Pressemitteilung vom 20.9.1997
Wie BMW den Roller neu erfand
Die Creme der deutschen Autobauer setzt auf Absolventen aus Chemnitz
Normalerweise sind es ja die neuesten Auto-Modelle, um die sich
Besucher auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in
Frankfurt am Main drängeln. Doch diesmal haben sie ernsthafte
Konkurrenz - im neuen BMW C 1, einem ... ja was eigentlich? Das Ding
hat zwei ziemlich kleine Räder, einen tiefen Durchstieg zwischen
Lenkrad und Sitz ist verkleidet, könnte also ein Motorroller sein.
Doch schon auf den ersten Blick sieht man: Mit herkömmlichen Rollern,
wie wir sie aus italienischen Filmen der fünfziger Jahre und aus
unserem Straßenbild kennen, hat der C 1 wenig gemein. Was die
bayerischen Fahrzeugbauer da auf die Räder gestellt haben, ist etwas
völlig neues - sie haben gewissermaßen den Roller neu erfunden. Oder
haben Sie schon mal einen Roller mit Überrollbügel gesehen? Der vorne
eine veritable Knautschzone hat? Auf dem man sich angurtet, und zwar
gleich zweimal - mit einem 2-Punkt- und einem 3-Punkt- Gurt? Der über
einen Scheibenwischer verfügt? Und einen Rahmen aus Aluminium, damit
er trotz der vielen neuen Eigenschaften nicht zu schwer wird? Kein
Wunder bei dieser Ausstattung, daß für den C 1 als einzigem
motorgetriebenen Zweirad keine Helmpflicht besteht.
An der streng geheimen Entwicklung des Prototyps, der jetzt auf der
IAA gezeigt wird, war übrigens auch die Chemnitzer Firma IVM
beteiligt. Inzwischen steht fest: Im Frühjahr 2000 wird der C 1 auf
den Markt kommen. Bis dahin werden BMW-eigene Ingenieure den
neuartigen Roller aber noch weiter verbessern. Denn längst sind noch
nicht alle technischen Möglichkeiten ausgereizt. Im Entwicklungsteam
mit dabei: der Chemnitzer Maschinenbau- Absolvent Michael Kopp, gerade
mal 25 Jahre alt. Vor kurzem hat ihn BMW fest eingestellt - seine
Fähigkeiten und Fertigkeiten haben die Münchner Fahrzeugbauer
überzeugt.
Die Diplomarbeit selbst fertigte Kopp nämlich bei BMW an, und die
bisher schon erzielten Ergebnisse fließen zusammen mit den kommenden
in den C 1 ein. Zuvor hatte Kopp 1995 die Bayern bereits während eines
Praktikums überzeugt und danach noch eine Studienarbeit angefertigt,
deren Ergebnisse ebenfalls BMW zugute kamen. Was da genau der
Chemnitzer in den innovativen Motorroller einbringt, ist freilich noch
geheim - dazu mußten sich Kopp und auch sein Ausbilder an der
Chemnitzer Uni, der renommierte Maschinenbauprofessor Peter Tenberge,
schriftlich verpflichten. Die Konkurrenz aus Italien, Frankreich und
Fernost schläft schließlich nicht. "Das ist bei solchen Vorhaben immer
so," bekräftigt Prof. Tenberge, der auch schon Chemnitzer Absolventen
in den Entwicklungsabteilungen von Audi, Mercedes und VW untergebracht
hat. Immerhin, soviel verrät Kopp: "Es geht um Sicherheitstechnik. Da
haben wir noch viel mehr auf der Pfanne."
Die Vorliebe der deutschen Autoindustrie für Chemnitzer Absolventen
kommt nicht von ungefähr: Der Autobau hat in der Region eine lange
Tradition. So berühmte (und zum Teil untergegangene) Marken wie
Wanderer, Horch und Audi haben hier ihre Wurzeln. Diese Tradition
wirkte auch in der DDR fort - bei seiner Einführung Mitte der 50er
Jahre war der Trabbi ein hochmodernes Auto, das freilich nicht mehr
weiterentwickelt wurde. Wie gut die Ausbildung hier ist, wird zudem
durch den fünften Platz der Chemnitzer Maschinenbauer beim kürzlichen
Hochschulttest des Magazins "Focus" deutlich - als beste Fakultät in
Ostdeutschland. Da auch die anderen Fächer ähnlich gut abschnitten,
kann sich Chemnitz mit Fug und Recht als beste ostdeutsche Uni
bezeichnen. Und im Urteil der Studenten - die unter anderem die
Betreuung durch die Hochschullehrer und die Ausstattung bewerteten -
kam Chemnitz sogar bundesweit auf Platz eins.
"Die vorbildliche Ausbildung," nennt denn auch Kopp, wenn er gefragt
wird, warum er in Chemnitz studiert hat. Beonders das Spezialgebiet
von Prof. Tenberge, die Konstruktions- und Antriebstechnik, paßte zu
ihm wie der Schlüssel zum Schloß. "Die Antriebtechnik hat mich schon
immer interessiert." Bevor er in Chemnitz studierte, brachte er eine
Feinmechanikerlehre bei Carl Zeiss in Jena hinter sich, und nach
seinem Hobby befragt, nennt er "mein Motorrad, das Fahren und das
Schrauben". Durch halb Europa ist er schon mit seiner Maschine
gekurvt, selbst die tunesische Wüste hat er mit einem Freund erkundet.
Gut an Chemnitz fand er auch die Studentenwohnheime und die dort
ansässigen Clubs. Ein Studium hier kann er nur empfehlen. Die Stadt
selbst freilich fand er nicht so interessant: "Der fehlt einfach das
Flair". Bei solchen Interessen ist klar: Hier hat jemand sein Hobby
zum Beruf gemacht. Daß es ihm nicht nur auf die Karriere, sondern auch
auf den Spaß bei der Arbeit ankommt, betont er denn auch immer wieder.
Sein Motorrad ist übrigens eine Honda Africa Twin. Gerade an solchen
Fremdfabrikaten lassen sich leicht Schwächen und Stärken der
Konkurrenz erkennen und Ideen für Verbesserungen gewinnen.
(Autor: Hubert J. Gieß)
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Bildunterschrift:
Voller Stolz berichtet Michael Kopp über seine Arbeit am BMW C 1. Der
neuartige Motorroller wird gegenwärtig auf der IAA erstmals der
Öffentlichkeit vorgeführt. Links im Bild
TU-Chemnitz-Wissenschaftsredakteur Hubert J. Gieß. Foto: Steinebach,
TU Chemnitz