Das ‚Andere‘ der Arbeit. Soziologische Perspektiven auf
informelle, irreguläre und unbezahlte Arbeit
Frühjahrstagung der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie
Datum: 11./12. Juni 2026
Ort: Heizhaus im Hauptgebäude der TU Chemnitz, Straße der Nationen 62 (weniger als 5 min zu Fuß vom Hauptbahnhof)
Anmeldung: per E-Mail an awosoz@hsw.tu-chemnitz.de
Programm: Das Tagungsprogramm finden Sie hier.
Organisation: für den AIS-Sektionsvorstand: Tanja Carstensen (Chemnitz), Stefan Sauer (Kempten), Norbert Huchler (München)
lokale Organisator*innen: Tanja Carstensen, Franziska Baum, Luzia Schmittmann, Oliver Thünken, Jorin vom Bruch
Übernachtungen
In folgenden Hotels haben wir Hotelkontingente vorreserviert (bitte die jeweiligen Fristen beachten):
- Hotel an der Oper: Kontingente bis zum 14.05.2026 unter dem Stichwort „Sektionstagung“
- Straße der Nationen 56, 09111 Chemnitz
- Tel.: 0371/ 68 10, E-Mail: empfangsleitung@hoteloper-chemnitz.de
- B I E N D O Hotel: Kontingente bis zum 08.05.2026 unter dem Stichwort „Sektionstagung“
- Straße der Nationen 12, 09111 Chemnitz
- Tel.: 0371/ 4331920
- Buchung über Website: https://www.biendo-hotel.de/, Bitte Klicken Sie auf: JETZT BUCHEN; Buchungszeitraum im Kalender wählen; Promotionscode eingeben: Sektionstagung (Das Eingabefeld ist unter „Verfügbarkeiten prüfen“; Zimmer auswählen
- Seaside Residenz Hotel Chemnitz: Kontingente bis zum 25.05.2026 unter dem Stichwort „Sektionstagung“
- Bernsdorfer Straße 2, 09126 Chemnitz
- Tel.: 0371/ 355133, E-Mail: info@residenzhotelchemnitz.de
Thema und Ziel
Arbeit ist alltäglich und allgegenwärtig; die Aushandlungsprozesse um ihre Gestaltung werden oftmals von großem öffentlichem Interesse begleitet. Zugleich stehen viele Tätigkeiten im Schatten der Wahrnehmung – und mit ihnen die Menschen, die sie verrichten. Diese Arbeiten werden oftmals jenseits gesellschaftlicher Anerkennung erledigt und ihre Bedingungen abseits medialer, politischer und gewerkschaftlicher Aufmerksamkeit verhandelt.
In der Arbeitssoziologie werden die Phänomene, Verhältnisse und Dynamiken dieser Seite der Arbeitswelt oft entlang verschiedener Begrifflichkeiten diskutiert. Unter informeller oder irregulärer Arbeit werden zunächst Bereiche der (Erwerbs-)Arbeitswelt untersucht, in denen ohne Arbeitsvertrag, ‚direkt auf die Hand‘, ohne arbeitsrechtlichen Schutz und außerhalb staatlicher Regulierung gearbeitet wird. Auch Bereiche wie Subsistenzwirtschaft sind in diesem Kontext von (arbeits-)soziologischem Interesse. Analysen irregulärer Arbeit adressieren dabei häufig Arbeitsbereiche, in denen Menschen in Arbeitsverhältnissen ohne Arbeitserlaubnis aufgrund von nicht gesichertem oder nicht-dokumentiertem Aufenthaltsstatus arbeiten, und lenken damit den Blick auch auf das Verhältnis von Arbeit und Migration.
Zugleich findet informelle Arbeit auch innerhalb formal regulierter Arbeitsverhältnisse statt, nicht zuletzt im Kontext der Subjektivierung von Arbeit (u. a. Kleemann et al. 2003), in Form von Anforderungen, die sich expliziten Anweisungen entziehen und möglicherweise von den Arbeitenden selbst gar nicht als solche wahrgenommen werden: weil sie unausgesprochen bzw. unaussprechbar sind und beispielsweise die Persönlichkeit, Emotionen oder Körperlichkeit der Subjekte adressieren (u. a. Hochschild 1983), oder auch in Form informeller Arbeitspraxis, Kooperation und Kommunikation, die für das Gelingen von Arbeitsprozessen erforderlich sind, aber nicht verordnet werden können (u. a. Böhle et al. 2008; Pfeiffer/Suphan 2015). Die „doppelte Wirklichkeit“ (Weltz 1988) zwischen formaler Organisation und teils informeller Praxis ist auch ein Konfliktfeld um Anerkennung, Ansprüche an Arbeit, Macht und Interessendurchsetzung. Phänomene wie informelle Überstunden und unbezahlte Mehrarbeit, (teils selbstorganisierte) Erweiterung von Tätigkeitsprofilen und Leistungsanforderungen, die Angewiesenheit auf Erfahrungswissen, scheiternde Reorganisationsprozesse, das Aussetzen von Arbeitsschutz- und Pausenpraktiken oder Schichtverteilung nach ‚Nasenfaktor‘ verweisen darauf, dass Informalität keine Ausnahme, sondern alltäglicher Bestandteil regulierter Arbeit ist.
Unbezahlte Arbeit erkennt zunächst an, dass Entlohnung keinesfalls notwendige Bedingung dafür ist, dass eine Tätigkeit Arbeit ist. Nimmt man diese unbezahlte Arbeit in den Blick, werden nicht nur die von der Frauen- und Geschlechterforschung seit Jahrzehnten umfangreich untersuchten Care- und Haushaltsarbeiten zum Gegenstand der Arbeitssoziologie, sondern auch Ehrenamt und Freiwilligenarbeit, Tauschökonomien, Kundenarbeit (Voß/Rieder 2005), hope labor oder auch die im Kontext von Social-Media-Aktivitäten als free labor bezeichneten Tätigkeiten (Terranova 2000).
Die schwindende Integrationskraft der Erwerbsarbeitssphäre lässt ‚das Andere‘ des Normalarbeitsverhältnisses deutlicher hervortreten. Mit Blick auf diese Bereiche – oder besser gesagt Ränder – der Arbeitswelt wird zugleich eine ganze Reihe an gesellschaftlichen Problemlagen unmittelbar virulent: Die Prekarität vieler Jobs und Lebenslagen, die von unsicheren Einkommen, fehlender sozialer Sicherung und Planbarkeit gekennzeichnet ist, ist sowohl in kapitalistischen Zentren des globalen Nordens als auch in Ländern des globalen Südens längst gesellschaftliche Realität. Globale Disparitäten bestehen hinsichtlich der Bedeutung informeller Ökonomien und erfordern Analysen der Intersektionalität von Migration, Geschlechter- und Klassenverhältnissen sowie von Abhängigkeiten, Ausbeutungsmechanismen und Machtasymmetrien. Die „Verunsichtbarung“ von Arbeit verstellt den Blick für den elementaren Beitrag informeller, irregulärer und unbezahlter Arbeit für die gesellschaftliche Reproduktion sowie den Erhalt der Arbeitskraft. Das wird besonders anhand der Naturalisierung von Reproduktionsarbeit deutlich, die als Tätigkeit verklärt wird, die vornehmlich aus Liebe, Zuneigung oder Empathie verrichtet würde. Damit einher gehen Gerechtigkeitsfragen, Anerkennungsdefizite und nicht zuletzt materielle Verteilungskämpfe. Angesichts von Deindustrialisierung und zunehmender Entkollektivierung organisierter Arbeitsbeziehungen dürften letztere auch in der Bundesrepublik an Bedeutung gewinnen.
Die Arbeits- und Industriesoziologie kann zu diesen Themensträngen auf zahlreiche empirische Forschungen, theoretische Konzepte und Debatten zu Ursachen, Charakteristika, Dynamiken und Konsequenzen zurückblicken. Wir möchten diese Debatten auf der Frühjahrstagung 2026 der Sektion weiterführen und aktualisieren und freuen uns über Beiträge, die z. B. folgende Themen aufgreifen:
- Theoretisch-konzeptionelle Auseinandersetzungen sowie zeitdiagnostische Deutungsangebote, die sich mit diesen Arbeitsformen beschäftigen, u. a. im Anschluss an Diskussionen um den erweiterten oder transversalen Arbeitsbegriff (u. a. Haubner/Pongratz 2021), Informalität als relationalem Begriff (Mayer-Ahuja 2012), das Wechselverhältnis zwischen informeller Praxis und formalen Strukturen auch mit der Frage nach dem gegebenenfalls emanzipatorischen Veränderungspotenzial, Theorien sozialer Reproduktion (u. a. Bhattacharya 2017), sowie mit Blick auf Ungleichheit, Konflikte, Anerkennung, Teilhabe und gesellschaftlichem Zusammenhalt
- Empirische Befunde zu spezifischen Gruppen jenseits des Normalarbeitsverhältnisses (atypische, selbständige Arbeit, Kleingewerbe); zu Branchen (z. B. Landwirtschaft, Pflege, Bau, Gastronomie, Reinigung, Logistik); zu Ehrenamt und Subsistenzwirtschaft; zu Care- bzw. Sorgearbeit
- Informalität und unsichtbare Anforderungen in (vermeintlich) geregelten Arbeitsverhältnissen
- Die Bedeutung informeller, irregulärer und unbezahlter Arbeit im Kontext aktueller Transformationsprozesse der Arbeitswelt, z. B. der Digitalisierung (outgesourcte Arbeit an Content Moderation, Data Annotation, KI-Training, Crowdwork; free labor von User*innen)
- (Ausbleibende) Fragen nach Arbeitspolitik, Interessenvertretungen, der Rolle von Gewerkschaften, Handlungsfähigkeit und kollektiven Mobilisierungen
- Methodologische Herausforderungen der Erforschung dieser Arbeiten ‚an den Rändern‘