. Pozharska war ihre Zeit an der TU Chemnitz jedoch viel mehr als ihre eigene wissenschaftliche Karriere. Es ging ihr auch darum Brücken zwischen Deutschland und der Ukraine mitzubauen. Von 2023 bis 2026 ermöglichte ein Erasmus-Studienaustauschprogramm vier Studenten der Lesya Ukrainka Volyn National University in Lutsk, jeweils ein Semester an der TU Chemnitz zu verbringen. Prof. Pozharska hofft, dass diese fruchtbare Zusammenarbeit erhalten bleibt und zu weiteren Möglichkeiten für ukrainische Studierende führt. „Ich freue mich sehr, dass wir die Zusammenarbeit zwischen der TU Chemnitz und der Ukraine stärken konnten“, sagt sie. „Ich hoffe, dass das Programm fortgesetzt wird und dass noch mehr Studenten die Möglichkeit haben, nach Chemnitz zu kommen und einen so wichtigen Schub für ihre akademische und berufliche Entwicklung zu erleben.“
Eine weitere besonders prägende Veranstaltung fand im Sommer 2026 statt. Die TU Chemnitz organisierte eine internationale Konferenz in der Ukraine zum 70. Geburtstag von Prof. Anatolii Romanyuk, Prof. Dr. Pozharskas Doktorvater. „Ich bin sehr glücklich und stolz, dass die TU Chemnitz Teil dieser Veranstaltung war“, sagt sie.
„Gib niemals deine Träume auf!“
Neben Forschung, Lehre und internationaler Zusammenarbeit ist Chemnitz auch der Ort, an dem die Tochter von Prof. Pozharska aufgewachsen ist. „Hier unterrichtete ich meine ersten Kurse in englischer Sprache – die Übungen für den Bachelorstudiengang Foundations in Data Science. Und hier lernte meine Tochter sitzen, dann stehen und gehen, und schließlich zwei Sprachen sprechen.“ Jetzt beginnt für Prof. Pozharska ein neues Kapitel in Bonn. Doch die Erfahrungen und Beziehungen, die in Chemnitz aufgebaut wurden, bleiben ein wichtiger Teil ihrer Biografie.
Ihre Botschaft an andere, die schwierigen Umstände ausgesetzt sind, ist einfach: „Gib niemals deine Träume auf! Nur du kannst entscheiden, ob eine schwierige Situation ein Hindernis oder eine Gelegenheit ist, zu wachsen. Und versuche, die Zeit zu genießen – sie vergeht unglaublich schnell!“
„Ich bin stolz, dass wir Frau Professor Pozharska eine akademische Heimat auf Zeit bieten konnten. Sie ist eine beeindruckende und angenehme Persönlichkeit, die auch bei den Studierenden unheimlich beliebt ist. Darüber hinaus ist sie eine hervorragende Mathematikerin, von der wir noch viel hören werden“, ist sich Prof. Ullrich sicher.
(Autorin: Anja Otto)
Mario Steinebach
07.10.2026