TU ChemnitzForschungProjekteSubjektives Fahrerleben

Subjektives Fahrerleben

Subjektives Fahrerleben

Finanzierung

Bosch-Forschungsstiftung

Projektlaufzeit

Januar, 2012 bis Dezember, 2015

Motivation und Zielstellung


Erkenntnisse über das Fahrerleben, also die subjektive Sicht von Fahrern auf Ereignisse im Fahralltag, sind bisher vor allem retrospektiv gewonnen worden (z.B. Interviews oder Online-Befragungen). Methodisch bedeutet dies, dass Einschätzungen und Bewertungen nur situationsfern erfolgen und daher mit weitreichenden Verfälschungen einhergehen können. Naturalistic Driving Studies (NDS) erfassen Fahrverhalten direkt im Fahrkontext und bieten daher sehr realitätsnahe Einblicke in das Fahrerlebnis. Auch NDS beachten jedoch bisher die subjektive Sichtweise des Fahrers auf beanspruchende Situationen kaum.  Im Projekt war es daher das Ziel, Daten subjektiv beanspruchender Situationen für jüngere und ältere Fahrer zu generieren.

Vorgehensweise


Es wurden 40 jüngere (M = 32,35 Jahre; SD = 3,58) und 40 ältere (M = 66,05 Jahre; SD = 4,13) Fahrer, je 20 Männer und Frauen, in ihrem natürlichen Fahrverhalten über einen Zeitraum von jeweils 10 Tagen untersucht. Das heißt, jeder fuhr in dieser Zeit mit seinem eigenen Pkw die für ihn alltäglichen Strecken. Dafür bekamen die Probanden für die Versuchsdauer ein Smartphone zur Verfügung gestellt, auf dem eine für diesen Zweck programmierte Applikation installiert war. Mit dieser konnten sie Sprachprotokolle aufnehmen, also besondere Situationen während der Fahrt filmen und kommentieren. Dies ermöglichte, die Einschätzung der Probanden so situationsnah wie möglich zu erfassen. Inhalt jedes Sprachprotokolls sollte sein: Eine Beschreibung der Situation, warum diese für den Probanden relevant war und wie er seine mentale Beanspruchung in dieser Situation einschätzt (Skala von 0 bis 10). Ergänzt wurden diese Sprachprotokolle durch Fragebögen vor und nach jeder Fahrt sowie ein Abschlussinterview. Betrachtet wurden dabei über kritische Ereignisse hinaus alle besonderen Vorkommnisse oder Situationen, die für die Fahrer bemerkenswert waren.

Einweisung von Probanden in die Smarphonebedienung und Fragebögen
Einweisung von Probanden in die Smarphonebedienung und Fragebögen

Ergebnisse


Im Versuchszeitraum wurden insgesamt 1074 für die Auswertung relevante Sprachprotokolle während der Fahrt aufgezeichnet. Die Ergebnisse zeigen eine sehr hohe Bandbreite von Situationen. Es lassen sich insgesamt 301 verschiedene Auslöser für die Aufnahme eines Sprachprotokolls unterscheiden. Jüngere Fahrer berichteten fünfmal so oft einen langsamen Vorausfahrer wie ältere, dagegen nur etwa halb so viele „fehlende bzw. unverständliche Beschilderungen“. „Gestresst“ reagierten Fahrer eher auf Auslöser in der Umwelt (z.B. geringe Straßenbreite), „beunruhigt“ zeigten sie sich vor allem in der Interaktion mit anderen Verkehrsteilnehmern (z.B. bei unklarem Verhalten anderer). Die mit Abstand häufigste berichtete Reaktion war jedoch „genervt“, die vor allem bei einer „roten Welle“ und einem langsamen Vorausfahrer genannt wurde. Die mentale Beanspruchung wurde in Spurwechselsituationen und bei subjektiver Müdigkeit besonders hoch bewertet.

Beispiel für ein Sprachprotokoll. Markiert sind die für die Auswertung relevanten Bestandteile.
Beispiel für ein Sprachprotokoll. Markiert sind die für die Auswertung relevanten Bestandteile.

Ansprechpartner


Konferenzbeiträge


Simon, K.Bullinger, A. C. (2017). Was stresst, ärgert und beunruhigt Fahrer?. Emotionale Reaktionen auf alltägliche Fahrsituationen bei jüngeren und älteren Fahrern. Tagungsband Fahrer im 21. Jahrhundert.
20.11.2017 bis 22.11.2017
, Braunschweig (S. ).

Simon, K. Spanner-Ulmer, B. Bullinger, A.C. (2014). Erfassung subjektiven Fahrerlebens zur Ableitung von Unterstützungsbedürfnissen jüngerer und älterer Autofahrer. Postersession 30. VDI/VW-Gemeinschaftstagung Fahrerassistenz und Integrierte Sicherheit.
14.10.2014 bis 15.10.2014
, Wolfsburg (S. 31-44).