Forschungsschwerpunkte
Forschungsschwerpunkt „Mischwahlsysteme im Vergleich“
Dass die Auswahl von Wahlsystemen im Allgemeinen und die Ausgestaltung des Wahlrechts im Speziellen entscheidende Faktoren für das Funktionieren von Demokratien sind, darüber besteht in der Politikwissenschaft ein weitgehender Konsens. Die Frage, welches Wahlsystem das geeignetste ist, ist hingegen mindestens so alt wie die Debatte zwischen Walter Bagehot und John Stuart Mill und lässt sich bis heute nicht bzw. nur sehr bedingt objektiv beantworten. Ein Grund hierfür ist der antithetische Zusammenhang von verschiedenen, an Wahlsysteme gerichtete Funktionen. Hier setzt der Forschungsschwerpunkt an und untersucht national wie international vergleichend, welche Wahlsysteme in welchen Kontexten besonders gut oder schlecht geeignet sind, die in grundsätzlichem Widerspruch zueinander stehenden Funktionen weitgehend miteinander in Einklang zu bringen. Ein besonderer Fokus hierbei liegt auf Mischwahlsystemen.
Der Forschungsschwerpunkt wurde als Projekt zwischen 2012 und 2015 durch die DFG gefördert.
Jüngere Publikationen zu diesem Schwerpunkt sind:
- Linhart, Eric und Kristin Eichhorn (2024): Electoral systems and party systems in Germany on the local level, German Politics 33(3): 584-610.
- Linhart, Eric, Michael Jankowski und Markus Tepe (2023): Electoral System Preferences of Citizens Compared: Evidence from a Conjoint Experiment in Germany, the Netherlands and the United Kingdom, European Political Science Review 15(4): 671-689.
- Jankowski, Michael, Eric Linhart und Markus Tepe (2022): Keep it simple! German voters’ limited competence to evaluate electoral systems’ functions, German Politics 31(4): 579-601.
- Linhart, Eric, Johannes Raabe und Patrick Statsch (2019): Mixed-member proportional electoral systems – the best of both worlds? Journal of Elections, Public Opinion and Parties 29(1): 21-40.
- Raabe, Johannes und Eric Linhart (2018): Which electoral systems succeed at providing proportionality and concentration? Promising designs and risky tools, European Political Science Review 10(2): 167-190.
Forschungsschwerpunkt
„Ämter- und Policy-Motivation von Parteien bei der Bildung von Koalitionsregierungen“
Neuere Koalitionstheorien tragen dem Gedanken Rechnung, dass Parteien bei der Koalitionsbildung sowohl durch die Besetzung von Ämtern als auch durch die Durchsetzung von Politikinhalten motiviert werden. Wenngleich diese Theorien inzwischen auch einige Jahrzehnte alt sind, so ist deren empirische Überprüfung noch lange nicht abgeschlossen. Dieser Überprüfung, vor allem im deutschen Kontext, widmet sich der hier genannte Forschungsschwerpunkt. Neben der empirischen Überprüfung beinhaltet der Schwerpunkt zwei Facetten der theoretischen Weiterentwicklung. Erstens modellieren die angesprochenen Theorien Ämter- und Politikmotivation als unabhängig voneinander, obwohl klar ist, dass Fachminister eine herausgehobene politische Gestaltungsmöglichkeit innerhalb ihrer Ressorts besitzen. Zweitens ignorieren die Theorien, dass Parteien neben Ämtern und Policy auch an ihrer Wiederwahl orientiert sind.
Der Forschungsschwerpunkt wurde als Projekt zwischen 2008 und 2012 durch die DFG gefördert.
Jüngere Publikationen zu diesem Schwerpunkt sind:
- Linhart, Eric (2025): Office- and policy-seeking theories of coalition formation, in: Bräuninger, Thomas und Marc Debus (Hrsg.): Handbook on Coalition Politics. Cheltenham, Edward Elgar Publishing: 42-58.
- Graichen, Robin, Suresh Lodha, Manav Bhatia, Udo Heller und Eric Linhart (2023): Identifying utility-maximizing and equilibrium coalitions of political parties in government formation processes using a visualization approach, Social Science Computer Review 41(6): 2105-2121.
- Linhart, Eric (2023): Regierungsbildung und Regierungskoalition. Die Bildung der Ampelkoalition nach der Bundestagswahl 2021 aus Sicht der formalen Koalitionstheorie, in: Korte, Karl-Rudolf, Maximilian Schiffers, Arno von Schuckmann und Sandra Plümer (Hrsg.): Die Bundestagswahl 2021. Analysen der Wahl-, Parteien-, Kommunikations- und Regierungsforschung. Wiesbaden, Springer VS: 597-622.
- Graichen, Robin, Eric Linhart, Christopher Schuster, Udo Heller und Andreas Müller (2021): Coalizer: A coalition tool combining office and policy motivations of political parties, Journal of Information Technology & Politics 18(3): 274-292.
Forschungsschwerpunkt „Rationales Wahlverhalten“
Ein Forschungsfeld, das in den letzten Jahrzehnten zunehmende Beachtung gefunden hat, ist die Analyse strategischen Wahlverhaltens. Aus normativer Sicht sind Anreize zu strategischem Wahlverhalten nicht unumstritten. Sind Anreize zu strategischem Wählen vorhanden, wird der Wähler vor die Entscheidung gestellt, entweder sein Bedürfnis nach expressiver Wahl seiner Erstpräferenz zu befriedigen oder mit Blick auf das Politikergebnis instrumentell-rational die Alternative zu wählen, die seinen Erwartungsnutzen maximiert. In Mehrparteiensystemen wird dieser grundlegende Entscheidungskonflikt zusätzlich dadurch verkompliziert, dass die Identifikation der instrumentell-rationalen Alternative kein triviales Problem darstellt und diese mitunter von Wählern gar nicht erkannt wird. Der Forschungsschwerpunkt beschäftigt sich mit Fragen rund um rationales Wahlverhalten, z.B. unter welchen Umständen Wähler in der Lage sind, die rationale Wahlalternative zu erkennen, in welchen Situationen sie sich eher instrumentell und wann eher expressiv verhalten, oder wie Koalitionssignale strategisches Wahlverhalten beeinflussen.
Jüngere Publikationen zu diesem Schwerpunkt sind:
- Linhart, Eric und Johannes Raabe (2018): Different rationales of coalition formation and incentives for strategic voting, Applied Mathematics 9(7): 836-860.
- Linhart, Eric und Markus Tepe (2015): Rationales Wählen in Mehrparteiensystemen mit Koalitionsregierungen. Eine laborexperimentelle Untersuchung, Politische Vierteljahresschrift 56(1): 44-76.
- Bytzek, Evelyn, Thomas Gschwend, Sascha Huber, Eric Linhart und Michael Meffert (2012): Koalitionssignale und ihre Wirkungen auf Wahlentscheidungen, Politische Vierteljahresschrift (Sonderheft 45/2011): 393-418.
Forschungsschwerpunkt „Schätzung von Parteipositionen“
Die Verortung von Parteien im politischen Raum ist relevant für verschiedene politikwissenschaftliche Teilgebiete. Die Parteienforschung benötigt diese Informationen zur inhaltlichen Einordnung und Typologisierung von Parteien. Für die Koalitionsforschung ist die Schätzung von Parteipositionen Voraussetzung zur Einschätzung der Policy-Komponente verschiedener Koalitionsoptionen. Und die Wahlforschung benötigt derlei Informationen, um abschätzen zu können, welche Rolle die programmatische Nähe zwischen Wählern und Parteien im Vergleich zu anderen Faktoren für die Wahlentscheidung bedeutet. So wichtig die Kenntnis von Parteipositionen ist, so problematisch ist deren Ermittlung. Unterschiedliche Möglichkeiten der Schätzung sind mit unterschiedlichen Problemen behaftet und kommen zu – zumindest im Detail – unterschiedlichen Ergebnissen. In diesem Forschungsschwerpunkt werden verschiedene Methoden der Verortung von Parteien (weiter-)entwickelt, angewendet und miteinander verglichen.
Jüngere Publikationen zu diesem Schwerpunkt sind:
- Linhart, Eric (2018): Zur programmatischen Kohäsion der Fraktionen im Europäischen Parlament, in: Hilz, Wolfram und Antje Nötzold (Hrsg.): Die Zukunft Europas in einer Welt im Umbruch. Wiesbaden, Springer VS: 163-183.
- Linhart, Eric (2017): Politische Positionen der AfD auf Landesebene: Eine Analyse auf Basis von Wahl-O-Mat-Daten, Zeitschrift für Parlamentsfragen 48(1): 102-123.
- Linhart, Eric (2010): Die Bedeutung der Landwirtschaft in Wahlprogrammen von Agrarparteien, Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft 4(1): 79-103.
- Linhart, Eric und Susumu Shikano (2009): Ideological signals of German parties in a multi-dimensional space: An estimation of party preferences using the CMP data, German Politics 18(3): 301-322.
Forschungsschwerpunkt „Empirische Interessengruppenforschung“
Interessengruppen nehmen auf vielfältige Weise Einfluss auf Politik, sei es über Anhörungen in Parlamentsausschüssen, Stellungnahmen bei Ministerien oder über die Mitprägung des öffentlichen Diskurses bei zentralen Themen, um nur drei von zahlreichen Möglichkeiten zu nennen. Während die Interessengruppenforschung lange Zeit stärker theoretisch ausgerichtet war, finden sich in jüngerer Zeit vermehrt auch empirische Beiträge, die beispielsweise Fragen nachgehen, welche Interessengruppen in welchen Bereichen als besonders mächtig angesehen werden können, oder welche Interessengruppen sich untereinander und welchen Parteien inhaltlich nahe stehen. Solche Fragen werden auch im Rahmen dieses Forschungsschwerpunkts behandelt.
Jüngere Publikationen zu diesem Schwerpunkt sind:
- Hüttemann, Niclas und Eric Linhart (2026): Lobbying for Corporate Due Diligence: Interest Group Positions on the German Supply Chain Act, Journal of Civil Society (online first).
- Hüttemann, Niclas und Eric Linhart (2025): Does responsibility matter in domestic discourses on human rights due diligence legislation? Analyzing interest groups’ discourse on Germany’s Supply Chain Act, Journal of Human Rights 24(5): 591-608.
- König, Tim und Eric Linhart (2025): Semantische Netzwerkanalysen als Alternative zu qualitativen Diskursanalysen? Eine Studie am Beispiel der Novelle zum Erneuerbare-Energien-Gesetz 2014, Zeitschrift für Diskursforschung 12(2): 163-188.
- Hüttemann, Niclas und Eric Linhart (2022): Interessenvermittlung in den Ausschüssen des Deutschen Bundestages. Eine Erweiterung und Fortschreibung für die 18. Wahlperiode (2013 bis 2017), Zeitschrift für Parlamentsfragen 53(3): 507–526.
- Bahnsen, Oke und Eric Linhart (2018): Politische Diskurse in Print- und Online-Medien. Eine empirische Analyse am Beispiel der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes 2014, Zeitschrift für Diskursforschung 6(3): 277-305.