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Bildergalerie unter den BeschreibungenMit Licht geschossen

01. August 2014 - 11. November 2018. Das Tietz - Foyer - Moritzstraße 20, Chemnitz

Historische Originalaufnahmen, eingefangen in Chemnitz, an der West- und Ostfront, großformatig plakatiert. Eine Fotografie – einen Monat lang – an unterschiedlichen öffentlichen Plätzen von Chemnitz, über die gesamte historische Spiegelungsdauer 2014-2018.
 
 

50. Bild

 

 

„Platzkonzert“

Im Zuge der alliierten „Hunderttageoffensive“ wurde das deutsche Heer sukzessive immer weiter zurückgedrängt, Ende September durchbrachen die Amerikaner erstmalig die symbolträchtige „Siegfriedstellung“. Trotz durchaus noch intakter Kampfverbände war die Moral der kaiserlichen Truppe völlig „im Keller“. Krankheiten, das Fehlen nennenswerter Reserven, Desertion und Dienstverweigerungen waren Ausdruck allgegenwärtiger Kriegsmüdigkeit, die durch die nun permanenten Rückwärtsbewegungen nur noch weiter verstärkt wurden. Die Mittel, die der deutschen Heeresleitung zur Verfügung standen, um die Soldaten zu motivieren, waren äußerst limitiert.

In einen solchen „Motivationsversuch“ führt die aktuelle Fotografie: Vor den Gebäuden einer zur „Ortskommandantur“ umgewidmeten Fabrik in Frankreich oder Flandern spielt eine Regimentskapelle „zur moralischen Hebung“ für Soldaten im Ruhe- und Freizeitmodus auf. Militärmusik von ausgesprochen hoher Qualität spielte in den Staaten des deutschen Kaiserreiches eine derart große Rolle, dass der Name des bedeutendsten Komponisten preußischer Militärstücke, Gottfried Piefke, in anderen Ländern bis heute als Synonym verwendet wird: Spricht man in Österreich von den „Piefkes“, weiß jeder, dass damit „der Preuße“ oder gleich „der Deutsche“ gemeint ist. Eigens für einzelne Regimenter verfasste Kompositionen waren ein wichtiges Identifikationsmoment: in Friedenszeiten gehörten öffentliche Militärkonzerte zum kulturellen Standard für die Bevölkerung des Garnisonsortes, in Kriegszeiten waren sie den Soldaten Ausdruck von Korpsgeist und Kameradschaftsgefühl. Zum Repertoire der Kapellen gehörten nicht nur Militärmärsche, sondern auch ausgesprochen „zivile“ Stücke – Volkslieder, Vorläufer des „Schlagers“ oder Tänze wie Polka und Walzer – so dass den Militärmusikern auch eine ausgesprochene Unterhaltungsfunktion zur Stärkung der Moral der Truppe zukam. Die im Bild dargestellte Regimentskapelle musizierte auf einer sehr hochwertigen Instrumentenbasis. Neben traditionellen Instrumenten wie Trommel, Pauke und Signalhorn finden sich vor allem moderne ventilierte Blasinstrumente, etwa Basstuba, Trompete, Waldhorn und Klarinette. Dirigiert wird die Kapelle von einem Musikdirigent im Range eines etatmäßigen Feldwebels.

Wie jedoch unschwer in der Fotografie zu erkennen, vermag auch anspruchsvolle Militärmusik die Soldaten nicht mehr zu motivieren. Der überwiegende Teil der Zuhörer folgt dem musikalischen Geschehen gelangweilt, rauchend, die Hände in den Hosentaschen: Das Einzige, dass in dieser Situation noch zu motivieren vermag, ist die Hoffnung auf baldigen Waffenstillstand.

 

49. Bild

 

Der „Schwarze Tag des deutschen Heeres“

 

Am 8. August 1918 leitete die „Schlacht bei Amiens“ die sogenannte „Hunderttageoffensive“ der Alliierten gegen das Kaiserliche deutsche Heer an der Westfront ein. Kurz zuvor hatte die deutsche Heeresleitung noch einmal versucht, mit der Frühjahrsoffensive die Lage so zu ihren Gunsten zu beeinflussen, dass die neuen Aktivposten der Alliierten – die überwältigende Mobilität der Panzerwaffe mit  schweren und leichten Tanks sowie die Kampfkraft der neuen, zahlenmäßig starken und ausgeruhten US-Streitkräfte – nicht zur Entfaltung kommen sollten. In Rückgriff auf „Bewährtes“ kam im Rahmen dieser Aktivitäten auf deutscher Seite, etwa bei dem seit März 1918 erfolgten heftigen Beschuss von Reims, noch einmal die schwere Belagerungsartillerie zum Einsatz, die bereits seit 1916 das Kampfgeschehen, so etwa vor Verdun mitbestimmt hatte.

Das aktuelle Bild entstand in dieser Situation. Es zeigt vier deutsche Soldaten an einem schwerer 21cm-Mörser Modell 16 – einer  Waffe, die von der Firma Krupp 1916 als Belagerungsgeschütz  entwickelt und an die Westfront ausgeliefert wurde. Mit über 11km Reichweite konnte der Mörser v.a. zur Bekämpfung von Fortifikationseinrichtungen in großem Abstand hinter der Front eingesetzt werden. Dieser Fakt erklärt die recht entspannte Stimmung, die die vier abgebildeten Artilleristen vermitteln: Sie waren ein gutes Stück weg von der Front, und angesichts der sich zugunsten der Alliierten entwickelnden Frontlage hatte Belagerungsartillerie wohl auch kaum noch nennenswerte militärische Arbeit zu leisten. Die Hauptlast trugen in dieser Situation erneut die Fronttruppen.

Obwohl den Alliierten unter den Bedingungen des Stellungskrieges zum wiederholten Male kein nachhaltiges Rückdrängen der deutschen Soldaten gelangt (ein Umstand, der später die berüchtigte „Dolchstoßlegende“ faktisch untersetzen sollte), wirkte die Schlacht bei Amiens in moralischer Hinsicht vernichtend auf das Heer: Seine Verluste betrugen am 8. August 1918 über 30.000 Mann; die Hälfte von ihnen ging in Gefangenschaft. Erich Ludendorff, Generalquartiermeister im OHL bezeichnete das Datum später als  „Schwarzen Tag des deutschen Heeres“. Dieses Verdikt Ludendorffs, dem die Erkenntnis und Eingeständnis erschöpfter Reserven und extremer Demoralisierung zugrunde lag, führte schlussendlich in direkter Linie zur Aufnahme der Kapitulationsverhandlungen zwischen dem Kaiserreich und den Staaten der entente cordiale im September 2018.

 

48. Bild

 

Volltreffer!

So simpel die aktuelle Fotografie vom Juli 1918 auf den ersten Blick erscheint, so voller Dramatik ist sie beim näheren Hinschauen. Bekommt man heute Bild- und Filmmaterial von den Geschehnissen an den Fronten zu Gesicht, so handelt es sich in den überwiegenden Fällen um gestelltes Material, das häufig Propagandafunktion zu erfüllen hatte. Nicht so die aktuelle, mit einer Kleinbildkamera geschossenen Fotografie: Sie weist keinerlei professionelle Züge auf, sondern ist unmittelbar unter dem Eindruck realer Kampfhandlungen entstanden. Mehr oder weniger zufällig drückt der Fotograf gerade in dem Moment den Auslöser, in dem wenige Dutzend Meter vor ihm ein Geschoss in ein Gebäude – ein Chaussee-Haus oder eine Feldscheune – einschlägt. Die Explosion hebt das Dach sichtbar ab; im Sekundenbruchteil der Aufnahme ist sogar noch der Ziegelverband des Daches zu erkennen, bevor sich alles in seine Einzelteile auflöst. Die Aufnahme ist damit ein purer Zufall; wahrscheinlich – das legen die verwackelten und unscharfen Bildränder nahe – entstand das Bild sogar unmittelbar aus der Bewegung des Fotografen heraus.

Völlig unklar ist, wo konkret die Aufnahme entstand. Nach seiner Herkunft – der Besitzer war als Soldat des Infanterie-Regiments N° 181 selbst Kriegsteilnehmer – ist jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Verortung im Einsatzbereich der Chemnitzer Infanteristen an der Westfront anzunehmen. Zwischen 1914 und 1918 war es dort an mehreren Flandernschlachten beteiligt und kam an Somme und Marne zum Einsatz. Das Regiment beklagte im Kriegsverlauf über 3000 Gefallene und 7000 Verwundete, über 1000 Soldaten gerieten in Gefangenschaft.

Im Juli 1918 verschärfte sich an der Westfront die Lage für die deutschen Truppen dramatisch. Unter massivem Panzereinsatz – hier kamen massenhaft Renault FT, die als Prototyp moderner Kampfwagen gelten, zur Verwendung – gelang es den Alliierten an der Westfront nicht nur, wieder die Initiative zu übernehmen: Bis zum Kriegsende sollten sie diese nicht mehr abgeben. Die Kämpfe Mitte Juli 1918 gelten als „Schicksalswende“, die deutschen Streitkräfte waren damit endgültig in die Defensive gedrängt worden.

 

47. Bild

 

Mit Pferd und Wagen

Kaum ein anderer Krieg wird heutzutage so eng mit der Neueinführung und dem massenhaften Einsatz modernster Technik assoziiert wie der 1. Weltkrieg. Dynamit und Kampfgase, Maschinenwaffen und Luftfahrzeuge, Kraftwagen und Panzer, Kommunikations- und Medizintechnik – all das waren für die Zeit ungeheure Novitäten, die das Phänomen „Krieg“ im wahrsten Sinne nachhaltig verändern sollten. Dass der Krieg daneben auch weiterhin mit archaischsten Mittel geführt wurde, offenbart sich erst bei genauerer Betrachtung. Das bezog sich nicht nur auf brutalste Kampfesweisen „Mann gegen Mann“ im Grabenkrieg, die etwa dem mittelalterlichen Dolch oder dem Streitkolben eine Renaissance bescherten, sondern auch auf ganze Waffengattungen. Dazu gehörte unzweifelhaft der Train – jene Einheiten also, denen die Transportlogistik oblag. Man mag vermuten, dass hier recht schnell der Umstieg auf die neuen Lastwagen vollzogen wurde. Dem war jedoch nicht so, wie das aktuelle Bild aus dem Jahr 1918 recht augenfällig beweist: Trotz gelegentlicher Einführung neuer Technik blieb beim Train lange Zeit noch das „klassische“ sechs-, vier- oder – wie auf der Fotografie dargestellt – zweispännige Fuhrwerk das Standard-Transportmittel zwischen der Front und den Traindepots im Hinterland im Gebrauch. Viele dieser Fuhrwerke waren keine ausgesprochene „Militärtechnik“, sondern wurden häufig aus dem zivilen Bereich requiriert, wie auch der abgebildete Planwagen der Fa. Gottschalk & Co aus Cassel. Ähnlich geradezu „unmilitärisch“ sah es bei den Mannschaften aus, die sich nur zu geringen prozentualen Anteilen aus aktiven Soldaten, sondern bevorzugt aus älteren oder eingeschränkt kriegsverwendungsfähigen Reservisten rekrutierten – ein Grund, warum Trainangehörige in ihrer Geschichte immer zu den Soldaten mit dem geringsten militärischen Ansehen zählten… Die Simplizität der Transportmittel bot natürlich auch jede Menge Vorteile gegenüber der neuen elaborierten Fahrzeugtechnik, denn die Trainwagen und ihre Mannschaften waren ungleich leichter zu ersetzen. Im Gegensatz zum wartungsintensiven, störanfälligen und auf komplexere Infrastruktur angewiesene Kraftwagen jedoch konnten Pferdegespanne selbst im Umfeld der Fronten oder gar beim Gegner requiriert und durch die in jedem Bataillonsbereich vorhandenen zahlreichen Feldschmieden und – werkstätten repariert werden. Somit ist es nicht verwunderlich, dass trotz der Aufkunft moderner motorbasierter Transportmittel dem Pferdegespann auch nach dem Ende des Krieges eine aussichtsreiche zivile Karriere erhalten blieb. Selbst im Güterfernverkehr blieb der Planwagen noch auf Jahrzehnte hinaus im Gebrauch – abseits der Eisenbahntrassen war er sogar sein Hauptträger, dessen massenhafte Verwendung in einer Stadt wie Chemnitz bis in die 30er Jahre hinein die Einrichtung umfangreicher „Ausspann-Gasthöfe“ entlang der Ausfallstraßen (etwa an der Zschopauer Straße) erforderlich machte.

 

46. Bild

 

Ballone im Weltkrieg

Im April 1918 hatte sich die großangelegte „Michael-Offensive“, an die die deutsche Oberste Heeresleitung so hohe Erwartungen gesetzt hatte, festgelaufen. Im Gefolge massiver Angriffe v.a. australischer Kampfverbände blieb Ludendorff bei Vermeidung des Eingeständnisses strategischen Versagen nur übrig, „Michael“ abzusetzen und auf einen Alternativplan auszuweichen, der jedoch als „Georg-Offensive“ von Anfang an deutlich hinter den Möglichkeiten des Michael-Unternehmens hinterher hinkte: Konsequenter Weise machten die fronterfahrenen Soldaten und Offiziere des Heeres aus dem Unternehmen Georg spöttisch eine „Georgette“. Erwartungsgemäß blieb auch ihr Erfolg bescheiden…

Für wenige Wochen kehrte an der Westfront zunächst eine trügerische Ruhe ein, da sich beide Seiten gegenseitig „abtasteten“ und die Oberste Heeresleitung mit dem „Blücher-Yorck-Unternehmen“ die nun dritte große Offensive vorbereitete. Vermutlich in dieser Situation entstand die aktuelle Fotografie als Teil einer Serie, in deren Mittelpunkt der Abschuss oder der Absturz eines „alliierten Ballons“ steht. Die umseitig leider nur vage beschriftete Fotografie zeigt ein unstarres und – und wie es in der Fachterminologie heißt – „manntragendes“ Luftgefährt. Die genaue Interpretation jedoch ist schwierig: Zunächst ist die militärische Verwendung selbsttragender Luftfahrzeuge mit gasgefüllter Hülle nichts Neues. Ihr erster Einsatz erfolgte bereits 1794 durch französisches Militär in den Schlachten von Fleurus und Maubeuge, spätestens im amerikanischen Bürgerkrieg sowie in den deutschen Reichseinigungskrieges wurde er allgemeingebräuchlich.  Als Aufklärungsplattform oder luftgestützte Feuerleitstelle für die Artillerie erfüllten Ballone trotz der rasanten Entwicklung von Luftschiff und Flugzeug und trotz bereits vor dem Krieg entwickelter Anti-Ballon-Waffen im 1. Weltkrieg noch immer relativ zuverlässig ihre Aufgaben. Ein abgeschossener oder abgestürzter Ballon des Gegner dürfte daher also nichts Außergewöhnliches gewesen sein, so dass sich die Frage erhebt, was konkret hier im Bild die Aufmerksamkeit einer recht großen Anzahl hoher deutscher Stabsoffiziere fesselt: Bemerkenswert ist die im Foto zu erkennende (schussfeste? Gondel, die insofern untypisch ist, weil man üblicherweise und auf allen Seiten auf geflochtene Ballonkörbe zurückgriff. Die Form der Gondel ist eher bei Luftschiffen zu finden, doch zeigen weitere Bilder aus der Fotoserie, dass es sich tatsächlich um einen Ballon handelte. So drängt sich der Schluss auf, bei dem Ballon könnte es sich um eine Weiterentwicklung eines Beobachtungs- und Feuerleitballons handeln, der durch die neuen Akteure auf den Schlachtfeldern der Westfront, höchstwahrscheinlich durch die amerikanische Armee, in Einsatz gebracht worden sein könnte.

45. Bild

 
Chemnitzer Soldaten an der Westfront“
 
Nach einem kurzen Intermezzo an der Ostfront verlegten die Soldaten des Chemnitzer Regimentes N° 104 im März 1918 wieder an den westlichen Kriegsschauplatz. Vom Moseltal ausgehend bewegten sich die Truppen durch Lothringen hin zum sog. Mihiel-Bogen, wo erneut Stellungskämpfe auf das Regiment warteten, die sich bis zum 1. Juni hinziehen sollten. Unter einigermaßen schwierigen Bedingungen, gefährdet vor allem durch Luft- und Artillerieangriffe, bezog das Regiment schließlich seine Ausgangsstellungen im Abschnitt St. Mihiel – Pont á Mousson: Für die Truppe wurde hier ein Kampf- und Ablöseturnus von „20 Tagen Stellung, 10 Tagen Ruhe im Städtchen Thiaucourt“ angeordnet. Das durch Reserveeinheiten verstärkte Infanterieregiment begann sofort mit dem feldmäßigen Stellungsbau im Standortbereich, wobei ausdrücklich die hohe Qualität der Feldstellungen durch die kommandierenden Offiziere hervorgehoben und die „nichtunbedeutenden körperlichen Strapazen“ der Soldaten
bei Errichtung derselben erwähnt wurden: Das aktuelle Bild vermittelt ein wenig von diesem Eindruck. Drei Soldaten der 104er, zwei von ihnen geschmückt mit dem Ordensband des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse, posieren vor dem Einstieg in einen Unterstand in unmittelbarer Nähe der Front. Die Tafel weist den Unterstand als „Regiments-Geschäfts-Zimmer“ aus. Alles macht noch einen geordneten und gepflegten Eindruck, was sicherlich nicht dauerhaft repräsentativ für die Zustände an der Front und ihrem unmittelbaren Hinterland war, jedoch insofern ein Stück Kriegsrealität spiegelte, als auf Wochen hinaus der von den 104ern gehaltene Frontabschnitt relativ ruhig blieb: Der Einsatz der Soldaten beschränkte sich in dieser Phase schwerpunktmäßig auf Patrouillenbetrieb und Stoßtrupp-Unternehmen in die gegnerischen Grabenabschnitte hinein, bei denen feindliche Soldaten ausgeschaltet oder gefangengenommen werden sollten. Erst Anfang Mai konstatierte der Heeresbericht wieder stärkere Aktivitäten v.a. der amerikanischen Artillerie sowie französischer Scharfschützen, denen viele Angehörige des Regimentes zu Opfer fielen. Auch die zunehmende Zerstörung der Feldstellungen band zahlreiche Soldaten, die zu Schanz- und Erdarbeiten eingesetzt werden mussten.
Der Einsatz des Regimentes im Mihiel-Bogen fand mit dem erfolgreichen Angriff der 104er auf die Fouché-Höhe Ende Mai, der jedoch auf der eigenen Seite 6 Tote, 14 Schwer- und 31 Leichtverwundete sowie einen Vermissten kostete, sein Ende. Die Einheit wurde schließlich durch die 183. Infanterie-Division abgelöst und für weitere Kampfaufgaben in die Champagne abkommandiert.

 

44. Bild

 

„Begräbniskommando“

Zu Beginn des Frühjahrs 1918 standen sich an der Westfront insgesamt über 5,5 Millionen Soldaten des deutschen Kaiserreiches und der Entente gegenüber. Trotz der veränderten politischen Situation (Wegfall der Ostfront im Gefolge des Friedens von Brest-Litowsk) und dem Versuch der Einführung neuer taktischer Prinzipien (Ablösung des Massenangriffs durch kleine effiziente Stoßtruppen) blieb damit die Situation für die Masse der Kombattanten an der Front unverändert: Massenhafter Einsatz von „Menschenmaterial“ bedingte immer noch unverändert auch massenhafte Verluste in den Kampfhandlungen auf beiden Seiten, zumal ab März im Rahmen der sogenannten „Michael“-Offensive die deutsche Heeresleitung unter General Ludendorff wild entschlossen war, unter Aufbietung aller Kräfte eine Entscheidung zugunsten des Kaiserreiches im Westen herbei zu führen. Die Kämpfe, die sich als außerordentlich verlustreich für beide Seiten erwiesen führten jedoch trotz gewisser deutscher Anfangserfolge zu keiner Wende im Kriegsgeschehen: Auf beiden Seiten waren über eine halbe Million Verluste – durch Waffenwirkung sowie durch die im Frühjahr 1918 auch im zivilen Bereich hinter der Front auftretenden pandemischen „Spanischen Grippe“. Damit blieb für die kämpfende Truppe gleich welcher Seite das Bestattungsproblem virulent.

Bereits seit Kriegsbeginn mussten angesichts der horrenden Opferzahlen die Modalitäten für die Beisetzung gefallener Soldaten genau geregelt und organisiert werden – sofern dies überhaupt machbar war, denn man geht heute davon aus, dass nahezu die Hälfte aller an der Ostfront getöteten Männer nicht aufgefunden und damit wenigstens einer einigermaßen würdevollen Bestattung zugeführt werden konnten! Der Schriftsteller Ernst Jünger, als Offizier Stoßtruppführer an der Westfront, bemerkte in seinem Buch „In Stahlgewittern“: „Beim Graben von Deckungslöchern bemerkten wir, dass die Leichen in Lagen übereinander geschichtet waren. Eine Kompanie nach der anderen war dicht gedrängt im Trommelfeuer ausharrend vernichtet worden. Dann hatten die von den Geschossen hoch geschleuderten Erdmassen die Toten verschüttet, und die nächste Kompanie war an den Platz der Gefallenen getreten“.

Nach Ende des Ersten Weltkrieges setzte sich u.a. der in Chemnitz geborene und auch hier tätige Architekt Heinrich Straumer (Dresdner Bank, Hotel Chemnitzer Hof) für die Gründung des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge und damit für ein ehrendes und respektvolles Totengedenken deutscher Gefallener im Ausland ein.

 

43. Bild

 

„Propaganda und Krieg“

„Besser einander beschimpfen als einander beschießen“ – Winston Churchills weise Worte waren durch die konkreten Ereignisse an den Fronten längst ad absurdum geführt worden. Fast vier lange Jahre sind seit Kriegsausbruch bereits vergangen, in denen tausende Soldaten, die einen auf Seiten des deutschen Kaiserreichs und die anderen auf Seite der Alliierten, in den Krieg zogen, um im Glauben, dieses zu beschützen, für ihr Vaterland zu kämpfen. Die Verluste auf beiden Seiten gingen inzwischen in die Millionen. Je größer Verluste und Kriegsmüdigkeit, umso notwendiger der Einsatz der Propaganda auf beiden Seiten, um den Krieg und das Durchhalten bis zum nahen Sieg zu rechtfertigen. Bildern kommen im Rahmen der Propagandaschlachten eine große Bedeutung zu. Es sind nicht die Fotografien zerfetzter oder verbrannter Leichen, die Bilder verschütteter Gräben oder ausgebrannter Tanks, die dem dringend benötigten neuen Kanonenfutter den Dienst mit der Waffe fürs Vaterland schmackhaft machen sollen: Junge, entspannte Männer, aber auch der harte Kämpfertypus, Abenteuer, Patriotismus, Technik – das Spektrum der Bilder ist durchaus verlockend. So zeigt das aktuelle Bild sechs junge Soldaten am leichten Maschinengewehr Modell 08/15 – die massenhafte Verbreitung der Waffe hat ihr ein Überleben – nullachtfuffzen! – noch in unserem heutigen Sprachgebrauch gesichert! Doch lässt sich anhand von Mimik und Körpersprache der Soldaten leicht erkennen, dass es sich um ein gestelltes Bild handelt. Die jungen Männer, schätzungsweise Anfang 20 lagen im Gras, weit weg von einem wirklichen Schlachtfeld, wahrscheinlich auf dem Gelände der 104er Maschinengewehrkompanie in Chemnitz-Gablenz. Mit derartigen Bildern versuchte vorrangig die Presse, der Gesellschaft einen Eindruck freudiger Kampf- und Opferbereitschaft zu vermitteln. Sie dienten der Motivation, um von den realen grausamen Ereignissen und Bildern der Realität abzulenken, genannt seien Schauplätze wie Ypern in Flandern, Verdun oder die Fronten an Maas und Somme. Derartige Propagandamittel werden noch heute benutzt, um Kriege anders darzustellen, als sie in Wirklichkeit sind. Sie führen und führten zu Verzerrungen im Auge des Betrachters. Wie Presse und Medien polarisieren konnten, zeigten Jahre später die Nationalsozialisten vor und während des Zweiten Weltkriegs in nahezu „perfider Perfektion.“ Kontrollierter und zensierter „Embedded Journalism“ bedient Kriegspropaganda noch heute und mahnt daher: Pressefreiheit und Medien sind Bestandteile demokratischer Gesellschaften. Sie verpflichten aber gerade im Umgang mit Kriegen zu besonderer Bedacht und Vernunft.

 

42. Bild

 

„Verloren im Krieg“

Gab es, als die Welt im Januar 1918 in das fünfte Kriegsjahr eintrat, Hoffnung auf ein baldiges Ende des Blutvergießens? Wohl eher nicht, denn obwohl im Deutschen Reich und in Österreich die Massen zu Millionenstreiks auf die Straße gingen, und nun auch eine Entlastung der Lage der Mittelmächte an der Ostfront durch den Waffenstillstand mit Sowjetrussland eingetreten war, hatte sich für die kriegführenden Parteien an den anderen Fronten die Situation keinesfalls zum Besseren gewendet. Im Gegenteil, die deutsche Heeresleitung, die ihre Truppen im Westen jetzt mit den freigewordenen Kontingenten der ehemaligen Ostfront aufstocken konnte und somit erstmalig seit langem die zahlenmäßige Überlegenheit gegenüber den Armeen der Entente erreichte, versuchte mit der sogenannten Michael-Offensive das „Gesetz des Handelns wieder an sich zu reißen“. Damit sollten vor dem erwarteten Eintritt der USA in den Krieg an der Westfront bis März neue Tatsachen geschaffen und die Briten in einer gigantischen Umfassungsschlacht wieder über den Kanal zurückgedrängt werden. Die deutsche Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorf zeigte sich jedoch dieser Herausforderung nicht gewachsen, vermochte sie die zeitweiligen Geländegewinne bei St. Quentin an der Somme nicht in eine entscheidende strategische Kampagne zu überführen. Um doch noch eine Wende herbeizuführen, ließ die OHL im Rahmen der Vorbereitungen auf die Michael-Offensive durch General Hermann Geyer völlig neue Grundsätze deutscher Infanterietaktik erarbeiten, die im Januar 1918 als Handbuch „Der Angriff im Stellungskrieg“ erschien: Besonderes Augenmerk wurde dabei nicht mehr auf den massebasierten großangelegten Infanterieangriff, sondern auf den Einsatz kleiner, mobil und eigenverantwortlich handelnder, hocheffizienter und speziell für den individuellen Kampf im gegnerischen Graben gerüsteter Einheiten, sogenannter „Stoßtruppen“ gelegt. Ein solcher Stoßtrupp wurde hier im Bild festgehalten: Einsam, nur schemenhaft an den 1916 eingeführten markanten deutschen Stahlhelmen zu erkennen, steht ein kleiner Trupp Soldaten inmitten einer völlig zerstörten Ortschaft. Die Last der Zerstörung, der Ruinen verstärkt den Eindruck menschlicher Verlorenheit inmitten des alles beherrschenden Chaos des Krieges. Das Bild lässt in Darstellung und Wirkung an historische Sujets der Kunstgeschichte denken, wie etwa Caspar David Friedrichs „Chasseur im Walde“ oder an die Landsknechtsdarstellungen eines Urs Graf oder Jost Amman – die Werke dieser Künstler haben mit dem unbekannten Fotografen dieser Aufnahme eines gemeinsam: Sie thematisieren Geworfenheit und Ausgeliefertsein des Einzelnen, die scheinbare Unbedeutentheit menschlicher Existenz gegenüber einer als schicksalhaft empfundenen, alles übersteigenden Bedrohung im Krieg.

 

41. Bild

 

„Soldatenverbrüderung“

Während an der Westfront gegen Ende des Jahres 1917 die Kämpfe eskalierten und durch den massenhaften Einsatz neuer Technik wie Panzer, Flugzeug und Giftgas im „Gefecht der verbundenen Waffen“ eine neue, vernichtende Qualität erreichten, beruhigte sich die Lage an der Ostfront zunehmend. Grund dafür waren die revolutionären Ereignisse im Russischen Reich, die ihren Höhepunkt in der von Wladimir Iljitsch Lenin geführten Oktoberrevolution am 24./25. Oktober (6./7.November nach dem gregorianischen Kalender) fanden. Bereits einen Tag später, am 26. Oktober (8.November) verabschiedete die junge Arbeiter- und Bauern-Regierung das „Dekret über den Frieden“, das in direkter Linie zu einem Friedensvertrag mit dem Deutschen Kaiserreich führen sollte. Da die militärische Lage des nun zusätzlich noch revolutionserschütterten Russland nicht anders als katastrophal einzuschätzen war, ist es kaum verwunderlich, dass das „Dekret über den Frieden“ zusammen mit den weiteren sog. „Umsturzdekreten“ („Über den Boden“ und „Über die Rechte der russischen Völker“) sofort begeisterte Aufnahme in der Bevölkerung fand, die ihrerseits nach sofortiger Umsetzung verlangte. Zwar zögerte Deutschland und versuchte, die neu entstandene Situation durch Offensivbewegungen im Osten zu seinen Gunsten auszunutzen, doch kam es aufgrund des russischen Friedensvorstoßes relativ rasch, innerhalb weniger Wochen, zu einem Waffenstillstand zwischen den Mittelmächten und Russland. Dieser setzte am 5. Dezember 1917 ein, galt zunächst für zehn Tage, wurde aber mehrfach verlängert. Zwar endeten die ersten Friedensverhandlungen am 22. Dezember in Brest-Litowsk vorerst ergebnislos, jedoch führte der einmal in Fahrt gekommene Prozess direkt zum endgültigen Friedensvertrag mit Russland am 3. März 1918. Für die Mittelmächte brachten Waffenstillstand, Verhandlungen und Friedensvertrag eine deutliche Entlastung an der Ost- zugunsten der Westfront. Für die junge Sowjetmacht sah das freilich anders aus, denn der aus der eindeutig stärkeren Position der Mittelmächte heraus diktierte „Raub“- oder „Gewaltfrieden“ von Brest-Litowsk führte zu erheblichen, nahezu existenzbedrohenden Verlusten an Gebieten, Bevölkerung, Wirtschaft und Infrastruktur.

Den meisten Soldaten an der Ostfront waren jedoch diese Perspektiven zunächst egal. Wichtig war, dass die Waffen zunächst weitgehend ruhten. Aus den Schützengräben heraus kam es zu spontanen Soldatenverbrüderungen: Die aktuelle Fotografie aus einer Chemnitzer Sammlung von Erinnerungsfotografien aus den Jahren des Ersten Weltkrieges führt exakt in eine solche Situation hinein. Russische und deutsche Soldaten – letztere wohl überwiegend Angehörige eines Musik-Corps der Infanterie – finden im Schnee an der Ostfront zusammen: Gemeinsames Musizieren, der Umtrunk – vor allem aber die gelösten Gesichter spiegeln die Hoffnung, der Horror des Krieges möge zu Ende sein.

 

40. Bild

„Panzerschlacht“

Der Fotograf, der diese erschütternde Aufnahme als Teil einer Dokumentationsserie machte, begleitete eine Gruppe deutscher Offiziere, die nach der Schlacht von Cambrai im November/Dezember 1917 abgeschossene oder von der Mannschaft aufgegebene, aber noch intakte britische Tanks der Typenreihe Mk IV begutachteten.

In der Schlacht von Cambrai wollte die britische Heeresleitung mit einem massiven Durchbruch durch die deutschen Linien den Stellungskrieg wieder in einen Bewegungskrieg umwandeln und setzte dafür am 20. November insgesamt 476 Tanks im „Gefecht der verbundenen Waffen“, also zusammen mit Infanterie, Artillerie und Luftwaffe ein, ohne allerdings den gewünschten Erfolg zu erzielen. Trotz gelegentlicher Geländegewinne erlangten die britischen Truppen keinen strategischen Vorteil: Obwohl das deutsche Heer, um die revolutionsbedingte Schwächung der Front in Russland auszunutzen, erheblich Truppen von der Westfront abgezogen hatte, musste England konstatieren, dass von einer militärischen Schwächung des Kaiserreiches keinerlei Rede sein konnte: Allein von den eingesetzten Tanks, die zu diesem Zeitpunkt bereits ihre anfängliche moralische Wirkung eingebüßt hatten, wurden 250 von den deutschen Truppen abgeschossen und erbeutet. Da das deutsche Heer über keine eigenen Panzerkräfte verfügte (erst ab Anfang 1917 wurde der Sturmpanzerwagen A7V als einziger deutscher Kampfpanzer eingesetzt, und auch das nur in insgesamt lediglich zwanzig Exemplaren!), waren Beutewaffen von besonderem Interesse.

Dieses Interesse erklärt den Inhalt der Bildserie. Die Tanks wurden durch Fachkräfte des kaiserlichen Heeres begutachtet, um für den Einsatz bei den eigenen Truppen nutzbar gemacht zu werden. Daher analysierte man nicht nur die Technik der Beutepanzer genauestens. Hier im Bild wurde bewusst die Waffenwirkung auf einen Tank Mk IV festgehalten: Nach einem Geschütztreffen im vorderen Teil des Panzers war die Mannschaft offenbar nicht mehr zum „Ausbooten“ in der Lage und verbrannte. Beim Panzer handelt sich um die „männliche“ („male“) Variante des Mark IV, der im Gegensatz zur „weiblichen“ („female“) nicht mit Maschinengewehren in den Seitenständen, sondern mit Kanonen ausgerüstet war.

 

39. Bild

„Flieger“

Dem handschriftlichen Eintrag nach zeigt das Bild einen "abgeschossenen englischen Flieger an der Somme", wobei angesichts des Zustandes des Luftfahrzeuges eher zu vermuten ist, dass dieses entweder zur Landung gezwungen wurde, oder das – wie weitere Flugzeuge gleichen Typs im Hintergrund des Bildes nahe legen – hier wohl ein in Frontnähe liegender britischer Feldflugplatz von den deutschen Truppen überrannt wurde.

Beim Flugzeug selbst handelt es sich um einen von der britischen Firma Royal Aircraft Factory produzierten Zweidecker vom Typ F.E.2 (Farman Experimental Typ 2), einem sogenannten "pusher". Diesen Namen hat das Flugzeug auf Grund der ungewöhnlichen Motoranordnung hinter den Tragflächen: Aufgrund dieser Anordnung "drückt" ("push") der Motor das Flugzeug nach vorn. Flugzeuge dieses Typs wurden von 1914 (Erstflug) bis 1918 (Ausmusterung) vom Vorläufer der RAF, dem Royal Flying Corps in unterschiedlicher Verwendung (als Aufklärer, Tag- und Nachtjäger, oder als leichter Bomber) eingesetzt. Bewaffnet ist die mit zwei Mann Besatzung fliegende F.E.2 mit zwei bzw. drei Lewis Maschinengewehren, hier im Bild im hochgeklappten Zustand zu erkennen.

Deutsches Militär unterschiedlicher Waffengattungen umsteht das Flugzeug. Es ist als solches nur an den Kopfbedeckungen – Offiziersmützen und Feldmützen, den sog. „Krätzchen“ der Mannschaften – zu identifizieren, so dass unklar ist, welchem Truppenteil des Kaiserlichen Heeres an der Westfront die Flugzeuge zur Beute geworden sind. Unklar ist auch, ob es sich bei den Personen, deren Fliegerkappen in unmittelbarer Nähe des Waffenstandes des „pushers“ noch eben zu erkennen sind, um gefangene britische Piloten oder um deutsche Flieger handelt, die das Flugzeug begutachten. Offenbar waren die Doppeldecker von hohem Interesse für das deutsche Militär, denn weitere Fotografien, die offenbar einer ganzen Bildserie zugehörig sind, zeigen die Demontage und den Abtransport der Maschinen.

Die Hinweise auf der Fotografie, die offenbar deutlich nach den dargestellten Ereignissen niedergeschrieben wurden, lassen vermuten, dass das Ereignis zwar irgendwo im Umfeld der Somme, nicht direkt jedoch in die Sommeschlacht des Jahres 1916 verdatet werden muss, sondern irgendwann im Spätsommer 1917 angesiedelt ist. 

 

38. Bild

"Kaiserbesuch"

Hoher Besuch hat sich bei den Soldaten an der Front eingefunden: Der unbekannte Fotograf des aktuellen Bildes hat eben jenen Moment eingefangen, in dem Seine Majestät Kaiser Wilhelm II., aufmerksam und neugierig beobachtet von Soldaten unterschiedlicher Truppengattungen und Chargen, das markante Automobil, mit dem er seine Frontbesuche absolvierte, wieder besteigt. Am Steuer des Daimler Landaulet mit den Ersatzreifen für alle Eventualitäten auf dem Karosserie-Dach wartet bereits der "Kaiserliche und Königliche Wagenführer", der langjährige persönliche Chauffeur des Kaisers Julius Knoop (1887-1967). Unklar ist, anlässlich welches konkreten Truppenbesuches die Aufnahme entstand: Unter Beachtung der Reisetätigkeit des Kaiser als auch der im Bild erkennbaren Uniformen wäre zwar ein Besuch an der Westfront, wahrscheinlicher aber auf dem Balkan oder auch an der Isonzo-Front im Süden vorstellbar.

Mit seinen Reisen an die Fronten suchte der Kaiser, seinem zunehmenden Machtverlust zu begegnen. Seit 1917 sah sich Wilhelm zunehmend aus den Entscheidungen, die Einfluss auf den Kriegsverlauf hätten nehmen können, herausgedrängt. Die Oberste Heeresleitung mit Hindenburg und vor allem Ludendorff praktizierte zunehmend eine „stille Diktatur“, die selbständigen kaiserlichen Entscheidungen keinen Raum mehr ließ und ihn zunehmend zum Erfüllungsgehilfen deklassierte bzw. wie etwa in Fragen der Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges nachhaltig kompromittierte. Letztere Entscheidung bedingte im Frühjahr 1917 den Kriegseintritt der USA.

Wilhelms Interesse begann sich daraufhin zunehmend auf Nebenschauplätze, etwa auf dem Balkan zu fokussieren. So begeisterte er sich im Gefolge seiner Reisetätigkeit für das eroberte Rumänien, das ihm bei entsprechend effizienter – also deutscher – Verwaltung als ein künftiger Hort für wirtschaftliche Prosperität des Reiches erschien. Auch die Italienfront wurde wieder interessant: Dort hatte sich das dem Reich in „Nibelungentreue“ verbundene Österreich lange Zeit mit dem abtrünnigen Italien geschlagen, war jedoch nach der 11. Isonzo-Schlacht im August/September 1917 knapp einer schweren Niederlage entgangen. Aufgrund der prekären österreichischen Situation sah sich Deutschland quasi zur Eröffnung einer weiteren Front genötigt: Die neu aufgestellte 14. Armee mit dem eingebundenen Alpen-Korps hatte diese Unterstützung für den österreichischen Verbündeten zu leisten. Aller Wahrscheinlichkeit nach entstand die fotografische Aufnahme, die auf August 1917 datiert, im Umfeld eines der beiden vorgenannten Ereignisse.

37. Bild

"Geschundene Kreatur"

Sie gehörten zu jeder Armee der Weltgeschichte: Tiere im militärischen Einsatz. Sie teilten das Schicksal der Menschen, denen sie vertrauten. Das Vertrauen, die Vorsorge, der Schutz – das, was das Tier an den Menschen band und diesen Einsatz erst ermöglichte, wurde im höchsten Maße pervertiert. Ihr Lohn: Sie wurden ebenso getötet, verletzt, traumatisiert wie die Soldaten selbst. Im Gegensatz zu den menschlichen Opfern fand sich jedoch kaum eine Stimme, die dem Leid der geschundenen Kreatur Geltung hätte verschaffen können. Neun Jahrzehnte vergingen, ehe das „Animals in War Memorial“ in London den in Kriegen gefallenen tierischen Helfern gedachte: „They had no choice“ – so eine Inschrift des Denkmals. Keine Wahl, „no choice“, hatten die ca. eine Million Pferde, die allein im britischen Kriegsdienst standen. Keine Wahl hatten die Hunde, die als Melde- oder Versorgungshunde den deutschen Landsern im Geschosshagel an vorderster Front halfen. Keine Wahl hatten die –zig Tausenden Tauben, die trotz fortschreitender Technisierung der Kommunikationsmittel kriegswichtige Nachrichten zwischen den Kampfverbänden beförderten oder jene im Schützengraben gehaltenen Vögel, deren Tod die Soldaten vor schleichenden Giftgasangriffen warnen sollte. Keine Wahl hatten die Maultiere, Esel, Kamele und Ochsen, denen trotz Eisenbahn und Automobil noch immer das Hauptvolumen des Transportaufkommens zukam. Nicht einmal jene Hunde, Katzen, Hähne, Ziegenböcke, Affen oder Frettchen, die als Maskottchen den Soldaten an den Fronten und in der Etappe das Leben etwas erträglicher machen sollten, blieben von der Kriegsfurie verschont.

Die beiden Pferde auf der aktuellen Fotografie vom Sommer 1917 teilen das Schicksal von wahrscheinlich millionenfachen vierbeinigen Opfern des 1. Weltkrieges. Obwohl gerade für die verletzten, strategisch wichtigen Transporttiere mobile Veterinärkliniken zur gesundheitlichen Wiederherstellung hinter den Fronten zur Verfügung standen, kommt hier jede Hilfe zu spät: Die Tiere erlagen sehr wahrscheinlich den Folgen des feindlichen Artilleriebeschusses irgendwo an der Westfront. Diesen Schluss lässt die wohl bis zuletzt von ihnen gezogene Artillerieprotze zu, von der nur noch ein Rudiment des Fahrgestelles und die verstreuten Granaten zeugen. Die Gesichter der Soldaten, die die beiden Kadaver betrachten, sind teilnahmslos; sie haben wohl bereits Schlimmeres sehen und erleben müssen.

Trotz sogenannten wissenschaftlich-technischen Fortschrittes bedient sich die Menschheit auch heute noch der Anzahl von 32 Tierarten für militärische Zwecke, wie eine aktuelle Studie kürzlich belegte...

 

36. Bild

"Demoralisiert"

Erschöpft, mit leerem Blick und in sich zusammengesunken wartet eine Gruppe französischer Soldaten auf der staubigen Dorfstraße in einer Ortschaft irgendwo hinter der Westfront auf ihren Abtransport in die Etappe, später weiter in die Gefangenenlager im deutschen Kaiserreich. Die Strapazen zurückliegender Kämpfe sind ihnen anzumerken: Sie kommen wohl direkt aus einem von den kaiserlichen Truppen überrannten Frontabschnitt. Waffen und Ausrüstung wurden bereits eingezogen, die Männer tragen ihre graue Frontuniform, das Képi oder den markanten „Adrian“-Stahlhelm der französischen Armee. Verdreckt, einige verwundet und wohl soeben frisch verbunden, geht von diesen Soldaten keine Gefahr mehr aus. Wenige bewaffnete deutsche Soldaten – Jäger der Kopfbedeckung nach – reichen zur Bewachung der Franzosen aus. Zwar in Sicherheit vor den Bedrohungsparadigmen der Frontkämpfe, stand den Männer aus Frankreich oder der französischen Kolonien in Algerien oder anderen Ortes in „outremer“ ein langer Abschied von der Heimat bevor. Dennoch bot die Gefangenschaft ein unvergleichlich höheres Maß an individueller Sicherheit; die Mortationsquote in den deutschen Gefangenenlagern lag – resultierend mehrheitlich aus Krankheitsfällen – bei unter 5%.

Die depressive Stimmung der kriegsgefangenen französischen Soldaten, die in dieser Fotografie von Juni / Juli 1917 zu Ausdruck kommt, ist jedoch nicht nur der konkreten Situation des unmittelbaren Erlebens der Gefangennahme geschuldet, sondern war über weite Strecken symptomatisch für den Zustand der französischen Armee in diesen Monaten: Die zermürbenden Fronterlebnisse, der ausbleibende Erfolg, die „Verheizungsmentalität“ militärischer französischer Eliten hatten unter den „Poilus“ zu einer nachhaltigen Traumatisierung geführt, die im Frühjahr / Sommer 1917 ihren Ausbruch in massenhaften Meutereien unter den Soldaten fand. Diese Meutereien ergriffen insgesamt 68 französische Divisionen; man nimmt an, dass daran ca. 40-50.000 Mann beteiligt waren. Insgesamt wurden 49 Todesurteile vollstreckt. Marschall Petain, der seit April 1917 den französischen Oberbefehl innehatte, rettete die Situation an den Fronten, indem er von der Offensive „à outrance“ zu einer ausgesprochenen defensiven Kampfweise überging. Das deutsche Heer nahm die neue Lage hin und konnte einige minimale Teilerfolge an den Fronten erringen, die wahrscheinlich auch zu der im Bild festgehaltenen Situation führten. Letztlich gelang es der deutschen Heeresleitung jedoch nicht, entscheidendes strategisches Kapital aus denneuen Verhältnissen an der Westfront zu schlagen – zu undurchsichtig, ja rätselhaft erwies sich das Vorgehen Marschall Petains.

35. Bild

„Sport frei“

Der Krieg unentbehrlich. — Es ist eitel Schwärmerei und Schönseelentum, von der Menschheit noch viel zu erwarten, wenn sie verlernt hat, Kriege zu führen. Einstweilen kennen wir keine anderen Mittel, wodurch mattwerdenden Völkern jene rauhe Energie des Feldlagers, jener tiefe unpersönliche Hass, jene Mörder-Kaltblütigkeit mit gutem Gewissen, jene gemeinsame organisierende Glut in der Vernichtung des Feindes, jene stolze Gleichgültigkeit gegen große Verluste, gegen das eigene Dasein und das der Befreundeten, jenes dumpfe erdbebenhafte Erschüttern der Seele ebenso stark und sicher mitgeteilt werden könnte, wie dies jeder große Krieg tut: von den hier hervorbrechenden Bächen und Strömen, welche freilich Steine und Unrat aller Art mit sich wälzen und die Wiesen zarter Kulturen zu Grunde richten, werden nachher unter günstigen Umständen die Räderwerke in den Werkstätten des Geistes mit neuer Kraft umgedreht. (Friedrich Nietzsche)

Allerdings kann die Energie in Zeiten, in der es an Frontteilen etwas ruhiger war, auch anders wieder geweckt oder überschüssige Energie abgebaut werden. Beispielsweise wie auf diesem Bild zu sehen ist mit sportlichen Aktivitäten in Form eines Wettkampfes. Zu erkennen ist, dass es sich hierbei um ein „Queer-Feldein-Rennen“ handelt. Links und rechts stehen Soldaten in einer Reihe und schauen zu. Dass es dabei auch etwas rauer zugehen kann, ist im Hintergrund deutlich zu erkennen. Zwei „rangelnde“ Soldaten, die mit vollem Körpereinsatz um eine der Positionen kämpfen.

Vermuten lässt sich, dass es sich um einen Wettkampf an irgendeinem Frontabschnitt handelt. Auffällig ist nämlich, dass keiner der Soldaten Sportkleidung trägt. An einem festen Standort in einem Lager abseits der Front war es üblich Sportkleidung zu tragen. Auf dem Bild haben alle Uniformen an. Dies impliziert eine ständige Kampfbereitschaft. Diese brauchten die Soldaten immer noch, denn der Krieg sollte noch kein Ende finden.

34. Bild

„Sanitäter!“

Die aktuelle Fotografie führt wieder einmal in die Situation an der Ostfront. Im Mittelpunkt der historischen Aufnahme vom Frühjahr 1917 stehen die Angehörigen der in der 40. Kavallerie-Brigade (4. Königlich Sächsische) zusammengefassten Regimenter der Chemnitzer „Kaiser-Ulanen“ (Ulanen-Regiment „Kaiser Wilhelm II., König von Preußen“ / 3. Königlich Sächsisches / Nr. 21) und der Bornaer Karabiniers (Königlich Sächsisches Karabinier-Regiment, 2. Schweres Regiment). Trotz des Segeltuchüberzugs sind die Kavalleristen gut durch ihre Kopfbedeckungen zu unterscheiden: Ulanen erkennt man an der eigenartigen, auf die polnische Nationaltracht zurückgehenden „Tschapka“ mit dem viereckigen Deckel über der Helmkalotte, wohingegen die Karabiniers einen metallenen Helm mit Helmspitze, vergleichbar der typischen preußischen „Pickelhaube“ trugen. Im Bild außerdem gut zu erkennen: der eigenartige Schnitt der „Kurtka“ genannten Ulanenjacke.

Die dargestellte Szenerie verweist den Betrachter auf das Problem des Sanitätswesens im ersten Weltkrieg: Ulan und Karabinier, beides wahrscheinlich höhere militärische Chargen, stehen an einem zivilen kleinen Jagdwagen, in dem gut in Decken verpackt, nach Ausweis des Eintrages auf der Bildrückseite ein verwundeter Ulanenoffizier auf seinen Abtransport ins Lazarett wartet. Es scheint sich um keine schwere Verwundung zu handeln – dafür ist der Mann zu gut gelaunt. Für den Verwundeten sorgt ein Sanitätssoldat: Die Rote-Kreuz-Binde an seinem Arm verweist ausdrücklich auf seinen Sonderstatus als Nicht-Kombattant. Die Binde wie auch ein verbindlich zu tragendes hoheitliches Dokument räumten den Sanitätern – Offizieren wie auch Mannschaften – besonderen Schutz ein: Weder durften ihnen Dokumente und Kennzeichen entzogen werden, noch sie selbst als Kriegsgefangene interniert – es sei denn zur Durchführung notwendiger Behandlungsmaßnahmen der Truppe. Da Sanitätssoldaten selbst nicht für Kampfhandlungen eingesetzt werden durften – Verstöße stellten eine Straftat nach Kriegsvölkerrecht dar – trugen sie außer einer Pistole zum Selbstschutz keine Infanteriewaffen – der Karabinier A98k, nach dem der Sanitäter greift, ist daher nicht so recht erklärbar…

Das Sanitätswesen im Kaiserlich-deutschen Heer galt seiner Zeit als effizient und ausgesprochen hoch entwickelt. Von staatlicher und militärischer Seite aus wurde das Sanitätskorps schrittweise zu einer modernen, medizinisch- technischen Waffengattung ausgebaut.

33. Bild

 

"Höhlenleben"

Während der Jahre des 1. Weltkrieges hörten die bereits seit dem Altertum bekannten Feldbefestigungen auf, den Charakter einesProvisoriums oder einer befristet genutzten Stellung bzw. Unterkunft zu haben. Der Stellungskrieg v.a. in den Schützengräben an der Westfront machte erforderlich, dass sich die Soldaten dauerhaft in permanenten oder semi-permanenten Behelfsunterkünften einrichten mussten. Diese sollten im Idealfalle einen gewissen Schutz gegen Waffeneinwirkung sowie ein Minimum an Komfort, der zumindest die Kampffähigkeit der Soldaten einigermaßen erhalten musste, gewährleisten. Die meisten der improvisierten Unterkünfte an der Front oder in unmittelbarer Frontnähe genügten jedoch – zumindest in den ersten Jahren des Krieges – den beiden Anforderungen nicht oder nur unzureichend, hielten sie doch mit der Waffenentwicklung kaum schritt. In dem Maße, wie die Fronten zum Stellungskrieg erstarrt waren, war der Soldat jedoch gezwungen, sich in diese Provisorien über Monate, ja manchmal sogar Jahre hinweg dauerhaft einzurichten. Neben der Waffeneinwirkung, welche die Soldaten zum „Höhlen-„ oder „Maulwurfsleben“ verdammte, verschärften die Naturelemente ihre Lebensbedingungen hin zum schier Unerträglichen: In Regionen mit z.T. sehr niedrigem Grundwasserspiegel wie etwa in Flandern konnte bereits der Bau eines Schützenloch zur unlösbaren Aufgabe werden, da es sich schon in geringer Tiefe mit Grundwasser füllte. Weitaus dramatischer verhielt es sich vor diesem Hintergrund mit dem Bau tieferer, die Waffenwirkung reduzierender Unterstände: Schlamm und Wasser, Ungeziefer, Krankheitskeime wurden zum dauerhaften Begleiter jener Soldaten, die über längere Zeiträume in derartigen Grabenabschnitten Dienst tuen mussten; selbst völlig neue Krankheitsbilder, wie der sogenannte Immersions- oder Schützengrabenfuß („trench foot“), der zum Verlust ganzer Gliedmaßen führen konnte, gingen mit diesen katastrophalen Lebensbedingungen einher.

Auf beiden Seiten der Front versuchte man, diese Bedingungen durch Bau und Bereitstellung von einigermaßen erträglichen Behelfsunterkünften wenigstens etwas zu mildern. Am bekanntesten wurden dabei die vom kanadischen Offizier Peter Norman Nissen entwickelten und nach ihm benannten „Nissenhütten“ („Nissen hut“), die in der Etappe bzw. im frontnahen Bereich zu Einsatz gelangten. Die Wellblechhütten, die gelegentlich auch mit Erdaufschüttung versehen wurden, waren noch im 2. Weltkrieg und danach im Einsatz; am bekanntesten ist sicherlich ihr Einsatz als Notunterkunft für Ausgebombte. Die eigentlich britisch-kanadische Erfindung macht die exakte Bestimmung der aktuellen Fotografie etwas schwieriger: Unklar ist, ob hier deutsche Soldaten eroberte englische „Nissen huts“ in Augenschein nehmen oder wir es hier mit einem deutschen Pendant zur englischen Erfindung zu tun haben.

32. Bild

 

"Verbrannte Erde"

Als sich die deutschen Truppen im Frühjahr 1917 im Zuge einer Frontbegradigung, von der aus eine großangelegte Offensive gestartet werden sollte, auf die so genannte „Siegfried-Linie“ zurück zogen, hinterließen sie ein völlig verwüstetes Territorium. Die massiven Zerstörungen erfolgten nicht beiläufig, etwa im Zuge der Gefechte zwischen dem kaiserlichen Heer und den Armeen der Entente cordiale, sondern machten das Wesen des „Unternehmens Alberich“ aus: Im großen Maßstab wurde hier die „Taktik der verbrannten Erde“ angewandt. Das Verwüsten ganzer Landstrich war kriegstechnisch gesehen zwar nichts Neues: Um dem Gegner die Möglichkeit zu nehmen, auch nur den minimalsten Nutzen aus dem von ihm wieder besetzten Gebiet zu ziehen, wurden in der Geschichte – etwa durch die verheerenden „chevauchées“ des Hundertjährigen Krieges oder General Sheridans Marsch durch das Shenandoah-Tal 1864 im Amerikanischen Bürgerkrieg – ganze Landstriche systematisch zerstört, Bausubstanz gesprengt, Vorräte verbrannt, die Bevölkerung vertrieben oder Brunnen vergiftet... Neu jedoch war die rigide Systematik, mit der Teile des Departements Pas-de-Calais im Rahmen des „Alberich“- Unternehmens verwüstet wurden: Die französische Heeresleitung wurde dadurch völlig überrascht. Aus deutscher Sicht war das Unternehmen zwar ausgesprochen erfolgreich, festigte jedoch auf internationaler Ebene den schlechten Ruf der kaiserlichen Truppen als „Barbaren“ – vor allem, weil nicht nur fast 300 Ortschaften vollständig von der Landkarte verschwanden oder man über 100.000 Zivilisten zwangsevakuierte, sondern auch, weil unwiederbringliche Kulturgüter wie etwa das grandiose mittelalterliche Chateau de Coucy dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Die aktuelle Fotografie aus der Sammlung des Schloßbergmuseums führt den Betrachter in eines der zerstörten Dörfer an der Somme-Front während der Kampfhandlungen des „Unternehmens Alberich“. Inmitten der völlig verwüsteten Höfe, an deren Wand ein Schild die deutschen Truppen auf das Vorhandensein eines noch intakten, nicht vergifteten Brunnens verweist, gruppieren sich Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften um ein Fahrzeug. Dieses verweist auf eine weitere, neue Qualität des Krieges, denn bei dem Fahrzeug handelt es sich um einen Protzenwagen der Marke Austro Daimler mit aufmontierten Krupp-Ballongeschütz Modell 1910. Der neue, der totale Krieg wird nun auch in der dritten Dimension, in der Luft geführt. Ursprünglich, wie der Name sagt, zur Ballonabwehr entwickelt, mussten derartige Waffen zunehmend allen Belangen der Luftabwehr gegenüber den sich rasant entwickelnden militärischen Luftfahrzeugen genügen.

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"Verwüstete Ortschaften"

Deutsche Soldaten verharren hinter einem umgestürzten Mahnmal für die gefallenen Franzosen des Krieges von 1870/71 in der Ortschaft Croisille. Die 1700-Seelen-Gemeinde war seit den ersten Wochen des I. Weltkrieges von den Truppen des Deutschen Kaiserreiches besetzt. Croisille, südlich von Arras an der Straße zwischen Amiens und Lille gelegen, gehörte zum Département Pasde-Calais – und damit zu einem geografischen Raum, der fast durchgehend von Kriegsbeginn bis zum Waffenstillstand zu einem der Hauptschlachtfelder an der Westfront, der Sommefront geworden war.

Kaum in einem anderen Landstrich wütete die Kriegsfurie vergleichbar. Heute weiß man von wenigstens 580.000 Todesopfern – vage die Zahl, weil von annähernd 30% der Kombattanten keinerlei Überreste mehr zu finden waren! Die Mahnmale im Département, die später zum Gedenken an die Gefallenen errichtet wurden, nennen französische, englische, deutsche, portugiesische, kanadische, neuseeländische und indische Soldaten, daneben chinesische und südafrikanische zivile Schanz- und Armierungsarbeiter, außerdem eine Großzahl von Zivilisten aus den betroffenen Gemeinden der Region.

Croisille war, wie die provisorischen Beschriftungen an den beschädigten oder gänzlich zerstörten Häusern ausweisen, über reichlich drei Jahre der Standort verschiedener deutscher Verbände in unmittelbarer Nähe zur Front.

Im Bild sind Angehörige von Sturmtrupps der Infanterie (mit dem 1916 eingeführten neuen Stahlhelm) und der Pioniere zu erkennen. Die Zerstörungen in den Ortschaften erklären sich zwar aus der Nähe zu den Gefechten, doch legen die Wein- oder Bierflaschen am Sockel des gestürzten symbolträchtigen Denkmals auch Erscheinungen wie Vandalismus nahe. Als sich schließlich im Jahresverlauf 1917 die deutschen Truppen im Rahmen einer Frontbegradigung auf die sog. „Alberich-Linie“ zurückzogen, um von dort aus eine effiziente Großoffensive zu starten, praktizierten sie im geräumten Gebiet in großem Umfang auch die Taktik der verbrannten Erde: Städte wie Lens im Pas-de-Calais verloren die Hälfte der Bevölkerung, über 300 Gemeinden wurden während der vier Jahre andauernden Kampfhandlungen ausgelöscht.

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„Der Krieg und die Natur“

Im Dezember 1916 hatte die Schlacht um Verdun ihr Ende gefunden. Französische Truppen unter Robert Nivelle, der zu diesem Zeitpunkt den berüchtigten General Joffre ablöste, drängten das kaiserliche Heer wieder bis auf seine Ausgangsstellungen zurück. Die deutschen Soldaten befanden sich zum Jahresbeginn 1917erneut in der Defensive. Über den eroberten Außenforts der Festung Verdun wehte die Tricolore; der status quo vom Frühjahr 1916 war damit wieder hergestellt – aber zu welchem Preis: rund 305 000 Soldaten waren auf beiden Seiten gefallen – so viele Menschen, wie Chemnitz damals Einwohner hatte…

Jeder Krieg verlangt seinen Tribut, der Erste Weltkrieg machte da keinerlei Ausnahme. Millionen Menschen fanden in ihm den Tod. Soldaten, aber auch Männer, Frauen und Kinder innerhalb der Zivilbevölkerung waren davon betroffen. Der Tod kam in einem industrialisierten Krieg wie diesem über „alles und jeden“ – und das in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß. Auch die Natur wurde durch die Ereignisse und Kämpfe in Mitleidenschaft gezogen. Das Bild vom Beginn des Jahres 1917 zeigt ein Waldstück – vermutlich im Umfeld von Verdun – das durch Granaten stark zerstört wurde. Im Vordergrund liegt – furchtbar verstümmelt – ein einzelner gefallener Soldat am Rand eines durch abgeschossene Baumkronen versperrten Waldweges, auf dem im Hintergrund ein zerstörtes Fahrzeug oder eine Artillerieprotze liegen geblieben ist. Das Bild macht – wenngleich nur in zurückhaltenden Ansätzen – die neuen Dimensionen der Kriegführung deutlich: Die Zeiten des klassischen Aufeinandertreffens gegnerische Parteien auf einem freien Feld oder Lichtung waren längst vorbei. Technisierung und Quantifizierung der Kriegswerkzeuge machten nicht nur die totale Vernichtung menschlicher Körper möglich – auch natürliche Habitate wurden auf Dauer zu verletzten Mondlandschaften, deren Böden hundert Jahre nach den letzten Kampfhandlungen heute noch immer durch Metalle, Sprengmittel und Nitrate schwer kontaminiert sind.

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„Krankheit und Tod im Kriegsgefangenenlager“

Kriegsgefangenlager, egal in welcher Epoche sie existierten, hatten Eines gemeinsam: Krankheit und Tod spielten eine wesentliche Rolle in ihnen. So auch im Kriegsgefangenenlager in Chemnitz-Ebersdorf: Von 1914-1921 waren hier tausende Soldaten – Franzosen, Russen, Italiener, Belgier, Briten u.a.m. – als Kriegsgefangene interniert worden. In Übereinstimmung mit den bestehenden internationalen kriegsrechtlichen Konventionen wurden sie zu häufig sehr schwerer körperlicher Arbeit in Bereichen eingesetzt, in denen infolge des Soldatenbedarfs an den Fronten gravierender Arbeitskräftemangel herrschte. Die harte Arbeit, die unzureichenden, schlechten hygienischen Zustände und die mangelnde Verpflegung der gefangenen Soldaten führten mit fortschreitender Dauer des Krieges unweigerlich zu chronischer Unterernährung und somit auch zu Krankheiten aller Art. Die allgemeine Versorgungslage im Deutschen Kaiserreich verschlimmerte die Situation noch: Im Winter des Jahres 1916/17 etwa lag der Ernteertrag bei Kartoffeln gerade einmal bei 50 Prozent des durchschnittlichen Ertrages. Dadurch dramatisierte sich die infolge der britischen Blockade ohnehin angespannte Versorgungslage im Reich noch erheblich. Ein Resultat daraus waren verschiedene Krankheiten (etwa Typhus, Ruhr und Cholera), welche sich auch innerhalb des Chemnitz-Ebersdorfer Lagers ausbreiteten. Sie forderten im Hungerwinter 1916/17 weit über 600 Todesopfer.
Die Todesfälle in den Kriegsgefangenenlagern waren jedoch kein Ausdruck besonderer Repressionsmechanismen den Soldaten der feindlichen Nationen gegenüber, sondern spiegeln die allgemeine Gesamtproblematik der Lage der Bevölkerung im Hinterland des Deutschen Reiches wieder. Hunger und Seuchen rafften in Ballungsräumen wie etwa Chemnitz gleichfalls Tausende Zivilisten – vorrangig Alte und Kinder – dahin. Besonders erwähnenswert ist jedoch der Umstand, dass sowohl internationalen Organisationen wie dem Roten Kreuz oder der Katholischen Kirche gestattet wurde, die Versorgungsprobleme in den Kriegsgefangenenlagern wenigstens graduell zu mindern. Auch dem gelegentlich humanistischen Bemühen, etwa des Chemnitzer Kommandanten Oberst Heinicke war es zu danken, dass die Lage in den Lagern nicht weiter eskalierte. Dennoch: Tod und Krankheit blieben Begleiter der Kriegsgefangenen.
Die aktuelle Fotografie von 1916 zeigt französische und russische Soldaten, die – begleitet durch Landsturm-Soldaten der Lagerwache – einem verstorbenen Kameraden das letzte Geleit geben.

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„Des Winters Zorn“

„Der Winter ist keine Jahreszeit, sondern eine Aufgabe.“ Diese Worte von John Sinclair (1885-1951) beschreiben die Probleme der Bevölkerung zur Zeit des Ersten Weltkrieges. Keines der kriegsführenden Länder hatte Vorbereitungen für einen langen Krieg getroffen, schon gar nicht, was die Lage der Bevölkerung „in der Heimat“ betraf. Die Nahrungsmittelversorgung im Deutschen Reich traf dieses Versäumnis zunehmend mit voller Härte, vor allem in den Wintermonaten. Schon die von Seiten der Entente-Staaten errichtete Seeblockade hatte verhältnismäßig schnell zu einer Verschlechterung der Versorgung innerhalb des deutschen Kaiserreiches geführt, so dass in Deutschland bereits im Jahr 1915 Zwangsbewirtschaftung und Rationierung von Nahrungsmitteln festgelegt wurde. Anstehen nach Nahrungsmitteln, wie im Bild zu sehen, wurde tägliche Notwendigkeit und Normalität. Ihren traurigen Höhepunkt erreichte die ohnehin dramatische Situation jedoch im Winter 1916/17. Die Kartoffelernte betrug in der Herbstsaison nur 50 Prozent des durchschnittlichen Ertrages. Dies hatte zur Folge, dass nach Alternativen gesucht werden musste. Ein Flugblatt vom 18.12.1916 beschrieb und erläuterte, wie etwa Rüben zu verarbeiten und zu nutzen sind: Kohl- bzw. Steckrüben, die allerdings den Kalorienbedarf eines Erwachsenen nicht ausreichend deckten, wurden daher als Ersatzgrundnahrungsmittel in großem Umfang ausgegeben. Daraus ergab sich das große Problem einer allgemeinen chronischen Unterernährung. Der Arzt Alfred Grotejahn hielt am 17. März 1916 in seinem Tagebuch fest: „Die (Berliner) Bevölkerung bekommt von Woche zu Woche mehr ein mongolisches Aussehen.“ Die Mangelversorgung führte zu einer gravierenden Schwächung des Immunsystems weiter Kreise der Bevölkerung, woraus schließlich epidemische Krankheiten wie Tuberkulose und die Grippe resultierten. Die Kindersterblichkeit stieg um 50 Prozent höher als vor dem Krieg. Auch starben mehr Frauen an den Folgen der Geburt, weil sie einfach zu schwach waren.
Eines wurde damit im „Hungerwinter“ des Krieges für jeden überdeutlich: Nicht nur die Soldaten an den Fronten waren die Leidtragenden, sondern auch die Bevölkerung in der Heimat kämpfte ums Überleben.

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"Stoßtrupp"

Die Lage an den Fronten des Ersten Weltkrieges ließ nach und nach tradierte Angriffsverfahren zunehmend obsolet werden. Der Stellungskrieg mit seinen fast statischen befestigten Grabensystemen, befestigten Unterständen und Stacheldrahtverhauen, das massierte Maschinengewehr- und Artilleriefeuer machte alte Waffengattungen wie etwa die Kavallerie nutzlos und überflüssig und ließ im Grunde selbst das geschlossene Vorgehen der „notwendigsten“ aller Waffengattungen, der Infanterie, selbstmörderisch und fragwürdig werden.

Zunächst einfach aus der Not konkreter Gefechtssituationen – etwa während der Brussilow-Offensive an der Ostfront – geboren, entwickelte sich, zunächst im kaiserlich deutschen Heer, das Verfahren der „Stoßtrupps“. Anstatt auf massierte Infanterieverbände setzten erfahrene Taktiker des Ost-Heeres wie General Oskar von Hutten, v.a. aber Major Willy Rohr an der Westfront nun auf den Einsatz kleiner, zweckmäßig bewaffneter Gruppen von Spezialisten und Einzelkämpfern, die im Zusammenspiel vom gegenseitiger Deckung und Bewegung das gegnerische Grabensystem „aufrollen“ sollten – also von Grabenstück zu Grabenstück den Gegner paralysierten, um schließlich der massiv nachrückenden Infanterie den Durchbruch durch die feindlichen Stellungen zu ermöglichen. Dabei schalteten die Stoßtrupps, meist Sturmpioniere und Infanteristen mit spezieller Nahkampfausbildung, hauptsächlich Maschinengewehr- und Mörserstellungen, aber auch Befehlsstände, Kommunikationseinrichtungen oder Scharfschützennester aus. Im Rahmen des Stoßtrupp-Verfahrens kamen völlig neue Waffensysteme zum Einsatz, die dem Kampf – häufig „Mann gegen Mann“ – in den beengten Verhältnissen des Schützengrabens angepasst waren: Grabendolch und Kurzspaten, Stielhandgranate, Selbstladepistole und Karabiner, später die Maschinenpistole, ersetzten die für diese Zwecke ungeeigneten alten Standardwaffen der Infanterie wie etwa das lange Mauser-Gewehr 98 mit dem aufgepflanzten Bajonett. Zur gefürchtetsten neuen Waffe aber wurde der Flammenwerfer.

Das aktuelle Bild, entnommen der Fotosammlung eines Chemnitzer Weltkriegsteilnehmers, zeigt einen Stoßtrupp, der mit dem Flammenwerfer gegen die gegnerische Stellung vorgeht. Unklar ist jedoch, ob die Fotografie eine reale Gefechtssituation darstellt, oder deren Simulation in Vorbereitung auf einen Kampfeinsatz während der Ausbildung. Da die Soldaten lediglich die Schirmmütze und nicht den im Herbst 1916 eingeführten neuen Stahlhelm tragen, ist wohl eher der letzte Fall zu vermuten.

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„Fürsorge für die Soldaten“

In einer Zeit, in der Verletzung und Tod, Elend und Trauer eine große Rolle im Alltag der Soldaten spielten, war die Fürsorge, speziell für die Heimkehrenden, von enormer Bedeutung. Diesem Gedanken folgend und geprägt durch christliche bzw. humanistische Nächstenliebe machten Chemnitzer Bürger den Hauptbahnhof zu einer Pflege- und Heilstätte: Zurückkehrende, aber auch durchreisende verletzte Soldaten wurden dort durch den „Bahnhofsdienst“ versorgt.

Gegründet wurde dieser zu Kriegsausbruch unter Leitung der beiden Chemnitzer Stadträte Jachmann und Baldauf. Bereits am 28. August 1914 übernahmen die Stadt Chemnitz und das Rote Kreuz den Pflegedienst; die Leitung hatte Stadtrat Lehmann als Vertreter des Roten Kreuzes und der Stadtverordnetenvorsteher Direktor Stolze als Vertreter des Kriegsfürsorgeausschusses inne. Zahlreiche freiwillige Helfer fanden sich ein, um eine gute Sache zu unterstützen: Die Soldaten bekamen warme Mahlzeiten, die in einer Baracke hinter dem Bahngleis in der Küche bereitet wurden. Um die Kosten zu decken, stellte die Stadt bereitwillig 73100 Mark und 53 Pfennige bereit. Zusätzlich Versorgung wurde durch unzählige sogenannte „Liebesgaben“ gewährleistet. Seit dem 28. August 1915 erhielten rund 48.000 Soldaten diese Spenden aus privaten, privatwirtschaftlichen, kirchlichen oder administrativen Initiativen.

Seit September 1914 konnten die Verwundeten in einer Baracke am hinteren Bahnsteig aufgenommen werden. Ein wohnlich ausgestatteter Raum diente als vorläufige Unterbringung und Unterkunft. Ebenfalls kamen Verwundete an den Technischen Staatslehranstalten unter. Trotz schwieriger Auflagen gelang es dem Bahnhofsdienst bis zum 1. April 1919 seine segenreiche Arbeit fortzusetzen. Insgesamt 700.000 durchfahrende und abfahrende Soldaten wurden mit Liebesgaben und Erfrischungen versorgt, 307.030 Kriegern der Verband gewechselt und 114.770 Schlaganfälle beherbergt. Trotz dieser enormen Unterstützung ist „die Weltgeschichte auch die Summe dessen, was vermeidbar gewesen wäre“. (Konrad Adenauer)

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"Fliegende Augen"

Die Begriffe „Schützengraben“ und „Trommelfeuer“ bestimmen bis heute die Vorstellung vom Fronterleben der Soldaten im I. Weltkrieg. Beide werden im vorliegenden Bild – einem für die Zeit brandaktuellen neuen Medium – sichtbar. Der „wissenschaftlich-technische Fortschritt“ ermöglichte nicht nur neue Quantitäten des industriellen Tötens an den Fronten, wie sie sich beispielsweise im millionenfachen Einsatz brisanter Artilleriegeschosse gegen „hard“ und „soft targets“, gegen Stellungen, Technik und Menschen manifestierten, sondern machte dies auch unter Verwendung völlig neuer state-of-the-art-Technik in bis dahin unbekannter Präzision möglich.
Das Neue, das Moderne der historischen Aufnahme aus den Jahren 1915/16 besteht darin, dass es sich um eine sehr präzise Luftaufnahme, eine Senkrechtfotografie von Teilen des Schlachtfeldes an der Westfront handelt. So etwas war nur unter Einsatz damals modernster Technik zu realisieren: einmal durch hochentwickelte Fotokameras, zum anderen durch das Flugzeug. Das Luftbild, das noch die originalen Tuscheeinträge „Englische Stellung“ (links) und „Deutsche Stellung“ der Luftbild-Auswerter aufweist, entstand im Operationsgebiet des in Chemnitz aufgestellten Reserve-Infanterie-Regimentes 244 zwischen Verlorenhoek und Ypern in Flandern. Deutlich sind die Charakteristika der ausgebauten Grabensysteme der beiden kriegführenden Parteien zu erkennen: oben die schmalen britischen „trenches“, unten die tief gestaffelten, sich weit hinter die Kampflinien erstreckenden deutschen Gräben.
Derartige Fotografien lieferten den Aufklärungseinheiten an der Front wichtige und vor allem zuverlässige Informationen. Bis Flugzeug und Kamera zum Einsatz über dem Schlachtfeld kamen, war die Aufklärung gegnerischer Frontabschnitte eine ausgesprochen ungenaue Angelegenheit: speziell ausgebildete Artillerieaufklärer, die im Niemandsland agierten, beobachteten gegnerische Stellungen und korrigierten, nicht selten unter extremster Gefahr für die persönliche Sicherheit, das Feuer der eigenen Artillerie. Fiel der Artillerie-Aufklärer, schossen die Geschütze blind. Eine weitere, bereits seit dem 19. Jahrhundert praktizierte Möglichkeit war die Feuerlenkung vom Ballon aus – ein Verfahren, das nicht nur unpräzise, sondern gleichfalls im modernen Krieg obsolet geworden war. So aber hatten mit dem neuen Medium Luftbild nicht nur Artillerie- oder Flieger-Offiziere exakte Geländedarstellungen vorliegen, die ihre Einsatzplanungen ermöglichten, auch neu entstandene Spezialeinheiten der Infanterie oder der Pioniere, wie etwa Stoßtrupps und Sturmpioniere nutzten die aus diesen Fotografien gewonnenen Erkenntnisse: Die großen, an den äußeren Rändern des deutschen Grabensystems sichtbaren Sprengtrichter legen den Einsatz von unterirdisch vorgetriebenen Minensprengungen an besonders vulnerablen Grabenabschnitten, die aus der Luft aufgeklärt werden konnten, nahe. Hier sollte ein gefahrreduziertes Eindringen der eigenen Infanterie ermöglicht werden.

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"Der Tod des Flieger-Asses"

Die Technisierung des modernen Krieges brachte neben einer Vielzahl von Waffen auch einen neuen, technikaffinen Kämpfertypus hervor, der während der Kriegsjahre, vor allem jedoch auch in den Folgejahrzehnten von militaristischer wie auch nationalistischer Propaganda fast überall in der Welt zum Heldenbild hochstilisiert wurde. Vielfach jedoch wurden derartige Bilder vom technikbeherrschenden, todesverachtenden ritterlichen Einzelkämpfer, die in bewussten Kontrast zum anonymen Massentod im Schützengraben gestellt wurden, den konkreten Personen nicht oder nur bedingt gerecht: Dies traf vor allem auf den Dresdner Jagdpiloten Max Immelmann zu, der neben Richthofen und Boelcke zu den bekanntestes deutschen Fliegerassen zählte, dessen Lebenslauf bis in die Kriegsjahre hinein jedoch denkbar unmilitärisch geprägt war. Obwohl bereits als 15jähriger ins Dresdener Kadettenkorps eingetreten, hatte er zunächst keine militärische Ambitionen. Er verzichtete sogar bewusst auf eine Karriere als Offizier, indem er sich nach erfolgreichem Examen zur Reserve versetzen ließ. Sein Interesse galt vorrangig technik- und ingenieurwissenschaftlichen Dingen, vor allem dem Maschinenbau, dessen Studium er sich ab 1912 widmete. Immelmann trieb daneben Sport, reüssierte als „Automobilist“ und begann sich kurz vor Kriegsausbruch der Fliegerei zu widmen. Im Fliegen fand der junge, mit Kriegsausbruch nun als Reserveoffizier reaktivierte Offizier seine Bestimmung. Obwohl zunächst zu den Eisenbahntruppen eingezogen bzw. kurzfristig zur Infanterie versetzt, meldete er sich freiwillig als Flugschüler. Nach Abschluss seiner Ausbildung kam Immelmann über mehrere Zwischenstationen schließlich zur Feldfliegerabteilung 62, die der 6. Armee unterstellt und in Douai nahe der belgischen Grenze stationiert wurde. Immelmann flog mit seinem Jagdeinsitzer Fokker E.I, dessen Maschinengewehr mit dem Motor der Maschine synchronisiert war und somit durch den Propellerkreis schießen konnte, unterschiedlichste Missionen: Aufklärung, Begleitschutz, schließlich freie Jagd auf gegnerische Luftkräfte. Mit zunehmendem Erfolg als Jagdflieger – Ende März 1915 erzielte er seinen 13. Abschuss – stellte Immelmann den Antrag, wieder als aktiver Offizier aufgenommen zu werden. Immelmann, der selbst mehrfach mit seiner Maschine abstürzte, kam schließlich am 18. Juni 1916 ums Leben, als er zusammen mit seinen Kameraden den Raum Sallaumines gegen angreifende britische Bomber zu decken versuchte. Zur Tragik des hochdekorierten Kampffliegers gehörte, dass ihm wahrscheinlich die Technik selbst, für die er sich zeitlebens begeistert hatte, zum Verhängnis wurde: Zwar gibt es eine Version, die seinen Tod mit dem Abschuss durch einen britischen Heckschützen begründet, wahrscheinlicher aber – und durch ein Gutachten von Anthony Fokker gedeckt – wurde Immelmann entweder Opfer von „friendly fire“ oder durch das Versagen der Synchronisation des Motors mit dem Maschinengewehr. Betrauert auch von seinen Gegnern, wurde Immelmanns Leichnam, wie im Bild zu sehen, in Douai zur Eisenbahn gebracht, nach Dresden überführt und dort mit höchsten militärischen Ehren beigesetzt.

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"Reiter im Osten"

Der Krieg im Osten unterschied sich deutlich von den Kampfhandlungen an der Westfront. Im Gegensatz zum festgefahrenen Grabenkrieg, vor allem aber zur industrialisierten, materiell und technologisch hochentwickelten Kriegführung im Westen zeigte der Krieg im Osten kaum vergleichbare „moderne Elemente“: Der infrastrukturell arme Raum, das weitgehende Fehlen von Kommunikations- und Verkehrseinrichtung machte eine eher konventionelle, den militärischen Aktionen vergangener Jahrhunderte vergleichbare Form des Bewegungskrieges erforderlich. Abseits der großen, im Hinblick auf die Westfront nicht weniger opferreichen Schlachten an der Ostfront bedingte der Bewegungskrieg den Einsatz von schnellen, mobilen und unabhängig etwa von Verkehrseinrichtungen agierenden Einheiten: Das blieb auch im modernen Krieg des 20. Jahrhunderts noch immer das Feld der Kavallerie. Die Chemnitzer Kaiser-Ulanen mit ihren in der 40. (4. Königlich Sächsischen) Kavallerie-Brigade zusammengefassten Kameraden vom Karabinier- Regiment, der Reitenden Abteilung des 1. Feldartillerie-Regiment Nr. 12 und der dazugehörenden Maschinengewehrabteilungen operierten mit Mitteln des Kleinkrieges in die Tiefe eines Raumes hinein, der bedeutend größer war als die 800km lange Westfront. Aufbauend auf dem soliden, im kaiserlichen deutschen Herr hochentwickelten Prinzip der „Führung mit Auftrag“ - der soldatischen Eigenverantwortung und Eigeninitiative „selbst auf der untersten Ebene“, wie Helmuth Moltke einst formulierte – war hier im Osten neben Schnelligkeit der Bewegung vor allem die Fähigkeit zu Improvisation gefordert. Moltkes Verständnis von „Taktik“ als einem „System von Aushilfen“ musste von den Truppen, vom Reiter über den Wachtmeister zum Rittmeister bis hin zum Truppenkommandeur in allen Kampf- und Lebenssituationen umgesetzt werden: Vom Vorgesetzten wurde nach dem Prinzip der Führung mit Auftrag dem Unterstellten nur Ziel und Zeitplan vorgegeben: Die Umsetzung blieb dem Sinn des Befehls nach der Initiative des einzelnen „mündigen Soldaten“ selbst überlassen – ein Merkmal, dass dem verbreiteten Klischee von Untertanengeist und Kadavergehorsam in der deutschen Armee widerspricht und sich von Praxis anderer Armeen deutlich unterscheidet. Das vorliegende Bild führt in eine solche Improvisationssituation irgendwo in der weiten Landschaft hinter Ostpreußen: Hier haben Angehörige der 40. Kavalleriebrigade – im Bild rechts hinten ein Karabinier, vorne ein Soldat der Maschinengewehrabteilung – aus Bänken einer Dorfschule, wie die Inschrift auf der Rückseite ausweist – eine Straßensperre errichtet: Diese diente wohl weniger dem Aufhalten russischer Verbände als mehr der Kontrolle des Durchgangsverkehrs auf der gesperrten Landstraße: Die Gefahr, dass im feindlichen Hinterland Heckenschützen, Freischärler oder Partisanen durch die Linien schlüpfen und Schaden anrichten könnten, war groß und machte derartige Kontrollen durch die deutschen Truppen erforderlich.

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„Für Kaiser und Vaterland“

„Jede Kanone, die gebaut wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel gelassen wird, jede abgefeuerte Rakete bedeutet letztendlich einen Diebstahl an denen, die hungern und nichts zu essen bekommen, denen, die frieren und keine Kleidung haben. Eine Welt unter Waffen verpulvert nicht nur Geld allein. Sie verpulvert auch den Schweiß ihrer Arbeiter, den Geist ihrer Wissenschaftler und die Hoffnung ihrer Kinder.“
(Dwight D. Eisenhower)

„Immer voran und weiter vorwärts!“ marschierten auch die Chemnitzer Truppen, die einst im August des Jahres 1914 jubelnd aus der Stadt verabschiedet wurden, unentwegt „weiter dem Feind entgegen“. Keine Strapaze war dabei zu groß und kein Hindernis stoppte ihren Weg. Brücken wurden von Pionieren gebaut, um Flüsse bequem überqueren zu können und die Truppen samt ihrer Ausrüstung auf die andere Flussseite zu transportieren. Sollte dies an manchen Stellen etwa der Artillerie mit ihren Protzen und Geschützen nicht möglich gewesen sein, so zog man das Material an einer flachen Stelle des Gewässers mit den Pferdestärken ihrer Sechs- und Mehrspänner einfach hindurch. Das Errichten von Brücken nahm in einigen Fällen weniger Zeit in Anspruch, als erst bis zur nächsten Überquerungsmöglichkeit zu marschieren. Ziel war es schließlich so schnell als möglich in die feindlichen Gebiete vorzudringen. Hier im Bild forcieren die Chemnitzer Kaiser-Ulanen mit ihren in der 40. (4. Königlich Sächsischen) Kavallerie-Brigade zusammengefassten Kameraden vom Königlich Sächsischen Karabinier-Regiment (2. Schweres Regiment) und der Reitenden Abteilung des 1. Feldartillerie-Regiment Nr. 12 einen Fluss im ostpreußischen Düna-Abschnitt der Ostfront.
Doch waren es all diese Mühen Wert für Kaiser und Vaterland zu kämpfen, in einem Krieg, der mit schnellen Siegen und Vorrücken der kaiserlichen Armee begann und am Ende in einem erbarmungslosen, sinnlosen Stellungskrieg und einem riesigen Fiasko für das deutsche Kaiserreich endete?!

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„Zur Goldwehr die Eisenwehr!“

Die Seeblockade Englands, die Deutschland fast vollständig von Waren- und Rohstofflieferungen über den nördlichen Atlantik und die Nordsee abschnitt, führte relativ rasch zu spürbaren Versorgungsengpässen im Reich. Deren fataler Einfluss v.a. auf die Belange der Rüstungsindustrie begann sich bereits in den ersten Kriegswochen abzuzeichnen, so dass schon im Dezember 1914 zur Aktivierung brachliegender Binnen-Ressourcen übergegangen wurde. Zunächst in Berlin, dann in Leipzig, schließlich auch in Chemnitz erließen Ausschüsse, unterstützt von Behörden sowie von privaten und öffentlichen Vereinen und Organisationen „unter dem Wahrzeichen des heiligen Michaels“ Aufrufe zur allgemeinen Metallspende. 
In Chemnitz erging unter der Leitung von Stadtrat Schneider der dringende Appell an die Bevölkerung, überflüssige Haushaltgegenstände aus Buntmetall, v.a. Kupfer, Zinn, Leicht- und Schwermessing, Rotguss, Aluminium, Nickel, Blei, Zink, selbst Stanniol von Flaschen und Schokoladenverpackungen zu den zentralen Sammelstellen zu bringen, auf dass die gesammelten Materialien der Industrie zugeführt und der Rüstung des Reiches nutzbar gemacht werden würden. 
Der Aufruf zur Metallspende traf auf rege Beteiligung und war unterm Strich, vor allem durch geschickte Inszenierung der zentralen Sammelaktionen recht erfolgreich: In Chemnitz jedenfalls wurde den Kindern der Pfadfinderorganisation, die die Transportwagen – wie hier auf der Königstraße – begleiteten und in den Privathaushalten um Metallgaben baten, kaum ein Wunsch verwehrt, so dass nach den ersten Monaten bereits rund 30 Tonnen Buntmetall an die Sächsische Feldzeugmeisterei in Dresden übergeben werden konnten. 
Es gab darüber hinaus einen willkommenen kleineren Zusatzeffekt: Anfangs wurden noch geringe Entschädigungen für die Metallspenden gezahlt, die jedoch nicht an die Spender selbst zurück flossen, sondern zur Finanzierung von „Liebesgaben" – Bücher, Zigaretten, Konserven, Briefpapier u.v.m. – für die „Krieger im Felde“ Verwendung fanden. Obwohl bis über das Kriegsende hinaus noch weitergeführt, mussten die freiwilligen Metallspenden später um das staatliche Zwangsinstrument der Beschlagnahme von Bunt- und Edelmetallen erweitert werden. 
Dem Muster der Metallspenden entsprechend, gab es im Verlauf der Kriegsjahre weitere, vergleichbare Aktionen an der „Heimatfront“, wie etwa die Goldsammlungen, die Bücherspenden, die Papier- oder die Wollwochen.

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„Blutmühle“

Am 21. Februar 1916 begann vor der französischen Festung Verdun eine der längsten, blutigsten und wohl auch militärisch sinnlosesten Schlachten des 1. Weltkrieges. Verdun entsprach als Festung nicht dem strategischen Stellenwert, mit dem man nach dem Krieg die 300.000 Opfer des fast 11-monatigen Schlachtens rechtfertigen sollte: Die Bedeutung Verduns war für die französische Seite eher symbolischer Art, die Verteidigung der alten Festung wurde wie schon im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 dezidiert zur patriotischen Pflicht. Aufgrund der Auffassung von der „offensive á outrance“, die Defensivgedanken wie z.B. einen strategischen Rückzug nicht einmal ins Auge fasste, begab sich die französische Heeresleitung durch stures Festhalten an den Stellungen um Verdun der Möglichkeit, gegenüber der deutschen 5. Armee eine neue, wesentlich effizientere Verteidigungsposition westlich der Stadt und der Festung aufzubauen. Auch auf deutscher Seite war Verdun, waren Stadt, Festung und Verteidigungssysteme selbst eher von nachrangigem Interesse. Die deutsche Heeresleitung ging jedoch davon aus, dass der Kampf um die Festung die französischen Kräfte derart in Mitleidenschaft zöge, dass ihr unvermeidlicher Zusammenbruch zugleich auch den Rückzug der britischen Streitkräfte mit sich führen würde. Keinesfalls aber hätte der Fall Verduns aufgrund der großen Entfernung zur Hauptstadt Paris den Ausgangspunkt für einen entscheidenden, möglicherweise finalen militärischen Schlag gegen Frankreich abgegeben. Noch immer streitet sich die Forschung über die strategischen Ziele Generals Erich von Falkenhayns, wahrscheinlich ist jedoch, dass dieser in den Kämpfen um Verdun nicht die Festung als Ziel sah, sondern auf das „Ausbluten“ der französischen Armee in verlustreichen Stellungskämpfen orientierte. Dem entsprach das taktische Operieren der deutschen Truppen: 1.220 Geschütze versorgt durch 1.300 Munitionszüge mit zweieinhalb Millionen Artilleriegeschossen bereiteten die deutsche Offensive vor, unterstützt durch massierte Fliegerkräfte. Den ca. 200.000 französischen „poilus“ stand eine halbe Million deutscher Soldaten gegenüber. Frankreich jedoch machte die materielle und personelle Überlegenheit des deutschen Heers wett, in dem es zunächst die bessere Stellung ins Spiel brachte und die zunächst zahlenmäßige Unterlegenheit durch das „Paternoster-Prinzip“ ausglich: In Rotation wurden die französischen Truppen permanent durch frische, ausgeruhte und kampfstarke Kräfte ersetzt. Einen direkten Vorteil brachten die unter immensem Einsatz von Menschen und Material geführten Kämpfe um Verdun nicht. Die 300.000 Kämpfer, die in den Drahtverhauen zwischen den Stellungen verbluteten, in den Kasematten der Festung verhungerten, verdursteten und verbrannten, erzwangen kaum einen Meter Veränderung im Frontverlauf. Bereits mit dem Ende der Kampfhandlungen am 19. Dezember 1916 aber war Verdun zum Synonym für alle Schrecken des Weltkrieges geworden.

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„Ein Lächeln im Krieg“

„Solange man den Krieg als ein Verbrechen betrachtet, wird er die Menge immer geheimnisvoll anlocken. Wenn er etwas Vulgäres geworden ist, wird man aufhören, sich darum zu kümmern.“ (Oscar Wilde)

Leider traf dies während des Ersten Weltkrieges nicht zu. Der Krieg „lockte die Menge“ immer noch an, wenngleich die Euphorie der Anfangsmonate sich nicht mehr in sonderlich großen Freiwilligen-Zahlen niederschlug. Zunehmend wurden Männer zum Wehrdienst eingezogen, die man bislang als unentbehrlich „in der Heimat“ gehalten hatte oder die aus Altersgründen zunächst vor dem Dienst an den Fronten bewahrt blieben. Mit zunehmendem Rückgang von Kriegsbegeisterung und Freiwilligkeit aber kam dem Aufrechterhalten der „Moral der Truppe“ besondere und stetig wachsende Bedeutung zu. Ein großes Problem in dieser Hinsicht war die Versorgung der Armee. Immer wieder kam es zu Versorgungsengpässen, und es wurde zunehmend schwieriger, die Soldaten bei Kraft und „Laune“ zu halten – gerade an den Fronten, wo der Speiseplan der Truppe mehr und mehr vom Pferdefleisch bestimmt wurde. Die Belletristik von Remarque bis Jünger liefert dafür anschauliche Beispiele. So wurden kleine Aufmerksamkeiten zur gelungenen Aufmunterung und Motivation für die Soldaten. Auf dem Bild sind Mannschafts- und Unteroffiziersränge zu erkennen, die einen „Abstecher“ in die Küche gemacht haben. An den Tischseiten stehen die „Küchenbullen“, umringt von einigen EK-Trägern. Da es Faschingszeit war, versuchte man durch kleine Reminiszenzen an sehnlichst vermisste heimatlichen Gewohnheiten ein wenig Normalität in den Alltag der Soldaten zu vermitteln: Hier sind es die untrennbar mit dem Karneval verbundenen Pfannkuchen, die ein bisschen Licht in den Frontalltag bringen sollten. Das dies wohl gelang, ist erkennbar daran, dass einige der Männer ein kleines Lächeln auf den Lippen haben. In einer Zeit von Tod, Grausamkeit, Qual, Verletzung und seelischem Gebrechen waren es die kleinen Dinge des Lebens, die für einen Moment eventuell den Krieg vergessen ließen.

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„Bürgerengagement im Sanitätsdienst“


Das Defilee von Personenkraftwagen der Chemnitzer Zweigstelle des "Allgemeinen Deutschen Auto-Klubs" auf dem Bahnhofsvorplatz verweist auf eine bemerkenswerte bürgerschaftliche Initiative während der Kriegsjahre: Der Klub stellte sich ab dem 11. September 1914 als "Hilfsbund der Kraftwagenbesitzer" in den Dienst der Pflege verwundeter Kriegsteilnehmer. Zum Leiter der Chemnitzer Sektion wurde der Architekt Walther Rost berufen. Die Initiative, der zunächst insgesamt 60 private Kraftfahrer beitraten, machte sich zur Aufgabe, die auf dem Chemnitzer Hauptbahnhof eintreffenden Verwundetenmassen rund um die Uhr unbürokratisch und selbstverständlich kostenlos in die Lazarette oder in Rekonvaleszenzeinrichtungen in der Stadt und ihrer Umgebung zu transportieren. Auf diese Weise konnten während der ersten beiden Kriegsjahre fast 19200 Verwundete und deren Betreuer in die Krankenhäuser bzw. an ihren Wohnort zur häuslichen Pflege verbracht werden. Einen Höhepunkt fand diese Unterstützertätigkeit mit dem Erwerb zweier Rot-Kreuz-Autos von der Prestowerke AG, die kriegsbedingt im Jahre 1914 ihre Fertigung eingestellt hatte, durch die Stadt Chemnitz im Mai 1915. Die "Sankras" (Sanitätskraftwagen), die sich überwiegend aus Spenden finanzierten, wurden der 40. Division des XIX. Armeekorps zur Verfügung gestellt. Einer dieser beiden Sankras ist in der Mitte der aufgestellten Fahrzeuge am runden Rot-Kreuz-Emblem auf dem Dach der Karosse zu erkennen. Vier Verwundete konnten in diesem Fahrzeugtyp liegend transportiert werden.

Kurioser Weise – und letztendlich überaus kränkend für die engagierten Kraftfahrer – wurde im Juni 1916 seitens des Kriegsministeriums überraschend verfügt, diese Hilfstätigkeit ab sofort einzustellen. Begründet wurde dies mit der Notwendigkeit der Ressourceneinsparung, v.a. hinsichtlich des privaten Verbrauchs von Kraftstoff, der dieses Engagement überhaupt erst möglich gemacht hatte. Doch trotz zunehmender Versorgungsprobleme an den Fronten wurden nicht einmal mehr die aufwändig erworbenen Presto-Sanitätskraftwagen vom Kriegsministerium in Anspruch genommen.

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„Dienst in der Etappe“


Die Fotografie vom Jahresende 1915 stellt die Angehörigen der „Landüberwachungsstelle Johanngeorgenstadt Süd“ im Erzgebirge vor. Sie gehören als Landwehr- oder Landsturm-Männer zu einer Art Milizsystem, das Abwehr-, Zoll- und militärpolizeiliche Aufgaben fern der militärischen Schauplätze, jedoch innerhalb der unter konkreten Kriegsbedingungen lebenden „Heimat“ zu realisieren hatte. Im Fall der erzgebirgischen Landüberwachungsstellen kam dabei der Kontrolle und Sicherung grenznaher Räume ganz besondere Bedeutung zu: Obwohl oder gerade weil Böhmen als Teil der K.K. Monarchie Teil des Dreibundes und damit mit dem deutschen Kaiserreich verbündet war, bot die relativ offene Grenze recht viele vulnerable, die innere Stabilität des Reiches bedrohende „Angriffsmöglichkeiten“, deren Spektrum von der Infiltration von Personen mit Gefährdungspotential wie Spione und Saboteure bis hin zum traditionellen Schmuggel von „Konterbande“ – rationierte, kriegswichtige oder verbotene Güter - über den Erzgebirgskamm hinweg reichte.
Die überschaubaren, im Vergleich zum Frontsoldaten recht „harmlosen“ Aufgaben spiegeln sich in Bekleidung und Ausrüstung der Männer wieder. Auffallend sind zunächst die mit Wachstuch überzogenen Kopfbedeckungen: Sie tragen über der Kokarde das Landwehrkreuz – ein Relikt aus der Geburtszeit der Landwehrverbände in den Jahren der Napoleonischen Kriege. Die Landwehrmänner sind mit dem langen Militärmantel aus Altbeständen des Heeres bekleidet, die beiden archaisch anmutenden Lammfellmäntel waren als sogenannte Postenmäntel in dieser Form sogar noch bis in die 1980er Jahre, etwa im Grenzdienst der DDR, im Gebrauch. Bewaffnet sind die Männer mit Beutewaffen, dem russischen Gewehr Mosin-Nagant von 1891. Der rechts neben den Mannschaftsdienstgraden stehende Portepée-Unteroffizier, ein Feldwebel des Landsturms, trägt als Zeichen seines Dienstgrades den etatmäßigen Füssilieroffiziersäbel des Heeres.
Infolge der enormen Menschenverluste in Ost und West wurden im weiteren Fortgang des Krieges immer mehr Landwehr- und Landsturmmänner z.T. auch älterer Jahrgänge aus der sicheren Heimat an die Fronten abgezogen.

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"Erschöpft und müde"


"Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende." Die Worte des einstigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika John F. Kennedy sind auch auf die Zeit des Ersten Weltkriegs übertragbar – auf einen Krieg, dessen Ausmaß von Politikern und Militärs, die dem Deutschen Kaiser Wilhelm II. (fast) keine andere Möglichkeit ließen, als einen Krieg zu beginnen, völlig fehleingeschätzt wurde.

Vier lange und grausame Jahre dauerte dieser Krieg an. Die Soldaten kämpften anfangs voller Enthusiasmus und häufig aus vollster Überzeugung für ihr Vaterland. Doch mit den Jahren wurden manchem die wahren Ausmaße und Grausamkeiten erst bewusst; einigen vielleicht auch erst als sie selbst eine Verletzung erlitten oder sich in einem nahezu permanenten Erschöpfungszustand am Rande des physischen und psychischen Zusammenbruchs befanden. Das Bild zeigt zwei Offiziere der vor Kriegsausbruch in Chemnitz stationierten "Kaiser-Ulanen", irgendwo an der Ostrfront an einem Zaun sitzend und ruhend. Durch die abgesenkten Köpfe und die geschlossenen Augen erweckt diese Situation einen friedlichen und ruhigen Anschein, scheinbar weit weg von den wirklichen Ereignissen des Krieges. Doch dieser Eindruck trügt: Sie sind "fertig", wie es im Soldatenjargon heißt. Kampf, Marsch, Warten, permanente Gefahr für Leben und Gesundheit, alles in Endlosschleife und ohne Aussicht auf Besserung – alles überlagert von einer übermächtigen Sehnsucht nach Ruhe und Schlaf ...

In der Nachbetrachtung schließlich lässt das Bild eine weitere, eine symbolische Deutung zu: der situativen, dann der permanenten Müdigkeit folgt die Müdigkeit am Gesamtgeschehen, die sprichwörtliche "Kriegsmüdigkeit", die sich schon 1915 aus vielen Dokumenten und Selbstzeugnissen unterschiedlicher militärischer Chargen herauslesen lässt.

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„Erziehung vor Verdun"

Mit unzähligen Fuhrwerken und per Hand ausgeführten Eisenbahneinrichtungen zeigt die Fotografie ein Stück Soldatenalltag und Frontnormalität: Der Stellungskreig bedingte den fortikatorischen Ausbau von Lauf- und Schützengräben mit Unterständen und relativ beschusssicheren Kasematten in bislang unbekanntem Ausmaße. Für die Versorgung der kämpfenden Truppen in vorderster Linie mit Waffen, Munition, Fourage und Verpflegung musste eine komplette verkehrstechnische feste wie auch semi-mobile Infrastruktur geschaffen werden: Dieses waren die Aufgaben der so genannten Armierungssoldaten, die auf diese Weise für die Verbindung zwischen Front und Etappe sorgten. Die insgesamt 217 deutschen Armierungs-Bataillone (diesen Namen erhileten, weil sie ursprünglich die zu dieser Zeit noch üblichen Festungen im Kriegsfall „zu armieren", d.h. in kampfbereiten Zustand zu versetzen hatten) gelten, wie auch beispielsweise ihre französische Gegenspieler, die „Sappeurs", als Vorläufer moderner Pioniereinheiten. Ohne derartige Truppen wären die Totalität der im 1. Weltkrieg notwendig gewordenen Kriegführung und das Funktionieren der Fronten nicht möglich gewesen.

Das Schicksal der Armierungssoldaten blieb lange Zeit im öffentlichen Bewusstsein präsent, vor allem durch prominente Biografien wie der von Karl Schmidt-Rotluff, Kurt Tucholsky oder Karl Liebknecht, die ihre Weltkriegserfahrungen als Angehörige dieser Waffengattung machen mussten. Einen hohen Bekanntheitsgrad aber erhielten sie nicht zuletzt durch Arnold Zweigs weitverbreiteten Roman „Erziehung vor Verdun", der den Kreigsalltag aus der Perspektive der Armierungssoldaten in der Etappe beleuchtete – anders als in Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues", in dessen Mittelpunkt die traumatischen Erlebnisse der Frontsoldaten standen: Beide Darstellungshorizonte stellten jedoch keinen Gegensatz dar. Vielmehr wurde deutlich, dass der moderne, totale Krieg in seinen Gefährungspotentialen keine Unterschiede mehr zwischen „tödlicher" Front und vermeintlich „sicherer" Etappe machte...

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„Wenn der Himmel leuchtet“

Benedikt XV., auch der „Friedenspapst“ genannt, schrieb am 1. November 1914 in seiner ersten Enzyklika „Ad beatissimi apostolorum“folgende Worte. „Wer würde glauben, dass jene, die derart in Hass gegeneinander entbrannt sind, aus einer Art stammen, die gleiche Natur haben, der gleichen menschlichen Gesellschaft angehören? Wer würde glauben, dass sie Brüder sind, deren Vater im Himmel ist?“

Seit bereits nun über einem Jahr verbreitete der Erste Weltkrieg Angst und Schrecken in ganz Europa. Durch die weiter fortschreitende Entwicklung in der Kriegs- und Waffentechnik zeigte der Krieg ein immer grausamer werdendes Bild von Zerstörung und Leid.

Es ist nicht annähernd nachzuvollziehen, was es heißt, unter ständigem Artilleriebeschuss zu stehen. Teilweise gingen diese Angriffe über eine Zeitspanne von vierundzwanzig Stunden und länger. Diese Ereignisse sollten sich im Jahr 1916 auch in Verdun wiederspiegeln. Wird hierbei einmal die anhaltende Lautstärkeeinwirkung auf den Menschen betrachtet, war diese kaum messbar. Ein Geschützknall erzeugt ca. einen db(A)-Wert von 140. Schon bei kurzer Einwirkung sind Gehörschäden vorprogrammiert. Die Soldaten vor Ort hatten somit eine enorme Dauerbelastung zu ertragen.

Aus solchen Szenarien sind nachweislich viele Soldaten auch mit psychischen Schäden ausgeschieden. Ein weiteres Beispiel dafür waren die sogenannten „Kriegszitterer“.

Dieses Bild zeigt auf den ersten Blick ein scheinbar „schönes Lichtspektakel“, doch war es für die vielen Soldaten und Zivilisten vor Ort eher die „Hölle auf Erden“.

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Siegesfeiern

In den beiden ersten Jahren des Weltkrieges vermochten Siegesmeldungen der deutschen Truppen auch in Chemnitz noch die Massen zu mobilisieren. Um ihre Verbundenheit mit der kämpfenden Truppe zu demonstrieren, trafen sich Zehntausende auf dem Marktplatz unter den Denkmälern Kaiser Wilhelm I., Bismarcks und von Moltkes, denen angesichts der Ereignisse nun eine vollkommen neue Wertschätzung zu Teil wurde. Als nämlich seinerzeit die drei Bronzestandbilder auf ihren Sockeln aus rotem schwedischen Granit vor dem Rathaus aufgestellt wurden, gab es in der Stadt nicht wenige, die die drei Symbolgestalten des „preußischen Militarismus" am liebsten ins hinterste Pfefferland gewünscht hatten: Die Erinnerungen an die Niederlage im preußisch-österreichischen Krieg, in dem Sachsen als Waffenbruder der Habsburger mal wieder auf der falschen Seite gestanden hatte, waren im Jahr der Denkmalweihe 1899 noch zu frisch. Neben allgemein verbreiteten antipreußischen Ressentiments in der Bevölkerung klang vor allem unter den Menschen der Erlebensgeneration des 1866er Krieges die sprichwörtliche „Rache für Sadowa!"-Mentalität nach, und auch unter der gut organisierten Chemnitzer Arbeiterschaft gab es kaum Sympathien für die Dargestellten.

Das änderte sich mit Ausbruch des Weltkrieges natürlich nachhaltig: Das Beschwören der militärischen Giganten der Reichseininigungskriege wurde zum integralen Bestandteil der teils spontanen, teils verordneten quasisakralen "Siegsfeiern" auf dem Chemnitzer Markt, von dem die Zeitgenossen berichteten, es wäre „kein Markt mehr, [sondern] ein Gotteshaus!" Vermochten im Verlauf des Jahres 1915 die gewonnenen Schlachten während des „Großen Rückzuges" der russischen Armee – hier im Bild dargestellt, die Siegesfeier anlässlich des Falles von Brest-Litwosk im August 1915 – noch die Massen zu begeistern, sollte sich, unter dem Eindruck der Ereignisse an der Westfront, v.a. der enormen Verlustzahlen bei gleichzeitig fehlenden greifbaren strategischen Ergebnissen, die Kriegseuphorie auch in Chemnitz bald abkühlen...

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„Die Marionetten des Krieges“


„Mit Gott für König und Vaterland“. Eine Losung, die auch in der Zeit des Ersten Weltkrieges innerhalb des Deutschen Reiches eine immer wiederkehrende Bedeutung für die Soldaten erlangte. Diese stammte aus dem Jahr 1813 und war eine Devise eines von Friedrich Wilhelm III. gestifteten Abzeichens des Landwehrkreuzes. Üblich war zu dieser Zeit, diesen Ausspruch zu Beginn einer Schlacht laut auszurufen, bevor die Soldaten auf den Feind zustürmten. Das Schreien sollte den Soldaten die Angst nehmen und Mut geben, wenn sie über das Schlachtfeld rannten, um beispielsweise den manchmal nicht weiter als hundert Meter entfernten feindlichen Schützengraben zu erobern.

Die Soldaten an der Front waren das letzte Glied in der militärischen Hierarchie und sie hatten keine Fragen nach Sinn oder Bedeutung ihrer Befehle zu stellen. „Der Soldat muss seinen Vorgesetzten gehorchen. Er hat ihre Befehle nach besten Kräften vollständig, gewissenhaft und unverzüglich auszuführen." (Soldatengesetz).

Als am 4. August 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde in den Kasernen bei der Ausbildung mehr Wert auf die Tugenden gelegt. Eiserne Disziplin, Gehorsam, Pflichterfüllung und Opferbereitschaft waren Schwerpunkte der Ausbildung bei den deutschen Soldaten. Es sollte sie formen und zu besseren Soldaten machen. Es zeigt, wie wichtig sie in diesem Krieg für die Oberbefehlshaber waren, denn ohne Soldaten konnte dieser Krieg nicht geführt werden. Sie wurden von oben gelenkt und gesteuert. Sie waren die „Marionetten des Krieges“.

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Krieg aus der Luft

In den Jahren kurz vor Ausbruch des I. Weltkrieges waren Konzepte der Kriegführung, die Kämpfe von Luftfahrzeugen oder das Abwerfen von Massenvernichtungsmitteln aus der Luft vorsahen, noch Gegenstand der SF-Literatur. Durchaus sensibilisiert durch militärisch-technischen Entwicklungstendenzen jener Jahre antizipierte jedoch bereits Herbert G. Wells in seiner Vision "War in the Air" aus dem Jahr 1908 (Dt. "Der Luftkrieg" 1909) jenes Paradigma moderner Kriegführung, das vom simplen Abwurf einer Handgranate aus der Ettrich- oder Rumpler-Taube über die Flächenbombardements des II. Weltkrieges, über Korea, Vietnam, Irak in gerader Linie hin zu strategischen nuklearen Konzepten der Gegenwart führt: durch gnadenloses Bombardieren des Hinterlandes mit seiner Industrie, seiner Infrastruktur und zuallererst seiner Bevölkerung die Kapitulation des Gegners zu erzwingen. Mit Kriegsausbruch zählten die kriegführenden Mächte ihre Luftfahrzeuge bereits nach Hunderten, wobei die anfängliche Präferenz der Militärs dem Luftschiff gegenüber bald der Bevorzugung des schnelleren, wendigeren und auch sichereren Flugzeugs wich. Innerhalb weniger Monate wurden Jagdflugzeuge mit motorsynchronen Maschinengewehren sowie viermotorige Bomber entwickelt, die bereits immense Brand- und Sprengmittellasten tief in das gegnerische Hinterland tragen konnten. Die vier Jahre des Krieges sahen somit eine rasante Entwicklung des Flugzeuges als taktische wie auch als strategische Waffe, die international die Schemata der Luftrüstung über einhundert Jahre bis in die Gegenwart bestimmen sollten.
Die aktuelle Fotografie zeigt ein von deutschen Truppen überranntes Bombendepot hinter den feindlichen Linien. Die ungewöhnliche, gedrungene Form der Bomben verweist wahrscheinlich auf die russische Luftwaffe. Das Zarenreich baute mit der Sikorski "Ilja Muromez" bereits 1914 den ersten viermotorigen strategischen Bomber der Welt, mit dem bis 1917 insgesamt 400 Angriffe gegen das feindliche Hinterland geflogen wurden.

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„Die Fotografie aus dem Frühjahr 1915 scheint in eine weit zurückliegende Zeit zu führen: Pferde, eigenartige Kopfbedeckungen und sogar Lanzen erinnern in ihrer Erscheinung eher an die Heere des 18., bzw. des beginnenden 19. Jahrhunderts. Dennoch zeigt das Bild eine Szene aus den Jahren des I. Weltkrieges: Es entführt den Betrachter in ein Kavallerie-Biwak nahe des Flusses Düna im Westen des damaligen Russischen Zarenreiches. Im Jahr 1905 wurde aus den in Chemnitz stationierten Jägern zu Pferde das 3. Sächsische Ulanen-Regiment N°21 gebildet. Es war damit das jüngste von insgesamt drei sächsischen Ulanen-Regimentern; die Nummer "21" verweist auf die Stellung im Heer des Deutschen Reiches. Seine Kaserne befand sich in Gablenz an der damaligen Planitz-, der heutigen Heinrich-Schütz-Straße. Regimentschef war Kaiser Wilhelm II., im Volksmund erhielten die Lanzenreiter daher den Namen "Kaiser-Ulanen". Bei Kriegsausbruch 1914 tauschten die Chemnitzer Ulanen ihre prächtige blaue Uniform mit der kirschroten Parade-Rabatte gegen das Feldgrau moderner Uniformen ein und rückten zusammen mit den ebenfalls in der Stadt stationierten Infanterie-Regimentern N°104 und 181 ins Feld. Zunächst an der Ostfront eingesetzt, vollzog der Kavallerie-Verband, den Bedingungen im modernen Gefecht angepasst, letztendlich an der Westfront seine Umwandlung in eine Schützen-Einheit. Revolution und Kriegsende brachten schließlich das Ende der Kaiser-Ulanen. Zurück in der Heimat, wurde das Regiment im Jahre 1919 aufgelöst. Natürlich waren Lanzenreiter im technisierten Krieg der Neuzeit der blanke Anachronismus; in den infrastrukturarmen Weiten der Ostfront aber hatten sie im Bewegungskrieg doch noch eine gewisse Bedeutung. Ulanen wurden als Kallareie bevorzugt zur Verfolgung gegnerischer Reiterverbände eingesetzt, was auch das Festhalten an der scheinbar antiquierten Lanze erklärt.
 

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„Die Beute“

„Lieber Albert! Heute sende ich dir wieder mal eine Aufnahme, woran Du als deutscher Knabe deine Freude haben wirst. Gleichzeitig meine besten Wünsche zu Deinem Geburtstage. Sei nur recht brav, treue und folge gut. Besten Gruß E. Bonitz“.
Der Kulturhistoriker Bernd Hüppauf stellte in seinem gleichnamigen Buch eine wichtige Frage. „Was ist Krieg?“ Diese Frage ist schwer zu beantworten und bietet gleichermaßen eine Vielzahl von möglichen Antworten. Eine kann „die Beute“ sein. Sie spielte immer eine wichtige Rolle seit dem Kriege in der Geschichte existierten. Schon immer wurde in Kriegen „Beute“ gemacht, egal in welcher Form dies geschah. Auch zur Zeit des Ersten Weltkriegs war das Erbeuten von beispielsweise Gewehren oder Geschützen eine Prestigefrage. So wurden erbeutete Ausrüstungsgegenstände auch auf Feldpostkarten veröffentlicht, um diese in die Heimat an seine Lieben zu senden. Dieses Bild zeigt eine solche Karte, auf der deutsche Soldaten in der Nähe von Cambray auf dem Marktplatz einer kleinen französischen Stadt die eroberten englischen Geschütze in Szene setzten. In einem industrialisierten Krieg wie dem Ersten Weltkrieg spielten solche Materialerbeutungen in Zeiten von Nachschubmangel eine wichtige Rolle für das weitere Vorankommen und die Moral der Truppen.
Bei den gezeigten Geschützen handelte es sich um so genannte 9,5 inch (15cm) große „Heavy Field Howitzer“ Modell 02. Diese wurden im Jahre 1902 entwickelt und ein Jahr später bis 1918 auch gebaut. Sie wogen knapp zwei Tonnen, hatten eine Reichweite von 6,78 Kilometern und die Projektile wogen 40,5 Kilogramm. Diese und andere Entwicklungen sind vielleicht auch Antworten auf die Frage „Was ist Krieg?“

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Frauen in der Industrie

Die Sächsische Maschinenfabrik vorm. Richard Hartmann AG Chemnitz gestattet dem Betrachter einen Blick in ihre Werkstatt für die Bearbeitung von Geschützrohren. Die offizielle „PR“-Fotografie – beim genauen Hinschauen sind die Retuschen für den Buch- und Zeitungsdruck zu erkennen – akzentuiert v.a. die weiblichen Arbeitskräfte in den Rüstungsfabriken.
Die Vorstellung, der im August 1914 begonnene Krieg ließe sich – ähnlich wie der deutsch-französische Krieg von 1870/71 – rasch beenden, erwies sich mit zunehmender Dauer und Erhärtung der Fronten als vollkommen illusorisch. Die neue Kriegsform der Materialschlachten brachte es mit sich, dass das produzierende Hinterland der kriegführenden Parteien viel stärker als jemals zuvor in der Geschichte dem Massenbedarf der kämpfenden Truppe an Gerät und Munition Rechnung zu tragen hatte. Die neue enge Verflechtung von Front und Hinterland aber brachte im Deutschen Reich erhebliche Probleme mit sich, waren doch die dringend benötigten qualifizierten Facharbeiter diejenigen, die als Erste zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Der Bedarf an Beschäftigten in der Rüstungsindustrie stieg um fast 50% an; kompensiert wurden die entstehenden Defizite nun dadurch, dass die zivile Produktion drastisch heruntergefahren wurde und man fehlende männliche Arbeitskräfte zunehmend durch Frauen, Jugendliche, Kriegsgefangene und Fremdarbeiter aus besetzten Gebieten ersetzte.
Bilder wie das vorliegende haben auch rezeptionsgeschichtlich in jüngerer Vergangenheit eine große Rolle gespielt, lieferten sie doch den scheinbaren Beweis für einen emanzipatorische Paradigmenwechsel, der mit der kriegsbedingt steigenden Beschäftigungsrate von Frauen in den Jahren zwischen 1915 und 1918 einhergegangen sei: Faktisch erhöhte sich der Anteil werktätiger Frauen jedoch nur um insgesamt 17%; nach Rückkehr der männlichen Kriegsteilnehmer gewannen vorerst die alten, tradierten Erwerbs- und Familienbilder wieder die Oberhand.

 

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Der Zug der Vergessenen

„Eine Träne zu trocknen ist ehrenvoller, als Ströme von Blut zu vergießen“ (George Gordon Byron). Genau diese Aufgabe übernahm eine in der Betrachtung des Ersten Weltkriegs fast vergessene Berufsgruppe. In einem Krieg, in dem die Technik immer weiter voran schritt und das Leid von Soldaten in den Schützengräben durch Tod und Verletzungen immer größer wurde, waren es die Sanitäter, Krankenschwestern und Ärzte, die an und hinter der Front versuchten, dieses Leid wenigstens zu mindern. Am 20.Oktober 1914 wurde im Chemnitzer Kriegsfürsorgeausschuss der Vorschlag für einen Lazarettzug eingebracht. Dieser sollte die „Chemnitzer Stadtkinder“ heimholen. Bereits sieben Tage später bewilligte der Ausschuss 20.000 Mark dafür. Auch viele Chemnitzer Fabrikanten spendeten Geld für den Lazarettzug, so zum Beispiel der Fabrikant Janssen oder Donner & Wagner. Am 15. November 1914 stand der Lazarettzug „A1“ in Chemnitz zur Abreise bereit. Die erste Fahrt startete am selben Abend um 21.30 Uhr. Ziel war Usdau, welches bei der Schlacht um Tannenberg im August 1914 eine wichtige Rolle spielte. Der Chemnitzer Lazarettzug stand unter dem Schutz des Genfer Roten Kreuzes. Bei der ersten Fahrt nahm der Zug bereits 226 Kranke auf. Allein in Osterode wurden 126 Schwerverletzte aufgenommen. Der Lazarettzug fuhr quer durch das Reich und auch an die West- und Ostfront, um Verletzte zu bergen, sie medizinisch zu versorgen und in die Lazarette und Krankenhäuser in verschiedenen Städten zu transportieren.
Bei der 50. Fahrt (14. April 1917) hatte der Zug eine Gesamtstrecke von 81.750 Kilometern zurückgelegt und bereits 16.341 Verwundete befördert. Er fuhr noch bis ins Jahr 1919 und absolvierte am Ende 86 Fahrten.
 

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Geschützfeuer

Erneut steht ein Erinnerungsfoto aus der umfangreichen Sammlung eines Chemnitzer Kriegsteilnehmers im Mittelpunkt der Bildbetrachtung. Es führt den Betrachter mitten in den Stellungskrieg an der Westfront. Es ist, infolge eines handschriftlichen Vermerks auf der Rückseite scheinbar ziemlich exakt auf den Jahresbeginn 1915, auf die Winterschlacht in der Champagne hin zu verdaten. Doch das Dargestellte gibt Anlass, das Foto einer genaueren, vor allem quellenkritischen Analyse zu unterziehen: Nicht nur die Vegetation, auch die Technik lässt Zweifel an der Bildinschrift aufkommen. Die Aufnahme zeigt, wie zwischen Mannschaftsunterständen und Munitionsbunker ein „Geschütz“ – im Gegensatz zur flachfeuernden „Kanone“ eine steilfeuernde Artilleriewaffe – in Stellung gebracht wird: Dieses Geschütz ist ein schwerer 21cm-Mörser 16 – eine Waffe, die von der Firma Krupp erst 1916 als Belagerungswaffe entwickelt und an die Westfront ausgeliefert wurde. Mit über 11km Reichweite konnte der Mörser v.a. zur Bekämpfung von Fortifikationseinrichtungen in großem Abstand hinter der Front eingesetzt werden. Mithin kann die Fotografie unmöglich während der Winterschlacht aufgenommen worden sein – aller Wahrscheinlichkeit ist die Aufnahme erst ein reichliches Jahr später, wohl während der Kämpfe um Verdun, die sich von Februar bis Dezember 1916 hinzogen, entstanden.

Dass sich in persönlichen Aufzeichnungen Erinnerungen überlagern, ist nicht ungewöhnlich. Wahrscheinlich assoziierte der Bildeigentümer die Aufnahme tatsächlich mit den Erlebnissen der deutschen Winteroffensive in der Champagne. Wenngleich auch geradezu bescheiden hinsichtlich späterer Kriegserscheinungen, wurde hier erstmalig das verheerende Trommelfeuer großer Artillerie-Verbände – über 800 Geschütze und Kanonen allein auf französischer Seite – praktiziert: Der Chef des französischen Oberkommandos, General Joffre, versuchte damit, die deutsche Frontlinie „aufzureißen“, hatte jedoch damit nicht mehr Erfolg, als dass „nur ein Spalt in die feindliche Front geschlagen wurde“ – auf Kosten zehntausender Opfer und unendlicher Traumata der Überlebenden.

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Weihnachten sind wir wieder daheim!

Weihnachten, das Fest der Liebe, der Ruhe, der Besinnlichkeit und des Friedens. Eine Zeit in der die Familie zusammenkommt und besinnliche Stunden miteinander verbringt. Schwibbogen, Weihnachtsstern, Räuchermann und Weihnachtsbaum gehören gerade in unserer Gegend mit dazu. Doch genau vor 100 Jahren befand sich Europa in einer Situation, die genau diese Dinge fast in Vergessenheit gerieten ließen. Über Europa war der Erste Weltkrieg hereingebrochen. Viele junge Soldaten zogen im August 1914 voller Enthusiasmus in den Krieg, welchen sie als großes Abenteuer ansahen. Viele von ihnen waren der Meinung, die Heilige Nacht im Kreise ihrer Liebsten verbringen zu können. Allerdings fanden sich hunderttausende Soldaten zu Weihnachten 1914 an den verschiedenen Fronten und Kriegsschauplätzen wieder. Es war Weihnachten und die meisten Männer befanden sich immer noch in ihren Schützengräben, umgeben von Dreck, Schlamm, Ratten und Leichen. Und doch gab es den Hauch von Weihnachten und Menschlichkeit zu verspüren. Einige verbrachten wenige Stunden in Ruhe in ihren Unterständen. Dieses Bild, stammend von einem Chemnitzer Kriegsveteranen, der im Infanterieregiment Nr.181 diente und bis Mitte der 1970er im Stadtteil Kappel wohnte, zeigt Soldaten, die Weihnachten im Unterstand feierten. Die wichtigen „Liebesgaben“ in Form von Paketen aus der Heimat beinhalteten manchmal auch Champagner der Firma Heidsieck (heute Piper-Heidsieck mit Sitz in Reims) und Zigarren. In Flandern feierten auch sächsische Soldaten gemeinsam mit britischen bzw. französischen Soldaten Weihnachten. Mitten im so genannten „No Mans Land“ inmitten eines Weltkrieges kam es zu Fraternisierungen und es gab so etwas wie den „Weihnachtszauber“.

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Gefangen im Krieg

In den Kriegsjahren von 1914-1918 zählte das Deutsche Kaiserreich neben Österreich-Ungarn und Rußland zu den Staaten mit der höchsten Anzahl von internierten Kriegsgefangenen. Bereits am Ende des Jahres 1914 stand Deutschland vor einem logistischen Problem. Zu dieser Zeit hatten die deutschen Truppen bereits über 100.000 Kriegsgefangene gemacht. Anfang 1915 waren es bereits 577.875. Deren Unterbringung stellte eine schwer lösbare Aufgabe für das Deutsche Kaiserreich dar. Innerhalb der militärischen Führung gab es keinerlei Planungen über eine Unterbringung einer so großen Anzahl an Kriegsgefangenen. So wurde von der Regierung improvisiert, es wurden kurzfristig Kasernen zu Kriegsgefangenenlagern umfunktioniert, auch die König-Friedrich-August Kaserne in Chemnitz-Ebersdorf. Das Lager bestand bis 1921, als die letzten russischen Kriegsgefangenen ihre Reise in die Heimat zurück antraten. In Deutschland entstanden nach Kriegsbeginn „Mangelkrisen“. Es fehlte an Rohstoffen, Waffen, Munition und vor allem an qualifiziertem Personal. Innerhalb des Kaiserreiches stieg die Nachfrage an Arbeitskräften in verschiedenen Bereichen, wie der Rüstungsindustrie, im Bergbau und der Landwirtschaft. Das Problem wurde mit Hilfe von Frauen aus der deutschen Bevölkerung, aber auch mit Kriegsgefangenen kompensiert, indem sie beispielsweise in der Waffen- und Munitionsproduktion zum Einsatz kamen. Laut Paragraph 6 der Haager Landkriegsordnung von 1907 können Kriegsgefangene zu Arbeitsmaßnahmen gezwungen werden. Am 1. August 1916 waren 90% von 1,6 Mio. Internierten zu Arbeitseinsätzen verpflichtet. Ohne diese Maßnahmen wäre die deutsche Wirtschaft verhältnismäßig schnell zusammengebrochen. Am 10. Oktober 1918 waren 2,5 Mio. Kriegsgefangene in deutschen Lagern interniert (57% Russen, 21% Franzosen, 7% Briten, 6% Rumänen, 5% Italiener). In deutschen Kriegsgefangenenlagern starben bis 1918 135.338 Kriegsgefangene.

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Herbst 1914

Heimatfront: Es waren zunächst die jungen Männer, die im August 1914 als Angehörige der Infanterie-Regimenter N° 104 und 181 oder als Reiter des 3. Ulanen-Regimentes N°21, genannt die „Kaiser-Ulanen“, ihre Garnisonen in der Stadt Chemnitz in Richtung der Fronten in West und Ost verließen. Doch die „Alten“ wollten inmitten von Kriegsbegeisterung und patriotischem Taumel natürlich nicht abseits stehen: In Erinnerung an das knapp ein Jahr zuvor begangenen Gedenkens an die „Befreiungskriege“ gegen Napoleon wurde die Idee des „Volkskrieges“ erneut begeistert aufgegriffen und praktiziert. Die Zivilgesellschaft sah sich in den unvorstellbarsten Bereichen einer zunehmenden Militarisierung ausgesetzt. Die Sprache des Alltags, der Belletristik und der Medien wurde um „welsches“ Vokabular gesäubert. Die kupferne Wärmflasche, die Zinnsoldaten, Kuchenplatten und Milchkannen wurden als „Metallopfer“ des Volkes in Rüstungsgüter umgegossen. Noch in der Heimat bereitete man „Menschenmaterial“  für den Einsatz an den Fronten vor: Wie schon in vergangenen Jahrhunderten, als die Chemnitzer Bürgerschützen in Kriegszeiten komplementäre Aufgaben zum regulären Militär zu erfüllen hatte, übernahmen sie in den Herbstmonaten 1914 die Schießausbildung heerespflichtiger Chemnitzer Männer – nun bereits auch schon im fortgeschrittenen Lebensalter, wie auf der Fotografie zu erkennen ist.

Auf dem Schießplatz in Altendorf unterwiesen die Vereinsschützen die angehenden Soldaten im Umgang mit dem veralteten und unzuverlässigen Gewehr 71/84: Es fällt schwer, in den Gesichtern der Heerespflichtigen jene Begeisterung auszumachen, die bei den Ausmarschierenden im August 1914 durchaus zu erkennen war. Ernst und Skepsis dominieren – und beides scheint nicht nur auf die antiquierte Ausbildungs- und Waffentechnik der Instruktoren der Chemnitzer Privilegierten Schützengesellschaft zurückzuführen zu sein…

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„Auf zu den Waffen“ (Kaiser Wilhelm II.)

Sommer 1914. Als am 1. August 1914 der Mobilmachungsbefehl erging, wurde auch in Chemnitz eifrig an deren Umsetzung und Ausführung gearbeitet. General von Moltke war sich sicher, dass das „junge Deutsche Reich sein Recht aufs Dasein noch einmal mit dem Schwerte werde erweisen müssen, ehe es endgültig gesichert sein werde.“ Es wurde vom „Volk der Brüder“ gesprochen und dieser Geist spiegelte sich auch in den Chemnitzer Regimentern wieder. Die 9. Kompanie und die Maschinengewehr-Kompanie waren binnen 24 Stunden in Marschbereitschaft versetzt worden und setzten sich am 3. August in Richtung Westgrenze in Bewegung. Am 6. August 1914 war die Mobilmachung in Chemnitz vollständig abgeschlossen. An diesem Tag kam es um drei Uhr nachmittags im Kasernenhof des IR 104 zu einer kurzen Predigt und einer Ansprache durch Oberst Hammer. Daran nahmen auch Teile der Chemnitzer Bevölkerung teil. Sie verfolgten das Geschehen an den Mauern bzw. aus den Fenstern anliegender Häuser. Der Abmarsch zum Chemnitzer Hauptbahnhof führte über die Wiesenstraße in Richtung Innenstadt. Dabei passierten sie die Möbelstoffhandlung von Richard B. Uhlig, dessen Geschäftsräume sich zu dieser Zeit in der Wiesenstraße 8 im Erdgeschoß befanden. (siehe Bild)  „Jünglinge mit Wangen wie Milch und Blut“ begaben sich auf eine Reise ins Ungewisse. Sie wurden begleitet von jung und alt, die den Ausmarschierenden ihr Geleit gaben. Dichte Menschenmassen umsäumten die Straßen. Sie grüßten ihre Väter, Söhne und Brüder mit Zuruf und Gesang, sowie Blumen und Liebesgaben. Den Auszug des IR 104 könnte man als „erhabenes Schauspiel“ bezeichnen. Der Begleitsturm seitens der Chemnitzer Bevölkerung verstärkte den Glauben an den Sieg nunmehr. Trennungsweh und Siegeszuversicht lagen an diesen Sommertagen in Chemnitz nah beieinander. Am 18. August 1914 überschritten die sächsischen Truppen die belgische Grenze.

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"Auf zu den Waffen" (Kaiser Wilhelm II.)

Sommer 1914: Die Chemnitzer Zeitungen bringen die Stimmungen in der Stadt auf den Punkt. Noch werden „Goldüberhauchte Fluren im Sommersonnenschein“ beschworen, da wird die scheinbare Idylle verdrängt durch die Schlagzeile „Ruchlose Mörderhand hat ein Fürstenpaar gefällt“. Nach den tödlichen Schüssen von Sarajevo ist die Spannung auch in Chemnitz fast physisch spürbar, sie wird nahezu unerträglich nach Ablauf des österreichischen Ultimatums und der nachfolgenden Kriegserklärung an Serbien. Das deutsche Kaiserreich beschwört die „Nibelungentreue“ zu Österreich-Ungarn – niemand scheint daran denken zu wollen, wie der Kampf in der Etzelsburg ausging...

Die Schlagzeilen der Zeitungen überschlagen sich: Der mit Serbien verbündete russische Zar verfügt am 30. Juli die Generalmobilmachung der Armee. Als die ultimativ seitens des Deutschen Reiches geforderte Rücknahme ausbleibt, gibt Kaiser Wilhelm II. seinerseits den Mobilmachungsbefehl und erklärt am 1.August 1914 Russland den Krieg. Die Erklärung des Kriegszustandes treibt die Chemnitzer in Massen auf die Straßen, „der lebendige Strom mündet bei den Zeitungsständen“, wie hier im Bild in der Königstraße, wo sich die Leute um die Aushänge und Ausreichung der Extrablätter drängen. Deren Schlagzeilen „Formelle Kriegserklärung Österreichs an Serbien“, „Die Mobilmachung des deutschen Heeres und der Marine“ „Kaiser Wilhelm an sein Volk“ oder „Englands Entscheidung“ kulminieren schließlich im Fanal: „Zwei Tage Frist – sie sind vorbei! KRIEG!“ Am 1.August des Jahres 1914 beginnt eine Ära, in der man Weltkriege nummerieren wird…


Korrespondierend mit der Zeitspanne des 1. Weltkrieges vom 1. August 1914 bis zum 11. November 1918 zeigt das Schloßbergmuseum / Kunstsammlungen Chemnitz bis zum November 2018 im Rahmen des Projektes „14 WAR WAS 18“ monatlich jeweils eine Fotografie aus seinem Fundus historischer Aufnahmen zu den Kriegsereignissen. Die Fotografien bilden ab, was die Chemnitzer Bevölkerung im entsprechenden Kriegsmonat von den Ereignissen zur Kenntnis nehmen konnte: Die historischen Bilder oszillieren dabei zwischen scheinbar banalen  Alltagserscheinungen in der Stadt bis hin zum Horror an den Fronten.

Eröffnung:  Ist Fotografieren per se eine kriegerische Handlung? Den Augenblick töten? Die Aura rauben? - Uwe Fiedler, Prof. Ulrike Brummert, docteur d’Etat; Wolf-Thilo Schilde, M.A. - Europäische Geschichte & Romanische Kulturwissenschaft der TU Chemnitz in Kooperation mit dem Schloßbergmuseum Chemnitz

 

unter Verschluss

01. August 2014 - 28. August 2014. Galerie Hinten | Augustusburger Str. 102 | Chemnitz

Juliane Schöllner, Marcel Wendt, Studenten der Angewandten Kunst Schneeberg | Fakultät der Westsächsischen Hochschule Zwickau
Projektleitung: Prof. Ines Bruhn
Kooperation mit der TU Chemnitz/ Institut für Europäische Studien
Am Ende bleiben nur noch Bilder.
Sie schärfen das Bewusstsein für den Wert unserer Gegenwart.
Hinter dickem Glas schlummern sie, konserviert für die Ewigkeit.

Die Auswirkungen des Krieges auf die Menschen und die unter Verschluss stehenden Erinnerungen daran, werden in dieser Installation thematisiert.

„Aus mit Wasser gefüllten Einweckgläsern in Kellerregalen schauen den Betrachter Soldaten in Siegerpose, Verwundete mit entstellten Gesichtern an, sieht man Ausschnitte aus Feldpostkarten, Kampfszenen, zerwühlte Erde. Teilweise zeigen die Fotos die Kriegsrealität so drastisch, wie wir es von heutigen Kriegen kaum noch zu sehen bekommen - trotz viel besserer Aufnahme- und Distributionstechnik und eines weltweiten Kriegsjournalismus. Doch die beiden Künstler belassen es nicht bei der Darstellung von Kriegsteilnehmern und Kriegsopfern - mit deutschen Plakaten aus der Kriegszeit, die unter anderem zum Einwecken von Gemüse auffordern, aber auch die Kriegstrunkenheit der Deutschen dokumentieren, unternehmen sie auch den Versuch, nach Kriegsursachen, Kriegsschuld und dem Verhältnis der Politik und der Bevölkerung dazu zu fragen.“
(M. Zwarg, Freie Presse 7.8.2014)
 
Ausstellungsort: Galerie hinten | Augustusburger Str. 102 | 09126 Chemnitz
Ausstellungsdauer:  01. 08 - 24.08.2014
 

gefallene Augenblicke

1. August 2014 - 31. August 2014. Galerie weltecho | Annaberger Str. 24 | Chemnitz
 

Sarah Meinert, Studentin der Angewandten Kunst Schneeberg | Fakultät der Westsächsischen Hochschule Zwickau

Projektleitung: Prof. Ines Bruhn,

Tiere und Militär bzw. der Einsatz von Tieren im Krieg sind Thema dieser Ausstellung. Im Verlauf des 1.Weltkrieges wurden hunderttausende Brieftauben - ausgerüstet mit einfachen Selbstauslöserkameras -  zur Nachrichtenübermittlung an der Front und zu Spionagezwecken eingesetzt. Sie lieferten Luftbilder von Stellungen des Gegners oder von Angriffszielen. Wie andere Tiere auch waren sie Kamerad, Soldat, Held und Opfer zugleich. All dies spiegelt die multimediale Installation im Weltecho eindrucksvoll wider.

Ausstellungsort: Galerie weltecho | Augustusburger Str. 24 | 09111 Chemnitz
Ausstellungsdauer:  01. 08 - 31.08.2014


Den Text zur Ausstellung erhalten Sie hier.

Bilder: U. Brummert, C. Bastuck, R. Weise, M. Müller, T. Schilde


 

Presseartikel