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Pressemitteilung vom 23.09.1997

Auf in den Osten, der Nischel ruft


Auf in den Osten, der ,Nischel" ruft
Großveranstaltung des Cartellverbandes katholischer Verbindungen in
Chemnitz

Zu DDR-Zeiten waren sie verboten - die Studentenverbindungen oder
Korporationen. Sie galten - manchmal nicht ganz zu Unrecht - als
revanchistisch, als rückwärtsgewandt und rechtsextrem. Doch seit der
Wende sind sie auch an den ostdeutschen Universitäten wieder im
Kommen, wenn sie auch bisher nur eine winzige Minderheit der Studenten
angezogen haben. Als besonders einflußreich gilt seit jeher der
Cartellverband katholischer deutscher Studentenverbindungen (CV), der
auf eine fast 140jährige Geschichte zurückblicken kann. Rund 125
Studentenverbindungen gehören ihm an. Und der führt  jetzt, erstmals
nach der Wende, nach Nazi-, Besatzungs- und DDR-Zeit, wieder eine
offizielle Großveranstaltung in den neuen Ländern durch - von Freitag,
dem 26. September, bis Sonntag, dem 28. September, in Chemnitz.

Anlaß ist das 75jährige Gründungsjubiläum des Philister-Zirkels
"Nischel" Chemnitz-Westsachsen. Mit Philistern sind in der Sprache der
Studentenverbindungen die "Alten Herren", also die berufstätigen
Akademiker, gemeint. Wer einer Studentenverbindung beitritt, gehört
ihr nämlich in der Regel für den Rest seines Lebens an, also auch nach
dem Studium. Dann allerdings halten sich die "Altherren" aus dem
Verbindungsleben heraus. Sie unterstützen allerdings durch ihre
Beiträge Veranstaltungen und finanzieren insbesondere die
Verbindungshäuser, in denen die studentischen Mitglieder preiswert
wohnen können. Nicht selten haben es die Altherren weit gebracht und
sitzen an Schaltstellen in Politik und Wirtschaft: Außenminister Klaus
Kinkel, Forschungsminister Jürgen Rüttgers oder der sächsische
Wirtschaftsminister Kajo Schommer etwa sind allesamt "Cartellbrüder",
und auch der Bundesbeauftragte für die neuen Länder, Rudi Geil, gehört
einer (konkurrienden) Verbindung an. Die Studenten dagegen, die
"Aktiven", sind meist in der Minderzahl: Bei den CVern stellen sie nur
etwa 4.000 der rund 32.000 Mitglieder.

Der Name "Nischel" für den Chemnitzer Ableger des CV ist natürlich
jüngeren Datums, ihn gab es noch nicht, als sich im November 1922
sieben CV- Mitglieder trafen, um den Chemnitzer Philisterzirkel zu
gründen. Und nur weil ein Mitglied von damals, Anton Salomon, noch
lebte, war überhaupt ein Anknüpfen an die Tradition möglich. Heute
zählen die Chemnitzer Philister wieder rund 40 Mitglieder. Nur mit
Studenten sieht es noch mau aus: Erst ein einziger, aus dem Westen
zugezogener, ist bisher dabei. Das mag auch daran liegen, daß
Aufnahmebedingungen gelten, die nur wenige Sachsen erfüllen können:
die Mitglieder müssen katholisch und - männlich sein. Doch unter der
Hand läßt man wissen, daß zumindest die erste Bedingung recht
weitherzig ausgelegt wird. Und auch der für die meisten Verbindungen
typische Ausschluß der Frauen wird zumindest bei den CV-Leuten immer
häufiger kontrovers diskutiert und wird wohl auf Dauer nicht so
bleiben.

Überhaupt unterscheiden sich die Cartellverbandsmitglieder in vielem
von anderen  Verbindungen. So sind die CVer nichtschlagend - eine
Mensur, also den Zweikampf mit Säbeln und der damit verbundenen
Verletzungsgefahr, kennen sie nicht. Sie würde auch nicht zu dem
katholischen Anspruch passen: früher wurden mensurenschlagende
Studenten exkommuniziert, also aus der Kirche ausgeschlossen. Und auch
von rechtsgewirkten Verbindungen, wie es sie immer noch gibt, die sich
nach einem Großdeutschen Reich zurücksehnen,  hält man sich fern. Die
Grundsätze Freundschaft, Wissenschaft und Vaterland gelten aber auch
für die CVer, wobei man unter dem Vaterland heute meist ein "Vaterland
Europa" versteht.

Folgerichtig werden zum Jubiläum des Chemnitzer Zirkels auch
Verbindungen aus anderen Ländern ihre Aufwartung machen: aus den
deutschsprachigen Ländern Schweiz und Österreich, aber auch unter
anderem aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Osteuropa. Die
sind mit den Deutschen zusammen im Europäischen Kartellverband
vereint. Und noch etwas steht während des Treffens an: die Übergabe
des sogenannten Vorortes. Damit ist der CV-Vorstand gemeint, der jedes
Jahr aus einer anderen deutschen Universitätsstadt kommt. In den
vergangenen zwölf Monaten war das Karlsruhe, ab Sonnabend dieser Woche
wird es Köln sein. Die Übergabe findet jedoch immer an einem
neutralen, dritten Ort statt, diesmal eben in Chemnitz.

Klar, daß sich dazu auch hochkarätige Gäste angesagt haben. Eröffnet
werden die Feierlichkeiten, über die der Chemnitzer Oberbürgermeister
Peter Seifert die Schirmherrschaft übernommen hat, am Freitag, dem 26.
September, um 19 Uhr im Industriemuseum. Nach der Begrüßung wird Dr.
Ehrhart Neubert von der Berliner Gauck-Behörde ein Referat über die
"Rolle von Opposition und Kirche im SED-Staat und die religiöse
Situation heute" halten. Am Sonnabend geht es um 17 Uhr mit einem
Empfang im Rathaus weiter, dem sich ein Abendessen anschließt. Um 20
Uhr ist dann im Forum in der Brückenstraße der feierliche
Übergabekommers angesagt. Musikalisch umrahmt wird die Veranstaltung
von einer Bergmannskappelle. Vorgesehen ist auch eine Ansprache zum
Thema "Welche Vielfalt bringt die Einheit?", die der schon erwähnte
Rudi Geil halten wird.

Der Sonntag ist dann, wie bei einem katholischen Verband nicht anders
zu erwarten, der Religion gewidmet. Um 10 Uhr treffen sich die
Teilnehmer zu einer Matinée im Renaissance-Saal des Schloßbergmuseums.
Sachsens Wissenschaftsminister Prof. Hans Joachim Meyer, zugleich
Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und damit
ranghöchster katholischer Laie, wird dort über "Elitenbildung -
Anspruch oder Ausgrenzung?" sprechen. Um 11.30 Uhr geht's dann in die
Schloßkirche zum feierlichen Hochamt. Gelesen wird es gemeinsam von
dem cartellverbandseigenen Seelsorger Prof. Friedrich Diedrich und dem
Chemnitzer Studentenpfarrer Thomas Körner, die Predigt hält der Leiter
der Katholischen Akademie in Dresden, Prälat Bernhard Rachwalski.
Übrigens: zu allen Jubiläumsveranstaltungen sind auch Frauen
willkommen.

(Autor: Hubert J. Gieß)

Aus Anlaß des Cartellverbands-Treffens findet am Samstag, dem 27.
September, um 16.30 Uhr im Chemnitzer Rathaus eine Pressekonferenz der
Veranstalter statt. Sollten Sie daran teilnehmen wollen, melden Sie
sich bitte bis zum 26. September, 12 Uhr, unter der Rufnummer
0371/350348 Peter W. Patt) an, damit eine Pressemappe für Sie
bereitgestellt werden kann.