Pressemitteilung vom 12.12.1997
Wo man am besten handelt und produziert
Wo man am besten handelt und produziert
Chemnitzer Wissenschaftler stellen Hitliste der Gewerbegebiete in
Südwestsachsen auf
Wer heutzutage im Wettbewerb mithalten will, muß auf vieles achten.
Hat er das richtige Produkt? Stimmt der Preis? Sind die Mitarbeiter
motiviert genug? Reicht die Rendite aus? Und vor allem: Stimmt der
Standort der Firma? Gerade der letzte Punkt wird immer noch von vielen
Unternehmern unterschätzt. Dabei ist es keineswegs gleichgültig, wie
weit etwa ein Betrieb von der Autobahnauffahrt oder dem nächsten
Oberzentrum entfernt ist.
Jetzt haben erstmals Wirtschaftswissenschaftler der Chemnitzer Uni aus
der Arbeitsgruppe von Prof. Joachim Käschel zusammen mit der örtlichen
Industrie- und Handelskammer (IHK) über 50 Gewerbegebiete in
Südwestsachsen nach objektiven Kriterien untersucht. Noch immer
nämlich werden attraktive Gewerbeflächen gesucht. Eine Hilfe bei der
Auswahl kann da nur von Vorteil sein. Die Forscher beschränkten sich
dabei auf neue und öffentlich geförderte Flächen, die wegen der
Fördermittel besonders für kleine und mittlere Unternehmen (KMU)
interessant sind. In einer Voruntersuchung befragte der Diplomkaufmann
Tim Schneider zunächst über 100 Unternehmer, um herauszufinden, welche
Punkte ihnen bei einer Neuansiedlung besonders wichtig sind. "Dabei
stellte sich schnell heraus, daß "weiche" Kriterien, wie etwa das
örtliche Bildungsangebot, das Wohnumfeld oder die Freitzeitaktivitäten
kaum eine Rolle spielen," so Schneider. Entscheidend für die
Firmeninhaber sind vielmehr ganz handfeste Gesichtspunkte: In erster
Linie wurde die Verkehrsanbindung genannt, gefolgt von den
Grundstückspreisen und der Erschließung des Grundstücks. Auch die
Baukosten und die Nähe zu den Kunden sind den Unternehmern wichtig.
Die dabei am häufigsten genannten Aspekte wurden bei der Aufstellung
der Kriterien für die eigentliche Untersuchung entsprechend stärker
gewichtet. So gehen etwa die Nähe von Autobahn oder Bundesstraße mit
40 Prozent in die Bewertung ein, die Grundstückspreise mit 20, die
"weichen" Faktoren jedoch nur mit 10 Prozent. Bei den Noten ging's zu
wie in der Schule: Betrug die Entfernung zur Autobahn weniger als zwei
Kilometer, gab's dafür Note 1, bei mehr als 20 Kilometer nurmehr Note
5. Und bei den Grundstückspreisen wurde der Durchschnitt mit einer 3
bewertet, für billigere Böden konnte eine 1 oder 2 erreicht werden,
für teurere entsprechend nur eine 4 oder 5. All dies macht die Analyse
der Chemnitzer Betriebswirtschaftler besonders objektiv.
Mit den genannten Vorgaben führte Schneider dann im nächsten Schritt
eine genaue Nutzwertanalyse der einzelnen Gewerbegebiete durch. Dabei
interessierte ihn auch, ob mit den öffentlichen Fördergeldern,
gemessen an den für die Unternehmer wichtigen Kriterien,
verantwortlich umgegangen wurde. Zweck der Förderung ist nämlich
letztlich der wirtschaftliche Aufschwung im Osten. Nicht immer, so
stellte sich heraus, wurden Angebot und Vermarktung der Gewerbeflächen
diesem Anspruch gerecht.
Ergebnis der Nutzwertanalyse: Die folgende Hitliste der 14 besten
Gewerbe- gebiete - sicher nicht nur für Unternehmer interessant, die
einen Standort suchen. Weggelassen wurden dabei alle bereits
vollständig belegten Areale. Die Noten entsprechen, wie gesagt, den
Schulnoten (1 = sehr gut, 5 = mangelhaft).
Rang Nutzwert Gewerbegebiet Ort Fläche/ha Belegt (%)
1 1,2 Reißig Plauen 21,6 46,3
2 1,2 Neuensalz Nord Plauen 47,0 61,7
3 1,25 Zadera-Kaserne Plauen 8,3 44,6
5 1,6 Am Stadion Chemnitz 11,0 95,5
6 1,7 Nordwest Glauchau 75,0 53,3
7 1,75 Sorge- Süd Werdau 4,7 85,1
8 1,8 Auerbach West Auerbach 33,0 50,4
9 1,8 Johannisberg Oelsnitz/V. 64,0 84,8
10 2 Südwest Meerane 85,9 68,9
11 2 Crimmitschau Ost Crimmitschau 63,0 58,0
12 2,1 An der Wiesenmühle Grüna 10,4 96,2
13 2,2 Nord West Freiberg 17,6 80,9
14 2,3 Schmelzbach Wilkau/ H. 27,3 92,0
Die Daten geben auch Hinweise darauf, was Kommunen oder auch
Unternehmer künftig besser machen könnten. So deutet etwa alles darauf
hin, daß die Stadt Chemnitz nicht genug Gewerbegebiete ausweist: Das
eine erfaßte Gebiet (Platz 5 der Liste) ist bereits zu mehr als 95
Prozent ausgelastet; das zweite wurde, weil vollständig belegt, nicht
in die Liste aufgenommen. Anders dagegen in Plauen: dort wurde fast
zweieinhalbmal soviel Fläche ausgewiesen wie in Chemnitz. Erschließung
und Ausweisung sind freilich teuer. Die Ausgaben der Kommunen ließen
sich allerdings mindern, so Schneider, wenn ein Gewerbegebiet erst
nach und nach erschlossen wird. Gleichzeitig wird es dadurch auch für
die Firmen attraktiver, weil niedrigere Erschließungskosten umgelegt
werden müssen. Wenig Sinn macht es nach Angaben von Schneider auch,
riesige, dafür aber beliebig teilbare, Gewerbeflächen auszuweisen -
die befragten Unternehmen, allesamt aus dem kleinen und mittleren
Bereich, sind daran in der Regel nur mäßig interessiert. Wer mehr über
die Untersuchung wissen möchte, kann sich an die Chemnitzer
Wirtschaftswissenschaftliche Gesellschaft, Gert Blazejewski, Tel. (03
71) 5 31 - 41 48, wenden.
(Autor: Hubert J. Giess)