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Tag3: Porto

Tag3: Porto, 23. März

Am Donnerstagvormittag fand unsere erste Evaluationsrunde statt und danach startete die alternative Stadtführung. Viele von uns wussten nicht, was man sich unter einer „Alternativen Stadtführung“ vorstellen sollte und so gingen die meisten mit einer einzigen Erwartung an die ganze Tour heran: Keine typischen Touristenpunkte abzulaufen und sich nicht durch mit Menschen überfüllte Straßen zu drängen. Diese Erwartung hat sich auch zu hundert Prozent erfüllt.  Die Führung startete an dem offiziellen Infohäuschen dieser sogenannten „The Worst Tours“, wo wir die Bekanntschaft mit unserer Führerin Gui Castro Felga machten. Sie ist Aktivistin gegen Gentrifizierung, Künstlerin und studierte Architektin. Seit einiger Zeit organisiert sie mit anderen AktivistInnen alternative Stadtführungen durch die zweitgrößte Stadt des Landes. Ihr Schwerpunkt liegt dabei nicht auf der historischen und touristischen Altstadt, sondern auf der Stadtplanungs-, Mieten- und Wohnungspolitik, aber auch fehlgeleiteten EU-Förderungen in Porto. Daher startet die Tour auch nicht in der Mitte der Stadt, sondern etwas abseits des touristischen Zentrums. 

Mit Gui Castro Felga abseits bekannter Touristenpfade
Nachdem Gui wenige Worte über sich und die Touren, die sie und ihre Kollegen leiten, verloren hatte, ging es direkt los. Denn verlässt man das Zentrum, stößt man schnell auf heruntergekommene Häuser. Ganze Straßenzüge scheinen verlassen zu sein. Daneben haben sich in den Innenhöfen vieler Blocks sogenannte „Ilhas“ (Inseln) gebildet. Hier leben in sehr kleinen einstöckigen Häusern viele Menschen auf engsten Raum. Begründet ist dieser Widerspruch mit dem hohen Status von Eigentum und Besitz in Portugal. Oft haben Menschen ein Haus geerbt, leben aber nicht mehr darin. Ihnen fehlt das Geld für die Renovierung, und so verfällt es. Verkaufen wollen viele erst, wenn der Wert weiter gestiegen ist. Zudem gibt es Probleme, wenn mehrere Kinder dieses Haus gemeinsam geerbt haben – keiner hat das Geld die Geschwister auszuzahlen und so bleibt es verfallen. Der Staat oder private Initiativen trauen sich nicht an eine Enteignung oder Besetzung, da durch den hohen Status des Eigentums eine solche Aktion öffentlichen Protest auslösen würde. 



Dies sind aber relativ neue Entwicklungen. In der Zeit der Industrialisierung des Landes sind viele Menschen in die Stadt gezogen, um in der Nähe der Fabriken und Produktionsstätten zu wohnen. Um diesen, meist sehr armen, ArbeiterInnen Wohnraum zu bieten, wurden die Hinterhöfe mit illegalen Baracken, oft aus sehr leichtem Material, bebaut. Über die Zeit wurden diese immer weiter befestigt und mit Wasser- und Abwasseranschlüssen versorgt. Mittlerweile haben diese Gemeinschaften einen gewissen Stolz entwickelt und jedes Jahr kürt die Stadt die schönste Ilha in einem Wettbewerb. Dennoch scheint es oft paradox, wenn in einem Block dutzende Menschen auf engem Raum leben, obwohl nebenan große Wohnhäuser verfallen. Das liegt auch daran, dass viele Menschen aus den Inseln aber auch aus den Wohnblöcken in neue „Plattenbauten“ am Rand der Stadt gezogen sind. Diese boten neueste Standards (gute Isolation, Warmwasser, Heizungen). So löste sich der Druck auf die Gegenden, aber es entwickelten sich zum einen Gebiete mit hohem Leerstand in relativer Nähe zum Stadtkern und zum anderen Gebiete geringer Durchmischung und starker Konzentration von Geringverdienenden in den Vorstädten. 

In einer Ilha mit tierischer Begrüßung
An unserem ersten Zwischenstopp haben wir direkt das Gefühl bekommen an einer wirklich etwas anderen Stadttour teilzunehmen: Rechts eine Grundschule, links einige Wohnhäuser und wir mittendrin. Gui erklärte uns, wie die Häuser in den großen Städten Portugals konstruiert sind. Wohnraum ist teuer und der Platz nur selten vorhanden. Durchquert man die Gassen fällt sofort auf: Breit sind die Häuser und Wohnungen nicht. Und was sich dahinter verbirgt ist nur zu erahnen. Gui führte weiterhin aus, dass die Häuser nach hinten raus gebaut wurden, als der Wohnraum knapp wurde und die Arbeiter kein Geld hatten, um sich eigene Grundstücke zu leisten. So hat man zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: die Arbeiter haben ihren Wohnraum und die Stadt erhält den schönen Schein nach außen. Der Grundriss der Häuser sind stabile Wände, die im Inneren von einem Holzgerüst gestützt werden. So wird verhindert, dass alte marode Häuser zusammenstürzen, es besteht keine Gefahr für Passanten und die Stadt muss keine Trümmerhaufen beseitigen und der schöne Schein, die „Fassade“, wird gewahrt. Gui hat uns einen Blick für solche Häuser gegeben und auch für die kleinen Nebenhöfe, in die man ab und zu hineinschauen kann, um zu erahnen, wie viele Familien eigentlich in einem Haus wohnen. Das war wirklich sehr interessant und sehr angenehm, durch diese ruhigen Nebenstraßen zu laufen. Fernab von den Hauptstraßen lernt man eine Stadt nun doch am besten kennen lernen oder zumindest bekommt man ein Gefühl für das Leben dort. Weiter bei der Tour ging es an alten Bahnschienen, einer stillgelegten Fabrik entlang mit Blick auf Porto. Dieser idyllische Pfad soll in Zukunft durch eine neue Fahrradstrecke ersetzt werden.
IMG8548 Der Abstieg zur alten Bahnstrecke
Es lässt sich erahnen, dass der Tourismus ebenfalls eine große Rolle bei dieser Entscheidung spielte. Portugal kann sich in seiner Position zum großen Teil nur auf den Tourismus verlassen und so werden neben Projekten wie diesen Fahrradweg auch Wanderwege ausgebaut und locken zahlreiche Rucksacktouristen an. Schneller, höher, weiter – Vielfältigkeit ist wichtiger denn je geworden, um nicht an Attraktivität zu verlieren.
Die alte Bahnstrecke. Im Hintergrund die Ponte Luís I
Vorbei an einer weiteren stillgelegten Fabrik hielten wir an einem kleinen Imbiss in der Nähe des Bahnhofes Campanhã Rast. Dort aßen viele der Teilnehmer ein typisch portugiesisches Fleischbrötchen. Ein Land kennenzulernen heißt auch sich auf eine kulinarische Reise zu begeben. Diese Möglichkeit hatten wir immer wieder während der Exkursion und es hat uns sehr viel Spaß gemacht, diese neuen Sachen auszuprobieren. Bevor wir unseren letzten Zwischenstopp einlegten, machte uns Gui auf ein großes Problem aufmerksam: Zahlreiche Hotels werden mitten in der Stadt erbaut und durch Steuergelder und der Europäischen Union finanziert. Hotels, die nicht nur optisch, sondern auch wirtschaftlich nicht in die Stadt passen. Die Gelder müssten für ganz andere Projekte eingesetzt werden. Zu einem dieser Probleme gehört der große Leerstand vieler Gebäude, die im privaten Besitz vieler Portugiesen sind, aber keiner von ihnen renovieren oder ausbauen kann. 
Stimmt allerdings der Preis, sind manche Hausbesitzer doch bereit, ihre Immobilien an Investoren zu verkaufen, die im Anschluss vor allem neue  Apartments oder Hotels für Touristen zu bauen.

Die Industriebrache einer alten Fordmanufaktur-Ganz rechts im Bild: Ein mit EU-Geldern finanziertes Luxushotel

Dieser Entwicklung fallen auch viele Kulturschaffende und Studierende zum Opfer, die den günstigen Wohnraum in Zentrumsnähe genutzt haben.

Künstlerin vermisst: Sie arbeitet nun in einem Callcenter (Plakat aus Porto)

Alternative Projekte haben sich gebildet um dieser Entwicklung etwas entgegenzustellen. Castro Felga zeigte uns ein verlassenes Einkaufszentrum, welches nun mehr als 300 Bands als Proberaum dient und Freiraum für verschiedene Projekte bietet.
Um dabei auch für Sicherheit zu sorgen, wird zusätzlich noch ein Wachdienst eingesetzt. Der Stromverbrauch für das Gebäude wurde auch insoweit reduziert, dass lediglich der Aufzug (etwa zum Transport von Musikinstrumenten) funktioniert und die Rolltreppen still stehen, damit das Gebäude aufgrund der derzeitigen Situation nicht zu viel Strom verbraucht. Zusammen mit einigen bekannten Bands aus Porto konnte man sogar eine Räumung verhindern. Dies ist aber nur eines von wenigen positiven Beispielen.


Stop Shop: Im verlassenen Einkaufszentrum

Zum Schluss zeigte uns Gui noch einen Platz, an dem man sehen konnte, wie die Zeit die Architektur beeinflusst hat. So standen an diesem Platz ein Hotel, sowie gegenüber ein Parkhaus desselben Architekten, allerdings mit unterschiedlichen Stilen. Dies lag vermutlich daran, dass sich der allgemeine Stil während des Baus des Hotels geändert hatte und dass sich die Stadt etwas moderner präsentieren wollte, da das Parkhaus einen etwas  moderneren Stil als das gegenüberliegende Hotel aufwies. Die Tour endete schließlich und obwohl wir gut fünf Stunden unterwegs waren, war die Tour stets kurzweilig. Abwechslungsreiche Zwischenstopps unterwegs und nicht zuletzt die sehr interessanten Ausführungen von Gui sorgten dafür, dass keine Langeweile oder Erschöpfungszustände aufkamen.  So konnte man eine andere Erfahrung aus dieser Art von Tour mitnehmen, als dies bei einer normalen Stadtführung der Fall gewesen wäre, da man die Stadt auch von einer anderen Seite, sowie die Folgen der Finanzkrise gesehen hat. 


(Text: Anna-Maria Bertko, Swantje Ehlers, Florian Klötzer, Rob Wessel; Fotos: Thomas Weißmann)