Buch: Flucht, Ankommen und sozialer Wandel – Perspektiven für Geflüchtete in der deutschen Aufnahmegesellschaft (2025) von Birgit Glorius

Auch zehn Jahre nach dem »Langen Sommer der Migration« gehören Flucht und die Aufnahme von Geflüchteten zu den politischen Dauerthemen in Deutschland. Dabei steht vor allem die von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel getätigte Äußerung „Wir schaffen das“ als Prüfhypothese im Raum, die sich angesichts der Vielzahl von relevanten Faktoren nur schwer beantworten lässt. Während für die Bereiche der Arbeitsmarktintegration, dem Erwerb von deutschen Sprachkenntnissen oder von Bildungszertifikaten belastbare (und überwiegend positive) Zahlen vorliegen, ist die Frage der sozialen Integration weniger eindeutig zu klären, zumal dafür nicht nur die Einschätzung der Geflüchteten relevant ist, sondern auch die Empfindungen der Aufnahmegesellschaft.
In ihrem neuen Buch „Flucht, Ankommen und sozialer Wandel. Perspektiven für Geflüchtete in der deutschen Aufnahmegesellschaft“ fächert die Chemnitzer Migrationsforscherin Birgit Glorius diese verschiedenen Integrationsdimensionen auf. Basierend auf Interviews mit Geflüchteten und Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft zeichnet sie den Prozess des Ankommens und den Start in ein neues Leben in Deutschland nach. Anhand individueller Lebenswege zeigt sie die Herausforderungen der Integration, die durch traumatisierende Erlebnisse vor und während der Flucht, unklare Aufenthaltsperspektiven bzw. Krankheit und Behinderung beeinträchtigt werden. Gleichwohl schaffen viele den Start in ein neues Leben und absolvieren teils beeindruckende Bildungskarrieren, insbesondere jene, die als Kinder nach Deutschland kamen – und das waren nicht wenige: unter den 2015 Angekommenen waren immerhin ein Drittel minderjährig, die Hälfte der Kohorte war jünger als 25 Jahre.
Birgit Glorius widmet sich auch der Haltung der Aufnahmegesellschaft, die eine bedeutende Rolle im Integrationsprozess spielt. Sie tritt nicht nur in offizieller Funktion, etwa als Lehrer:in, Ausbilder:in oder Verwaltungsangestellte in Erscheinung, sondern auch und vor allem als zivilgesellschaftlich Engagierte. Ehrenamtliche helfen durch die oftmals verwirrende deutsche Bürokratie, eröffnen den Geflüchteten Zugang zu lokalen Beziehungsnetzwerken, über die sie Wohnung oder Arbeitsmöglichkeiten erhalten, und bieten emotionalen Rückhalt. Auch die lokale Bevölkerung spielt eine wichtige Rolle im Integrationsprozess. Ihre Offenheit, Neugier, Anteilnahme oder Abwehr in Bezug auf Geflüchtete ist maßgeblich dafür, ob und wie schnell Geflüchtete ein Gefühl von Zuhause entwickeln, Freundschaften mit Deutschen knüpfen und sich nach und nach in die Gesellschaft einbringen.
Die Autorin hat eine Vielzahl von Gemeindestudien durchgeführt und sich insbesondere auch den ländlichen Regionen Deutschlands zugewandt. Ihre Forschungsergebnisse zeigen die Bedeutung nicht nur von Infrastrukturen wie Wohnungen, Kitas oder Arbeitsplätzen, sondern auch die kollektive Einstellung der Bevölkerung und lokale Erfahrungen mit Migration und Integration. Dort, wo bereits Integrationsprozesse von Einwanderern erfolgreich gemeistert wurden, fällt es leichter, die Ansage „Wir schaffen das“ in das eigene Handlungsmuster zu integrieren. Der Blick in konkrete Gemeinden zeigt die Vielfalt von lokalen Migrationserfahrungen, die jedoch nicht immer aktiv reflektiert werden. Vor allem die Aufnahme von rund 12 Millionen Flüchtlingen und Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg wird kaum unter dem Begriffspaar „Migration und Integration“ betrachtet. Glorius zeigt jedoch etliche Analogien zwischen den Integrationsverläufen und der „Willkommenskultur“ zwischen den Weltkriegsvertriebenen und den Geflüchteten von 2015 auf. Gerade der Blick in konkrete örtliche Gegebenheiten und die Rückbesinnung auf frühere Migrationserfahrungen eröffnen überraschende Einsichten zu den Ursachen für unterschiedliche Integrationsmuster und zeigen beispielhaft, wie Migration und Integration zu positiven Entwicklungen in lokalen Gesellschaften beitragen kann.
Das Buch „Flucht, Ankommen und sozialer Wandel“ ist im August 2025 im Bielefelder transcript Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich. Eine kostenfreie digitale Version kann von den Webseiten des Verlages heruntergeladen werden.
Kontakt: Prof. Dr. Birgit Glorius
Buch (OpenAccess) PDF
Verlagsseite: transcript