Deutschlands größte universitäre Professur wird 20
Die Professur Strukturleichtbau und Kunststoffverarbeitung der TU Chemnitz verbindet Grundlagenforschung mit Technologieentwicklung und industrieller Anwendung. Am 24. September feiert sie 20. Geburtstag.
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Prof. Dr. Lothar Kroll (l.), Leiter der Professur Strukturleichtbau und Kunststoffverarbeitung der TU Chemnitz, und Prof. Dr. Wolfgang Nendel (r.), stellvertretender Leiter der Professur, im MERGE Technology Centre, das bis heute eine zentrale Infrastruktur für Forschung und Transfer am SLK bildet. Foto: Jacob Müller -
Leichtbau für die Elektromobilität: Das am SLK gemeinsam mit Industrie- und Forschungspartnern entwickelte Batteriegehäuse aus faserverstärktem Kunststoff ist rund 15 Prozent leichter als das Aluminium-Referenzbauteil. 2026 wurde die Entwicklung mit dem „JEC Innovation Award“ ausgezeichnet. Foto: SLK -
Chemnitzer Leichtbautechnologie hebt ab: Frank Schubert, Leiter des SLK-Forschungsbereichs Additive Fertigungstechnologien, zeigt den additiv gefertigten Hochdruckventilblock aus Titan, der für den Einsatz im Airbus A380 entwickelt wurde. Das Bauteil ist rund 35 Prozent leichter als die konventionelle Variante. Foto: SLK -
Leichtbauforschung mitten in Chemnitz: Die C-förmigen Stadtmöbel „Big C“ aus Carbonbeton wurden vom SLK gemeinsam mit Partnern entwickelt. Carbonverstärkungen ermöglichen die filigrane Konstruktion; mehrere Exemplare stehen heute im Chemnitzer Stadtgebiet. Foto: Jacob Müller -
Forschung ist Teamarbeit: Rund 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter forschen heute an der Professur Strukturleichtbau und Kunststoffverarbeitung der TU Chemnitz. Zu Spitzenzeiten gehörten mehr als 200 Beschäftigte zum SLK. Foto: SLK
Spitzenforschung hat Gewicht. In Chemnitz macht sie Bauteile leichter. Gemeinsam mit Industrie- und Forschungspartnern entwickelt die Professur Strukturleichtbau und Kunststoffverarbeitung (SLK) der Technischen Universität Chemnitz seit zwei Jahrzehnten Leichtbaulösungen für alle Branchen und Lebensbereiche. Heute arbeiten am SLK rund 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – damit gilt das SLK als größte universitäre Professur Deutschlands. Jährlich werden etwa 100 Forschungs- und Transferprojekte bearbeitet. Allein 2024 lagen die Drittmitteleinnahmen bei rund zehn Millionen Euro.
Zu den aktuellen SLK-Projekten gehört beispielsweise die Entwicklung eines Fertigungsverfahrens für Batteriegehäuse aus faserverstärktem Kunststoff. Das Gehäuse ist rund 15 Prozent leichter als das Aluminium-Referenzbauteil. Gleichzeitig lässt es sich mit Produktionszyklen von deutlich unter zwei Minuten herstellen. Damit geht es nicht nur um weniger Gewicht, sondern auch darum, Leichtbaulösungen für große Stückzahlen wirtschaftlich nutzbar zu machen. Das Verfahren wurde in diesem Jahr mit dem „JEC Innovation Award 2026“ ausgezeichnet. Zum Projektverbund gehörten auch Unternehmen aus der Region, darunter Formenbau GF aus Marienberg und Gerlinger Industries aus Netzschkau.
Eine Weltpremiere gelang dem SLK in der zivilen Luftfahrt: Gemeinsam mit Airbus und Liebherr-Aerospace entwickelten Forschende der TU Chemnitz einen additiv gefertigten Hochdruckventilblock aus Titan für den Airbus A380. Das sicherheitsrelevante Hydraulikbauteil wurde im 3D-Druckverfahren hergestellt und war rund 35 Prozent leichter als die konventionelle Variante.
Leichtbauforschung lässt sich in Chemnitz aber auch im Sitzen erleben. Die C-förmigen Stadtmöbel „Big C“ aus Carbonbeton wurden im Forschungsbereich „Leichtbau im Bauwesen“ des SLK gemeinsam mit Partnern entwickelt. Carbonverstärkungen erlauben ihre filigrane Form; bei der Herstellung kommt unter anderem eine recycelbare Schalung aus Wellpappe zum Einsatz. Was in der Stadt zum Verweilen einlädt, ist zugleich ein Beispiel dafür, wie aus Werkstoffforschung eine konkrete Anwendung entsteht.
Exzellente Grundlagenforschung und der darauf aufbauende Transfer in die Praxis prägen das SLK seit zwei Jahrzehnten. Mit der Berufung von Prof. Dr. Lothar Kroll im Jahr 2006 begann der Aufbau der Professur. Seither waren insgesamt knapp 500 Mitarbeitende an der Professur tätig. Für grundlagenorientierte, anwendungsbezogene und industrienahe Forschungsprojekte sowie für Baumaßnahmen warb die Professur rund 500 Millionen Euro ein; unter Einbeziehung der beteiligten Forschungspartner beläuft sich das Gesamtprojektvolumen auf deutlich mehr als eine Milliarde Euro. Hinter diesen Zahlen steht eine Entwicklung, die über das Wachstum einer einzelnen Professur hinausreicht: der Aufbau von Kompetenzen, Forschungsanlagen und Partnerschaften, die neue wissenschaftliche Erkenntnisse ermöglichen und Technologien bis in die industrielle Anwendung bringen.
Von der Grundlagenforschung in die industrielle Anwendung
Am Anfang steht die Grundlagenforschung: Das SLK untersucht das Zusammenspiel von Werkstoffen, Strukturen und Fertigungsprozessen und schafft damit die wissenschaftlichen Voraussetzungen für neue Leichtbautechnologien. In Forschungsverbünden arbeitet die Professur mit fast allen Fakultäten der TU Chemnitz sowie mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen zusammen.
„Ein gutes Forschungsergebnis allein verändert noch keine Produktion. Dafür müssen wissenschaftliche Erkenntnisse und die Erfahrung der Unternehmen zusammenkommen“, betont Kroll. „Diesen engen Schulterschluss von Wissenschaft und Wirtschaft haben wir am SLK über viele Jahre aufgebaut. Gerade gemeinsam mit kleinen und mittleren Unternehmen können wir neue Ideen aufgreifen, erproben und in die Anwendung bringen.“
Die Zusammenarbeit mit dem Mittelstand ist dabei kein ergänzendes Arbeitsfeld, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Forschungsprofils. Das SLK verbindet Grundlagenforschung mit der Entwicklung von Werkstoffen, Bauteilen, Maschinen und Fertigungsverfahren. Berechnung, Materialentwicklung, Verarbeitung und Recycling werden dabei zusammen betrachtet. So reicht die Arbeit von der Frage, wie ein Bauteil Belastungen standhält, bis zu seiner Herstellung und dem Umgang mit den eingesetzten Materialien nach der Nutzung.
Aus langjähriger Forschung entstehen neue und bessere Optionen
Ein entscheidender Meilenstein der Grundlagenforschung war der Bundesexzellenzcluster MERGE „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen“, dessen Koordinator und Sprecher Prof. Lothar Kroll war: der erste und bislang einzige Bundesexzellenzcluster der TU Chemnitz und zugleich deutschlandweit der erste im Bereich der Leichtbauforschung. Von 2012 bis 2019 wurden darin Kompetenzen aus Kunststoff-, Metall- und Textiltechnologien sowie intelligenten Systemen zusammengeführt. Mit dem MERGE Technology Centre, bestehend aus einer Forschungshalle und einem Laborgebäude, entstanden Möglichkeiten, neue Verfahren nicht nur an kleinen Proben, sondern auch auf großmaßstäblichen Anlagen zu entwickeln und zu testen. Diese Infrastruktur bildet bis heute eine wichtige Grundlage für Forschung und Transfer und wird im Forschungscluster MERGE als Zentraler Einrichtung der TU Chemnitz weiter genutzt. Auch das preisgekrönte Batteriegehäuse wurde im Laborgebäude des MERGE Research Centre gefertigt.
Leichtbaustrukturen der dritten Generation stehen im Mittelpunkt des seit 2025 laufenden Sonderforschungsbereichs/Transregios 402 „DediGrad“. Unter der Koordination von Prof. Lothar Kroll arbeiten die TU Chemnitz und die Eliteuniversitäten TU Dresden und RWTH Aachen gemeinsam mit der TU Wien und dem Fraunhofer IWU an den wissenschaftlichen Grundlagen und neuen Produktionstechnologien für Leichtbaustrukturen, deren Verstärkungen gezielt an die jeweiligen Belastungen angepasst werden. Ziel sind leistungsfähige Bauteile, die Ressourcen schonen und den Energieverbrauch in Herstellung und Nutzung senken. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt den Verbund in seiner ersten Förderperiode mit 16,4 Millionen Euro.
Im Jubiläumsmonat beginnt ein neues Kapitel in der Lausitz
Während das SLK auf zwei Jahrzehnte zurückblickt, beginnt in Boxberg/Oberlausitz der nächste Ausbauschritt: Mitte September 2026 starteten die Bauarbeiten für die Carbon LabFactory Sachsen der Professur Strukturleichtbau und Kunststoffverarbeitung. Künftig sollen Forschende dort die gesamte Prozesskette untersuchen können: von der Herstellung nachhaltiger Carbonfasern über ihre Verarbeitung zu textilen Halbzeugen bis zum fertigen Leichtbauteil. Dafür entstehen drei miteinander verbundene Hallen sowie Labor- und Büroflächen. Allein in den Bau werden 34 Millionen Euro investiert, hinzu kommt die wissenschaftliche Ausstattung. Die Fertigstellung und Übergabe an die Universität sind für Ende 2028 vorgesehen.
Die Forschung wartet dabei nicht auf die neuen Gebäude. Bereits seit Mitte August 2026 läuft das mit rund fünf Millionen Euro geförderte Folgeprojekt InnoCarbEnergyPLUS. Das SLK-Team entwickelt darin Verfahren, mit denen Carbonfasern ressourcenschonender hergestellt, verarbeitet und wiederverwertet werden können. So werden die wissenschaftlichen Grundlagen für den neuen Standort bereits weiterentwickelt, während die bauliche Umsetzung beginnt.
Auch am Forschungscampus CircEcon im Industriepark Schwarze Pumpe ist die Professur gemeinsam mit der TU Dresden, der TU Bergakademie Freiberg und der Hochschule Zittau/Görlitz beteiligt. Dort sollen Technologien für eine treibhausgasneutrale Kreislaufwirtschaft entwickelt und in einem industrierelevanten Maßstab erprobt werden. Die am SLK aufgebauten Kompetenzen in Werkstoffen, Kunststoffverarbeitung und Recycling wirken damit über Chemnitz hinaus: Sie werden Teil neuer Forschungs- und Transferstrukturen in der Lausitz.
„All diese Entwicklungen wären ohne mein großartiges Team nicht möglich gewesen“, betont Kroll. „Die wissenschaftlichen Erfolge, die vielen Projekte und der Aufbau neuer Forschungsstrukturen sind das Ergebnis gemeinsamer Arbeit, großer fachlicher Kompetenz und eines außergewöhnlichen Engagements über viele Jahre hinweg.“
Ein Geburtstag für die Menschen hinter den Projekten
Die Geschichte des SLK ist zugleich die Geschichte der Menschen, die diese Entwicklungen ermöglicht haben. Neben den nahezu 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in den vergangenen 20 Jahren an der Professur tätig waren, betrifft das auch eine noch deutlich größere Zahl von Beschäftigten bei den beteiligten Industriepartnern. Gerade in gemeinsamen Forschungs- und Entwicklungsprojekten entfaltet die Arbeit des SLK eine erhebliche Hebelwirkung und stärkt damit insbesondere auch sächsische Unternehmen. Diese gemeinsame Arbeit und die Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern bilden die Grundlage für das Erreichte. Beim Jubiläum sollen deshalb neben wissenschaftlichen Ergebnissen auch persönliche Erinnerungen und Begegnungen Raum bekommen.
Das Festkolloquium „20 Jahre Leichtbautechnologien am SLK“ findet am 24. September 2026 ab 14 Uhr im Fraunhofer VR Center, Reichenhainer Straße 88 in Chemnitz, statt. Nach der Begrüßung durch Prof. Lothar Kroll eröffnet Prof. Thomas von Unwerth, Prorektor für Transfer und Weiterbildung der TU Chemnitz, die Veranstaltung. Grußworte von Vertreterinnen und Vertretern der Staatsregierung, des Sächsischen Landtags, der Stadt Chemnitz und der TU Dresden begleiten das wissenschaftliche Programm. Die Fachvorträge reichen von der Batterieproduktion bei BMW in Mexiko über funktionelle Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen bis zur Frage, was geschieht, „wenn Materie denken lernt“. Prof. Kroll blickt anschließend auf „Forschung am SLK: Gestern, heute und morgen“. Persönliche Rückblicke langjähriger Wegbegleiter und ein Sektempfang schließen den Jubiläumstag ab.
Weitere Informationen erteilt Prof. Dr. Lothar Kroll, Inhaber der Professur Strukturleichtbau und Kunststoffverarbeitung (SLK) an der TU Chemnitz, Telefon +49 371 531-23120, E-Mail slk@mb.tu-chemnitz.de
Homepage: https://www.leichtbau.tu-chemnitz.de
Detlef Gürtler
22.09.2026