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Professur Politische Theorie und Ideengeschichte
Jahrbuch E & D

Jahrbuch Extremismus & Demokratie

Das Jahrbuch fördert die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem politischen Extremismus und Debatten um die moderne Demokratie. Neben den Gründern Uwe Backes und Eckhard Jesse sowie Alexander Gallus (ab 2009) erweitert sich der Kreis der Herausgeber ab dem 30. Band um Tom Thieme. In den drei Hauptkategorien („Analysen“, „Daten, Dokumente, Dossiers“, „Literatur“) werden verschiedenartige Phänomene im Spannungsfeld von Extremismus und Demokratie untersucht. Der Literaturteil umfasst Rezensionen und Annotationen zu mehr als 300 deutschen wie internationalen Publikationen (vorrangig aus Politikwissenschaft und Zeitgeschichte), die im Jahr 2017 erschienen sind.

Eingangs steht der Begriff des Extremismus selbst im Zentrum der Auseinandersetzung. Mit dem Ziel, gegenwärtige Gefahren genauer zu taxieren, präsentiert Tom Mannewitz – aktuelle Tendenzen der Autokratieforschung aufgreifend – eine neue Möglichkeit zur Typologisierung anhand der durch extremistische Gruppen abgelehnten demokratischen Teilsysteme. Tom Thieme blickt auf extremistische Grauzonen und unterscheidet einen „exklusiven“, „illiberalen“, „delegativen“ und „antiindividualistischen“ Extremismus voneinander. Flaute die Debatte um Parteiverbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht zuletzt etwas ab, geraten die bei den Bundes- und Landesinnenministerien angesiedelten Verbote von extremistischen Vereinigungen und Gruppen in den Blick. Stefan Brieger widmet sich der bisherigen Vereinsverbotspraxis und verknüpft damit eine Diskussion über Chancen und Grenzen einer wehrhaften Demokratie. Den „Analysen“-Teil beschließt eine vergleichend-systematische Betrachtung Sebastian Gräfes zum Links- und Rechtsterrorismus.

Wie üblich eröffnen den Abschnitt „Daten, Dokumente, Dossiers“ zwei Bilanzen Eckhard Jesses („Wahlen 2017“) und Uwe Backes’ („Organisationen 2017“). Die Entwicklung der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) wie ihrer Fraktionen im Bundestag und in den Länderparlamenten erfährt dabei wie schon in den zurückliegenden Jahrbüchern eine verstärkte Aufmerksamkeit. Die AfD orientiere sich in mancherlei Hinsicht am Profil der „Freiheitlichen Partei Österreichs“, deren Entwicklung in Florian Hartlebs „Länderporträt“ zu Österreich einigen Raum einnimmt. „Neue Rechte“ und ein erstarkender rechter Populismus fordern auch abseits politischer Schlachtfelder zu diversen intellektuellen Stellungnahmen heraus. Im Format „Kontrovers besprochen“ würdigen Barbara Zehnpfennig, Clemens Albrecht, Gerd Koenen und Jürgen P. Lang Thomas Wagners Buch „Die Angstmacher“. Lang präsentiert im aktuellen Jahrbuch darüber hinaus ein „Biographisches Porträt“ zu Björn Höcke. Zudem widmet Clemens Pleul der „Identitären Bewegung“ ein „Dossier“, während Wilfried von Bredow Martin Sellners Manifest „Identitär! Geschichte eines Aufbruchs“ kritisch liest (in der Kategorie „Literatur aus der ‚Szene‘“). Zu den größeren Literaturformaten zählt gleichermaßen das „Rezensionsessay“ Alfons Söllners über Philipp Thers Band „die Außenseiter“, in dem eine Geschichte von Flucht und Vertreibung für das moderne Europa entworfen wird.

In seinem „Dossier“ über „Rückkehrer“ untersucht Michail Logvinov den islamistischen Extremismus, während Isabelle-Christine Panreck eine Bestandsaufnahme zu den linksextremistischen Splitterparteien DKP, MLPD und SGP beisteuert. Das „Zeitschriftenporträt“ zeichnet Eckhard Jesse zur „Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz“. Gerhard Wettig beleuchtet im „Literaturbericht“ Neuerscheinungen zur Russischen Revolution vor hundert Jahren, wiederum behandelt Jesses „Sammelrezension“ aktuelle Publikationen zum „Deutschen Herbst 1977“ und Linksterrorismus, die 40 Jahre danach erschienen sind. Dass historische Konstellationsanalysen nur bedingt zur Gegenwartsdiagnostik taugen, unterstreicht Alexander Gallus in seiner „Dokumentation“ zum „Manifest 1918 – 2018“. Gleichwohl dürfte die Sensibilität gegenüber so mancher Traditionslinie helfen, das eine oder andere alt-neue politische Phänomen vor einem gewandelten Kontext zu erklären. So belebt Hubertus Buchstein die Diskussion um die Verfassungsordnung der Weimarer Republik im Format „Wieder gelesen“, indem er Otto Kirchheimers Genealogie Weimars, wie er sie in „Weimar … und was dann?“ formulierte, einer Re-Lektüre unterzieht. Jenen Fragen wird sich das Jahrbuch Extremismus & Demokratie 2019 – u. a. mit Blick auf die Gründung der Weimarer Republik 1918/19 und den 50. Jahrestag von „1968“ – erneut widmen.