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Europa löst die Handbremse bei der E-Mobilität

Gemeinschaftsstudie von CATI, AMZ und automotive thüringen prognostiziert: 2025 wird jedes vierte Auto aus europäischen Werken ein „Stromer“ sein – Über 50 Prozent davon werden in Deutschland produziert

  • Grafik eines fahrenden Autos, im Hintergrund ist ein Ausschnitt einer Landkarte von Europa zu sehen.
    Grafik: Marketingagentur Reichel

Inmitten eines tiefgreifenden Strukturwandels der Automobilindustrie und einer durch die Corona-Pandemie verschärften Absatzkrise nimmt die E-Mobilität auf den europäischen Straßen Fahrt auf. Während der Pkw-Markt insgesamt schrumpft, wachsen die Neuzulassungen vollelektrischer Pkw (BEV) im 1. Halbjahr 2020 in Europa um mehr als 30 Prozent. Damit steigt der BEV-Anteil in diesem Markt von 1,9 auf nunmehr 3,9 Prozent. Welche Auswirkungen hat dieser Trend auf die in Europa produzierenden Automobilhersteller? Mit welchen E-Fahrzeug-Stückzahlen ist bis 2025 zu rechnen? Und welchen Herausforderungen müssen sich Zulieferer in diesem Prozess stellen? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt die Studie „Elektromobilität – Strategien der OEM – Entwicklungen in Europa 2020–2025“, erstellt vom Chemnitz Automotive Institute CATI eines Geschäftsbereichs der TUCed – An-Institut für Transfer und Weiterbildung GmbH an der Technischen Universität Chemnitz, in Zusammenarbeit mit den Branchennetzwerken Automobilzulieferer Sachsen AMZ und automotive thüringen.

Erste Detailanalyse zur Produktion von E-Fahrzeugen in Europa

Mit dieser Analyse liegen erstmals detaillierte Informationen zur Entwicklung von Standorten und Produktionsvolumina für elektrifizierte Pkw und leichte Nutzfahrzeuge in Europa bis zum Jahr 2025 vor. „Wir beobachten aktuell einen Hochlauf der E-Mobilität, der allerdings noch mit angezogener Handbremse erfolgt. Diese wird sich nach unseren Untersuchungen jedoch in den nächsten beiden Jahren lösen. Die Hersteller brauchen dringend den Elektroboom, um die Zielvorgaben bei den CO2-Emissionswerten zu erfüllen und Strafzahlungen zu entgehen. Allerdings haben sie es auch versäumt, entsprechende Produktentwicklungen rechtzeitig anzustoßen und die Bereitstellung von Produktionskapazitäten zu forcieren, sodass aktuell lange Lieferzeiten sowohl für vollelektrische Pkw als auch für Plug-in-Hybride bestehen“, erläutert Prof. Dr. Werner Olle, Direktoriumsmitglied des Chemnitz Automotive Institute CATI.

E-Auto-Fertigung steigt bis 2025 deutlich an

Die Recherchen und Auswertungen unternehmensbezogener Daten durch CATI ergaben, dass 2019 in Europa 276.500 vollelektrische Pkw an 17 Standorten in acht Ländern – darunter sechs in Deutschland - produziert wurden. Bereits bis 2022 ist laut Studie eine Verdopplung der BEV-Produktionswerke auf über 35 Standorte in mindestens elf europäischen Ländern und mehr als eine Vervierfachung der dort produzierten Elektroautos im Vergleich zu 2019 zu erwarten. Für 2022 prognostiziert die Studie eine Produktion von 1,2 Millionen vollelektrischer Fahrzeuge in Europa, für 2025 über zwei Millionen Einheiten.

Deutschland – Hotspot der E-Fahrzeug-Produktion

Deutschland entwickelt sich hierbei zum Hotspot. 2019 war die Bundesrepublik erstmals größter europäischer Absatzmarkt für vollelektrische Pkw, knapp vor deutlich kleineren Märkten wie den Niederlanden und Norwegen. 2020 überholt Deutschland erstmals Frankreich als BEV-Produktionsstandort. Diese erst in jüngster Zeit begonnene Entwicklung wird bis 2025 weiter an Fahrt gewinnen, so die Verfasser der Studie. Sie haben errechnet, dass sich die Jahresproduktion von Elektroautos in Deutschland von 2019 bis 2022 auf ca. 600.000 Fahrzeuge nahezu verachtfacht und bis 2025 weiter auf über 1,1 Millionen BEV steigt. Gut 50 Prozent aller in Europa hergestellten vollelektrischen Pkw werden dann an deutschen Standorten produziert.

Bezogen auf das Antriebsportfolio in der Elektromobilität modifizieren viele Automobilhersteller bisherige Strategien und öffnen sich in unterschiedlichen Ausprägungen dem Mix aus BEV- und PHEV-Modellen. Übereinstimmend keine Großserien-Perspektive in diesem Jahrzehnt sehen sie laut Studie für Brennstoffzellen-Fahrzeuge im Pkw-Bereich. Ausnahmen sind Toyota und insbesondere Hyundai. „Diese Entwicklungen sind ein Hinweis darauf, dass die fortbestehenden Marktunsicherheiten bezüglich künftiger Antriebstechnologien die Automobilhersteller immer mehr zu einer Diversifikation ihrer Antriebsstrategien veranlassen. Politik sollte hierfür zwar aus übergeordneten Zielen abgeleitete und durchaus ambitionierte Wegmarken setzen, nicht aber Technologien zur Zielerreichung vorgeben wollen“, betont Olle.

Chancen im Segment der leichten Nutzfahrzeuge

Reduzierungen der CO2-Limits in Europa gelten gleichermaßen für leichte Nutzfahrzeuge (Light Commercial Vehicles LCV bis zu 3,5 t). Auch in diesem Segment gewinnen daher Elektrofahrzeuge an Bedeutung. Deren Produktion findet in deutlich geringen Stückzahlen als bei Pkw hauptsächlich bei spezialisierten Anbietern statt. Traditionelle Automobilhersteller haben diesen Markt bislang überwiegend nicht aus der eigenen Serienproduktion erschließen können. Ende 2019 wurden nach CATI-Auswertungen an neun europäischen OEM-Standorten vollelektrische LCV hergestellt. Die OEM beginnen erst jetzt, auch dieses Segment in ihren E-Strategien zu berücksichtigen. „In diese Lücke sind bereits Start-ups gestoßen, die leichte Elektrotransporter anbieten. Wir sehen hier einen Nischenmarkt mit Potenzial, in dem sich auch traditionelle Zulieferer einen Platz erobern und das Thema neue Mobilität für sich erschließen können“, verweist AMZ-Netzwerkmanager Dirk Vogel auf Chancen für sächsische Unternehmen.

Die Ergebnisse der Studie wurden erstmals am 10. September 2020 im Rahmen des Regionalen Transformationsdialoges Automobilindustrie in Chemnitz in Anwesenheits des sächsischen Wissenschaftsministers Martin Dulig vorgestellt. Am 30. September folgt eine Präsentation in Erfurt, bei der Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee zugegen sein wird.

Eine Kurzfassung der Studie

Die Kurzfassung der Gemeinschaftsstudie „Elektromobilität – Strategien der OEM – Entwicklungen in Europa 2020–2025“des Automobilzuliefernetzwerks AMZ und des Chemnitz Automotive Institute CATI steht als Download auf www.cati.institute zur Verfügung.

Kontakt: Prof. Dr. Werner Olle, Direktoriumsmitglied CATI, Telefon 0151 64303476, E-Mail werner.olle@cati.institute, Dirk Vogel, AMZ-Netzwerkmanager, Telefon 0172 8380065, E-Mail vogel@amz-sachsen.de, und Rico Chmelik, Geschäftsführer automotive thüringen, Telefon 0162 3829405, E-Mail rchmelik@automotive-thueringen.de

Stichwort: Chemnitz Automotive Institute CATI

Das 2015 gegründete Chemnitz Automotive Institute (CATI) ist ein Geschäftsbereich eines An-Instituts der Technischen Universität Chemnitz, der TUCed – An-Institut für Transfer und Weiterbildung GmbH. Der automobile Strukturwandel in seiner Gesamtheit ist ein Forschungsschwerpunkt von CATI. Im Fokus stehen insbesondere ganzheitliche Querschnitts- und Wirkungsanalysen. CATI kooperiert mit Automobil-Netzwerken sowie Praxispartnern aus Industrie, Forschung und Weiterbildung. Über die TUCed besteht zudem eine enge Verzahnung mit anderen Instituten der TU Chemnitz.

Stichwort: Netzwerk Automobilzulieferer Sachsen AMZ

AMZ führt Automobilzulieferer, Entwickler, Industriedienstleister sowie Ausrüster der Automobilindustrie mit dem Ziel zusammen, sowohl die Innovationskraft der Mitgliedsunternehmen zu stärken als auch den Automobilstandort Sachsen attraktiv zu gestalten und national als auch international zu bewerben. Mit über 140 Mitgliedern und einem Netzwerk von über 750 sächsischen Unternehmen der Branche bietet AMZ eine Plattform, um Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen und Ideen auszutauschen, Potenziale für Zusammenarbeit zu entdecken, Synergien herzustellen und letztendlich Projekte zu initialisieren. Seit Gründung im Herbst 1999 wurden in über 300 Entwicklungs- und Technologieprojekten Produkt-, Prozess- und Verfahrensinnovationen realisiert.

Stichwort: automotive thüringen e.V. (at)

Das Netzwerk automotive thüringen e.V. hat ca. 100 Mitgliedsunternehmen, die mit etwa 30.000 Beschäftigten einen Umsatz von rund vier Milliarden Euro erbringen. Dieses Netzwerk hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Mitgliedsunternehmen bei neuen Entwicklungen, Projekten und Innovationen rund um Mobilität zu unterstützen. Als Sprachrohr und Netzwerkpartner der automobilen Zulieferer unterstützt automotive thüringen zudem mit auf den Bedarf der Mitgliedsunternehmen zugeschnittenen Weiterbildungsangeboten. Der jährliche Branchentag des automotive thüringen dient dem Dialog zwischen Industrie, Wissenschaft und Politik.

(Quelle: Gemeinsame Pressemitteilung von AMZ, CATI und automotive thüringen)

Mario Steinebach
11.09.2020

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