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Juniorprofessur Politikwissenschaftliche Forschungsmethoden
Forschung

Forschung

Die Juniorprofessur betreibt – mit einem komparativen Schwerpunkt – methodologische, empirische und theoretische Studien auf folgenden Gebieten:

  • Evaluation und Konzeptualisierung politikwissenschaftlicher Indizes
  • makroqualitative Verfahren (QCA)
  • Vergleich politischer Extremismen (Parteien, Einstellungen, Bewegungen, Extremismuskonzept)
  • Herausforderungen der Demokratie jenseits politischen Extremismus
  • regionale politische Kulturen in Deutschland (Ost-West-Vergleich, Regionalisierung politischer Kultur und Partizipation)

Abgeschlossene Projekte

Protest on the Rise? Political Aftershocks of the Financial and the Migrant Crisis in Germany and Spain

In den letzten Jahren diktierten zwei Krisen die politische Agenda der Europäischen Union: eine durch eine Weltwirtschaftskrise ausgelöste „Eurokrise“, hinter der sich seit 2010 eine Währungs-, eine Staatsschulden-, eine Banken- und eine Wirtschaftskrise verbergen, einerseits; eine zum Jahreswechsel 2014/15 einsetzende "Flüchtlingskrise" andererseits. Von beiden Krisen sind jedoch nicht alle Mitgliedsstaaten in gleichem Maße betroffen: Die Eurokrise setzte vor allem den Süden grassierender Arbeitslosigkeit aus – die Quote liegt zwischen elf (Italien) und 24 Prozent (Spanien) -, die Migrationskrise erfasste vor allem Deutschland, das 2015 etwa 1 Million Asylsuchende registrierte.

Zwei Krisen, zwei europäische Regionen, eine Perspektive: Hier wie da stehen in Medien, Publizistik und Wissenschaft vor allem die wirtschaftlichen und sozialen Folgen im Brennpunkt. Selbst die Politikwissenschaft schenkt den politischen Konsequenzen kaum die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. Dabei sind gerade sie es, die der Demokratie und der freien Gesellschaft nachhaltigen Schaden zufügen könnten – etwa in Gestalt aufbrechender Ressentiments gegen politische und wirtschaftliche Eliten, gegen Flüchtlinge, „Brüssel“ und die Demokratie als solche. Politische Bewegungen verschiedener politischer Provenienz haben es in nahezu jedem europäischen Land vermocht, den gesellschaftlichen Unmut zu kanalisieren und größere Wählerstimmenanteile auf sich zu vereinigen: Das gilt für Populisten von links (Podemos in Spanien, Movimente 5 Stelle in Italien, Bloco de Esquerda und Coligação Democrática Unitária in Portugal, Syriza in Griechenland) wie rechts (AfD in Deutschland, Chrysi Avyi in Griechenland).

Die reüssierenden Parteien an den politischen Rändern indizieren den aufkeimenden Protest gegenüber einer als unfähig und korrupt wahrgenommenen politisch-wirtschaftlichen Elite, die Furcht vor sozialem Abstieg und eine allgemeine Unzufriedenheit mit dem politischen System in weiten Teilen der Bevölkerung. Beide Krisen trugen in den meisten „PIGS“-Staaten zur Entstehung linkspopulistischer Formationen bei, in Deutschland gewissermaßen zu einer „Normalisierung“ der politischen Landschaft: Das Fehlen einer rechtspopulistischen Formation war von komparativ arbeitenden Parteienforschern zuvor als deutsches Spezifikum empfunden worden, das aus der schweren Last des Nationalsozialismus resultierte. Eine erfolgreiche Partei rechts der Union galt über 60 Jahre nahezu als undenkbar. Mit der Flüchtlingskrise setzte jedoch ein Wandel ein, von dem auch Phänomene wie PEGIDA und LEGIDA künden.

Hier wie da ist der Protest Folge einer perzipierten Repräsentationslücke im politischen System: Viele Bürger fühlen sich von „ihren“ Parteien und Politikern nicht mehr vertreten. Die Krisen bzw. die politischen Reaktionen haben diese Lücke zwar nicht entstehen lassen, aber ins Bewusstsein gerufen und gewissermaßen „das Fass zum Überlaufen gebracht“. Gleichwohl: Fundamentale Unterschiede zwischen den Protesten ergeben sich mit Blick auf ihre politische Stoßrichtung, Ursachen, ihre politische Soziologie.

Diese Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiede empirisch zu beleuchten, in einen intellektuellen Austausch zu treten, in die je andere Kultur einzutauchen, war Gegenstand einer vom DAAD ("Hochschuldialog mit Südeuropa 2017") geförderten, wissenschaftlichen Kooperationstagung zwischen der Juniorprofessur Politikwissenschaftliche Forschungsmethoden und der UFV Madrid, die im April 2017 stattfand und aus der augenblicklich ein Tagungsband hervorgeht.

... die beste Regierungsform bisher?

Die Demokratieforschung blüht: Von der Beschreibung, Typologisierung und komparativen Analyse demokratischer Systeme (wie ihrer Subtypen) über die Ergründung weltweiter Rahmenbedingungen von Demokratisierung (und Ent-Demokratisierung) bis hin zur notorischen Klage über das „Demokratiedefizit der EU“ hat sich diese politikwissenschaftliche Subdisziplin in eine Reihe theoretisch wie methodisch buntscheckiger, vitaler Forschungslandschaften ausdifferenziert.

Demgegenüber liegt die Analyse demokratieimmanenter Strukturprobleme eigentümlich brach. Gemeint sind damit weder externe Herausforderungen noch Einbußen demokratischer Qualität, die das Wort von der „Krise der Demokratie“ zum Mem haben werden lassen –  etwa die empirische „Legitimitätskrise der Demokratie“ (Ralf Dahrendorf), der „Verlust politischer Gleichheit“ (Armin Schäfer) bei Wahlen oder die allerorten diagnostizierte Postdemokratisierung (Colin Crouch). Gemeint sind ebenfalls nicht die Spannungsverhältnisse („Trade-offs“) verschiedener demokratischer Zieldimensionen – etwa das altbekannte Dilemma zwischen Freiheit und Gleichheit (u.a. Alexis de Tocqueville) oder der im Zuge der Terrorismusbekämpfung wieder offener zutage getretene Konflikt zwischen Freiheit und Sicherheit (u.a. Gert-Joachim Glaeßner).

Gemeint sind vielmehr Defekte, die auf den demokratischen Charakter eines politischen Systems zurückgehen, mithin systemimmanente Defizite (vgl. hierzu konzise Manfred G. Schmidt, „Demokratietheorien“, Wiesbaden 2010, S. 461-465, 499-504). Vorgeworfen werden der Demokratie von verschiedenen Seiten beispielsweise:

 

  • mediokres politisches Führungspersonal
  • ihre Gegenwartsfixierung/Zukunftsvernachlässigung (Ressourcenraubbau und begrenzter Ökologismus)
  • Neigung zur Überlastung der Wirtschaft durch überdehnte Wohlfahrtsstaatlichkeit
  • Neigung zur Ritualisierung durch enge Wahltaktung
  • Kompetenzmängel bei einem Großteil der Wahlbevölkerung
  • damit verbunden: abstrakte politische Gleichheit ohne Würdigung der Qualifikationen
  • Wankelmut, Urteilsschwäche und Emotionalität des Volkswillens
  • ihr „short-termism“: Dauerwahlkampf, Konzentration auf kurzfristige Probleme und Lösungen aufgrund häufiger Wahlen
  • selektive Willensbildung durch die Ausfilterung konfliktträchtiger, organisationsschwacher und unrealistischer Ideen
  • die „Unbeständigkeit der Zahl“ im Sinne instabiler Mehrheitsverhältnisse
  • ihre Neigung zur „Tyrannei der Mehrheit“ im Sinne A. de Tocquevilles (Zurückdrängung von Minderheitsmeinungen) und J.S. Mills (Legitimation schädlichen sozialen Konformismus‘ durch das Mehrheitsprinzip)
  • die Trägheit demokratischer Entscheidungen
  • die geringe Robustheit von Entscheidungsfindungsprozessen gegenüber minimal variierten Spielregeln
  • die fehlende Garantie für rationale oder gemeinwohlorientierte Entscheidungen
  • ihre Anfälligkeit für gesellschaftliche Polarisierung
  • die Destabilisierung durch Komplexität

Im Juni 2017 luden daher die Schader-Stiftung und die Juniorprofessur Politikwissenschaftliche Forschungsmethoden in Darmstadt zu einer dreiteiligen Gesprächsreihe zu den strukturimmanenten Problemen der Demokratie ein. Im Fokus stand – neben Diagnosen und institutionenorientierten Therapievorschlägen – die Debatte mit der Praxis. Beteiligt waren Vertreter der Politischen Theorie, der empirischen Demokratieforschung, der Philosophie und der Politik. Der Tagungsbericht wurde u.a. auf dem Theorieblog veröffentlicht. Ein zugehöriger Sammelband mit Beiträgen von Klaus von Beyme, Frank Decker, Erik Fritzsche/Anselm Vogler, Bernward Gesang, Oliver Hidalgo, Eckhard Jesse, Hans-Joachim Lauth/Oliver Schlenkrich, Sebastian Liebold, Tom Mannewitz, Danny Michelsen, Werner J. Patzelt, Susanne Pickel und Jörg Tremmel wird 2018 bei Springer VS erscheinen.

Handbuch Extremismusforschung (hrsg. mit Eckhard Jesse)

Die existentielle Bedeutung des politischen Extremismus für den demokratischen Verfassungsstaat, für menschliche Freiheit und Unversehrtheit stellten nicht nur die nationalsozialistischen, faschistischen und kommunistischen Regime im "kurzen 20. Jahrundert" unter Beweis, sondern auch die Parteien, Strömungen und Ideologien, die in jüngerer Zeit (wieder) politische Relevanz erlangten. Dazu zählen die Herausforderungen durch den global agierenden islamistischen Terrorismus, aber auch links- wie rechtsextremistische Formationen, die unlängst im Zuge der europäischen Integration, der Finanzkrise und der zunehmenden internationalen Migration Zulauf erhielten. Das Handbuch vermittelt Grundlagenwissen über die zentralen Begriffe, Kontroversen, Methoden und empirische Befunde der Extremismusforschung. Dazu zählen - neben einem Überblick über die historische Genese und die gegenwärtigen Herausforderungen durch politischen Extremismus in Deutschland und Europa - Analysen der Ursachen, Erscheinungsformen und Konsequenzen der Demokratiefeindschaft. Mit Beiträgen u.a. von Uwe Backes, Stéphane Courtois, Birgit Enzmann, Jürgen W. Falter, Rolf Frankenberger, Eckhard Jesse, Alexander Straßner und Lazaros Miliopoulos.

Der Band wird 2018 beim Nomos-Verlag erscheinen.

Forschungsseminar „Chemnitz nach 25 Jahren Deutscher Einheit – wie sehen die Bürger die deutsche Demokratie, Politiker und Teilhabechancen?“

Welche politischen Meinungen, Einstellungen und Werte vertreten die Chemnitzer Bürger 25 Jahre nach der Deutschen Wiedervereinigung? Welche Politiker und Institutionen halten sie für vertrauenswürdig? Welche Teilhabechancen nutzen sie und wünschen sie sich? Über welche Kanäle informieren sie sich? Welche Rolle spielt gesellschaftliches Engagement für die Chemnitzer?

Diese und weitere Forschungsfragen werden derzeit im Rahmen des Forschungsseminars „Chemnitz nach 25 Jahren Deutscher Einheit – wie sehen die Bürger die deutsche Demokratie, Politiker und Teilhabechancen?“ von Jun.-Prof. Dr. Tom Mannewitz und 16 Master-Studenten mit Instrumenten der politikwissenschaftlichen Forschungsmethoden genauer untersucht.

Weitere Informationen zur Methodik und zu (Zwischen-)Ergebnissen des Seminars finden Sie auf der Projektseite. Der zugehörige Band wurde 2017 im Universitätsverlag der TU Chemnitz mit dem Titel "Politische Kultur in der 'Stadt der Moderne'" veröffentlicht.

„Politische Kultur und demokratischer Verfassungsstaat. Ein subnationaler Vergleich zwei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung“

Nach der Wiedervereinigung ist der Standpunkt, ein Riss zwischen Ost und West gehe durch Deutschlands politische Kultur, innerhalb weniger Jahre zum Common Sense aufgerückt. Als Zeugnisse dienen unzählige Umfrageergebnisse: von den Meinungen zu diesem und jenem Politiker über das Vertrauen in politische Institutionen bis hin zu tiefer liegenden (post )materialistischen Werten. Bezeichnend ist diese Deutung nicht nur für Presse und Publizistik, sondern auch für die Politikwissenschaft, die seit 1989/90 regelmäßig den politisch-kulturellen Abstand zwischen Ost und West vermisst, ohne einen Blick auf die Disparitäten innerhalb des Ostens und innerhalb des Westens zu werfen. Durch die Konzentration auf einzelne Aspekte ging der Blick für die politische Kultur als Ganzes verloren und die innerdeutsche Spaltung (und das Transformationserbe) wurde, unter Vernachlässigung alternativer Erklärungsansätze, zu dominanten Prägefaktoren für die deutsche politische Kultur erklärt.

Ziel des von der Fritz-Thyssen-Stiftung mit einem Postdoc-Fellowship geförderten Forschungsprojektes war es, die Stichhaltigkeit dieser Ost-West-These zu testen, der zufolge es zwei politische Kulturen in Deutschland gebe. Mittels eines Bundesländervergleiches ergründet die Studie die Regionalisierung politischer Kultur, ihre Ursachen und politisch-systemischen Folgen. Geleitet wird das Forschungsvorhaben von vier Fragen: Welche Elemente muss der Politische-Kultur-Begriff umfassen, um Stresssituationen für die konstitutionelle Demokratie in Deutschland zu identifizieren? Welche Anhaltspunkte deuten über zwei Jahrzehnte nach der staatlichen Wiedervereinigung auf eine Regionalisierung der politischen Kultur Deutschlands? Was sind die Ursachen der regionalen politischen Kulturen? Sieht sich der demokratische Verfassungsstaat zwei Jahrzehnte nach der staatlichen Einheit Stress ausgesetzt, weil er regional unterschiedliche Orientierungen und Forderungen nicht gleich gut zu befriedigen vermag?

Es handelt sich bei dem Projekt um die Habilitationsschrift des Professurinhabers, die 2015 beim Nomos-Verlag  veröffentlicht, von der Demokratiestiftung der Universität zu Köln prämiert und vielfach rezensiert (u.a. Frankfurter Allgemeine Zeitung) wurde.